Zwei Hände halten einen Globus schützend (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

SWR2 Wissen: Radio Akademie Umweltethik – Warum wir die Natur schützen wollen

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Aus der 12-teiligen Reihe: "Die Grenzen des Erlaubten" (8)

Naturschutz ist eine recht neue Idee. Entstanden ist sie nicht etwa im dicht besiedelten Europa, sondern in den USA. Altgriechische und römische Städte, mittelalterliche Schlösser und Burgen, klassische Theater und Museen – all das gab es in dem noch im 19. Jahrhundert kaum erschlossenen amerikanischen Westen nicht, wohl aber sehr viel Wildnis.

Dauer

Boom des Naturschutzes

Inzwischen haben praktisch alle Staaten der Welt Naturschutzgesetze. Das UN-Umweltprogramm UNEP führt seit 1961 eine Liste, darauf stehen derzeit über 200.000 Schutzgebiete in 193 Ländern und internationalen Meeresgebieten. Zwar ist das Schutzniveau sehr unterschiedlich und wird oft auch nicht ausreichend kontrolliert.

Schild mit der Aufschrift „Naturschutzgebiet“ vor Teich (Foto: SWR, SWR - Foto: Ulrich Fleig)
Um das Ried zu schützen, sind Teile des Areals für Besucher gesperrt SWR - Foto: Ulrich Fleig

Doch die Ausdehnung ist beeindruckend: über 30 Millionen Quadratkilometer sind in irgendeiner Weise geschützt, das entspricht der dreifachen Fläche Europas.

Eines der jüngsten Schutzgebiete auf der UNO-Liste ist der Nationalpark Schwarzwald. Gegen seine Einrichtung zum 1. Januar 2014 gab es erbitterten Protest. Die Opposition aus CDU und FDP stimmte im Landtag fast geschlossen dagegen und eine Bürgerinitiative kämpfte unter dem Slogan: "Unsere Heimat darf keine Wildnis werden".

Wildnis- oder Kultur-Wald?

In dem Konflikt ging es nicht – wie manchmal andernorts – um Einschränkungen für die Industrie und mögliche Arbeitsplatzverluste. Im Schwarzwald standen sich auf beiden Seiten erklärte Freunde der Natur gegenüber. Auf einer Anhörung fasste der Bad Wildbader Pfarrer Stefan Itzek die Argumente gegen den Naturschutz zusammen: "Auch ein gepflegter und geliebter Kulturwald trägt zur Bewahrung der Schöpfung bei."

Greenpeace-Gruppe begrüßt den Nationalpark mit einem eigens dafür angefertigten Schild. (Foto: SWR, SWR - Markus Beschorner)
Greenpeace brachte zur Eröffnung des Nationalpark Schwarzwald ein Begrüßungsschild mit SWR - Markus Beschorner

Biodiversität, also der Vielfalt der Lebensformen, ist eine zentrale Voraussetzung für das Überleben von Flora und Fauna in einer Welt, die sich – derzeit noch zusätzlich angeheizt vom Klimawandel – schnell ändert. Weit über tausend verschiedene Baumarten finden sich in den Regenwäldern der Tropengürtel Südamerikas, Afrikas und Asiens, ihr Schutz bewahrt auch diesen enormen Schatz an Biodiversität.

Künstliche Vielfalt

Doch in Europa sinkt die Artenvielfalt, wenn die Natur sich selbst überlassen bleibt. Bevor die Menschen begonnen haben, den mitteleuropäischen Wald nach ihren Bedürfnissen zu verändern, bestand er vor allem aus Buchen. Und in diesen Zustand würde er ohne Bewirtschaftung nach einigen Hundert Jahren auch wieder zurückfallen. Wildnis bedeutet darum nicht automatisch höhere Biodiversität.

Die komplexen Kreisläufe der Natur sind die Grundlage für alles Leben auf der Erde. Sie sorgen für den Sauerstoff in der Luft, stellen Nahrung, Medikamente und Rohstoffe zur Verfügung. Die Ökonomie spricht auch von Ökosystemdienstleistungen und berechnet ihren Wert in Euro und Cent.

Bundesumwelthauptstadt Radolfzell (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Danke, Ente - der jährliche Gesamtwert aller Ökosystemdienstleistungen wird auf über 50.000 Milliarden Dollar geschätzt Thinkstock -

Bestäubung in Börsenwerten

Allein die Bestäubung von Nutzpflanzen durch Bienen, Wespen, Fliegen und Käfer schlägt dabei mit 150 Milliarden Euro im Jahr zu Buche. Der jährliche Gesamtwert aller Ökosystemdienstleistungen wird auf über 50.000 Milliarden Dollar geschätzt – und damit auf etwa die gleiche Höhe wie die gesamte globale Wirtschaftsleistung.

Entsprechend groß ist die Sorge um den Verlust dieses von der Natur ja kostenlos zur Verfügung gestellten Wertes. Seit dem ersten Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung, der 1992 in Rio de Janeiro stattfand, hat sich eine globale Sichtweise auf die Erhaltung der irdischen Lebensgrundlagen durchgesetzt. Die Menschheit hat die Erde inzwischen weitgehend geprägt, also ist sie jetzt auch für ihren Schutz verantwortlich. Wir leben in der Epoche des Anthropozän.

Klempner des Himmels

Erstes Ergebnis dieser globalen Sicht war das weltweite Verbot von Fluorkohlenwasserstoffen. Tatsächlich schließt sich das damals von den Chemikalien erzeugte Ozonloch langsam wieder. Mit ihrem Weltklimarat und den jährlichen Klimagipfeln versucht die UNO diese Erfolgsgeschichte zu wiederholen. Doch die Senkung der bei jeder Verbrennung fossiler Energie entstehenden Treibhausgasemissionen ist weit schwieriger zu bewerkstelligen als das Verbot einer relativ leicht zu ersetzenden Chemikalie.

Illustration Weltkugel und Flugzeug (Foto: © Colourbox.com -)
Flugzeuge könnten große Mengen Schwefelpartikel in der Stratosphäre verteilen und damit – in einer Art künstlichem Vulkanausbruch – die Sonnenstrahlung abschirmen © Colourbox.com -

Wenn die Emissionen unaufhaltsam steigen, dann muss die Erde eben auf andere Art und Weise abgekühlt werden. Das ist die Idee des sogenannten "Climate Engineering". Ein erster Vorschlag dafür kam von Paul Crutzen, als Entdecker des Ozonlochs mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Flugzeuge könnten große Mengen Schwefelpartikel in der Stratosphäre verteilen und damit – in einer Art künstlichem Vulkanausbruch – die Sonnenstrahlung abschirmen.

Unbeherrschbare Nebenwirkungen

Doch vor allem drei Gründe sprechen gegen "Climate Engineering". Die Hoffnung auf eine technische Lösung könnte die politischen Anstrengungen für die Treibhausgasreduktion unterlaufen. Die Methoden der Klimaklempnerei könnten, wenn sie denn im großen Maßstab angewendet würden, unbeherrschbare Nebenwirkungen entfalten. Und sie müssten über Jahrhunderte zuverlässig aufrechterhalten werden, denn ihr plötzliches Ende würde zu einem nicht mehr verkraftbaren Temperatursprung führen.

Mit technischen Mitteln allein sind die globalen Umweltschäden nicht zu reparieren. Diese Erkenntnis lenkt den Blick zurück auf unser eigenes Verhalten. Und das ist häufig von einem merkwürdigen Widerspruch geprägt: Wir wissen was falsch ist – und tun es trotzdem. Fliegen, Autofahren, Tiefkühlpizza aufbacken oder Unkrautvernichtungsmittel spritzen: Mit moderner Technik führen wir ein bequemes Leben auf Kosten der Natur.

Schutzgebiete – auch das ist eine ihrer Aufgaben – sollen uns zum Umdenken motivieren. Dafür müssen sie allerdings zugänglich bleiben. In der Praxis bedeutet das eine schwierige Gratwanderung. Denn die Natur ist ja per se, an sich, etwas Unkontrollierbares. Und die Sache wird noch komplizierter. Denn es geht es nicht um den schnellen radikalen Ausstieg, sondern um die mühsame Veränderung unserer alltäglichen Lebensweise.

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