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Neue Biografie über Jean Sibelius Strotzend vor Ressentiments

Buchkritik vom 26.8.2015

Vor 150 Jahren kamen gleich mehrere namhafte Komponisten zur Welt: Carl Nielsen, Alexander Glasunow und Paul Dukas. Der populärste aber dürfte der Finne Jean Sibelius sein, dessen Geburtstag sich am 8. Dezember 2015 jährt. Der Berliner Musikpublizist Volker Tarnow hat ihm zum Jubiläum eine neue Biografie gewidmet. Jan Brachmann hat sie gelesen.

Buch-Cover Sibelius

Buch

Volker Turnow

Sibelius. Biografie

Verlag:
HENSCHEL Bärenreiter
Genre:
Sachbuch
Preis:
24,95 €
Bestellnummer:
ISBN 978-3-89487-941-9

Sommer 1902: Aino Sibelius ist hochschwanger mit dem vierten Kind von ihrem Mann. Doch Jean Sibelius – statt ihr beizustehen – macht Urlaub, fährt ins Seebad Tvärminne an der finnischen Südküste, geht baden und rudern. Ein Lied entsteht – mit einer weitgespannten Melodie. Es heißt: War es ein Traum? Die Melodie geht sofort ins Ohr. Sie hätte Giacomo Puccini Ehre gemacht. Volker Tarnow schreibt dazu in seiner neuen Sibelius-Biografie: „Das Gedicht selbst ist schwach, die Musik konventionell.“

Seitenweise verteilt der Autor Zensuren. Oft gibt es Bestnoten: Sibelius’ Fünfte sei die größte Sinfonie des 20. Jahrhunderts neben Gustav Mahlers Neunter. Meistens aber rümpft Tarnow die Nase. Nicht über Sibelius, der kommt in der Regel gut weg, sondern über dessen Zeitgenossen. Selbstverständlich habe Sibelius mit Voces intimae das beste Streichquartett Nordeuropas geschrieben. Allenfalls der Schwede Wilhelm Stenhammar könne ihm hier noch das Wasser reichen. Alle andern müssen sich hinten anstellen. Auch Carl Nielsen.

Die Dänen scheint Tarnow ohnehin nicht besonders zu mögen, wirft ihnen nationalen Hochmut vor, weil die Kritiker dort nichts Gutes über Sibelius schrieben, und attestiert dem Land herablassend eine „Religion des schönen Lebens”. Er kann offenbar seinen Helden nicht groß machen, ohne andere klein machen zu müssen. Sein Buch strotzt vor Ressentiments, die teilweise auf den Komponisten selbst zurückgehen. Sibelius kam aus einer schwedisch-sprachigen Familie und verleugnete lange seine Vorfahren in der finnischen Bauernschaft. Bis 1809 gehörte Finnland ja zu Schweden. Und mit eiserner Konsequenz benutzt Tarnow auch die schwedischen Ortsnamen statt der finnischen. So wird Sibelius nicht in Hämeenlinna, sondern in Tavastehus geboren. Und er reist 1952 zu den Olympischen Spielen nach Helsingfors, wo längst alle Welt „Helsinki” sagte.

Aber Tarnow kennt sich gut aus – sowohl musikalisch als auch geografisch. Er beschreibt die Werke wie die Orte mit großer Anschaulichkeit, und er schildert den Menschen Sibelius keineswegs als sympathisch. Provinziell war seine Erziehung, unempfänglich war er für die Musik seiner Zeitgenossen. Konkurrenten ging er aus dem Weg. Er muss kommunikativ behindert gewesen sein und brauchte zur Geselligkeit Unmengen von Alkohol. Im Gegenzug kultivierte er seinen Aristokratendünkel und sah – gern im weißen Anzug – auf Bauern von oben herab. Vor seiner Familie floh er ständig und ließ sie mit ihren Problemen allein, aber wenn es um ihn selbst ging, war er empfindlich – zwischen Überheblichkeit und Depression zerrissen.

Das ist jedenfalls der Eindruck, der sich aus Tarnows Schilderungen ergibt. Doch dieses Buch trennt nicht immer zwischen Darstellung und Meinung. Es analysiert auch nicht kritisch die Bildentwürfe von Sibelius, wie es der in Deutschland lebende finnische Musikwissenschaftler Tomi Mäkelä während der letzten Jahre in seinen Publikationen getan hat. Tarnow betont ständig, Sibelius habe den „finnischen Stil” in der Musik erschaffen – Personalstil und Nationalstil seien bei ihm eins. Nur worauf das Finnische dieses Stils beruhen soll, das erklärt er nicht. Auf alten Tonarten jenseits von Dur und Moll? Die haben schon Ljadow und Chopin verwendet. Auf dem Fünfvierteltakt? Den gibt es auch bei Glinka, Borodin oder bei Eduard Schütt in Wien. Wie das „Finnische” bei Sibelius aus musikalischem Material, politischem Bedürfnis und exotischer Projektion der Hörer entsteht – das hätte Tarnow analysieren können. In seinem Buch bleibt es eine Behauptung. Tomi Mäkelä hatte darauf hingewiesen, dass bei Sibelius das Finnische nicht ohne das Kosmopolitische, das Naturnahe nicht ohne das Urbane zu denken sei. Eine frankophile Boulevard-Miniatur wie etwa der Kleine Walzer aber würde von Tarnow wahrscheinlich als völlig unfinnisch aus dem Nationalstil ausgebürgert werden.

Buchkritik vom 19.8.2015 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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