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Kommentar in SWR2 am Morgen Wir brauchen ein neues sparsames Leben.

Keine Angst vor dem Ausstieg aus dem Hochleistungsenergiezeitalter, meint Regina Oehler in SWR2 am Morgen vom 22.3.2011

Es ist bitter, dass wir eine Katastrophe brauchen, um längst überfällige Entscheidungen zu treffen. Aber die müssen viel weiter reichen, als sich das in diesen Tagen abzeichnet. Es geht jetzt nicht nur darum, uns von der Risikotechnologie Atomkraft zu verabschieden, darum, mit einem neuen Mix an Energiequellen weiter zu machen wie bisher. Und es ist auch nicht so, dass wir zwischen Skylla und Charybdis wählen müssten - wie manche meinen ––zwischen der Gefahr weiterer Atomkatastrophen und dem Klimakollaps. Nein, es geht jetzt wirklich nicht mehr um ein wie auch immer kaschiertes „Weiter so.“ Es reicht. Oder klingt es besser, wenn ich sage: Jetzt steht wirklich ein Paradigmen-Wechsel an? Und im Fokus stehen muss die „Energiequelle Energiesparen“. Wir müssen jetzt endlich aufwachen aus unserem kollektiven Energierausch.

Und es ist wirklich ein Rausch, der uns befallen hat und uns blind macht für unser eigenes Wüten. Der Physiker Hans-Peter Dürr hat für dieses Wüten ein sehr anschauliches Bild gefunden: Er vergleicht unseren Energieverbrauch mit Sklaven, die wir für uns schuften lassen. Nehmen wir an, ein Energiesklave arbeitet 12 Stunden am Tag ununterbrochen mit einer Leistung von einem Viertel PS, einer Viertel Pferdestärke, dann lassen wir Tag für Tag 60 Energiesklaven für uns schuften. Ein ganz schön großer Haushalt. Die Amerikaner halten sich sogar 110 Energie-Sklaven, die Inder gerade mal 6.
Umwelt- und sozialverträglich wäre es, wenn wir unsere Menagerie auf ein Viertel reduzieren würden, wenn wir also statt 60 täglich 15 Energiesklaven für uns arbeiten ließen.

Woher kommt dieser Energierausch, diese „Nach mir die Sintflut“-Mentalität?
Haben seine Anfänge zu tun mit dem Schock des 2. Weltkrieges, dem Schock des Zivilisationsbruches, der sich vermeintlich nur betäubt ertragen lässt? Hat der Energierausch zu tun mit einer merkwürdigen Geschichtsvergessenheit, in der wir uns nicht mehr eingebettet fühlen in den Fluss der Generationen? Mit einem hat er auf alle Fälle nicht zu tun: Mit Glück und Lebenszufriedenheit. Viele wissenschaftliche Studien belegen, dass Glücksgefühle keinesfalls mit dem Bruttosozialprodukt mitwachsen oder mit dem persönlichen materiellen Wohlstand.

Es klingt zynisch, aber für uns hier in Deutschland könnte die neue Debatte über eine Energiewende sogar zu mehr Glück führen. Verantwortlich, also sparsam mit Energie und Rohstoffen umgehen, das hieße ja, Abschied nehmen von all dem Ramsch, den hektischen Moden. Die Entschleunigung, die wir uns doch alle so sehr wünschen, käme ganz von allein. Und keine Angst, es wird uns nichts Wesentliches fehlen. Es geht wirklich nicht um ein „zurück in die Steinzeit“, sagt Hans-Peter Dürr, und er meint, 15 Energiesklaven pro Person seien ganz in Ordnung. Das entspricht dem Lebensstandard in der Schweiz in den 1960er Jahren, einem Land mit einer lebendigen Demokratie, einer hervorragenden Infrastruktur und einer wunderbaren Natur. Für mich ist das eher eine verlockende Aussicht.

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