Eine weibliche Hand stapelt Münzen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

SWR2 Wissen: Radio Akademie Gewinne und Gewissen - Wie moralisch kann Wirtschaft sein?

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Aus der 12-teiligen Reihe: "Die Grenzen des Erlaubten" (9)

"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", heißt es bei Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper. Hört Moral wirklich auf, wo das Geld beginnt? Zum Wesen der Marktwirtschaft gehört die Ungleichheit: Wer die stärkere Position hat, darf sie nutzen - oder eben: ausnutzen. Welche moralische Verpflichtung haben Unternehmen, die Umwelt zu schonen, Arbeitsplätze zu erhalten und auskömmliche Löhne zu zahlen? Welche moralische Verantwortung haben dabei auch die Verbraucherinnen und Verbraucher?

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Wo die Wissenschaft ansetzt, wird aus Wirtschaftsmoral ein Forschungsgebiet, die Wirtschaftsethik. Philosophie, Psychologie, Rechtswissenschaft und andere Disziplinen suchen nach Antworten. Christoph Lütge ist Inhaber des Peter Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Technischen Universität München und Buchautor zum Thema Ethik. Auch der Philosoph Lütge hält es für moralisch richtig, dass ein Unternehmer Gewinne erwirtschaftet.

Ethik des Wettbewerbs

In seinem Buch "Ethik des Wettbewerbs" schreibt Lütge gegen die Vorstellung an, schon der Wettbewerb als solcher, also der Wesenskern der Marktwirtschaft, wäre unfair und unmoralisch, eben weil sich dort nur der Stärkere durchsetze. Wettbewerb ist für Lütge allerdings nicht dasselbe wie Wettkampf. Aber: Erst wenn es Regeln gibt, die für alle gelten, kann es fairen Wettbewerb geben. Nur so können Wettbewerb und Marktwirtschaft Gutes für die Gesellschaft leisten. Zum Beispiel durch Steuern.

Warum aber handeln dann Menschen so oft anders, als sie es eigentlich für moralisch richtig halten und auch möchten? Die Psychologin und Ökonomin Francesca Gino von der Harvard Business School hat herausgefunden, dass die meisten Menschen zunächst einmal gut sein wollen – und eigentlich ziemlich genau wissen, was richtig und was falsch ist. Wir haben einen moralischen Kompass.

Boerse (Foto: SWR, SWR -)
Erst wenn es Regeln gibt, die für alle gelten, kann es fairen Wettbewerb geben SWR -

Wir wissen, was richtig ist

Gino sucht nach den Einflüssen, die uns davon abbringen, dem inneren moralischen Kompass zu folgen. Sie gehört zu den Spitzenforscherinnen einer neuen, mit experimenteller Psychologie untermauerten Wirtschaftsethik. Und sie nennt eine ganze Reihe von Einflüssen, die den Kompass stören. Einer davon ist die "dunkle Seite der Kreativität": Kreative Leute haben die Fähigkeit, sich viele Gründe und Rechtfertigungen auszudenken.

Auch eine andere eigentlich gute menschliche Fähigkeit hat in der Wirtschaftsmoral eine dunkle Seite: diejenige, anderen zu vertrauen und sich zu binden. Solchen Menschen, mit denen wir Gemeinsamkeiten zu haben meinen, lassen wir sehr viel mehr durchgehen als anderen, sie stecken uns sogar an mit ihren Betrügereien.

Test übers Schummeln

Dazu hat Gino ein Experiment mit Studierenden zweier Universitäten in derselben Stadt angestellt, der "Carnegie Mellon University" und der "University of Pittsburgh". Sie sollten mathematische Aufgaben lösen und dafür eine kleine Belohnung bekommen. Um die Aufgabe lösen zu können, waren einige Minuten notwendig. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Gruppen durften einzeln selbst angeben, wie lange sie dafür gebraucht haben und entsprechend mehr oder weniger Geld verdienen.

Lupe, die den Schriftzug "BILANZEN" vergrößert. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die Belohnung für Fehlverhalten ist oftmals schneller zu haben als für korrektes Verhalten Thinkstock -

Nach 60 Sekunden sahen die Studierenden der "Carnegie Mellon-Universität", wie eine Person sagte: "Ich bin fertig, was soll ich tun?" Die Versuchsleiterin sagte der Person, sie könnte das Geld nehmen und gehen. Für alle war klar, dass hier jemand falsch spielte.
Die Studierenden der "Carnegie Mellon-Universität" gaben im Schnitt sehr viel kürzere Lösungszeiten an als diejenigen der "University of Pittsburgh". Ließen die Versuchsleiter aber keinen vermeintlichen Schummler oder Schummlerin aus der vermeintlich eigenen Gruppe auftreten, brauchten sie gleich lange wie die anderen Studierenden.

Selbstüberschätzung und kurzfristige Ziele

Solche Experimente sind recht typisch für die Verhaltenspsychologie. Viele Einzelergebnisse fügen sich zu einem Bild davon zusammen, was uns davon abhält, moralisch zu handeln. Weitere starke Kräfte der moralischen Ablenkung sind Selbsttäuschung und Selbstüberschätzung.
Denn auch Gefühlsstimmungen können dazu führen, den moralischen Kompass zu verlieren. Unterschätzt wird oft, wie leicht sich viele kleine Grenzüberschreitungen zusammengenommen zu einem großen moralischen Problem auswachsen. Die Belohnung für Fehlverhalten ist oftmals schneller zu haben als für korrektes Verhalten. Und ethisch korrektes Verhalten bringt normalerweise erst langfristig Ergebnisse hervor. Oft bringen uns bequeme Abkürzungen, Schummeln und anderes unethisches Verhalten die Belohnung sofort.

Ein Mann schaut einer animierten Börsenkurve zu, wie sie im Boden versinkt. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Unterschätzt wird oft, wie leicht sich viele kleine Grenzüberschreitungen zusammengenommen zu einem großen moralischen Problem auswachsen Thinkstock -

Dies sind nur einige Ergebnisse einer wachsenden wirtschaftspsychologischen Forschung darüber, was uns von unseren eigenen moralischen Standards ablenkt. Mindestens ebenso wichtig ist aber die Frage, was uns hilft, moralisch richtig zu handeln.

Wirtschaftsethik als Fach abgeschafft

Saeed Roohani ist der Dekan für Wirtschaftswissenschaften an der "Bryant University", einer renommierten Wirtschaftsuniversität in der Stadt Providence im Neuengland-Staat Rhode Island. Seine Fakultät hat das Lehrfach Wirtschaftsethik vor kurzem abgeschafft. Stattdessen lernen die Studierenden umso mehr über die Regeln der Buchhaltung und Wirtschaftsprüfung. Für die verblüffende Abschaffung der Ethiklehre ausgerechnet an einer Wirtschaftsfakultät gibt es vor allem einen Grund: Es gäbe keine wirklich allgemeinverbindlichen ethischen Standards.

Die einzig wahre Moral kann es nicht geben, schon gar nicht in der globalen Wirtschaft. Und doch gibt es moralische Standards, die für alle verbindlich sind: das Recht. Man könnte nun meinen, das sei ganz etwas anderes, Moral sei eine freiwillige Sache und spiele nur unterhalb des Rechts eine Rolle. Denn wo es kriminell wird oder das Gesetz auf andere Weise gebrochen werde, hört alle Moral sowieso auf.

Euroscheine liegen auf einer Zeitung, In der Überschrift ist zu lesen  Devisen Rohstoffe Derivate (Foto: imago stock&people - Steinach)
Menschenrechte sind internationales Recht, unterschrieben von den meisten Staaten, nur noch längst nicht überall durchgesetzt imago stock&people - Steinach

Aber: Das Recht kommt nicht aus dem moralischen Nichts. Die Juristin Gertrude Lübbe-Wolff von der Universität Bielefeld war zwölf Jahre lang Richterin am Bundesverfassungsgericht. In einem Rechtsstaat regelt das Gesetz das Zusammenleben, auch und gerade in der Wirtschaft. Nur wenn Staat und die Justiz das Einhalten der in Recht gegossenen Regeln durchsetzen, haben Unternehmen, Verbraucherinnen und Verbraucher genau die klaren Regeln, die sie brauchen, um moralisch handeln zu können.

Keine moralischen Grenzen mehr

Schwierig wird es, wenn die Wirtschaft über Ländergrenzen und damit Rechtssysteme hinweg arbeitet. Im Handel und in der Herstellung von Waren ist dies längst die Regel. Die Wirtschaft ist globalisiert. Deshalb lesen wir von Kinderarbeit, von einstürzenden Fabriken und erbärmlichen Lebensbedingungen.

Kinderarbeitshände (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Weltweit müssen Millionen Kinder arbeiten, statt in die Schule zu gehen. picture-alliance / dpa -

Dabei geht es allerdings nicht um irgendein Recht, sondern um Menschenrechte – und dazu zählen auch Sicherheit am Arbeitsplatz und auskömmliche Bezahlung. Die Juristin Miriam Saage-Maaß arbeitet bei der Menschenrechtsorganisation "European Center for Constitutional and Human Rights" in Berlin. Sie geht in Europa gegen Unternehmen vor, die in fernen Ländern fertigen lassen.

Es gibt viele Regierungen, die sich das Pochen auf Menschenrechte als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten verbitten, als "Kulturimperialismus". Die Wahrheit aber ist: Menschenrechte sind internationales Recht, unterschrieben von den meisten Staaten, nur noch längst nicht überall durchgesetzt.

Jede und jeder kann sich klarer darüber werden, was sie oder ihn davon abhält, das Richtige zu tun. Francesca Gino hat herausgefunden: Oft reicht es, sich selbst an den inneren Kompass zu erinnern oder erinnern zu lassen. In einem aber sind sich alle Expertinnen und Experten einig: Die wichtigste Voraussetzung für Moral in der Wirtschaft sind klare Regeln – am besten als Recht durchgesetzt.

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