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SENDETERMIN Mo, 20.3.2017 | 22:03 Uhr | SWR2

SWR2 Essay FlowerPowerDatenTerror

Wie die Gegenkultur die Cyberkultur prägt

Von Dietrich Brants

"We owe it all to the hippies". Stewart Brand, eine zentrale Figur der kalifornischen Gegenkultur und früher Umweltaktivist, bringt es auf den Punkt: Die Entwicklung des Personal Computers in den 1970er Jahren und die Erfindung des Internets basieren auf Werten der Gegenkultur. Sie richtet sich gegen die Autorität des Staates, will die Kreativität aller nutzen, hierarchiefreies Kommunizieren ermöglichen und das Bewusstsein befreien. Aber auch die Gegenrevolution der kommerzialisierten Datenkontrolle wird von Hippie-Modernists vorgedacht. Das ist die Ironie dieser Revolution: Sie endet als Datenherrschaft digitaler Konzerne. Flower Power ist im Silicon Valley heute ein Ingroup-Verhalten ökonomischer Sieger.

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Nicht alle Hippies sind technikfeindlich 

Alles, was die digitale Kultur dominiert, haben wir den Hippies zu verdanken. Die Proteste gegen den Vietnamkrieg, Woodstock, sogar die langen Haare kann man dagegen vergessen: Hippies haben den PC erfunden, darin bestehe ihr wahres Erbe, schreibt Stewart Brand, eine Ikone der 60er Jahre: "The real legacy of the sixties generation is the computer revolution". Auch das Internet, das von niemandem regiert wird und wo jeder sich frei äußern kann, gehe auf die Gegenkultur zurück – weil Hippies Herrschaft und Autorität verachten: "The counterculture’s scorn for centralized authority provided the philosophical foundations of the leaderless Internet". 

Aus seiner Sicht ist der Cyberspace ein friedliches, kultiviertes, globales Dorf: ein florierendes Überbleibsel der Blumenkinder der 60er Jahre. Die Kommunen der Hippies und das freie Leben, das sie dort führen, behauptet er 1995 in einem Artikel für das „Time“ Magazin, seien die Wurzeln der digitalen Revolution: „Hippie communalism and libertarian politics formed the roots of the modern cyberrevolution”. Dass sich die Gegenkultur nur für sexuelle Befreiung, ökologischen Landbau, spirituelle Erleuchtung, fernöstliche Philosophie, naturnahe Medizin oder die nächste Drogenerfahrung interessiere, sei dagegen ein Mythos. Die Generation der Sixties habe sich genauso von Lobeshymnen auf die Technologie inspirieren lassen. Nicht alle Hippies seien technikfeindlich: “We, the generation of the 60’s, were inspired by the bards and hot-gospellers of technology”. 

 

Paradise Children

Hippie-Community im Taylor Camp

Nicht Bäume, Computer solle man umarmen 

Ein kleiner Teil der Gegenkultur, die man später Hacker nennt, verwandelt den Computer in ein Werkzeug der Befreiung. Das habe sich als der einzig wahre Königsweg in eine bessere Zukunft erwiesen: „Hackers embraced computers and set about transforming them into tools of liberation”. Nicht Bäume, Computer solle man umarmen. Anfang der 70er Jahre, meint Stewart Brand, bleibe der Gegenkultur nur der vernetzte Rechner als Mittel der Weltverbesserung. So wird er auch in Dave Eggers Schlüsselroman der digitalen Welt aus dem Jahr 2014 gefeiert: „Der Circle beendet den Hunger auf der Welt. Der Circle hilft mir, mich selbst zu finden. Das Leben wird besser sein, es wird perfekt sein, wenn jeder mit jedem verbunden ist“.

Das Pathos der Weltverbesserung übernimmt die Cyberkultur von der Gegenkultur. Mit digitalen Tools soll man die Müllvermeidung, den Ressourcenverbrauch, den sozialen Zusammenhalt und den Klimaschutz so lange optimieren, bis sich der Planet in ein globales Idyll verwandelt. Zugleich liefern der Anti-Establishment-Impuls der Gegenkultur und deren Verachtung für Staat und Politik die Legitimation für die libertäre Ideologie der Deregulierung. Am besten, heißt es, entwickele sich das Internet, wenn man ihm keine Grenzen setzt. Genau wie die Wirtschaft vor allem dann floriere, wenn man Wildwuchs erlaubt – wenn sie sich entwickeln kann wie ein Regenwald, schreibt Paulina Borsook Mitte 1996 ihrem Essay „Cyberselfish“: „The economy is a rainforest, a complex system best left untouched”.

Die neue Orthodoxie der Informationsgesellschaft 

In den 90er Jahren werden die widersprüchlichen Einflüsse der Cyberkultur zu einer einzigen kalifornischen Ideologie vermischt – die Verherrlichung des Kapitalismus, die Verachtung für den Staat, die rebellische Tradition der Gegenkultur, die Utopien der Hippies und der technologische Optimismus des Silicon Valley: „Who would have thought that such a contradictory mix would become the hybrid orthodoxy of the information age?” 

Für Richard Barbrook und Andy Cameron, die den Begriff „kalifornische Ideologie” Mitte der 90er Jahre in ihrem gleichnamigen Buch prägen, entsteht aus diesem widersprüchlichen Mix die hybride Orthodoxie der Informationsgesellschaft. Aus ihrer Sicht ist der neue Glaube eine bizarre Vereinigung der kulturellen San-Francisco-Bohème mit dem unternehmerischen Eifer der Yuppies in der High-Tech-Industrie: „The Californian Ideology promiscuously combines the free-wheeling spirit of the cultural bohemians of San Francisco and the entrepreneural zeal of the yuppies”. Das Silicon Valley bastelt sich ein digitales Utopia, in dem jeder hip und reich sein kann.

Googleplex

Das geplante Zeltdach im Google-Hauptquartier

Keine feindliche Übernahme der Gegenkultur 

Angeblich wollen die Techno-Turbos auch die Demokratie erneuern: „Above all, they want information technologies to be used to create a new ‘Jeffersonian democracy’“. Ihre utopische Vorstellung beruhe darauf, alles andere auszublenden: „Their utopian vision depends upon a willful blindness towards racism, poverty and environmental degradation”. Sie reproduzieren die schlimmsten Tendenzen der amerikanischen Gesellschaft, allem voran Rassismus, Armut und Umweltzerstörung. Mit dem Triumph dieser kalifornischen Ideologie wird die Cyberkultur in den 90er Jahren zynisch.

 Von einer feindlichen Übernahme gegenkultureller Ideale kann man nicht sprechen. Vertreter der Gegenkultur sind unmittelbar daran beteiligt, dass digitale Konzerne ihre Datenherrschaft heute weitgehend nach eigenen Gesetzen ausüben können. Selbst ein politischer Aktivist wie Lee Felsenstein, der in der San Fransisco Bay Area, dem Kernland der Studentenproteste und der digitalen Revolution, damals Bürgerprojekte organisiert, den Computer als Soziales Medium erfindet und als einer der ersten das Prinzip der privaten Datenherrschaft versteht, ist mitverantwortlich dafür, dass digitale Konzerne ihre Datenherrschaft im deregulierten Internet mit AGB’s nach eigenem Gusto gestalten. Gleichzeitig behaupten sie, die Welt mit jeder Anwendung ein wenig besser zu machen und immer nur Gutes im Schilde zu führen, wie Google jahrelang mit seinem Firmenmotto „Do no evil” suggeriert. 

Power to the People beginnt mit einem Mausklick 

Der Ursprung der Legende ist 1972 ein Artikel von Stewart Brand im Musikmagazin Rolling Stone. Unter der Überschrift „Fanatic Life and Symbolic Death Among the Computer Bums“ schildert er nicht nur den Fanatismus der Hacker und wie sie den symbolischen Tod der militärisch finanzierten, staatlich kontrollierten Computerforschung herbeiführen, wie es der Titel nahelegt. Er berichtet auch, wie die Gegenkultur die Cyberkultur infiltriert. Der lange Marsch durch die Institutionen beginnt im Silicon Valley mit einem Mausklick: „Ready or not, computers are coming to the people. That’s good news, maybe the best since psychedelics”.

Power to the People. Computer kommen zu den Leuten, ob sie dafür bereit sind oder nicht. Dass sich der Grundgedanke der Gegenkultur Anfang der 70er Jahre mit Hilfe von Rechnern realisieren lässt, ist für Stewart Brand die beste Nachricht seit der Verbreitung psychedelischer Drogen. Weil man damit Gegenmacht produzieren kann. Jeder Einzelne, nicht nur der akademisch-militärisch-industrielle Komplex mit seinen Großrechnern, soll mit dem Computer die Gesellschaft beeinflussen können.

Poster gegen den Vietnam-Krieg im Büro 

Die Entwicklung der neuen, bahnbrechenden, alles befreienden Technologie, kommt Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre allerdings aus Bereichen, wo man sie nicht erwartet hätte. Stewart Brand nennt zuerst die militärische Forschung, etwa am Augmentation Research Center der Stanford University, wo 1968 viele Elemente der heutigen Computernutzung bereits erfunden sind, vom Hypertextlink bis zur Computermaus, gefördert und finanziert vom US-Verteidigungsministerium. Er nennt außerdem den privaten Sektor und die Gewinne, die man sich von der Computerindustrie Anfang der 70er Jahrhe verspricht. Und er nennt Gamer und Computerspiele. Aber den Anti-Establishment-Impuls der Gegenkultur und der Freaks stellt er in den Mittelpunkt, sogar als er das Artificial Intelligence Projekt der Stanford University besucht, das ebenfalls vom US-Verteidigungsministerium finanziert wird. 

Stewart Brand freut sich, dass er dort neben Robotern auf Rädern Embleme der Studentenproteste entdeckt: Poster und Petitionen gegen den Vietnam-Krieg und gegen den kriegstreibenden Präsidenten Richard Nixon: „There are posters and announcements against the Vietnam War and Richard Nixon. And signs on every door in Tolkien’s elfish script“. Auf jeder Bürotür steht in verschnörkelter Elfenschrift der Name einer Figur aus Tolkiens „Herr der Ringe“.

Ein sonderbares Gemisch aus Rebellion und Science-Fiction

Mitten im Kalten Krieg, kurz nach den Protesten gegen den Vietnam-Krieg, ist das ein klares Statement. Denn immerhin geht es in dem Epos um den Kampf „Gut gegen Böse“. Indem alle Programmierer sich mit einer Figur dieser Fantasy-Welt identifizieren, signalisieren sie, wo sie stehen. „The director’s office is Imladris“, die Festung der Guten. Der Direktor sieht sich als Elrond, den personifizierten Willen zum Frieden. Seine Männer produzieren an ihren elektronischen Maschinen nichts als Love and Peace. Das ist die Botschaft.

In dieser phantastisch-skurrilen, technologisch-genialen und zugleich radikal politisierten Atmosphäre zeigen die Hacker ein seltsames Verständnis ihrer Tätigkeit, schreibt der Historiker der kalifornischen Gegenkultur, Theodore Roszak: „Ihre Auffassung von Computern ist ein sonderbares Gemisch aus Science-Fiction, Rebellion, Do-it-Yourself sowie Spaß am Spiel. Sie entspringt einer Weltanschauung, die sich gegen das Establishment, gegen den Krieg und gegen die Disziplin richtet – und für die Freiheit kämpft“. Lange Haare haben die Programmierer natürlich auch. 

Die lustigste Truppe seit den Merry Prankster

Hacker sind eindeutig die Coolen. Was sie in ihrer Herr-der-Ringe-Fantasy-Welt produzieren, konnte man bisher nur unter Drogen erleben: Musik, die an einem Computer-Keyboard geschrieben wird, spektakuläre Grafikprogramme oder ein nahezu magisches Tool, mit dem man Videos in Farbe produzieren kann. Die Techniker, die hier arbeiten, schreibt Stewart Brand schließlich, sind die lustigste, geschäftigste Truppe, die er seit den Merry Prankster gesehen hat, als er mit den Acid-Heads in ihrem berühmten, bunt bemalten Schulbus in der amerikanischen Provinz unterwegs ist. 

Genau wie das Projekt der Merry Prankster – mit einem flippigen Flower-Power-Bus übers Land zu fahren und LSD zu verteilen, damit begrenzte Durchschnittsmenschen ihren gefühllosen Trott verlassen, endlich Frieden finden und die Welt in einen durch und durch harmonischen Planeten verwandeln – so ist die Arbeit der Programmierer für Stewart Brand eine revolutionäre Aktion. Wie mit den Prankstern fühlt er sich bei den Nerds „on the bus“: „Four intense hours, much frenzy and skilled concerted action. The most bzz-bzz-busy scene I’ve been around since Merry Prankster Acid Tests”.


Der Computer ist das neue LSD

On the bus ist damals eine stehende Wendung. Sie bedeutet: Man ist gut drauf und gehört dazu, in den 60ern dank Drogen, in den 70er Jahren dank des Computers. Für die Gegenkultur ist er das neue LSD. Als erster äußert das der Erfinder der Acidtests, der Schriftsteller Ken Kesey, nachdem er durch dasselbe Computerlabor geführt wird wie Stewart Brand: „It’s the next thing after acid”.

Timothy Leary, dessen psychedelische Parole „turn on, tune in, drop out“ immer schon so klingt, als müsste man, wie bei einer Stereoanlage, nur den richtigen Schalter betätigen, um angetörnt zu sein und aus allem herauszufallen, wird die Erkenntnis zwanzig Jahre später regelrecht propagieren: „The PC is the LSD of the 90s. Turn on, tune in, boot up”. Knips den Rechner an, lass dich darauf ein und fahr das Betriebssystem hoch. So variiert er jetzt seine alte Parole. Mit der neuen Computer-Technologie, sagen die psychedelischen Autoritäten, lässt sich das Bewusstsein genauso erweitern wie mit Acid. Rechner besitzen allerdings den Vorteil, dass man die Bevölkerung mit dem neuen LSD legal infizieren kann und massenhaft erreicht. 

Wahre Hippies sind jetzt Hacker 

Mit dieser Botschaft beginnt der Mythos, dass Programmierer die Ideale der Gegenkultur auf Computer-Anwendungen übertragen und damit bis heute die Cyberkultur prägen. Die wahren Hippies sind jetzt Hacker. Für Stewart Brand sind sie die legitimen Erben der Merry Prankster. Und in Anspielung auf die Acid-Heads nennt er sie auch so: „These are heads, most of them”. 

Auch das Outlaw Country der Hippies, das kalifornische Hinterland, wo die Land-Kommunen entstehen, findet Stewart Brand jetzt bei den Programmierern: “Outlaw country: It’s that kind of fanaticism”. Für ihn sind sie die neue Elite: Fanatiker, die nächtelang in einer Hass-Liebe-Beziehung an ihrem Rechner fummeln, wie Bastler, die alte Motorräder tunen: „Hotrodders, scouting a leading edge of technology which has an odd softness to it”. 

Die Technologie, die sie am Rechner erkunden, wenn sie menschliche Bedürfnisse in Computer-Anwendungen übersetzen, kommt ihm erstaunlich weich und sanft vor, wie High-Tech-Flower-Power, als hätte sie abgerundete Ecken. Apple verwendet das Detail der Sanftmut später für das Design seiner Hardware, vom ersten PC bis zum iPhone, weil damit an die Gründer-Hippies der Computer-Revolution erinnert wird. Der Macintosh, den Steve Jobs 1984 vorstellt, hat die sanften Rundungen am hinteren Teil des Geräts. 


Programmierer sind keine eindimensionalen Menschen 

Vor allem haben die Programmierer keine bürokratische Hierarchie. In ihrem Outlaw Country, meint Stewart Brand, geht es nicht um Erlasse, Verordnungen oder Routinen. Nur um die ständige Frage, was möglich ist: „It’s outlaw country, where rules are not decree or routine so much as the starker demands of what’s possible”. Dadurch verkörpern die Computer-Entwickler das Gegenbild zum eindimensionalen Menschen mit entfremdeter Arbeit in einer sterilen Bürokratie, wie Herbert Marcuse, Elder Statesman der Kritischen Theorie und in den 60er Jahren ein philosophisches Backup der Studentenproteste, das Rolemodel der Technokratie damals beschreibt: als dauergestressten, emotional verarmten Durchschnittsamerikaner, der zwischen Alltagsorganisation und Büroalltag dahinvegetiert, Republikaner wählt, für den Krieg stimmt und an Herzinfarkt stirbt. 

Dieser tendenziell aggressive, repressiv tolerante Typus muss überwunden werden. Jetzt mit Hilfe von Computern, obwohl die Gegenkultur Rechner eigentlich hasst, weil Regierungen damit neue Waffensysteme planen, moderne Kriege führen und den Weltfrieden verhindern: „Most of our generation scorned computers as the embodiment of centralized control”. 

Hippie-Hacker erfinden den Personal Computer 

Computer werden damals völlig neu definiert. Man traut ihnen jetzt gegenkulturelle Eigenschaften zu. Das ist die eigentliche Computer-Revolution. Sie findet zuerst in den Köpfen statt. Hacker, die solche Rechner bauen, gehören nicht zum Mainstream der Technokraten, auch wenn sie in staatlich finanzierten Forschungsinstituten und millionenschweren Firmen arbeiten. Bei der „Advanced Research Projects Agency“, kurz ARPA, die dem US-Verteidigungsministerium untersteht, haben Hippie-Hacker mit dem ARPANET nicht nur einen Vorläufer des Internet erfunden, zum ersten Mal Datenpakete geschnürt und verschickt, das erste Computerspiel und den ersten 3D-Bildschirm entwickelt. Vor allem haben sie gerade die Sharing-Praxis, ein Prinzip der Gegenkultur, auf die Computer-Nutzung übertragen: „One of the accomplishments of ARPA-funded research during this time was time-sharing”. 

Sharing am Computer ist Anfang der 70er Jahre Time-Sharing: Jeder Mitarbeiter kann den Rechner dadurch so nutzen, als wäre er sein persönlicher Computer. Die Hacker im ARPA-Labor realisieren auf diese Weise die Idee des PC. Man muss die Daten nur richtig routen, damit mehrere Nutzer mit dem Rechner „on line“ verbunden sind und gleichzeitig daran arbeiten können. Sie teilen ihre Ressourcen, ohne einen eigenen Computer zu besitzen. Imagine no possessions. Was Hippies zur selben Zeit in Landkommunen praktizieren, ist in der Computerforschung extrem produktiv. 


Die erste Computermaus bei der Mutter aller Demos 

Vieles, was heute noch zur Grundausstattung eines PC gehört, wird in den 60er Jahren von Hackern entwickelt, die für das US-Militär forschen, vor allem im Augmentation Research Center unter der Leitung von Douglas Engelbart. Zum Beispiel Textverarbeitung, Videostream, Grafikprogramme, Hyperlinks, Windows und die legendäre erste Computermaus. Sie ist noch aus Holz und Metall. Zum ersten Mal wird der Gebrauch des Computers ganz aufs Individuum zugeschnitten. So führt Douglas Engelbart die Revolution bei der sogenannten „Mutter aller Demos“ vor.


Planung ist ein Feind der Freiheit 

Weil Hippies dahinterstecken, wird die Ein-Mann-Ein-Computer-Ideologie Anfang der 70er Jahre zur Glaubensfrage. Ebenso die vergleichsweise chaotische Arbeitsweise der Hacker. Niemand scheint ihnen zu sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben: „The basic ARPA idea is that you find good people and you give them a lot of money and then you step back”. Die Grundidee in den Computerlaboren der militärischen Forschung ist ganz einfach, meint Stewart Brand: Man findet gute Leute, gibt ihnen sehr viel Geld und lässt sie machen. Ohne Auftrag und ohne Plan folgen sie nur ihren Interessen. 

In digitalen Konzernen gilt dieser Grundsatz bis heute: Entscheidend für den Erfolg, heißt es, sind nicht Strategen, die alles vorhersagen und dadurch vieles verhindern, sondern querdenkende Hacker, die vieles ausprobieren können, weil das meiste nur erfunden wird, wenn es spontan entsteht – wie in einem Regenwald. So lautet später der Slogan. Die Deregulierungs-Euphorie des Silicon Valley stammt aus diesem gegenkulturellen Impuls: Planung ist ein Feind der Freiheit. Nach diesem Prinzip arbeiten Hacker auch im Palo Alto Research Center, das Alan Kay seit 1970 für den Konzern XEROX aufbaut. Auch dort gibt es keine Zentrale, die entscheidet, keine Hierarchie, die anordnet, obwohl das Unternehmen riesig ist. „That is the general bent of research at XEROX Research Center”. Das ist der Weg, den man dort geht. 

Ein Hippie-Hacker entwickelt das papierlose Büro 

Bill English, der in seiner Zeit am Augmentation Research Center von Douglas Engelbart die Computermaus erfindet, arbeitet im Palo Alto Research Center von XEROX, kurz PARC, an einem neuen Textverarbeitungssystem. An seiner Tastatur, meint Stewart Brand, entwickelt er das papierlose Büro. Der klassische Schreibtisch mit Zettelkasten, Wiedervorlage und Adressenliste sei deshalb bald Vergangenheit. Eine Ironie der Geschichte: Die Gegenkultur verachtet die verwaltete Welt, aber ein Hippie, der an LSD-Parties teilnimmt, ermöglicht die Rationalisierung der Verwaltung. Bürokratien können damit effektiver arbeiten. 

Das System zur Text-Manipulation, wie Stewart Brand es nennt, beherrscht Copy and Paste, Einfügen und Korrigieren und alle wesentlichen Elemente von Word, wie man sie heute noch kennt. Alles ist sofort erledigt, schwärmt der Reporter: „Ask for item so-and-so – blink, there it is. Make some changes – it’s changed. Designate keywords there and there – done. Request a definition of that word – blink, presented. Find a quote from a document in a friend’s file – blink, blink, blink, found. Add a diagramm and two photos – sized and added. Send the entire document to the attention of these people – sent”. Ein Klick und du hast das Dokument, das du willst. Du suchst ein Zitat? Hier ist es. Du willst was ändern im Text? Schon geschehen. Ein Foto einfügen? Erledigt. Du willst das Dokument verschicken? Ist gesendet. 

Das System zur Text-Manipulation von Bill English führt in eine neue Dimension der Informationsgesellschaft, schreibt Stewart Brand in seinem Artikel für den Rolling Stone. “The automated office allows you to 'fly' formerly unreachable breadths and depths of your information matrix and knowledge – affording the possibility of doing the whole work in a country cottage”. Büroarbeit kann man damit in einer Waldhütte erledigen. Happy Home Office. Er hat es geahnt. 

Der erste Laptop richtet sich an Kids jeden Alters

„That’s for grownups“: Das ist für Erwachsene, schreibt Stewart Brand. Sprich: Text-Verarbeitung ist was fürs Büro. Viel mehr begeistert ihn der erste tragbare Computer. Alan Kay, ehemals Künstler und Musiker, soll heißen: ein waschechter Kreativer, vor allem aber ein Verfechter der Ein-Mann-ein-Computer-Philosophie, entwickelt ihn im kurz zuvor gegründeten Palo Alto Research Center. Der Programmierer nennt sein handliches Gerät Dynabook. Im Vergleich zum Textverarbeitungsprogramm von Bill English und dem automatisierten Büro sei dieses Gerät eher was für Jugendliche und verspielte Erwachsene, ein Rechner für Kids jeden Alters: „Alan Kay is more interested in us kids. He is designing a hand-held stand-alone interactive-graphic computer about the size of a ‘Whole Earth Catalog’, called Dynabook”. 


Die Gegenkultur ist am Computer kreativ

Der erste Laptop mit einem hochauflösenden Bildschirm ist etwa so groß wie eine Zeitschrift, lässt sich überall dort verstecken, wo sich ein Kind versteckt und soll weniger als 500 Dollar kosten. Mit dem Grafik-Programm Paintbrush, das es immer noch gibt, können Kids an diesem Rechner zeichnen und malen. Mit einem anderen Programm soll man Musik komponieren können und mit der Sprachfunktion Smalltalk kinderleicht sein eigenes Ding programmieren: „It has the Smalltalk language capability which lets people program their own things very easily”. 

Das sind die neuen Technikträume der Gegenkultur: Mit dem Dynabook kann man am Computer kreativ sein. Man muss sich nicht mehr mit indianischer Perlenstickerei selbst verwirklichen oder indem man das Schnittmuster eines Trapperumhangs auf Hirschleder durchpaust. Noch wichtiger allerdings findet Stewart Brand, der Kunden seines „Whole Earth Catalog“ in Hippie-Kommunen kurz zuvor noch über solche Kreativ-Tipps informiert: Mit einem Dynabook ist man nie allein: „A Dynabook could link up with other Dynabooks, with library facilitities, with the telephone”. 

Ein Dynabook lässt sich mit dem Telefonnetz oder mit einem Bibliotheksrechner verbinden. Außerdem kann man sich mit mehreren Dynabooks zu einer virtuellen Kommune zusammenschließen – ohne gemeinsam aufs Land ziehen zu müssen, erst mal Geschlechterrollen zu klären, die Selbstversorgung mit Gemüse sicher zu stellen und abends die Gaya-Theorie zu diskutieren. Der utopische Horizont fürs Gemeinschaftshandeln hat sich mit dem ersten Alleskönner unter den Rechnern potentiell ins Unendliche geweitet. Leider auch der dystopische Horizont: Wenn sich jeder vernetzen kann, dann machen das auch Rassisten, Sexisten und Nazis. Leute, die man heute Populisten nennt, agitieren von Anfang an im Netz, schon Mitte der 80er Jahre in sogenannten Bulletin Board Systems, kurz BBS, bei denen man sich mit einem Modem übers Telefonnetz zusammenschaltet. 

Das erste Computerspiel soll dem Weltfrieden dienen 

All das kann der Entwickler des ersten Laptops nicht ahnen, als er sein Dynabook mit anderen Rechnern verlinken will. Für ihn sind Vergemeinschaftung und Vernetzung nach den Erfahrungen der Hippie-Generation Anfang der 70er Jahre positiv besetzt. Und noch etwas ist Alan Kay wichtig: Gamer sollen an seinem Rechner Spaß haben: „Of course it plays Spacewar”. Mit dem Dynabook kann man das erste interaktive Computerspiel spielen, in einer harmonischen, aggressionsfreien Mensch-Maschine-Fusion, ohne auf die Rechner der Erwachsenenwelt angewiesen zu sein. Und das dient letztlich dem Weltfrieden: „Spacewar serves Earthpeace. So does any funky playing with computers or any computer-pursuit on your own peculiar goals”. 

Spacewar dient dem Weltfrieden, so wie jedes andere verrückte Spielevergnügen am Computer auch. Es klingt wie der erste Hauptsatz einer kruden Hippie-Utopie. Aber Stewart Brand meint die Bemerkung ernst – weil Spacewar nur der Kommunikation dient, während die gleichzeitig brillanten und dummen Großrechner, mit denen man reale Kriege in Vietnam planen und führen kann, nichts als Verwüstung und Chaos anrichten: „Where a few brilliantly stupid computers can wreak havoc, a host of modest computers serving innumerable individual purposes can be healthfull, can repair havoc, can feed life”. Benutzer kleiner, bescheidener Computer können helfen, all das zu reparieren, was andere mit ihren Großrechnern und Planungstools zerstört haben.


Computing Power to the People 

Außerdem ist Spacewar ein Spiel. Allein das wäre für deformierte Bürokraten und eindimensionale Technokraten schon eine Therapie. Vor allem aber ist Spacewar von Hackern entwickelt worden, nicht von Planern. Damit kommt Stewart Brand zu seinem eigentlichen Punkt: Wenn Computer kleiner und billiger werden und wirklich zu den Leuten finden, werden Hacker den Laden übernehmen, und die Strategen, die schon so viel Unheil angerichtet haben mit Großrechnern, Waffensystemen und Massenprodukten sind raus. Das ist seine Phantasie des kommenden Aufstands: „When computers are available to everybody, the hackers take over”. 

Wenn jeder einen Computer hat, hängen wir zwar alle vor dem Rechner, aber alles wird gut: „We are all Computer Bums, all more empowered as individuals and as co-operators”. Am Ende werden wir alle mehr Macht haben, dank des Computers, jeder für sich und alle zusammen. Wie das Empowerment realisiert werden soll, erfährt er während seiner Reise durchs heutige Silicon Valley bei der Hacker-Kommune Resource One – wie man am Computer Protest organisiert, eine Gegenöffentlichkeit formiert und am Ende eine neue Form der Basisdemokratie schafft. Das ist das Ziel der Aktivisten. Wie schon in den 60er Jahren wollen sie dem Volk die Macht übertragen, diesmal elektronisch. “Computing Power to the people. So began one of the great hustles of modern times”. 

Für Stewart Brand handelt es sich um eines der großen Projekte der Gegenwart. Deshalb besucht er die Nachfolger der Neuen Linken, der Kriegsgegner und der Free Speech Movement bei Resource One. Anders als die Hippie-Bewegung, für die der politische Kampf sinnlos und von vorneherein verloren ist, weil er nie zu echter, persönlicher und gesellschaftlicher Veränderung führen kann, setzt dieser Teil der Gegenkultur auf Bürgerprojekte. Den Aktivisten geht es um politische Einflussnahme, jetzt mit Hilfe einer neuen Kommune im Industriegebiet von San Francisco. Pam Hart, eine der wenigen Frauen unter den frühen Computer-Entwicklern, die mit ihrer sanften Stimme und ihrem hypnotischen Gemurmel angeblich jeden von allem überzeugen kann, betreibt dort ihre Version der Warhol-Factory: 200 Künstler, Handwerker, Hacker und deren Familien leben in einem ehemaligen Lagerhaus unter einem Dach. 

Informationskontrolle ist von entscheidender Bedeutung 

Mittelpunkt der Gemeinschaft ist eine Maschine: ein Ungetüm namens IBM XDS-940. Die Hacker der Kommune überholen das Monstrum und erklären den Rechner zu einer gemeinnützigen Einrichtung: Jeder, der will, kann ihn benutzen – zumindest jeder, der dort Sozialstatistiken erstellt, Daten über Volkszählung, Bodennutzung und Eigentum koordiniert, das Wählerverhalten analysiert und Adressenlisten organisiert. Die Computer-Kommune will die Gesellschaft damit grundlegend verändern. So steht es in ihrem ersten Newsletter. 

„Die Computer-Technologie wurde bisher hauptsächlich von der Regierung und ihren Unterstützern benutzt, um riesige Mengen von Information über unzählige Menschen zu speichern und wieder abzurufen. Auch der Inhalt der verfügbaren Informationen wird von zentralisierten Institutionen bestimmt – der Presse, dem Fernsehen, dem Radio, den Nachrichtendiensten, Planungsstäben, Administrationen, Universitäten und Schulen. Sie werden von denselben Interessen kontrolliert wie die Wirtschaft. Gerade das führt uns zu der Überzeugung: Die Kontrolle über Information ist von entscheidender Bedeutung“. 

Der Gegenkultur ist klar: Informationskontrolle bedeutet Datenherrschaft. Das kann der Herrschaftsanspruch eines Konzerns sein, mit dem Marktmacht ausgeübt wird. Der Herrschaftsanspruch eines Geheimdienstes, mit dem eine Regierung die Macht des Staates exekutiert. Oder aber ein Herrschaftsgedanke der Neuen Linken, mit dem Resource One 1972 in einem umgebauten Lagerhaus das Empowerment der Zivilgesellschaft vorantreibt, gegen den Herrschaftsanspruch der Anderen. Die Gegenkultur der Hacker fordert, dass gesellschaftsrelevante Informationen niemals unter Verschluss bleiben. Geheimhaltung ist für sie die Grundlage der Tyrannei. Das lernen die Aktivisten von ihrem Lieblingsautor Robert Heinlein. So steht es in seinem Bestseller „Revolt in 2100“: „Secrecy is the keystone of all tyranny”. 

Apple verarbeitet die Gegenkultur zu einem Werbespot 

Informationen müssen für alle sichtbar sein, anfangs in einer lokalen Datenbank im Industriegebiet von San Francisco, später im Netz. Nach diesem Prinzip arbeitet heute noch Wikileaks, wenn Regierungsdokumente veröffentlicht werden, etwa um Kriegsverbrechen im Irak publik zu machen – weil Transparenz die Macht der Herrschenden bricht. In der Sprache der Gegenkultur bedeutet das: Big Brother muss zerschlagen werden. Aus diesem gegenkulturellen Impetus macht Apple 1984 eine legendäre Marketing-Kampagne und bewirbt damit den neuen Macintosh als Instrument der Befreiung – damit das Jahr 1984 nicht „1984“ im Sinne George Orwells wird: „Why 1984 won’t be like ‘1984’” lautet der Slogan in dem einminütigen Werbefilm, den Blade-Runner-Regisseur Ridley Scott im Auftrag von Apple dreht.


Informationen sind ihrem Wesen nach frei 

Big Brother and the Holding Company: Eine Band der Gegenkultur, in der Janis Joplin für die Vocals verantwortlich ist, trägt das Feindbild im Namen. Auch bei der ersten Hacker-Konferenz im selben Jahr 1984 sind staatliche Planer und große Unternehmen die Feinde der Freiheit. Die besten Programmierer, die nicht für einen Konzern wie IBM oder AT&T arbeiten, lädt Stewart Brand in einen ehemaligen Stützpunkt der US-Armee hinter der Golden Gate Bridge. Die Ideale der Gegenkultur, meint er, werden bei dieser Hacker-Konferenz von der Cyberkultur eins zu eins übernommen. Hierarchie wird geschmäht, Autorität verachtet. Man soll ihr misstrauen: „Mistrust authority, promote decentralization”. 

So steht es in der sogenannten Hacker-Ethik, die bei dieser Konferenz formuliert wird. Ted Nelson, der in den 60er Jahren den Hypertextlink erfindet, bezeichnet das Klassentreffen der Programmierer als Woodstock der Cyberkultur. Nicht zuletzt, weil Stewart Brand dort einen Satz sagt, der wie das erste Gebot der digitalen Welt zitiert wird: „All information wants to be free”. 

Auch ein CEO des Circle im Roman von Dave Eggers beruft sich auf diesen Satz. Es könnte Apple-Gründer Steve Jobs gemeint sein. Mit der grundsätzlichen Freiheit von Informationen legitimiert er die Totalerfassung der Nutzer. Jeder soll Informationen freigeben und gleichzeitig freien Zugang zu allen Informationen haben, die über die Server des Konzerns laufen: Alle sollen Wissen bereitstellen und Daten verschenken, wie schon am IBM-XDS 940 der Hacker-Kommune Resource One – allerdings ohne deren Verwendung kontrollieren zu können.

Computer gleich Aktivismus

Die Freiheit der Information führt zur Ohnmacht der Konsumenten. Was als Empowerment freier Bürger gedacht ist, entpuppt sich als Farce unfreier Datenproduzenten. Aber die Legende bleibt: Partizipation ist ein Machtinstrument – Datenherrschaft bekämpft politische Unterdrückung – Computer gleich Aktivismus. Für einen Hacker wie Lee Felsenstein besteht darin das Potenzial der Technologie. Mit Rechnern kann man die Staatsmacht attackieren: „Lee Felsenstein considered the computer itself a model for activism, giving the people power over political oppressors”, schreibt der Journalist Steven Levy in seiner Geschichte über Hacker als Helden der Computer-Revolution. 

Das Prinzip der Datenherrschaft hat Resource One erkannt. Aber das Projekt hat nicht den Erfolg, den sich die Aktivisten erhoffen. Die Helden der Revolution kommen einfach nicht zum Computer. Nach einem frustrierenden Jahr ändert Resource One die Strategie – und macht dasselbe wie Apple und andere Firmen ein paar Jahre später auch: Die Aktivisten bringen den Computer wirklich zu den Leuten. Die Guerilla-Hacker sind die ersten im Silicon Valley. Das heißt damals, Anfang der 70er Jahre, vor der Erfindung des PC, sie platzieren sogenannte Stand-Alone-Computer, die etwa so groß sind wie heutige Kopierer, an mehreren Orten der Region, unter anderem in einem Arbeiterviertel und in einer Bibliothek. Alle sollen die gleichen Chancen haben, ihre Stimme zu erheben. 

Die Gegenkultur erfindet die Sozialen Medien 

Weil auch die Hacker der Gegenkultur ein Gefühl für Branding haben, nennen sie ihr Vorhaben der Computervermehrung nicht mehr Resource One, sondern Community Memory Projekt. Dessen Ziel wird programmatisch formuliert: „Community Memory ist ein gemeinschaftliches Projekt, das direkte Kommunikation zwischen Benutzern ermöglicht, die gemeinsame Interessen haben, ohne dass die ausgetauschte Information kontrolliert oder beeinflusst wird. Das Resultat ist eine selbstverantwortete, selbstgesteuerte, selbstverwaltete und effiziente Interaktion“. 

Alle sollen Zugang zu denselben Informationen besitzen, alle dieselbe Datenbasis nutzen, damit alle sich gegenseitig informieren können über alles, was wichtig ist: Das Kommunikationsverhalten an Community-Memory-Computern entspricht dem Prinzip der Sozialen Medien. Die Idee stamt von der Gegenkultur. Dafür werden die Aktivisten in der Ausstellung „Hippie Modernism“ des Berkeley Art Museum noch im Frühjahr 2017 gefeiert.

Fliegenkopf

Haus-Rucker-Co: Environment Transformer / Fliegenkopf, 1968, Walker Art Center

Mit Suchmaschinen kann man einen Guerilla-Krieg führen 

Außerdem haben die Community-Memory-Rechner eine Suchfunktion: Wer Gedichte von Allen Ginsberg oder alternative Heilmethoden sucht, findet sie dort. Die Gegenkultur betreibt die erste Suchmaschine für alles und jeden, einen Vorläufer von Google. Sie will den Informationsfluss damit auf unbürokratische Weise beschleunigen: „The idea was to speed the flow of information in a decentralized, nonbureaucratic system”. 

Auch wenn hier und da nur ein Sponti-Spruch gepostet wird oder jemand Sexpartner für eine Boa Constrictor findet: Das Community-Memory-Projekt ist der Beweis, dass Computer für einen Guerillakrieg gegen das Establishment benutzt werden können, schreibt der Journalist Steven Levy in seinem Buch über die Helden der Computer-Revolution: „Computer technology could be used as guerilla warfare for people against bureaucracies”. Für Stewart Brand sind Rechner von da an Counter-Computer, analog zum Begriff Counter-Culture. 

DU musst entscheiden, wie du Computer nutzen willst 

Die Neue Linke will mit dem Counter-Computer die Demokratie erneuern, so steht es in ihrem Newsletter: „In unserem System ist die Informationsmacht demokratisiert. Unser Ziel ist eine direkte Informationsdemokratie“. Entscheidend ist, dass DU die Ziele definierst, sagt die Hackerin und Kriegsgegnerin Pam Hart 1972 in Stewart Brands Bericht für den Rolling Stone. Er druckt den Satz in Großbuchstaben: Ziele definieren ist DEINE Aufgabe. Die Entscheidung, wie du den Computer nutzen willst, darfst du nicht anderen überlassen. Und wenn du es doch machst – heute heißt das: wenn man AGB’s digitaler Unternehmen gegenzeichnet – bist du selbst schuld. Dann bist du als Nutzer der Dumme. DU musst die Chancen der Technologie erkennen. Mach was Positives daraus: „We started talking and thinking about how it was actually possible to do something positive with technology – when YOU define the goals”.

Das ist die Aufforderung der Gegenkultur, Anfang der 70er Jahre: DU musst entscheiden, wie du den Computer nutzen willst. Von digitalen Konzernen wird das Prinzip der Selbstbestimmung später kommerzialisiert: Jeder kann sich einen Account zulegen und eine Seite einrichten. Jeder kann posten und bloggen, im Netz surfen und nach Dingen suchen, wie er will. Jeder kann eine Community gründen, ein Gedicht veröffentlichen, Protest gegen eine EU-Verordnung organisieren oder die Regierung kritisieren – nur, dass man heute in der Regel auf Dienste privater Anbieter angewiesen ist, die meisten kostenfrei. 

Die Computer-Revolution scheitert an der Illusion der Freiheit 

Das heißt, jeder bezahlt mit seinen persönlichen Daten für die Illusion, frei zu entscheiden, wie er den Computer nutzen will: Wenn man die Seite einer Suchmaschine besucht, bei einem Online-Händler einkauft oder in Sozialen Medien kommuniziert, wird das Nutzerverhalten von Algorithmen nachhaltig manipuliert. Aber jede Aktion erweckt den Anschein, man hätte eine freie Wahl getroffen. Auch an dieser Illusion der Freiheit scheitert die Befreiung der Massen durch die digitale Revolution. Aber die Legende der Selbstbestimmung bleibt: „When YOU define the goals”. 

Der Auftrag der Gegenkultur wird in den 90er Jahren zur politischen Forderung: Die gesamte Cyberkultur, inklusive der digitalen Ökonomie, darf nicht staatlich reguliert werden, heißt es jetzt. Denn um selbst entscheiden zu können, wie man Computer nutzen will, darf niemand Rahmenbedingungen dafür erlassen: Kein Gesetzgeber darf bestimmen, nach welchen Regeln man im Netz kommuniziert. Im Internet soll man sich genauso unkontrolliert, spontan und im Zweifel chaotisch informieren und austauschen können, wie an den Stand-Alone-Rechnern im Community Memory Projekt der Gegenkultur: “I come from Cyberspace, the new home of the Mind”.

Im Cyberspace ist der User der Souverän 

Das Internet soll die neue Heimat des Geistes sein, eines technologisch erweiterten Bewusstseins. Schließlich sind Computer das neue LSD. John Perry Barlow, in den 60er Jahren Songtexter von „The Grateful Dead“, einer Hausband der Gegenkultur, veröffentlicht seine Botschaft 1996 beim Weltwirtschaftsforum in Davos mit einer Unabhängigkeitserklärung. Der erste Satz gibt die Richtung vor: “Governments of the Industrial World, you weary giants, I ask you to leave us alone. You are not welcome among us“. Regierungen der industrialisierten Welt – aus seiner Sicht müde Giganten – sind in der neuen Weltgemeinschaft nicht willkommen. Im Cyberspace, wo sich die globale Community trifft, sollen Nutzer der Souverän sein. Staaten, schreibt er, haben kein Recht, das Netz zu regieren: „You have no moral right to rule us”. 



Freiheit auch für Apple, Google und Co. 

Sein Ideal ist eine Weltgemeinschaft ohne Regierung. Die Bewohner des Internet sollen ihren eigenen Gesellschaftsvertrag schließen: ohne die existierenden Staaten und ohne deren Institutionen. Mit Blick auf die gegenkulturelle Herkunft des Autors dieser Erklärung kann man hinzufügen: So wie sich Landkommunen, Hippie-Projekte oder die Hacker der Neuen Linken bei Resource One in den 60er und 70er Jahren Community-Regeln geben, etwa in Opposition zum Eigentumsbegriff westlicher Verfassungen, so soll die digitale Weltgemeinschaft ihre eigenen Grundrechte und Verhaltensregeln formulieren, damit vernetzte Weltbürger ungestört, gleichberechtigt, hierarchiefrei und transparent kommunizieren können. Informationsfreiheit ist auch hier das oberste Gebot: „This governance will arise according to the conditions of our world, not yours”. 

Die User sollen bestimmen, wie sie im Cyberspace kommunizieren. Das heißt, der private Sektor entscheidet, nicht der Gesetzgeber. Um diese Freiheit geht es John Perry Barlow. Sie soll ausdrücklich auch für Apple, Google, Facebook und Co gelten. Utopien der Gegenkultur müssen nicht kommerzialisiert werden: Kommerzialisierung gehört in der Unabhängigkeitserklärung des privaten Sektors zur Utopie. Schließlich erwirtschaften nicht Regierungen den Wohlstand, die private Wirtschaft erbringt die Leistung. Auch diese Botschaft adressiert John Perry Barlow mit jugendlichem Trotz an vermeintliche Verhinderer der Freiheit in angeblich tyrannischen Regierungen der westlichen Welt: „You did not create the wealth of our marketplaces”. 

John Perry Barlow glaubt, dass der ungehinderte Kapitalismus und eine urdemokratische Gesellschaft freier Besitzbürger wie zu Zeiten Jeffersons auf derselben Utopie beruhen. Mit Hilfe des Computers und des Internet lässt sie sich verwirklichen. Dann werden die neuen Weltbürger in einer unkontrollierten, nichtregierten, deregulierten, digitalen Weltgemeinschaft einen zugleich gegenkulturellen und kapitalistischen Traum realisieren, als wären sie angetörnte, freiheitsliebende und fröhliche Mutanten der Gegenkultur: „John Perry Barlow believed that use of computers and the Net was going to lead to a glorious online Jefferson republic, a global community of tuned-in, freedom-loving, happy mutants”.

Die digitale Ökonomie soll sich spontan entfalten 

So kommentiert die Journalistin Paulina Borsook in ihrer Silicon-Valley-Kritik mit dem Titel „Cyberselfish“ die kapitalistisch-gegenkulturelle Utopie von John Perry Barlow. Prinzipien der Gegenkultur – über das Leben einer Gemeinschaft ohne Regierung, nach eigenen Regeln und mit nichthierarchischer Kommunikation – werden mit der Unabhängigkeitserklärung des Internet an die digitale Ökonomie verraten. Sie ist das Missing Link: Zwischen einer Generation, die mit Computern eine Gegenmacht zum Regierungshandeln und vor allem persönliche Freiräume schaffen will – einerseits. Und der digitalen Ökonomie andererseits, die ebenfalls die Regierung verachtet und den Staat fernhalten will, auf dass sich die wirtschaftliche Aktivität im digitalen Sektor unkontrolliert, dereguliert und spontan entfalten kann, ohne durch staatliche Gesetze über Freiheitsrechte, Datenschutz und Mindestlohn oder durch Steuern gestört zu werden: „Economic activity spontaneously organizes itself”.


Niemand kann einen kapitalistischen Regenwald managen 

Der Bezug zur Gegenkultur wird von den digitalen Deregulierern bewusst gesucht, zum Beispiel durch das Wort spontan in Michael Rothschilds Bestseller „Bionomics: Economy as Ecosystem“ aus dem Jahr 1991. So wie die Hippie-Hacker Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in der Computer-Forschung machen dürfen, was sie wollen, und dabei extrem innovativ und produktiv sind: Genauso spontan und effektiv soll sich seit den 90er Jahren der gesamte digital-kreative-kapitalistische Komplex im Silicon  Valley entwickeln: wie ein kybernetischer Automat, der unvorhersehbare, chaotische Prozesse von selbst steuert und die kapitalistische Ökonomie harmonisch equilibriert: „The capitalistic economy is the equilibrum of unexpected, erratic change, frustrating for those who want to plan and control it”.

Unkontrolliert, unberechenbar, frustrierend für alle, die den Kapitalismus regulieren wollen, entwickelt sich die digitale Ökonomie am besten, schreibt Michael Rothschild, Gründer und Herausgeber der Computer-Zeitschrift „Wired“. Wie in der Gegenkultur sind staatliche Planer die Feinde der Freiheit. Allerdings nicht, weil sie für den Krieg arbeiten, die Entwicklung einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft verhindern oder emotional verarmte, unkreative Technokraten produzieren, sondern weil sie nicht verstehen, dass sich die digitale Ökonomie dereguliert entfalten muss, um wachsen zu können. All das mündet Mitte der 90er Jahre in den Satz: „Die Wirtschaft ist wie ein Regenwald“. Auf diese Formel bringt es ein beliebter Sticker, der in den 90er Jahren auf dem Heck vieler Autos im Silicon Valley zu sehen ist: „The economy is a rainforest”. 

Niemand kann einen wild wuchernden, kreativen Organismus wie den Regenwald managen. Das ist die neue Erfolgsformel, obwohl das freie Spiel der New Economy in den 90er Jahren zu dramatischer Instabilität führt und als gigantischer Crash endet. Aber die Legende bleibt. Nur wenn man den Regenwald sich selbst überlässt, sieht man dort glückliche Affen, hübsche Schmetterlinge und lustige Tapire, lautet das Argument der Deregulierer: „Rain forests are happiest when they are left alone to evolve, which will then benefit all the happy monkeys, pretty butterflies and funny tapirs that live in them”. 

Die digitale Ökonomie verändert die Community 

Im kapitalistischen Regenwald sind Wirtschaftszweige und Unternehmen die Spezies und Organismen. Sie befinden sich, wie der technische Fortschritt, in einem Prozess fortwährender Evolution, schreibt Paulina Borsook, früher Autorin bei der Computer-Zeitschrift „Wired“, die in den 90er Jahren verantwortlich dafür ist, dass die libertäre Ideologie in der digitalen Ökonomie dominant wird und Hipster das bio-ökonomische Denken übernehmen: Innovation gleich Mutation, Wettbewerb gleich Selektion, der Markt ist das Maß aller Dinge. Der Kapitalismus, heißt es, entwickele sich darwinistisch. In diesem Punkt vertreten libertäre Hacker dieselben Ansichten wie rechtspopulistische Republikaner, die einen Milliardär zum Präsidenten wählen, weil er die staatliche Regulierung der Wirtschaft und etablierte Institutionen verachtet. 

Das bio-ökonomische Denken verändert das Prinzip der Gemeinschaft. Schon Mitte der 80er Jahre kommerzialisiert die digitale Ökonomie das Community-Konzept der Hippies. Sie banalisiert den Idealismus und erfindet Special Interest Gruppen als Verkleinerungsform utopischer Gemeinschaften im Netz. In sogenannten SIG’s unterrichten sich Erdbeben-Afficionados über Neuigkeiten auf der Richterskala, Mütter ritalinsüchtiger Kinder tauschen sich über Therapien aus und Freunde historischer Kostümierung posten Tipps für die nächste Verkleidung. Aus Sicht der Unternehmen versammelt sich in einer Internet-Community jeweils eine Zielgruppe, die man mit Werbeangeboten ins Visier nehmen kann, als wäre sie das Zielobjekt in einem Krieg – ein target: „In the ecommerce-besotted oughts, 'community' has come to mean 'target-demographic that can be narrowcast marketed to'“, schreibt Paulina Borsook.

Dauerkommunizierer scannen Konsumentscheidungen 

Das Feld, noch einmal militärisch gesprochen, bereiten Zielgruppen-Menschen in Online-Communities selbst, weil sie der Aufforderung der Gegenkultur – DU entscheidest, wie DU den Computer nutzt – nachkommen, indem sie anderen Usern permanent mitteilen, was sie kaufen oder welche Marken und Artikel sie cool finden. Sie informieren über den Erstverkaufstag eines Sneakers, posten Bilder von Produkten, verschicken Links, wo man sie finden kann – Ebay, Zalando et cetera – und plaudern viel und gerne darüber, welches Ding sie als nächstes erwerben wollen. Auch das ist ein Ergebnis, wenn Computer die Menschen befreien: Die Gegenkultur der Individualisierung, die sich gegen die Konformität der Masse richtet, produziert dauerkommunizierende Dauerkonsumenten. In Online-Communities scannen Leute ständig, was andere über Konsumentscheidungen posten: „21st-century electronic communites are places where people can read what other people have said about their purchase decisions”.

In diesen Communities spielt die Urszene der privaten Datenherschaft. Denn damit Online-Händler, Soziale Medien, Betreiber von Suchmaschinen und Verkäufer von Hardware die Mitglieder solcher Gemeinschaften zu fassen kriegen, speichern sie Unmengen von Datenspuren, analysieren das digitale Verhalten ihrer Kunden und kontrollieren ihren Traffic. Schließlich ist jede digitale Information ein Mensch in elektronischer Verkleidung. So formuliert es Jaron Lanier, der in einer Hippie-Kommune unter einem geodätischen Dom aufwächst, den ersten Datenhandschuh entwickelt, den Begriff der virtuellen Realität prägt und heute vor allem als Internetkritiker bekannt ist: „Information is people in disguise“. 

Die ökonomische Wirkung der Kommunikation ist messbar 

All das gilt auch für scheinbar belanglose Kommunikation. „Es geht doch bloß ums Kajaken“ – „Bloß ums Kajaken?“ Die permanente Kommunikation über möglichst vieles, selbst über ein banales Freizeitvergnügen wie Kajaken, wird Teil der Wertschöpfung. Die Hauptfigur in Dave Eggers Roman „The Circle“, lernt, dass es immer um Kapitalisierungsmöglichkeiten geht: „Ist dir klar, dass Kajaken eine Drei-Milliarden-Dollar-Branche ist? Und du sagst, es geht bloß ums Kajaken? Begreifst du nicht, dass alles miteinander zusammenhängt? Du musst par-ti-zi-pieren!“

Sobald kleine Fluchten mit konsumierbaren Produkten stattfinden, lässt sich jeder Kommentar, jeder Post, jeder Like und jedes Foto als Vermarktungspotenzial in harten Währungen ausweisen. Die Circle-Welt nennt diese Korrelation von Kommunikation und Konsum Conversation Rate: „Seit Jahren tracken kleinere Unternehmen den Zusammenhang zwischen Online-Erwähnungen, Kritiken, Kommentaren und Ratings einerseits und tatsächlichen Kaufentscheidungen andererseits. Im Grunde messen sie die ökonomische Wirkung deiner Partizipation. Jeder Kauf, der durch eine Empfehlung von dir initiiert wurde, hebt deine Conversation Rate. 

Die ökonomischen Auswirkungen des Gemeinschaftshandelns sind messbar, mit der nächsten Applikation auch in Dollar: „Unter der Conversation Rate steht dein Retail Raw, der Gesamt-Bruttokaufpreis empfohlener Produkte. Angenommen, du empfiehlst einen Schlüsselanhänger zu vier Dollar das Stück und 1.000 Leute nehmen deine Empfehlung an, dann bringen diese Schlüsselanhänger deine Retail Raw auf 4.000 Dollar. Macht Spaß, oder?“ 

Alpha-Hipster inszenieren sich als Erben der Gegenkultur

Die Nachfahren der Gegenkultur folgen einer libertären Ideologie. Sie kapitalisieren alles und jeden, verachten die Regierung und hegen einen ähnlich stark ausgeprägten Anti-Establishment-Impuls wie 30 Jahre vor ihnen die Gegenkultur. Aber anders als die Hippies und die Neue Linke in den 60er Jahren, richten sich die libertären Hipster nur gegen den Staat, nicht gegen die Wirtschaft. Bei all dem sind sie sozialliberal, tolerant, arbeiten in multikulturellen Milieus und vertreten eine Moral, die von rechtskonservativen Deregulierern verabscheut wird. Sie befürworten das Recht auf Abtreibung, eine liberale Drogenpolitik und sind für Diversität im Unternehmen. 

In ihrem digital-kreativen-kapitalistischen Komplex inszenieren sich Alpha-Hipster als Erben einer aufgeklärten Gegenkultur – mit ausgeprägt ökologischem Bewusstsein, liberalem Lebensstil und buddhistischer Bescheidenheit, jedenfalls privat, wie der superreiche und supersüße High-Tech-Programmier-Hase, dem Paulina Borsook im Silicon Valley begegnet, fast 25 Jahre nachdem Stewart Brand sich dort über Hacker in Turnschuhen und das Hippie-Outfit der Computer-Entwickler freut: „My hypernerd, honey-bunny-baby of a centurion of high tech, who has tons of friends who in their middle-thirties can decide to cash out and never work again, who have their very own private residential helicopter pad, and who himself chooses to live a life of voluntary poverty and simplicitiy”. Der Supernerd mit Hunderten von Mitarbeitern und Myriaden von Freunden, die alle einen eigenen Helikopter-Landeplatz besitzen, mit Mitte Dreißig aussteigen könnten und nie mehr arbeiten müssten, lebt freiwillig in Armut und Einfachheit. 

Die digitale Kultur des Optimismus ist ein Business-Porno 

„For him, thinking biologically makes sense”. Obwohl er jederzeit mit Geld um sich werfen könnte, ist die Ressourcen schonende, biologisch-dynamische Existenz die einzig sinnvolle für ihn: Er besitzt kein Auto und wohnt in einem ökologisch korrekt gedämmten Niedrig-Energie-Apartment – ähnlich bescheiden wie der Chef des „Circle“ in Dave Eggers Roman. Dieser inszeniert sich außerdem als Surferboy. Im Büro ist er selten zu finden. Er hängt lieber am Strand ab: „Viele von euch haben sich vielleicht gefragt, wo ich gesteckt habe“. 

In der digitalen Ökonomie werden daueroptimistische Elite-Hacker, die privat einen demonstrativen Hippie-Style pflegen und beruflich einer darwinistischen Logik folgen, stillschweigend als Rolemodel verehrt. Sie sind der Phänotypus der kalifornischen Ideologie, jener bio-ökonomischen Weltsicht mit gegenkultureller Benutzeroberfläche: „What’s tacit in much of this biological-economic language is a bias toward certain kinds of phenotypes”. Für Paulina Borsook ist die mediale Inszenierung der Hacker-Elite und ihre Kultur des Optimismus ein Business-Porno. Am Ende ihrer Kritik der hippen Deregulierer im Silicon Valley kommt ihr eine Zeile aus dem Gedicht „Second Coming“ von William Butler Yeats in den Sinn: Die Besten verlieren jede Überzeugung, die Übelsten machen es aus Leidenschaft. 

Flower Power wird eine Mottoparty zum Thema Selbstbefreiung

Wie die Hacker-Elite den Hippie-Style instrumentalisiert und damit ihren Zynismus offenbart, kann man beim Burning Man Festival beobachten, bei dem die Nachfahren der Gegenkultur sich jedes Jahr im August eine Woche lang in der Wüste von Nevada treffen und den Summer of Love nachstellen, als würde ein Karnevalsverein mit Millionenetat eine Mottoparty zum Thema Selbstbefreiung veranstalten. Radikale Selbstverwirklichung lautet die Devise, damit jeder bei der Wüstenfeier seine einzigartige Individualität ausdrücken kann: „Radical Self-expression arises from the unique gifts of the individual”.

Man kann sich beim Burning Man Festival von Body-Paintern bunte Mutter-Erde-Kreise auf nackte Brüste malen lassen. Danach mit einem total verrückt verzierten Fahrrad, auf einer Rakete auf Rädern oder mit einem Feuer speienden Einhorn zum Yoga radeln, den Hula-Hoop-Kurs für Erwachsene besuchen, an einem Kamasutra-Wettbewerb teilnehmen, Geschlechtsteile im Kartoffeldruckverfahren auf Postkarten verewigen, zwischendurch Nudisten umarmen, beim neuheidnischen Kult die Fackel halten, auf einer sogenannten Playa mit 70.000 anderen Besuchern diverse Drogen nehmen, schließlich die Nacht zu dröhnendem Electro durchtanzen und dort mit Ex-Google-CEO Eric Schmidt, Amazon-Chef Jeff Bezos, Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg oder Tesla-Gründer Elon Musk abhotten. Vor allem kann man all das filmen, posten und kommentieren, sein eigenes Burning-Man-Video auf Youtube hochladen und damit die zehn Prinzipien des Festivals nicht nur in real life ausleben. 


Burning Man versteht sich als Gemeinschaft

Der dritte Grundsatz ist der wichtigste: “Radical Self-reliance”. Dieses Prinzip der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit findet Stewart Brand schon 1972 bei den Hippie-Hackern in den Computerlaboren des heutigen Silicon Valles. Er verehrt ihre Haltung, weil sie das Potenzial der Widerständigkeit und des Non-Konformismus enthalte: „Our generation proved that where self-reliance leads, resilience follows”. 

Das Burning Man Festival versteht sich als Gemeinschaft. Die Ideale der Hippie-Kommunen und der Gegenkultur werden ideologisch ausgeschlachtet. Auch das Prinzip der Partizipation, ein Ideal der Neuen Linken und der Bürgerrechtsbewegung, wird in den Festival-Prinzipien hochgehalten: „Our community is committed to a radical participatory ethic”. Wie intensiv jeder Einzelne partizipiert, kann man im Roman von Dave Eggers messen. Die digitale Blase erfindet dafür eine Applikation: „Das ist dein Partizipations-Ranking, kurz PartiRank: eine algorithmisch generierte Zahl, in die alle deine Aktivitäten einfließen“. 

Das elektronische Blockwartsystem der Partizipation 

Legitimiert und gleichzeitig ideologisiert wird das elektronische Blockwartsystem mit einem Begriff absoluter Gemeinschaft. Ihr zu dienen ist obligatorisch, als handele es sich um eine Volksgemeinschaft. Wer sich verweigert, wird ausgegrenzt. Das ist das Nazi-Prinzip der Filter-Bubble: „Deshalb bin ich hier. Ich finde den Community-First-Gedanken toll“, erklärt die Hauptfigur, Mae Holland, im Roman „The Circle“. 

In Dave Eggers fiktivem digitalem Konzern wird das Burning Man Festival beinahe täglich in dezenter Form nachgestellt, inklusive Sonnenwendekram. So wird der neuheidnische Fackelkreis im Roman genannt: „Als Mae im Zentrum des Campus ankam, dunkelte es. Mitarbeiter waren dabei, Tiki-Fackeln auf dem Gras aufzustellen, die bernsteinfarbenes Licht verströmten. Der Rest von Kalifornien, der Rest von Amerika, kamen ihr vor wie das heillose Chaos in einem Entwicklungsland. Außerhalb der Circle-Mauern gab es bloß Lärm und Kampf, Versagen und Dreck. Hier war alles vollkommen. Die besten Leute hatten die besten Systeme gemacht, und die besten Systeme hatten Geldmittel eingebracht, die das hier möglich machten. Wer könnte Utopia bauen, wenn nicht Utopisten?“ 

Hippie-Architektur wird von Google nachgebaut 

Im Silicon Valley werden Utopien der Gegenkultur zur Symbolsprache degradiert. Im Headquarter von Google arbeitet die digitale Blase demnächst unter gläsernen Zeltdächern. Sie erinnern bewusst an die geodätischen Dome von Buckminster Fuller in Hippie-Kommunen wie Drop City. Im neuen Hauptsitz von Facebook in San José hat der Pritzker-Preisträger Frank Gehry den Community-Gedanken in Beton gegossen und eine 450 Meter lange, luftige Halle errichtet, als wären die Mitarbeiter Teil einer großen Gemeinschaft unter einem naturnah begrünten Flachdach. In Dave Eggers Roman sind Imperative der Gegenkultur sogar in den Fußboden des Unternehmens eingraviert: „Seid phantasievoll. Träumt. Bringt euch ein.“ 

„Sucht Gemeinschaft“. Wie Ideale der Hippies von der digitalen Ökonomie adaptiert werden, erklärt Dave Eggers mit einem einzigen Satz. Der gegenkulturell geprägte Boss des Circle spricht über seinen CEO-Kollegen in der Führungstrias und man merkt, dass er ihn für seine Skrupellosigkeit zugleich verehrt und verachtet: „Er hat unseren Idealismus professionalisiert und unsere Utopien zu Geld gemacht. Und das mit unglaublicher privatwirtschaftlicher Effizienz“. 

Kollateralschaden einer optimistischen Ideologie 

Die Zeltstadt für Obdachlose im Silicon Valley, zeitweise eine der größten in den USA, weil immer mehr Working Poor sich die Mieten in der San Francisco Bay Area nicht leisten können, wird in dieser bio-ökonomischen Weltsicht immer noch wie der Kollateralschaden einer optimistischen Ideologie behandelt. Auch die Tristesse der Nachtbusse in Palo Alto, wo Facebook bis vor kurzem seinen Firmensitz hatte, wird ausgeblendet. Die Linie 22 ist berüchtigt dafür, dass Wohlstandsverlierer sich abends ein Ticket kaufen, um im schummrigen Licht der geheizten Busse sicher übernachten zu können, während Happy-Hipster am nächsten Morgen zur digital-kreativen Arbeit gehen.

 


Eine harmonische Gesellschaft sieht anders aus  

Genau das ist schon immer das Problem, wenn man soziale Gefüge als Formen der Gemeinschaft denkt: Sozialer Ausgleich, wahlweise egalitärer Besitz, hierarchiefreie Kommunikation, freie Liebe, ökologischer Landbau oder spirituelle Erleuchtung sind Privilegien ihrer Mitglieder. Sie gelten nie für alle, nie für die Gesellschaft als Ganzes. Multikulturell, liberal und tolerant verhalten sich die selbsternannten Nachfahren der Gegenkultur nur in ihrer libertären Filter-Bubble. Flower Power ist in der digitalen Welt ein Ingroup-Verhalten ökonomischer Sieger. Höchstpreise für einen alten VW-Bus, das Hippie-Mobil schlechthin, werden heute im Silicon Valley gezahlt. 

Was außerhalb der gegenkulturell gestylten Partyzone stattfindet und nicht ins Konzept vermarktbarer Utopien passt, ist für die Cyberkultur ein Missstand, der dringend digital dokumentiert werden muss. Zum Beispiel die deprimierenden Produktionsbedingungen, unter denen die Hardware der Weltverbesserung in chinesischen Fabriken hergestellt wird. Oder die inhumanen Verhältnisse im Osten der Republik Kongo, wo Kinder nach seltenen Erden graben, die für die Produktion von Computerchips gebraucht werden. Die digitale Blase demonstriert, dass sie auf Seiten der Guten steht – indem sie Ausbeutung anprangert, Webseiten blockiert, Marken disliked, einen Shitstorm lostritt oder in Sozialen Medien Fakten streut, die belegen, dass es kein faires Smarthpone geben kann. Das macht inzwischen sogar der CEO des weltgrößten Chip-Herstellers, der Chef von Intel, bei einer Elektronik-Messe. 

Immer dient die Cyberkultur der guten Sache. Das ist ihr Selbstbild, schon Anfang der 70er Jahre, als Stewart Brand die Hippie-Hacker in den Laboren des heutigen Silicon Valley besucht. Auf ihren Bürotüren steht damals in Elfenschrift, dass sie für Elrond arbeiten, den Frieden in Person, obwohl sie vom Verteidigungsministerium finanziert werden. Und das führt in Vietnam zur selben Zeit einen brutalen Krieg gegen die Bevölkerung. Auch Selbstgefälligkeit hat in der Gegenkultur Tradition.

 

Literatur 

Richard Barbrook: "The Californian Ideology

Paulina Borsook: "Cyberselfish"

Stewart Brand: "We owe it all to the Hippies", TIME Magazine, Spring 1995, Volume 145, No. 12

Stewart Brand – "Spacewar: Fanatic Life and Symbolic Death Among the Computer Bums", Rolling Stone, 7.12.1972  

Dave Eggers: "The Circle", Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2014 

Wordpress: Jaron Lanier "Full Spectrum Dominoes"

Michael Rothschild: "Bionomics: Economy as Ecosystem"

Theodore Roszak: "Der Verlust des Denkens", Droemer Knaur, 1986 

(Alle Websites wurden am 3. März 2017 abgerufen)

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Mo, 20.3.2017 | 22:03 Uhr

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