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SENDETERMIN Di, 20.1.2015 | 9:05 Uhr | SWR2

SWR2 Musikstunde Expeditionen ins deutsche Herz (2)

Adornos Sehnsucht nach dem Odenwald

mit Katharina Eickhoff

Seegarten in Amorbach

Der Herr von Sckell hat nicht nur den Schwetzinger Schlosspark und den Englischen Garten in München geplant – auch der höchst poetische Seegarten von Amorbach ist ein Sckell.

Die Romantik lebt! - man muss sie nur finden ... Schlägt es noch, das deutsche Herz? - fragt sich Katharina Eickhoff und geht es für die Musikstunde in verschiedenen sträflich unterbelichteten deutschen Landschaften suchen.
Auf Tucholskys Spuren, der mit seinen Freunden Jakopp und Karlchen durch den Spessart stapft, möpselnden Frankenwein findet und glücklich konstatiert: "Wenn Landschaft Musik macht: Dies ist ein deutsches Streichquartett." Für Theodor W. Adorno war Amorbach im Odenwald Kindheitsparadies, "der einzige Ort auf diesem fragwürdigen Planeten, in dem ich mich im Grund zu Hause fühle". Und im verwunschenen Odenwald jagte auch unser aller Lieblingsnibelung Siegfried, um dann irgendwo Höhe Bergstraße von Hagen niedergemetzelt zu werden. Ortswechsel:
"Ganz deutsch, sowohl in Hinsicht seiner Fehler als auch seiner Vorzüge" nennt Heinrich Heine den Brocken im Harz. - Mit Heines "Harzreise" unterm Arm unternehmen wir ein paar musikdurchsetzte Waldbegehungen in winterlicher Landschaft, unterm anderen Arm klemmt natürlich Goethes "Harzreise im Winter".

Musiktitel:

Richard Wagner:
„Lohengrin, In fernem Land...“
Klaus Florian Vogt
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Leitung: Peter Schneider
H.G.Reichardt:
„Es steht ein Baum im Odenwald“
Hermann Prey
Gustav Mahler:
Sinfonie Nr. 4
1. Satz
Wiener Philharmoniker
Leitung: Claudio Abbado
Robert Schumann / Theodor  W. Adorno:
„Kinderjahr –Frühlingsgesang“
Städtisches Opernhaus- und
Museumsorchester Frankfurt
Leitung: Gary Bertini 
Johann Sebastian Bach:
Orgelkonzert d-Moll BWV 596
Allegro
Klemens Schnorr
Anton Webern:
5 Stücke für Orchester op. 10
Ensemble InterContemporain
Leitung: Pierre Boulez
Felix Mendelssohn Bartholdy:
„O Täler weit, o Höhen“
King’s Singers
Richard Wagner:
„Parsifal“
Vorspiel zum 1. Akt
Berliner Philharmoniker
Leitung: Daniel Barenboim


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Expeditionen ins deutsche Herz

Bildergalerie: Katharina Eickhoff auf Romantik-Tour

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"Dies", schreibt Tucholsky, "ist eine alte Landschaft. Die gibt es gar nicht mehr; hier ist die Zeit stehengeblieben. Wenn Landschaft Musik macht: dies ist ein deutsches Streichquartett."

"Dies", schreibt Tucholsky, "ist eine alte Landschaft. Die gibt es gar nicht mehr; hier ist die Zeit stehengeblieben. Wenn Landschaft Musik macht: dies ist ein deutsches Streichquartett."

Da sind sie: Tucho, Jakopp und Karlchen, die drei Spessart-Wanderer. Und der möpselnde Wein ist auch mit im Bild!

"Dies ist nicht das Wirtshaus im Spessart, das liegt in Rohrbrunn – aber wir benennen das um. Hier ist es richtig."
(Tucholsky über das "Gasthaus im Hochspessart". Wie recht er hat.)

Ist das Wolfgang Neuss? –  "...Wenn das Gesträuch am Wege hin und her wankte und sich teilte, glaubte er Gesichter hinter den Büschen lauern zu sehen...", schreibt Wilhelm Hauff in "Das Wirtshaus im Spessart".

Rechts der Spessart, links der Odenwald, das Weinkind in der Mitten - und 612 Stufen hoch zur Seligkeit, bevorzugt auf Knien zurückzulegen...Im Kloster Engelberg hoch überm Main bei Miltenberg weiß man, was erschöpfte Wallfahrer brauchen.

Die Wildenburg bei Amorbach. "Der Anblick dieser Burg muss einem ohne Wissen geschehen. Mein Herr, ich glaube nicht, dass Ihr sie kennt. Sie heißt Munsalvaesche." (Wolfram von Eschenbach, Parzival).

Die "Post" in Amorbach, Theodor W. Adornos Kindheitsparadies, modert heute still vor sich hin. Keine Wiesengrund - Gedenktafel, nirgends.
Und dabei hat er dem Städtchen so zärtliche Hymnen gesungen!

Der Herr von Sckell hat nicht nur den Schwetzinger Schlosspark und den Englischen Garten in München geplant – auch der höchst poetische Seegarten von Amorbach ist ein Sckell.

"...der einzige Ort auf diesem fragwürdigen Planeten, in dem ich mich im Grunde zu Hause fühle."
(Theodor W. Adorno gegen Ende seines Lebens über Amorbach)

Der Lindelbrunnen bei Mossautal – leider ist Siegfried vermutlich doch eher im Industriegebiet von Heppenheim erschlagen worden, auch wenn dieser Brunnen hier viel nibelungiger aussieht...

Im Fürstenlager zu Auerbach finden sich auch heute noch 1A-Lagerplätze, für Fürsten und andere. Im Hintergrund der Freundschaftstempel. Nicht im Bild, aber immer mitzudenken: Rheinebene und Odenwald.

Wer durch den Spalt im Wildweibchenstein unterhalb der Burg Rodenstein steigt, verschwindet im Nichts...Aber bestimmt nur die Ungezogenen.

...und nach all den Odenwaldgeistern, dem wilden Rodensteiner, dem Räuber Hölzerlips, den schäferspielenden Landgrafen im Fürstenlager: Ab in den "Blauen Aff" in Auerbach auf einen Handkäs mit Musik!

Harzreisen - "Auf die Berge will ich steigen,/ Wo die dunklen Tannen ragen,/ Bäche rauschen, Vögel singen,/ Und die stolzen Wolken jagen."
Als Heine auf den Brocken stieg, war's ein lieblicher Septembertag. Hier dagegen fängt jetzt gleich der Schneesturm an.

Goethe-Wetter! – "Aber abseits, wer ist's?/ Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,/ Hinter ihm schlagen/ Die Sträuche zusammen,/ Das Gras steht wieder auf,/ Die Öde verschlingt ihn."
Da bleibe ich doch lieber auf dem Weg. Heißt natürlich Hexensteig.

Nature morte? Von wegen, Heine hört hier natürlich mal wieder das Gras wachsen: "...wenn man sich nach diesem Treiben hinabbeugt, so belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen des Berges...".

"Das leuchtet, sprüht und stinkt und brennt! Ein wahres Hexenelement!"
Die Eisenbahn hätte Faust in "Faust II" bestimmt auch erfunden, wäre sie damals schon erfunden gewesen...

Zu DDR-Tagen war hier alles Sperrgebiet – und oben auf dem Dach zwei Spionagesender. Der russische hieß Jenissej, der deutsch-demokratische Urian. Die kannten halt ihren Faust.

Zu Heines Zeit kriegten die siegreichen Kletterer droben beim Brockenwirt von hübschen Damen Blumensträußchen geschenkt. Heute verkauft dort eine raue Dame kalte Pommes. Darauf einen "Schierker Feuerstein".

"Der Brocken ist ein Deutscher...Der Berg hat so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes..." – Ihr Wort in unser aller Ohr, Herr Heine!

Hexenmeister, halber Chor: "Wir schleichen wie die Schneck im Haus,/ Die Weiber alle sind voraus./ Denn, geht es zu des Bösen Haus,/ Das Weib hat tausend Schritt voraus."

Selbstbildnis mit Goethe-Schlapphut. So sieht das aus, wenn man bei Eis, Schnee und Sturmwarnung auf den Brocken hoch und wieder runter rennt... – "Luft im Laub und Wind im Rohr,/ Und alles ist zerstoben."

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