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Historische Entwicklung des Dirigenten in Italien Viele Fakten

Buchkritik vom 20.4.2016

Buch-Cover Fischer-Dieskau

Buch

Martin Fischer-Dieskau

Dirigieren im 19. Jahrhundert | Der italienische Sonderweg

Verlag:
Schott Music, Mainz
Preis:
49,50 €
Bestellnummer:
ISBN 978-3-7957-0943-3

Wer in Italien eine Opernaufführung besucht, dürfte sich bisweilen wundern. Denn unter der Rubrik des Dirigenten findet sich stets die wohltönende Bezeichnung „Maestro concertatore e direttore d’orchestra“. „Konzertierender Maestro und Leiter des Orchesters“ – was hat es mit diesem Doppelbegriff auf sich? Dieser Frage widmet Martin Fischer-Dieskau einen Großteil seines Buches. Denn der Titel hat tiefgehende historische Gründe, die das musikalische Leben im Italien des 19. Jahrhunderts geprägt – und gelähmt – haben. Zuerst waren es noch zwei: der sogenannte Maestro al Cembalo, der die Einstudierung leitete und die Rezitative begleitete. Dazu kam der Erste Geiger, der Primo Violino, der für den reibungslosen Ablauf der Aufführung verantwortlich war.

Doch je mehr mit dem Wegfall der Rezitative die Bedeutung des Cembalisten schwand, desto stärker war der Stimmführer der Violinen gefragt. Dazu hatte er ein extra Notenblatt mit mehreren Systemen vor sich, ein „spartitino“, auf dem außer seiner eigenen Stimme auch die Basslinie, die Singstimme und weitere wichtige Orchestereinsätze notiert waren. Um von seinem Pult aus das musikalische Geschehen unter Kontrolle zu behalten, benutzte der Primo Violino nicht selten rabiate Mittel, wie Felix Mendelssohn empört konstatierte, als er 1832 Neapel besuchte: „Der erste Violinist schlägt durch die ganze Oper hindurch die vier Viertel des Taktes auf einen blechernen Leuchter, so dass man es zuweilen mehr hört als die Stimmen – und trotz dessen sind Orchester und Stimmen nie zusammen.“

Dieses System also mochte zu Zeiten der Opern Bellinis und Donizettis mit ihren klaren Rhythmen noch – wenngleich mehr schlecht als recht – funktionieren. Aber spätestens mit Giuseppe Verdi begann ein anderer Wind durch den Orchestergraben zu wehen. Doch nur sehr zögerlich ändert sich der Opernbetrieb in Italien; allzu starr sind schon damals die Strukturen, ebenso wackelig die Finanzierung, die jeden Mehraufwand an Proben konterkariert. Erst mit Verdis „Aida“ von 1871 bricht endgültig auch in Italien das neue Zeitalter der Voll-Dirigenten an. Komplizierte melodische Abläufe, vielstimmige Ensembles, große Chöre – all das lässt sich beim besten Willen nicht mehr von einem Geiger mit einer freien Hand zusammenhalten.

Diese historische Entwicklung zeichnet Martin Fischer-Dieskau mit vielen Fakten und noch mehr Originalzitaten nach; Grundlage seines Buches ist eine Dissertation, die der zweitälteste Sohn des großen Sängers Dietrich Fischer-Dieskau 2015 im zarten Alter von 61 Jahren in Köln abgeschlossen hat. Dass er selbst in seinem bisherigen Leben vor allem als Dirigent und Dirigierlehrer gewirkt hat, fließt immer wieder in aufführungspraktischen Kommentaren ein. Ansonsten zeichnet er ein farbiges, wenn auch eher abschreckendes Bild der damaligen Zustände im Sängerland Italien. Erst nach und nach färben die Standards aus Berlin, Paris und London auch auf Mailand und andere italienische Opernhäuser ab – das heißt: mehr als nur eine Woche Proben für eine neue Oper, Einzelproben für bestimmte Stimmgruppen, stärkere Beachtung der Dynamik statt eines penetranten Dauer-Mezzoforte.

Ohne einige durchsetzungskräftige Pioniere wäre dies nie möglich gewesen; mehrere von ihnen stellt Fischer-Dieskau in längeren biografischen Porträts vor: Angelo Mariani, dessen Glanzstück die italienische Erstaufführung von Wagners „Lohengrin“ 1871 in Bologna war. Dann der Kontrabass-Virtuose, Komponist und Dirigent Giovanni Bottesini, der die Uraufführung der „Aida“ im neuen Opernhaus von Kairo zum Triumph führte. Und nicht zuletzt der Dirigent der „Otello“-Premiere von 1887, Franco Faccio, dessen „Hamlet“-Oper in diesem Sommer bei den Bregenzer Festspielen wiederentdeckt wird.

Wie ein roter Faden zieht sich der Name Giuseppe Verdi durch das ganze Buch, der unangefochtene Meister und Guru, der von seinem Landgut in Sant’Agata aus kontrollierte, intervenierte und intrigierte – in der unbeirrbaren Absicht, seine Qualitätsvorstellungen durchzusetzen. Es war ein Geben und Nehmen: der Komponist forderte die Opernhäuser heraus – und beschenkte sie mit großartigen Werken, mit denen Italien auch in orchestraler Hinsicht wieder Anschluss an Mitteleuropa gefunden hat.

Buchkritik vom 20.4.2016 aus der „SWR2 Cluster“

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