SWR2 Wissen: Radio Akademie Moral – Eine Frage des Glaubens?

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Aus der 12-teiligen Reihe: "Die Grenzen des Erlaubten" (12)

Die Kirche predigt heute andere moralische Vorstellungen als noch vor 200 Jahren. Heute dagegen treten die Kirchen - oft gegen den Staat - als moralische Instanz und Bewahrer von Minderheitenrechten auf. Welche Rolle spielt der Glaube überhaupt für das ethische Bewusstsein? Religiöse Menschen zeigen in Umfragen zwar ein höheres soziales Engagement. In Verhaltensexperimenten erweisen sie sich dennoch nicht "gemeinwohlorientierter" als Atheisten.

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Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung gehört keiner Religionsgemeinschaft mehr an. Dennoch haben viele das Bedürfnis nach gemeinschaftlichen Zeremonien, in denen sie sich der gemeinsamen Werte und Moralvorstellungen versichern.

"Lebe besser, hilf öfter, staune mehr" – so das Motto der "Sunday Assembly", eine Sonntagsversammlung, die das Leben feiern will, mit Gesang und Stille, philosophischen Vorträgen und besinnlichen Geschichten. Eine Art Sonntagsgottesdienst – nur ohne Gott. Die Idee ist 2013 in England entstanden und hat sich in kürzester Zeit ausgebreitet. Inzwischen gibt es weltweit über 35 "Sunday Assembly"-Gruppen, in Deutschland bislang nur in Hamburg und Berlin.

Plakat der Kirchenaustreter (Foto: SWR, SWR -)
Rund zwei Drittel der deutschen Bevölkerung gehören keiner Religionsgemeinschaft mehr an SWR -

Postmoderne Beliebigkeit?

In Sachen Moral herrscht zunehmend postmoderne Beliebigkeit. Viele Menschen nutzen nur noch Versatzstücke der christlichen Lehre, um ihr persönliches Wertesystem aufzubauen. Mit Werten wie Mitgefühl und Nächstenliebe können sie sich identifizieren, die kirchliche Sexualmoral dagegen lehnen sie ab.

Manche Kirchenvertreter sehen darin einen Missbrauch von Religion. Ihre Lehre wird zu einem Werte-Selbstbedienungsladen, in dem der eigentliche Kern – der Glaube – keine Rolle mehr spielt.

Die katholische Kirche in der Erzdiözese Freiburg setzt bei den Kirchengemeinden den Rotstift an (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Der gesellschaftliche Beitrag, den die Kirchen leisten, hält jedoch weder Protestanten noch Katholiken davon ab, in zunehmender Zahl auszutreten Thinkstock -

Der gesellschaftliche Beitrag, den die Kirchen leisten, hält jedoch weder Protestanten noch Katholiken davon ab, in zunehmender Zahl auszutreten. Viele Geistliche fürchten auch, dass die Säkularisierung die sozialen Werte der Gesellschaft schwächt.

Suche nach Orientierung

Auf die Frage, ob er den allgemeinen Wertekonsens in Gefahr sieht, meint der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, es sei gut, dass die Politik bei bestimmten Fragen die Kirchen auch immer wieder von Neuem anfragt, wenn die Menschen auf der Suche nach Orientierung sind.

Das schätzen auch konfessionslose Menschen. Viele von ihnen wünschen ausdrücklich, dass sich die Kirche als moralische Instanz in gesellschaftliche Debatten einbringt. Religiöse Autoritäten haben zwar an Bedeutung verloren und weniger Einfluss auf die allgemeine Lebensführung. Doch viele ihrer Grundideen hat der nicht-gläubige Teil der Bevölkerung weitgehend übernommen.

Ein Jesus-Kreuz. Im Hintergrund stehen viele Menschen und unterhalten sich. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die meisten Konfessionslosen sehen christliche Werte, wie zum Beispiel Nächstenliebe, als "allgemeine, humanistische Werte" und betrachten sie durchaus als gesellschaftliche Ziele Thinkstock -

Das belegt der Religionsmonitor, den die Bertelsmann-Stiftung 2013 veröffentlicht hat. Demnach bezeichnen die meisten Konfessionslosen christliche Werte, wie zum Beispiel Nächstenliebe, als "allgemeine, humanistische Werte" und betrachten sie durchaus als gesellschaftliche Ziele. Auch im Alltag der Kirchenmitglieder, so die Experten, spielen religiöse Autoritäten keine dominante Rolle mehr.

Spitze versus Basis

Besonders in Fragen der Sexualmoral liegen die Spitze der katholischen Kirche und die Basis meilenweit auseinander. Das belegt auch die jüngste Umfrage des Vatikans zu Ehe und Familie. Die Differenzen innerhalb der Kirche sind hier – laut Religionsmonitor – wesentlich größer als die zwischen den Kirchenmitgliedern und Konfessionslosen.

Ohne Berührungsängste: Papst Franziskus (Foto: dontshow - Bistum Trier)
Ohne Berührungsängste: Papst Franziskus dontshow - Bistum Trier

Nur der derzeitige Papst scheint eine Ausnahme zu sein. Seine moralische Grundhaltung, seine materielle Bescheidenheit, sein Engagement für die Armen und seine politischen Apelle überzeugen selbst Menschen, die der Kirche fern stehen.

Die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, der moralische Kompass, ist nach Franziskus von Gott gegeben. Das sieht Pascal Siegers vom Kölner Leibniz-Institut anders. Der Sozialwissenschaftler, der an der Europäischen Wertestudie 2008 mitgearbeitet hat, ist überzeugt, dass die Moral sich aus den Notwendigkeiten des Zusammenlebens ergibt.

Moral der Gruppe

Um mit seiner Umwelt nicht ständig in Konflikt zu geraten, macht sich der Einzelne der Moral der Gruppe zu eigen. Schon im Kindesalter lernt man, die Spielregeln der Gruppe zu verinnerlichen, eine innere Richtschnur auszubilden. Häufig wird dieses Gewissen als Einschränkung der persönlichen Freiheit empfunden.

Junge Kirchentagsbesucherinnen mit Kerzen in der Hand bei Nacht (Foto: (Pressestelle) - DEKT/Erbe)
Junge Kirchentagsbesucherinnen mit Kerzen in der Hand (Pressestelle) - DEKT/Erbe

Doch für den Freiburger Moraltheologen Professor Eberhard Schockenhof, Mitglied im Deutschen Ethikrat, ist das Gegenteil der Fall. In seinem Buch "Wie gewiss ist das Gewissen?" erklärt Schockenhoff, dass das Gewissen vielmehr den Weg zur Freiheit eröffnet, denn es ist eine Motivation, Gutes zu tun. Das Gewissen sei außerdem nicht vom Glauben abhängig, so Schockenhoff, sondern etwas allgemein Menschliches, das aus der praktischen Vernunft heraus entsteht.

Sind Gläubige denn nun trotzdem sozialere Menschen? So stellt die Bertelsmann-Stiftung in ihrem Religionsmonitor 2013 einen klaren Zusammenhang zwischen Religiosität und sozialem Engagement fest: Die Hälfte derjenigen, die sich als sehr religiös bezeichnen, geben an, sich außerhalb von Familie und Beruf freiwillig zu engagieren. Bei den Befragten, die sich als nicht oder kaum religiös bezeichnen, ist es dagegen nur ein Drittel.

Menschenmenge (Foto: picture alliance / dpa - Federico Gambarini)
Die Befürchtung, dass mit der zunehmenden Säkularisierung ein Werteverlust einhergeht, ist Studien zufolge unbegründet picture alliance / dpa - Federico Gambarini

Nur Selbsteinschätzung

Allerdings, betont Pascal Siegers, stammen diese Ergebnisse aus Befragungen, in denen die Personen ihr eigenes soziales Engagement einschätzen. Wie sie sich im Alltag tatsächlich verhalten, darüber gibt der Religionsmonitor keine Auskunft. Auch dazu gibt es experimentelle Studien, die sind allerdings aufwändiger und teurer und haben selten mehr als hundert Probanden. Doch die Befürchtung, dass mit der zunehmenden Säkularisierung ein Werteverlust einhergeht, ist zumindest diesen Studien zufolge unbegründet.

Auch die Behauptung, dass mit dem Bedeutungsverlust der Kirchen die Religiosität insgesamt zurückgeht, gilt als überholt. Während der Anteil der Konfessionslosen größer wird, steigt – wenn auch in geringerem Maße – die Zahl der sogenannten alternativ-spirituellen Menschen. Sie stellen keine geschlossene Gruppe dar. Es handelt sich vielmehr um Menschen, die im Alltag das suchen, wofür andere Menschen in die Kirche gehen.

Brennende Kerzen in der Kirche (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Nächstenliebe und Solidarität, Aufrichtigkeit und Fürsorge – diese Werte sind tief in unserer Kulturgeschichte verankert – eine Kirche brauchen viele dafür nicht mehr Thinkstock -

Pascal Siegers hat herausgefunden, dass diese Menschen in den alten Bundesländern inzwischen 8 bis 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen – etwa so viele wie die regelmäßigen Kirchgänger. In den säkular geprägten neuen Bundesländern, sagt er, gebe es dieses Phänomen nicht.

Zurück zur "Sunday Assembly". Zurück zu den Skeptikern und Neu-Spirituellen, Agnostikern und Atheisten, die die Gemeinschaft und das Leben gottlos feiern. Auch Nicht-Gläubige, sagt Sue Schwerin von Krosigk, wollen ihre moralischen Überzeugungen mit Gleichgesinnten feiern. Nächstenliebe und Solidarität, Aufrichtigkeit und Fürsorge – diese Werte sind tief in unserer Kulturgeschichte verankert – eine Kirche brauchen viele dafür nicht mehr.

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