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SENDETERMIN Mi, 30.4.2014 | 22:03 Uhr | SWR2

SWR2 Feature Aus den Augen, aus dem Sinn

Deutscher Atommüll in Russland | Von Laura Döing und Olga Kapustina

(Produktion: SWR/WDR/DLF)

Ein Zwischenlager bei Radon - der Atommüll bleibt, bis es ein passendes Endlager gibt

Ein Zwischenlager bei Radon - der Atommüll bleibt, bis es ein passendes Endlager gibt

Die Suche nach einem geeigneten Endlager für hochradioaktive Abfälle in Deutschland beginnt wieder von vorne. Im Geheimen wurde bereits nach Optionen im Ausland gesucht, auch in Russland. Obwohl der Export offiziell politisch nicht erwünscht ist - Spuren gibt es dennoch: Vertrauliche Kostenpläne eines deutschen Energiekonzerns, die Ersparnisse durch den Export aufzeigen, russische Ministeriumspapiere, die mit den zahlungskräftigen Kunden aus Deutschland kalkulieren.

Das Feature folgt diesen Spuren in Deutschland und Russland. Sie führen bis an den Zaun der geschlossenen Stadt Krasnojarsk-26, einem Zentrum der russischen Atomindustrie und in die Vorstandsetage der deutschen EnBW in Karlsruhe.

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Deutscher Atommüll in Russland

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Demonstranten vor den Toren des von EnBW betriebenen AKWs Neckarwestheim
Deutschland hat der Kernkraft den Rücken gekehrt. Der Atomausstieg ist beschlossene Sache. Bis 2022 soll in Deutschland kein AKW mehr am Netz sein. Das bedeutet auch das Ende der beiden Kraftwerksblöcke in Neckarwestheim. Doch den Demonstranten vor den Toren des von EnBW betriebenen AKWs ist das nicht genug. Sie protestieren für mehr Transparenz und wollen wissen, was mit dem Atommüll geschieht, der anfällt, wenn das Kraftwerk abgerissen wird.


Demonstranten vor den Toren des von EnBW betriebenen AKWs Neckarwestheim
Deutschland hat der Kernkraft den Rücken gekehrt. Der Atomausstieg ist beschlossene Sache. Bis 2022 soll in Deutschland kein AKW mehr am Netz sein. Das bedeutet auch das Ende der beiden Kraftwerksblöcke in Neckarwestheim. Doch den Demonstranten vor den Toren des von EnBW betriebenen AKWs ist das nicht genug. Sie protestieren für mehr Transparenz und wollen wissen, was mit dem Atommüll geschieht, der anfällt, wenn das Kraftwerk abgerissen wird.


Das ehemalige Maschinenhaus des abgeschalteten EnBW-Kernkraftwerks in Obrigheim wird seit 2008 zurück gebaut
Wo gelbe Atommüll-Behälter lagern, verliefen vor ein paar Jahren noch Rohre, Pumpen, Leitungen. Von dem Maschinenhaus des Kernkraftwerks Obrigheim steht nur noch ein Skelett. Arbeiter zerlegen das Kraftwerk bereits seit 2008. Nach EnBW-Angaben können über 90 Prozent der 275.000 Tonnen Rückbaumaterial zurück in den Stoffkreislauf und müssen nicht gesondert entsorgt oder endgelagert werden.


Geschäftsführer Alexander Gelbutowskij von Ecomet-S - seine Firma würde gern radioaktives Metall aus Deutschland verarbeiten
Im Oktober 2013 erzählt der Geschäftsführer Alexander Gelbutowskij von Ecomet-S, dass er bereits in Obrigheim war und sich das AKW dort angeschaut hat. Deutschland sei für ihn als Geschäftspartner interessant. Dort komme auch die bayrische Trachtenjacke her, die er trägt.


Rosatom ist die zentrale Atomenergiebehörde Russlands und gleichzeitig ein Unternehmen, das Gewinne erwirtschaften soll.
2006 wurde es aus dem ehemaligen russischen Ministerium für Atomenergie geschaffen. Es beschäftigt 275 Tausend Mitarbeiter. Das Unternehmen wird vom Staat subventioniert und ist sowohl für die zivile als auch für die militärische Nutzung von Kernenergie zuständig.


Ein Zwischenlager bei Radon - der Atommüll bleibt, bis es ein passendes Endlager gibt
Bei „Radon“ in Sergiev Posad wird Atommüll verbrannt und eingeschmolzen. Das Ziel: Das Volumen verkleinern. Danach wird der Müll zwischengelagert. Zum Beispiel in den metallischen Fässern, die in den Boden einzementiert sind. Wenn ein Endlager gebaut wird, sollen die Fässer mit dem Atommüll herausgenommen und dahin gebracht werden. Momentan prüft die 2011 gegründete Rosatom-Tochter NO RAO 30 Orte in Russland, an denen Endlager für verschiedene Arten vom Atommüll entstehen könnten.


Zufahrt zu der geschlossenen Stadt Schelesnogorsk - nur, wer eine Erlaubnis hat, darf passieren
Schwarze Metalltore schieben sich vor die Zufahrt zu der Stadt Schelesnogorsk. Kontrolleurinnen überprüfen die Fahrzeuge. Nur, wer eine Erlaubnis hat, darf passieren. Schelesnogorsk ist eine von mehreren geschlossenen Städten in Russland. Orte, die wichtig für Kernenergie oder Militär sind. Zu Sowjet-Zeiten konnte man Schelesnogosrk auf keiner Karte finden. Ein Bewohner erzählt, dass es als Ort der Glückseligkeit galt: Auch in Krisenzeiten war die strategisch wichtige Stadt immer gut versorgt.


Die Bewohner von Krasnojarsk wollen sich gegen den Bau des Endlagers wehren
Die Frau mit der hellblauen Mütze ist gegen das geplante Endlager für hochradioaktiven Müll. Sie misstraut den öffentlichen Informationen: „Man sagt, es sei ungefährlich, aber das stimmt nicht“, sagt sie im Interview auf der Straße in Krasnojarsk. Mit ihrer Meinung ist sie nicht allein. Die Bewohner von Krasnojarsk sind selbstbewusst. Laut Gesetz haben sie Einfluss auf einen solchen Bau. Der Abgeordnete Alexander Gliskow möchte im Stadtparlament durchsetzen, dass es eine öffentliche Anhörung gibt.


Arbeiter im Betrieb Radon bei Moskau - hier wird Atommüll verarbeitet
Rosatom will das weltweit führende Atom-Unternehmen werden. Deswegen baut es seine Kapazitäten auch im Bereich der Abfallbehandlung aus und kauft Atommüll-Betriebe auf. Zum Beispiel die deutsche Firma Nukem Technologies, die für den Umgang mit abgebrannten Brennelementen in den neuen Rosatom-AKWs zuständig sein wird. Rosaton übernahm 2008 auch die “Radon”-Betriebe. Der größte befindet sich in Sergiev Posad, in der Nähe von Moskau.


Der Zaun um die geschlossene Stadt Schelesnogorsk
Bereits vor 15 Jahren plante die russische Regierung, abgebrannte Brennelemente aus dem Ausland zu importieren. In Russland gelten sie nicht als hochradioaktiver Müll, sondern als Wertstoff. Nach internen Kalkulationen wollte Moskau bis 2040 etwa 21 Milliarden US-Dollar mit dem Import verdienen. 2001 wurden die Gesetze angepasst: Die Einfuhr von abgebrannten Brennelementen aus dem Ausland für die Aufarbeitung und Zwischenlagerung wurde erlaubt. In der geschlossenen Stadt Schelesnogorsk lagern abgebrannte Brennstäbe aus Bulgarien und der Ukraine.


Der Zaun um die geschlossene Stadt hat Löcher - bei Schelesnogorsk werden abgebrannte Brennelemente aus dem Ausland gelagert

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