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Probe des Stücks "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats" am Schauspielhaus in Hamburg im Jahr 2008.

SENDETERMIN Di, 8.11.2016 | 22:03 Uhr | SWR2

SWR2 Literatur | Peter Weiss zum 100. Geburtstag "Ich war Fremder, wo ich auch hinkam."

Der Schriftsteller Peter Weiss

Am 8. November 2016 ist der 100. Geburtstag des Schriftstellers Peter Weiss. Matthias Kußmann erinnert an die Lebensgeschichte und an das weitgehend in Vergessenheit geratene Werk des großen Autors der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

Eine unglückliche Kindheit

Peter Weiss wird am 8. November 1916 in Nowawes, dem heutigen Neubabelsberg geboren. Sein Vater ist ein jüdischer Textilfabrikant tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit, der später zum Protestantismus konvertiert, die Mutter Schauspielerin.

Peter Weiss: "Es kommt auf nichts anderes an, als sich selbst zu verwirklichen."

Bis Weiss 13 Jahre ist, zieht die achtköpfige Familie fünf Mal um, der Junge hat keine Chance, Freundschaften aufzubauen. Er ist ein schlechter Schüler, der Vater hält ihn für schwach, das Verhältnis zur Mutter ist gespannt. Als er 17 ist, stirbt seine Lieblingsschwester Margit bei einem Autounfall.

Flucht in die Literatur und in die Kunst

Schon als Jugendlicher findet er eine Gegenwelt in der Literatur. Genauso wichtig ist die Auseinandersetzung mit Bildender Kunst. Weiss beginnt zu zeichnen, als sein Talent erkannt wird, erhält er Unterricht. Er malt großformatige dunkle Ölbilder mit vereinsamten Menschen, auch ein "Selbstporträt zwischen Tod und Schwester".

Ein Brief an Hermann Hesse

Es folgen weitere unruhige Jahre. 1935 emigriert die Familie nach England, dann nach Böhmen, wo der Vater eine Textilfabrik übernimmt. Der junge Peter Weiss schreibt Erzählungen, sucht den Kontakt zu Hermann Hesse, der auf seinen Brief antwortet und ihn im Sommer 1937 ins Tessin einlädt. Hesse ermutigt ihn, weiter zu malen, die Texte des jungen Mannes sieht er skeptisch.

Peter Weiss, der Maler

Weiss geht nach Prag und studiert an der Kunstakademie. Es entstehen neue düstere Bilder, Untergangsvisionen, geradezu altmeisterlich gemalt, die an Bruegel und Bosch erinnern. Am 1. Oktober 1938 besetzt die deutsche Wehrmacht das Sudentenland, die Eltern emigrieren nach Schweden. Kurz davor zerschlägt Weiss' Mutter die Gemälde ihres Sohnes und verbrennt sie im Ofen.

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Peter Weiss – Werke

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Peter Weiss: Der Schatten des Körpers des Kutschers, Suhrkamp Verlag, 1964. Der Roman ist Weiss' deutschsprachiges Debüt, das 1960 im Frankfurter Suhrkamp Verlag erscheint. Der Autor experimentiert mit der Sprache, erzählt keine stringente Geschichte, sondern reiht kleine, genau beschriebene Beobachtungen aneinander.

Peter Weiss: Der Schatten des Körpers des Kutschers, Suhrkamp Verlag, 1964. Der Roman ist Weiss' deutschsprachiges Debüt, das 1960 im Frankfurter Suhrkamp Verlag erscheint. Der Autor experimentiert mit der Sprache, erzählt keine stringente Geschichte, sondern reiht kleine, genau beschriebene Beobachtungen aneinander.

Peter Weiss: Das Gespräch der drei Gehenden, Suhrkamp Verlag, 2016. Sein Debütroman und sein nächstes Buch "Das Gespräch der drei Gehenden" (verfasst 1962) werden von der Kritik als überaus "ernste Prosa" eingestuft – während Schriftsteller Jochen Schimmang darin auch komische Momente findet: "Sie müssen sich das ja nur mal in Film umgesetzt vorstellen. Dann haben Sie da Slapstick-Szenen, da würden Sie im Kino sofort lachen!"

Peter Weiss: Abschied von der Eltern, Suhrkamp Verlag, 1964. Der Titel des autobiografisch geprägten „Abschied von den Eltern" (1961) ist programmatisch – und der Anfang heute geradezu legendär: "Ich habe oft versucht, mich mit der Gestalt meiner Mutter und der Gestalt meines Vaters auseinander zu setzen, peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung. [...] Bei ihrem fast gleichzeitigen Tod sah ich, wie tief entfremdet ich ihnen war. Die Trauer, die mich überkam, galt nicht ihnen, denn sie kannte ich kaum, die Trauer galt dem Versäumten, das meine Kindheit und Jugend mit gähnender Leere umgeben hatte. Die Trauer galt der Erkenntnis eines gänzlich missglückten Versuchs von Zusammenleben, in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang beieinander ausgeharrt hatten."

Peter Weiss: Fluchtpunkt, 1965. "Abschied von den Eltern" und "Fluchtpunkt" erzählen von einer schwierigen Kindheit und Jugend, von einem einsamen Jungen, der in die Welt der Literatur und Kunst flieht, und als junger Mann im Exil versucht, als Maler und Autor Fuß zu fassen. Beide Bücher sind keine Publikumserfolge, aber Meilensteine in der Literatur der frühen 60er Jahre. Schriftsteller Jochen Schimmang findet für ihre Sprache ein treffendes Paradox, er nennt sie "expressiv und zugleich beherrscht".

Peter Weiss: Inferno, Suhrkamp Verlag, 2003. Noch vor "Marat/Sade" schreibt Weiss das Drama "Inferno", das er aber keinem Theater anbietet. Der Regisseur Thomas Krupa begeistert sich für das Stück und inszeniert die Uraufführung 2008 am Badischen Staatstheater Karlsruhe, rund 50 Jahre, nachdem Weiss es schrieb. "Inferno" ist die Geschichte eines Exilanten, der nach dem Zweiten Weltkrieg ins Adenauer-Deutschland zurückkehrt.

Der Regisseur Thomas Krupa begeistert sich für das Stück und inszeniert die Uraufführung des "Inferno" 2008 am Badischen Staatstheater Karlsruhe, rund 50 Jahre, nachdem Weiss es schrieb.

Peter Weiss: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, Suhrkamp Verlag, 1964. Das Stück spielt Anfang des 19. Jahrhunderts in der Irrenanstalt von Charenton, nach dem Scheitern der französischen Revolution. Der Schriftsteller Marquis de Sade, interniert wegen gotteslästerlicher und porno­graphischer Schriften, inszeniert mit den anderen Insassen ein Drama: Es geht um den sozialistischen Revolutionär Jean Paul Marat, der 1793 von Charlotte Corday ermordet wurde. Das Theaterstück hat am 29. April 1964 am West-Berliner Schiller-Theater Premiere. Der Berliner Abend verändert das Leben Peter Weiss': Sein Stück wird enthusiastisch gefeiert – und bald darauf in ganz Europa, ja weltweit gespielt.

Peter Weiss: Die Ermittlung, Suhrkamp Verlag, 2005. Noch während der erste Auschwitz-Prozess läuft, schreibt Weiss an der "Ermittlung". "Über" Auschwitz könne man aber kein Theaterstück schreiben, meint Weiss. Darum collagiert er Aussagen der Richter, Täter und Opfer des Prozesses zu einem verstörenden und berührenden "Oratorium in 11 Gesängen". "Die Ermittlung" wird am 19. Oktober 1965 uraufgeführt, noch während des weltweit beobachteten Auschwitz-Prozesses. Das Stück ist zeitgleich auf 15 west- und ostdeutschen Bühnen und in London zu sehen – eine Sensation während des Kalten Kriegs. Nur ein Jahr nach "Marat/Sade" schreibt Peter Weiss damit zum zweiten Mal Theatergeschichte. Und er schafft etwas Neues: ein Stück, das keine vom Autor erdachte Fiktion ist, sondern ausschließlich historische Dokumente arrangiert und bearbeitet.

Peter Weiss: Trotzki im Exil, Suhrkamp Verlag, 2016. Durch sein Stück "Trotzki im Exil" (1970) kommt es zum Eklat, wie Weiss' Biografin Birgit Lahann erzählt: "Der Trotzki, der war natürlich in der großen Sowjetunion damals der Antichrist. Über den schrieb er so, dass man ihn begreifen konnte und dass man seinen Sozialismus begreifen konnte, der sich nämlich immer verändern müsste und der nicht stehen bleiben darf, wie das ja in der DDR der Fall war. Dann haben sie Peter Weiss vorgeworfen, dass er ein Verräter der Arbeiterklasse geworden sei und dass er jetzt am besten in das Lager der Reaktionäre zurückwechseln könne, wo er hingehöre." Von nun an ist Weiss in der DDR "unerwünscht" und darf das Land nicht mehr betreten.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands, Suhrkamp Verlag, 2016. Peter Weiss sagt zu seiner "Ästhetik des Widerstands" (der erste von drei Bänden erscheint 1975), die er selbst als sein Hauptwerk sieht: "Dieser Roman war ursprünglich gedacht als ein Roman über den antifaschistischen Widerstand, und sollte die Jahre des Kampfs gegen den Faschismus schildern innerhalb des Exils. So wie ich ihn etwas von der Peripherie her in Schweden kennen gelernt hatte. [...] Im Mittelpunkt des Romans steht eine Ich-Figur, die vieles von meiner eigenen Biografie enthält, aber auch sehr vieles zusammen holt aus Erfahrungen von tausenden von anderen Menschen, die diese Zeit erlebt haben und viel kämpferischer erlebt haben wie ich selber."

Erste Texte auf Schwedisch

1939 folgt der Sohn den Eltern nach Schweden und arbeitet drei Jahre lang als Musterzeichner in der neuen Fabrik des Vaters – unwillig, er will nach wie vor Künstler sein. Doch langsam gelingt der Abschied von den Eltern. Weiss verlässt die Fabrik des Vaters, verdingt sich als Land- und Waldarbeiter. Er lebt in Stockholm, veröffentlicht erste Texte auf Schwedisch, nimmt an Ausstellungen teil und dreht, wie man heute sagen würde, "Independent"-Filme.

"Nadja, das heißt Hoffnung!"

1952 lernt Weiss bei einem Künstlertreffen an der Ostsee die Bühnenbildnerin Gunilla Palmstierna kennen. Sie ist verheiratet, er auch, schon zum zweiten Mal. Sie streiten stundenlang über den Surrealismus und André Bretons Roman "Nadja", und beim Abschied ruft er ihr nach: "Sollten wir jemals ein Kind zusammen haben, nennen wir es Nadja, das heißt Hoffnung!". Nach fast zwei Jahrzehnten gemeinsamen Lebens und Arbeitens wird 1972 ihr einziges gemeinsames Kind geboren, eine Tochter. Über den Namen scheint es keinen Streit gegeben zu haben: Nadja.

Im Stockholm der 50er Jahre liest Peter Weiss Kafka und Beckett, Camus und Sartre, Brecht und Henry Miller. Bei ihnen findet er Bezüge zur eigenen Isolation als Exilant, aber auch die Revolte gegen Herrschende und den Wunsch, für eine soziale Gesellschaft zu kämpfen.

Der erste Ausschwitz-Prozess und "Die Ermittlung"

1963 beginnt in Frankfurt am Main der Aufsehen erregende erste Auschwitz-Prozess gegen 22 NS-Verbrecher. Erstmals stellt sich die Bundesrepublik öffentlich vor Gericht den Verbrechen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit: Im Dezember 1964 reisen Richter, Opfer und Täter, Ankläger, Verteidiger und etliche Journalisten gemeinsam nach Auschwitz, darunter auch Gunilla und Peter Weiss. Noch während der Prozess läuft, schreibt Weiss an seinem Theaterstück "Ermittlung".

Karlheinz Braun, Lektor von Weiss im Suhrkamp Theater Verlag: "Er kam nach Frankfurt, als ich ihn kennen lernte, als ein scheuer Emigrant. Er war ja schwedischer Staatsbürger und nicht sehr vertrauensvoll auf die deutsche Gesellschaft schauend. Eher ein düsterer Mann, der erst langsam mit der Zusammenarbeit Vertrauen fasste."

Das Stück wird am 19. Oktober 1965 uraufgeführt, noch während des weltweit beobachteten Auschwitz-Prozesses. Es ist zeitgleich auf 15 west- und ostdeutschen Bühnen und in London zu sehen – eine Sensation während des Kalten Kriegs.

Deutsche Angelegenheiten

Peter Weiss hat zwar schon mit 30 Jahren die schwedische Staatsbürgerschaft erhalten, überlegt aber mehrfach, ob er nach Deutschland zurückkehren soll. Dann entscheidet er sich doch, im Norden zu bleiben. Seine Stücke lässt er jeweils in der Bundesrepublik und der DDR aufführen, was ihm westdeutsche Autorenkollegen verübeln. Manchmal bekommt er zu hören, er habe sich in deutsche Angelegenheiten nicht einzumischen, schließlich blicke er von Stockholm aus "bequem" auf das geteilte Deutschland.

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Was bleibt von Peter Weiss' Werk?

Werner Schmidt, Biograf: "Es geht um eine Haltung, eine widerständige Haltung, das verkörpert Peter Weiss in allen seinen Schriften."

Peter Härtling, Schriftsteller:
"Ich würde schon sagen 'Abschied von den Eltern'. Und, eigentlich unbedingt, der Anfang von der 'Ästhetik', der einen vielleicht dann so reinzieht, dass man weiter liest."
"Dieses Aufbegehren, dieser Aufbruch in eine redliche Geschichte gehört zu Peter Weiss."

Birgit Lahann, Biografin, zur "Ästhetik des Widerstands": "Ein Jahrhundertroman – ich würde sagen, man sollte ihn lesen!"

Der Sozialismus als ideelle Heimat

Als er in einem Interview gefragt wird, welches der beiden politischen Systeme mehr Entwicklungspotenzial habe, nennt er die DDR. Sozialistische Ideen bestimmen zunehmend seine Arbeit. Wohl auch, weil er hofft, zumindest ideell eine Heimat zu finden.
Weiss tritt in linken Diskussionsforen auf, reist nach Vietnam und Kuba und schreibt kämpferisch-politische Stücke. Diese Stücke haben keine einprägsamen Figuren mehr, sie wirken manchmal wie Pamphlete, verlieren sich dann wieder in historischen Fakten.

Werner Schmidt, Biograf Peter Weiss': "Gehört er nach Schweden, gehört er nach Deutschland? Gehört er in die schwedische Literatur, in die deutsche Literatur? Er hat sich ja nie wohl gefühlt in der Gruppe 47, da wurde er oft angefeindet. Was ihn aber umgekehrt auszeichnet: Er konnte den Blick von außen auf die Bundesrepublik werfen. Einerseits hat es ihm wehgetan, nicht dazuzugehören – andererseits sah er schon einen Vorteil darin, von außen, vor allem vom neutralen Stockholm das zu sehen."

Der Eklat: "Trotzki im Exil"

Der eben noch weltweit gefeierte Dramatiker findet kaum noch Theater, die seine neuen Stücke spielen wollen. Auch das Verhältnis zu den ostdeutschen Genossen wird schwierig. Weiss liefert keine Werke auf "Parteilinie", Meinungsfreiheit ist für ihn ein unabdingbares Grundrecht, in jeder Gesellschaft. Durch sein Stück "Trotzki im Exil" kommt es zum Eklat: Von nun an ist Weiss in der DDR "unerwünscht" und darf das Land nicht mehr betreten. Wieder sieht er sich unzugehörig.

"Die Ästhetik des Widerstands"

1971 beginnt Peter Weiss das groß angelegte Romanprojekt "Die Ästhetik des Widerstands". 1975 erscheint der erste Band, 1978 und 81 folgen zwei weitere. Der Autor nennt den im Ganzen rund 1000-seitigen Roman, an dem er zehn Jahre arbeitet, sein Hauptwerk. Als 1981 der dritte und letzte Band der "Ästhetik des Widerstands" erscheint, ist Weiss erschöpft. Die zehnjährige Entstehung hat Spuren hinterlassen, die oft negativen Kritiken der Feuilletons tun ein Übriges. Peter Weiss stirbt am 10. Mai 1982 mit nur 65 Jahren. 2012 bringt der Regisseur Thomas Krupa die "Ästhetik des Widerstands" auf die Bühne des Schauspiels Essen.

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