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SENDETERMIN Di, 12.7.2016 | 22:03 Uhr | SWR2

SWR2 Literatur Buchkritik 2.0

Die Welt der Booktuber

"Booktuber" sind keine Kritiker im traditionellen Sinne, sondern Leser, die ihre Lieblingslektüre bei YouTube in eigenen Kanäle vorstellen, den so genannten "Booktubes".

Wenn sie zu Hause vor der Kamera erzählen, welche Bücher sie "voll lustig", "ehrlich supi" oder auch buchstäblich "zum Heulen traurig" finden, dann folgen ihnen zwar meist kleinere Gemeinden, aber die können sehr schnell wachsen.

Noch ignoriert die altehrwürdige Literaturkritik die zumeist jungen Amateurrezensenten. Doch viele Verlage beobachten bereits die Booktuber. Es könnten ja die Buchvermittler der Zukunft sein.

Nur Quasselstrippen, die Trivialliteratur verbreiten?

In der Regel besprechen sie nichts, was es in die Feuilletons schafft. Booktuber versuchen erst gar nicht, einen Marcel Reich-Ranicki nachzuahmen. Manchmal erreichen ihre Buchvorstellungen nicht einmal Umfang oder Niveau des Klappentexts, merken böse Zungen an. Kritik hagelt es reichlich: Von "ungeniertem Plappern" ist die Rede, Jugendliche würden durch eine Art "literarisches RTL II" zu "schlechter Lektüre" verzogen. Andererseits erreichen die Booktuber weltweit bis zu Millionen von Lesern, weiß Karla Paul, Verlegerin von "Edel ebooks", Hamburg, und erkennt bei den klassischen Feuilletonisten in diesem Zusammenhang sogar ein "kleines Neidproblem".

Booktubes schließen die Lücken der Feuilletons

"Anna Buchprinzessin", "Bibliofee", "VersTand" oder "Zeilenverliebt" heißen die Booktubes im deutschsprachigen Netz, 200 bis 300 gibt es mittlerweile davon. Vor allem 14- bis 40-jährige Mädchen und Frauen sind aktiv, sie stellen 80 bis 90 Prozent der Booktuber. Wer sind diese viellesenden Menschen, die sich in ihren Wohnzimmern vor Bücherregalen selbst abfilmen, und sich dabei so ungefiltert und authentisch geben, als wollten sie mit ihren Freunden skypen und sich einfach nur nett über Bücher unterhalten?

Literatur ist nicht nur Sache von Germanisten

Andreas Dutter, 23, aus Wien studiert Anthropologie. Seit dreieinhalb Jahren ist er aktiver Booktuber. Eine erfolglose Google-Suche nach einem Kommentar über ein Buch war der Anstoß für ihn, bei YouTube zu suchen. DAS Video eines Booktubers gefiel ihm so gut, dass er dachte: "Das mache ich auch."

Auch Sofie Palme, 23, aus Berlin, gehört zu den engagierten Aktivistinnen der Szene, die regelmäßig Büchervideos ins Netz stellen. Anders als Andreas Dutter, der sich vor allem mit Unterhaltungs- und Fantasy-Literatur beschäftigt, präsentiert sie vor allem literarische Titel, die auch im Feuilleton besprochen werden. Der Germanistik- und Skandinavistikstudentin ist wichtig, dass sie nicht einfach nur sagt, dass ihr ein Buch gefällt, sich flüssig liest und das Cover ansprechend ist. Sie möchte auch vermitteln, was an Text, Erzählstil, Aufbau und Perspektive besonders ist, aber so, dass auch der Laie das versteht.

Booktuber widmeten sich zumeist der Populär- und Unterhaltungsliteratur, so der gängige Vorwurf. Dabei gibt es hier die großen Auflagen, und Fantasy- und Spannungsliteratur ist nicht automatisch von schlechter Qualität. "Wenn man sich die größeren Zeitungen anschaut", meint Sofie Palme, "da wird kaum über Jugendliteratur, Krimis, Thriller oder einfache Unterhaltungsromane gesprochen." Millionen von Lesern werden übergangen, Booktubes schließen diese Lücke.

Wer bestimmt, was man lesen muss oder darf? Wir!

Die scharfen Trennlinien zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur werden längst nicht mehr akzeptiert. Die Booktuber bedürfen keiner Legitimation durch die literarischen Eliten. "Das Feuilleton hat das Prinzip Literatur im Internet nicht verstanden", findet Verlegerin Karla Paul. Dort warte niemand auf die herkömmliche Literaturkritik. Und die Blogger seien weit authentischer und vielseitiger und bunter, als es das klassische Feuilleton je sein könne.

Die Literaturkritik versuche so objektiv wie möglich Kategorien zu finden, Analyse zu betreiben, Bücher einzuordnen, meint Jo Lendle vom Hanser Verlag München, während das durchschnittliche Literaturblog eher von einer subjektiven Lektüre ausginge und sage: Bei mir hat es dies oder das gemacht. "Das ist in Ordnung, aber es ist etwas anderes."

Das ABC der Booktuber:

Bookcircle
eine Art literarisches Quartett, live im Internet übertragen und aufgezeichnet
Bookhaul
eine bestimmte Menge an neu gekauften Büchern
Spoilern
Überraschungen wie z.B. den Ausgang einer Geschichte verraten; bei Booktubern tabu
Sub
ein Stapel (noch) ungelesener Bücher
Tag
eine Art Fragespiel, z.B. anlässlich Weihnachten "Plätzchenbacken": Wenn du das Ende eines Buchs umändern könntest, welches würdest du wählen?
Want to read
alle Bücher bzw. eine Buchliste, die man im nächsten Monat gerne lesen bzw. sich vornehmen möchte; auch "to be read", "tbr"
Wrap-up
Lesemonat, bzw. Bücher, die man in einem bestimmten Zeitraum (Monat) gelesen hat

Buchkritik 2.0 lebt von Emotionen

Booktuber sind vor allem emotional. Oft fehlen die einfachsten literarischen Kategorien, oft gibt es identifikatorische Urteile zu Figuren der Bücher, in die man sich hineinversetzt, oft bleibt es bei der Beschreibung der eigenen Begeisterung einer rein emotionalen Empfehlung. Aber auch das hat seine Berechtigung und seinen Charme, findet Karla Paul. Nachdem es keine sachlichen Kriterien gebe, wie ein Buch einzustufen sei, könne doch jeder über Literatur sprechen, auf welchem Kanal auch immer. Es gehe doch letztlich darum, was für wunderbare Dinge Bücher in unserem Kopf machten. "Da hat das Feuilleton seinen Bereich, da haben die Blogger ihren Bereich, und die Literatur ist vielseitig und die Kritik darf es auch sein."

Community von Gleichgesinnten

Der Kanal "VersTand" von Sofie Palme hat bislang 744 Abonnenten und 32.000 Videoaufrufe. Durchschnittlich 500 Aufrufe bekommt sie pro Video und bedient somit ein kleines Publikum von ungefähr 300 Leuten. Aber es geht Palme nicht um Massenkompatiblität, sondern um ihre literarischen Interessen und den Austausch mit ihrem Publikum. Die Kommentare der Zuschauer sind ein ganz wesentlicher Reiz beim Booktuben, weil durch sie ein enger, persönlicher Bezug zum Publikum entsteht und gleichzeitig ein intensives Gespräch über Literatur.

Booktubes bringen Bücher an den Mann - und das Kind

Andreas Dutter freut sich regelmäßig über Zuschriften, die beweisen, dass seine Empfehlungen ankommen. Manche seiner Zuschauer und Zuschauerinnen schreiben ihm, dass die Booktubes sie überhaupt erst zum Lesen gebracht haben. Manchmal erhält er auch Anfragen von Müttern, die sagen: "Ich will, dass mein Kind liest. Was hast du mit 16 gelesen?"

Screenshot: Bloggerportal Random House

Hat der Buchkritik 2.0 ein eigenes Portal eingerichtet: Verlagsgruppe Random House

Nur einen Klick vom Online-Shop entfernt

Für Verlage sind die Blogger inzwischen "unfassbar wichtig", meint die Verlegerin Karla Paul. Es gibt Plattformen, die Verlage wie Random House eigens für Blogger geschaffen haben. Blogger bekommen auch Geschenke, wenn sie die Verlagsprodukte lesen. "Denn wenn ich eine Rezension lese auf einem Blog, ist Amazon nur einen Klick entfernt." Das gebe es weder bei der Zeitung noch beim Fernsehen, dass man einem Kauf so nahe sei. Deshalb bedeute jede gute Besprechung im Internet sehr viel für die jeweiligen Verlage.

Andreas Dutter wird nicht von Verlagen bezahlt, aber er bekommt von Amazon eine Provision von 7 Prozent, wenn ein Zuschauer über seinen Kanal ein Buch kaufen. Viel nimmt Andreas Dutter dadurch nicht ein, nicht mehr als 25 bis 100 Euro pro Monat, ein Geschäftsmodell zum Lebensunterhalt kann er daraus nicht machen. Dabei gehört Andreas Dutter zu den umtriebigsten Booktubern mit den höchsten Klickzahlen. Die so genannten "Affiliate-Links" lohnen sich zumindest in der deutschsprachigen Szene nicht, in der englischsprachigen Szene mit weltweit potentiell 2 Milliarden Interessenten mag das anders sein.

Erkaufte Rezensionen wären das Aus

Die deutschen Booktuber wollen aber auch gar nicht, dass ihre Bücher-Leidenschaft zu so etwas wie Dauerwerbesendungen verkommt. Sie wollen sich auch nicht wie manche Modeblogger in Gucci-Handtaschen bezahlen lassen, sagt es Jo Lendle vom Hanser Verlag. Anerkennung erhalten Booktuber sowieso in erster Linie aus den eigenen Reihen der "Social Reader". Und denen geht es um die Liebe am Lesen, nicht um die Zahl der Klicks oder Likes. Anne Spitzner, 23, Booktuberin aus Dresden spricht den andern Booktubern sicherlich aus dem Herzen, wenn sie sagt: "Ich brauche keinen Artikel in der FAZ, um zu finden, dass es wertvoll ist, was wir machen."

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