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Joachim-Ernst Berendt zum 90. Geburtstag Erinnerungen an den "Jazz-Papst"

"Guten Abend, liebe Jazzfreunde" Mit diesen Worten begrüßte Joachim-Ernst Berendt drei Jahrezehnte lang eine eingeschworere Gemeinde von Jazzfans und Musikliebhabern am Radio. 1922 in Berlin geboren, war Berendt der wohl bedeutendste Jazzpublizist der alten Bundesrepublik. Sein Jazzbuch wurde weltweit zur Bibel aller Jazzliebhaber. Am 20. Juli 2012 wäre der Radiopionier 90 Jahre alt geworden.

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Radiopionier, Publizist und Jazzexperte

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Kein anderer hat in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges so viel für den Jazz getan wie der Buchautor, Jazzredakteur und -produzent Joachim-Ernst Berendt. Er zählte zu den Mitbegründern des Südwestfunks und schrieb unter anderen das weltweit meistgelesene Buch über Jazz: "Das Jazzbuch".

Kein anderer hat in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges so viel für den Jazz getan wie der Buchautor, Jazzredakteur und -produzent Joachim-Ernst Berendt. Er zählte zu den Mitbegründern des Südwestfunks und schrieb unter anderen das weltweit meistgelesene Buch über Jazz: "Das Jazzbuch".

Seine eindringliche Stimme haben seine Hörer heute noch im Ohr. Von 1950 bis 1987 leitete er die Jazzredaktion des Südwestfunks Baden-Baden. In dieser Zeit produzierte er mehrere Tausend Jazzsendungen. Berendts Ruf als "Jazzpapst" strahlte weit über das Sendegebiet hinaus.

Joachim-Ernst Berendt initiierte und leitete auch zahlreiche Konzertreihen und Festivals, unter anderem die "Jazztime" und das "New Jazz Meeting Baden-Baden" sowie ab 1964 die Berliner Jazztage, das spätere Jazzfest Berlin. Außerdem war er Produzent unzähliger Jazz-Schallplatten, vor allem für das im Schwarzwald beheimatete Label "MPS".

Mit Jazz Meets The World" engagierte sich Joachim-Ernst Berendt für die Begegnung des Jazz mit unterschiedlichen Facetten der Weltmusik. Mit seiner späteren Hinwendung zu spirituellen Themen verprellte er viele Jazz-Fans, fand aber ein neues großes Publikum jenseits der Jazz-Szene.

Die Anfang der 80er Jahre ausgestrahlte Sendereihe "Nada Brahma. Die Welt ist Klang" erzielte eine rekordverdächtige Publikumsresonanz. Im Anschluss an die Radiosendung gab Joachim-Ernst Berendt die ebenso erfolgreichen Bücher "Nada Brahma − die Welt ist Klang" und "Das dritte Ohr. Vom Hören der Welt" heraus.

Berendt gehörte 1945 zu den Gründern des Südwestfunks und leitete von 1950 bis 1987 die Jazzredaktion des SWF. In dieser Zeit produzierte er mehrere Tausend Jazzsendungen für das Radio und ab 1955 auch die legendäre SWF-Fernsehreihe "Jazz – gehört und gesehen".


Der Radio-Pionier hat viele Jazz-Größen nach Baden-Baden bekommen. Bei Louis Armstrong ist es ihm nicht gelungen. Das Interview mit Satchmo führte er in New York, im Dezember 1963. Armstrong erinnerte sich an seine erste Trompete, an das Leben im Waisenhaus und über seine erste unter eigenem Namen produzierte Schallplatte "Gut bucket blues".


Als Produzent des New Yorker New Port Jazzfestivals 1982 /83 förderte Joachim-Ernst Berendt die Begegnung vieler Jazzmusiker mit der Musik anderer Kulturen. Damit einher ging sein wachsendes Interesse an einer kulturübergreifenden Psychologie des Hörens.


Jazz, Radio, Hören, das war die Welt von Joachim-Ernst Berendt. Den Namen "Jazz-Papst" hörte er nicht gern, weil, so Berendt, der Papst swinge nicht. Am 4. Februar 2000 starb Joachim-Ernst Berendt an den Folgen eines Autounfalls.


SWR2 erinnert in mehreren Radiobeiträgen an die große Persönlichkeit des weltweit renommierten und vielfach ausgezeichneten „Jazzpapstes“.

Den Auftakt macht am 7. Juli das Feature „Von einem, der den Deutschen den Jazz brachte“ von Matthias Spindler („SWR2 aus dem Land“, 22.03 Uhr).

Liebe und Frieden sind die beiden Themen in „Same Old Song“ am 9. Juli, ein Hörspiel in Musik von Joachim-Ernst Berendt aus dem Jahr 1984 mit Jay Clayton, Urszula Dudziak, Lauren Newton, Jeanne Lee und Bob Stoloff („SWR2 Jazztime“, 15.05 Uhr).

„Zwischen Swing und Weltmusik“ überschreibt SWR2-Autor Bert Noglik seine persönlichen Erinnerungen an Joachim-Ernst Berendt in der „SWR2 Jazztime“ am 16. Juli (15.05 Uhr).

Sie haben das Jazzbuch fortgeführt, das Berendt 1953 zum ersten Mal veröffentlicht hat, Herr Huesmann. Sie treten in der SWR-Jazz-Redaktion zum zweiten Mal in seine Fußstapfen. Berendt ist seit 12 Jahren tot – wie groß sind seine Fußstapfen noch?

Die sind sehr groß. Das war ein großartiger Jazzmann und ein wirklich genialer Musikvermittler. Ich habe, glaube ich, niemanden getroffen, der mich, in beruflicher Hinsicht, so inspiriert hat wie Joachim-Ernst Berendt.

Werden Sie etwas von Berendts Arbeit fortführen in Ihrer Radioarbeit? Seine Zeit als aktiver Jazzredakteur des SWF ist ja schon eine ganze Weile her.

Auf alle Fälle. Denn das Tolle bei Joachim-Ernst Berendt war: Er konnte Musik wirklich sehr, sehr gut vermitteln. Ich habe 1980 beim Südwestfunk hospitiert. Wir haben dann zwei Wochen lang miteinander arbeiten können und das hat mich dermaßen beeindruckt. Das hat mich wirklich geprägt.

Er war eben nicht nur, wie Sie gesagt haben, einfach ein Jazzfan, der froh war: Jetzt bin ich beim Radio. Jetzt kann ich die Jazzmusiker einladen, die ich erleben möchte. Oder die Jazzmusik hören, die mir gefällt. Sondern er hatte diesen pädagogischen Ansatz. Er wollte unbedingt Jazz vermitteln. Woher kam das?

Ich glaube nicht, dass er einen pädagogischen Ansatz hatte. Er glaubte einfach an die Macht des Hörens. An die Offenheit, die das ganz bewusste Hören ausüben kann. Und das hat er einfach vermittelt – im Leben, in seiner Arbeit – nicht nur als Buchautor, auch als Festival-Macher. Und in seiner Radioarbeit.

Mir hat er immer gesagt: „Günther, mach deine Ohren soweit auf wie Scheunentore“. Darum ging es ihm. Und so hat Joachim Ernst Berendt gelebt: Der Mann war neugierig. Er hat einfach immer nach dem Neuen gesucht, nach dem Prickelnden, nach Aufbruch. Für den war Musik – also auch Jazz – nicht nur einfach ein klangliches Phänomen, sondern ein gesellschaftliches Phänomen.

Das war der Sound der Freiheit für ihn. Ein Sound der Selbstbestimmung und des Individualismus. Dafür hat er gelebt. Und auch gekämpft.

Freiheit ist ja ein großes Thema im Jazz. Nicht nur durch die Improvisation, sondern gerade in den Anfangsjahren und -jahrzehnten war es ja gerade für die schwarzen Jazzmusiker wichtig, Freiheit auszudrücken.

War das Thema Freiheit für ihn so wichtig, weil er die NS-Diktatur erlebt hat und seinen Vater im KZ Dachau verloren hat?

Günther Huesmann

Günther Huesmann, SWR-Jazzredakteur

Absolut. Sein Vater war im Widerstand. Das hat Joachim Ernst Berendt ganz stark geprägt. Auch die Nachkriegszeit. Man muss bedenken: Jazz ist heute ein akzeptiertes Kulturgut – das war damals überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil. Man sprach wirklich noch von Urwaldmusik.

Die großen Konzertveranstalter, in den großen ehrwürdigen Sälen, hatten sich damals geweigert, überhaupt Jazzbands dort auftreten zu lassen. Und da hat Berendt natürlich gekämpft – gegen diese Ideologie der Ausgrenzung. Auch gegen Rassismus hat er gekämpft.

Ja, das hat ihn sehr stark geprägt, diese Erfahrung der Nazizeit.

Und er hat sich auch um den Blues gekümmert. Er hat Bluesmusiker nach Deutschland geholt, nach Europa. Das war dann nicht nur fürs deutsche Publikum ein Ereignis. Sondern es war auch für die schwarzen Musiker ein Signal, dass sie hierher eingeladen wurden.

Joachim-Ernst Berendt sah den Jazz eben auch als eine Musik des Protestes – und als Kunstform. Und er hat immer dafür gearbeitet, dass afroamerikanische Künstler einfach den Stellenwert bekommen, den sie verdienen.

Denn oft war es so, dass Bluesmusiker oder auch Jazzmusiker in den USA – also im Geburtsland dieser Musik – einfach immer noch als etwas sehr Populäres, etwas sehr Randständiges gesehen wurden: als ein Minderheitenphänomen. Er hat dafür gekämpft. Und durch seine Plattenproduktionen vor allen Dingen viele, viele Künstler, die damals in den USA noch völlig unbekannt waren, hier in Europa groß gemacht, aufgebaut. So sehr, dass das dann wirklich zurückgestrahlt hat auf das Mutterland des Jazz.

Welche zum Beispiel?

Marvin Peterson, den großartigen Trompeter. John Handy. Dann die Musiker, die aus den USA nach Europa gekommen sind, weil sie dort einfach kaum leben konnten von ihrer Musik, wie Dexter Gordan und Kenny Clark. Man könnte die Liste unendlich weiterführen.

Auch ein anderer Name ist mit Joachim Erbst Berendt verknüpft: John Coltrane. Wir haben diese Woche, am 17. Juli, an seinem 45. Todestag, John Coltrane erinnert. Coltrane war einer der wichtigsten Saxophonisten des Jazz – ein sehr spiritueller Mensch. Auch Joachim-Ernst Berendt hat sich der Spiritualität zugewandt. Standen die beiden miteinander im Kontakt darüber?

Ich glaube, ja, Sie haben auch viel über dieses Thema gesprochen. Und ich glaube, dass bei Joachim Ernst Berendt, genauso wie bei John Coltrane, dieser Begriff der Spiritualität zusammenhängt mit einem ganz tief eingeprägten Humanismus-Begriff.

Es geht um Humanismus und Humanität. Dafür hat sich Coltrane eingesetzt. Und Berendt genauso. Das war für ihn der große Auftrag.

Diese spirituelle Beschäftigung und auch seine esoterische Wende hat viele dann aber letztlich doch verstört. Hat Sie Joachim-Ernst Berendt etwas genommen: von der Anerkennung, die ihm gebührt?

Ganz im Gegenteil.

Ich muss dazu eine kleine Geschichte erzählen. Ich habe damals, als er diese Wendung zur sogenannten Esoterik machte, ihn auch nicht verstanden. Ich habe immer gesagt: „Nein, die Gräser sollen im C-Dur-Dreiklang klingen?“ Also, dem ich konnte ich einfach nicht folgen.

Ich habe inzwischen sehr großen Respekt vor seiner spirituellen Arbeit. Denn letztendlich, wenn ich mit den einzelnen Punkten auch nicht einverstanden war und auch nicht bin –  die Botschaft, die heute vielleicht dahintersteckt, ist das Wichtige. Und das war eben das Eintreten für ein bewusstes Hören. Das ist eine Botschaft, die kann ich zu 100 Prozent unterschreiben.

Das SWR2 Kulturgespräch mit Günther Huesmann, SWR-Jazz-Redaktion, über die Bedeutung von Joachim-Ernst Berendt führte Sonja Striegl am 20.07.2012 um 7.45 Uhr.

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