SWR2 Wissen: Radio Akademie Ursprung der Ethik – Wie der Mensch moralisch wurde

Aus der 12-teiligen Reihe: "Die Grenzen des Erlaubten" (1)

Von Martin Hubert

Dauer

Babys wollen so unschuldig wie hemmungslos ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen. Wie werden aus ihnen dann moralische Wesen, die Gut und Böse unterscheiden, an das Wohl anderer denken und Schuldgefühle besitzen? Lange Zeit dachte man, dass der Weg dorthin nur über Strafe und Gehorsam gehen könne: Lerne, was erlaubt ist! Inzwischen glauben Psychologen, dass schon Babys einen Sinn für Moral haben. Aus evolutionsbiologischer Sicht entstand Moral, weil schon die frühen Menschen bemerkten, dass sie aufeinander angewiesen sind. Aber wie weit reicht diese Einsicht, wie stark ist der moralische Sinn? Gilt er nur für Verwandte, Freunde und die eigene Gruppe - oder auch für Fremde? Wie universal können moralische Werte sein?

Philosophinnen und Philosophen zerbrechen sich darüber schon seit Jahrhunderten den Kopf. In der Biologie sucht man nach den Wurzeln der Moral in der Evolution. Und die Entwicklungspsychologie versucht herauszubekommen, ob Moral angeboren ist oder nur ein Produkt von Erziehung und sozialem Druck. Dazu hat man Gedankenspiele konstruiert, Dilemmata, schwer zu lösende moralische Konfliktfälle.

Das "Heinz-Dilemma"

Ein Beispiel ist das "Heinz-Dilemma": Die Frau von Heinz ist schwer erkrankt, vielleicht wird sie bald sterben. Es gibt ein teures Medikament, das ihr helfen könnte. Aber die Krankenkassen bezahlen es nicht und Heinz hat nicht genügend Geld. Darf er Geld stehlen, um seiner kranken Frau zu helfen?

Der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg nutzte bereits in den 70er- und 80er-Jahren solche Tests, um herauszufinden, wie sich Moral entwickelt. Am Anfang, so behauptete er in seiner einflussreichen Theorie, stehe keine moralische Anlage, sondern allein die Angst vor Strafe und der Gehorsam vor Autoritäten. Kleine Kinder, meinte Kohlberg, hielten sich nur an Regeln, weil sie sich vor Sanktionen fürchteten.

Beim Heinz-Dilemma sagten die Vier- bis Siebenjährigen tatsächlich oft, dass Heinz nicht stehlen dürfe, weil er sonst bestraft würde. Kritiker wenden gegenüber Kohlbergs Ansatz jedoch ein, dass sein Blick auf die Moral viel zu eng war. Der Münsteraner Philosoph Kurt Bayertz zum Beispiel meint, dass sich frühe moralische Einstellungen nicht allein über zugespitzte moralische Konflikte testen lassen. Denn moralische Erziehung ist selten etwas, was gesondert passiert.

Kinderbetreuung (Foto: © Colourbox.com -)
Die moralische Kompetenz von Kindern ist beeindruckend, aber auch widersprüchlich © Colourbox.com -

Babys wollen helfen

Studien zeigen, dass Babys von früh an über Mimik, Gestik und Laute soziale Erfahrungen machen. Wie reagiert der andere auf mich? Wie kann ich andere zu bestimmten Handlungen bringen? Dabei zeigen Babys und Kleinkinder auch schon Zeichen von Mitgefühl. Sie weinen zum Beispiel mit, wenn andere weinen. Oder sie trösten. Außerdem helfen sie.

Das seien unerlässliche Voraussetzungen für Moral, meint Monika Keller, Psychologin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Babys, die mitfühlen und helfen, orientieren sich bereits am Wohl anderer.

Monika Keller schließt aus ihren Testergebnissen: Die moralische Kompetenz von Kindern ist beeindruckend, aber auch widersprüchlich. Sie besitzen von früh an einen moralischen Sinn und ein moralisches Wissen über Gut und Böse. Aber bei vielen von ihnen ist es noch nicht zum inneren persönlichen Bedürfnis geworden, die Welt moralisch vordringlich zu bewerten und entsprechend zu handeln. Sie sind zwischen moralischer Regel und persönlichen Interessen hin und hergerissen. Nicht selten halten sie sich dann doch wieder nur an moralische Regeln, weil sie Angst davor haben, erwischt zu werden.

Zwei Hände halten einen Globus schützend (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Vielen jungen Menschen ist es noch nicht zum inneren persönlichen Bedürfnis geworden, die Welt moralisch vordringlich zu bewerten und entsprechend zu handeln Thinkstock -

Die Moral der Jäger

Moral ist eine komplizierte Angelegenheit. Anders als der Pionier der moralischen Entwicklungstheorie Lawrence Kohlberg vermutete, haben Menschen offenbar von früh an einen Sinn für Moral. Aber nicht jeder handelt deswegen moralisch. Insofern hatte Kohlberg recht, wenn er die Bedeutung von Sanktionen unterstrich. Kann die Evolutionsgeschichte genauer erklären, wie so etwas Fragiles wie Moral überhaupt entstehen konnte und wie weit ihr Einfluss reicht?

Die Evolutionsbiologie ist sich weitgehend einig, dass ein moralisches Bewusstsein in den Jäger-und Sammlergesellschaften vor etwa zwanzig- bis hunderttausend Jahren entstand, manche datieren das noch weiter zurück. In diesen überschaubaren Gesellschaften gingen die Gruppenmitglieder zusammen auf die Jagd, sammelten Pflanzen und teilten die Ausbeute gemeinschaftlich.

Die Moral ist, darwinistisch betrachtet, kein Selbstzweck, sondern dient dem Fortpflanzungserfolg in einer Gruppe. Der Mensch ist nicht aus allgemeinen vernünftigen Erwägungen heraus moralisch und kooperativ, sondern das Überlebensinteresse seiner Gene treibt ihn an. Wobei das Menschen trotzdem dazu bringen kann, sich anderen gegenüber auch dann gut zu verhalten, wenn sie mit ihnen nicht direkt verwandt sind.

Internationalen Wochen gegen Rassismus (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Bis heute streiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, in welchem Ausmaß sich eine Moral entwickeln kann, die auch Fremde einbezieht Thinkstock -

Moral gegenüber Fremden

Dann wirkt das Prinzip der Reziprozität: Wie du mir, so ich dir. Wenn jemand erwarten kann, dass ein anderer ihm hilft, nachdem er diesem selbst einmal geholfen hat, erhöht das seine Chancen, zu überleben. Auf dieser Grundlage kann sich auch unter nicht verwandten Menschen ein gemeinsames Vertrauen und eine gemeinsame Gruppenmoral ausbilden.

Bis heute streiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, in welchem Ausmaß sich eine Moral entwickeln kann, die auch Fremde einbezieht. Man kennt sie nicht, weiß nicht, ob man ihnen vertrauen kann und ob sie die Kultur der eigenen Gruppe akzeptieren. Wie universell können moralische Normen und Werte überhaupt wirken, die sich ursprünglich innerhalb überschaubarer Gemeinschaften herausgebildet haben?

Der Psychologe Michael Tomasello ist wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen davon überzeugt, dass Moral nicht aus hehren ethischen Erwägungen heraus entstand. Auch für den Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie ging es zunächst nur darum, in Jäger-und Sammlergesellschaften ganz pragmatisch den wechselseitigen Nutzen zu mehren.

Moral als Gehirnübung

Michael Tomasello glaubt aber auch, dass die Erfahrungen von gegenseitiger Hilfe weitreichende Folgen hatten. Denn sie führten dazu, dass die Menschen neue geistige Fähigkeiten ausbildeten. Sie lernten darüber, sich immer besser in andere hineinzuversetzen und ihre Gedanken zu lesen. Die Menschen begannen immer stärker, sich auch aus der Perspektive der anderen zu beobachten und zu bewerten.

Nach Michael Tomasello entstand so ein geistiges Gerüst, um allgemeine moralische Normen zu akzeptieren: Handle so, dass du andere verstehst und ihre Perspektiven und Interessen in dein Handeln einbeziehst. Das brachte einen Überlebensvorteil für die Gruppe beim Jagen und Sammeln. Daraus entwickelten sich dann moralische Normen und Werte für den zwischenmenschlichen Verkehr.

Diese untermauerten diesen Überlebensvorteil, indem sie positives Gruppenverhalten definierten. Je größer und komplexer dann die Gesellschaften wurden, desto stärker wurden diese Gebote ausformuliert und desto allgemeiner wurde ihr Geltungsanspruch. Tabus, Sanktionen, Institutionen wie das Recht schränkten unmoralische Handlungen zunehmend ein. Und die großen Religionen entwarfen moralische Systeme mit universellem Anspruch.

Schüler streiten sich während des Unterrichts. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Studien zeigen, dass im Gehirn Pubertierender Prozesse ablaufen, die für die moralische Entwicklung unabdingbar sind Thinkstock -

Mehr Gehirn in der Pubertät

Gemeinsam ist diesen Prinzipien, dass sie den Einzelnen zwingen, das Wohl anderer mit einzubeziehen. Wir stark das dann in der Realität umgesetzt wird, ist bekanntlich eine andere Frage. Im Alltag stoßen moralische Ansprüche an Grenzen, verlangen Kompromisse. Das erfahren früher oder später auch Heranwachsende.

Studien zeigen, dass im Gehirn Pubertierender Prozesse ablaufen, die für die moralische Entwicklung unabdingbar sind. Kurz vor der Pubertät baut das Gehirn zusätzliche graue Masse auf. Es entsteht ein Überschuss an Nervenverbindungen. Der an der Universität von Glasgow arbeitende Neurowissenschaftler Peter Uhlhaas fand heraus, dass diese neuen Nervenverbindungen bei Pubertierenden noch ziemlich unkoordiniert zusammenarbeiten.

Die überschüssige und ungeordnete Nervenmasse erlaubt es den Pubertierenden aber auch, neue Erfahrungen mit sich selbst und ihrer Umwelt zu machen. Diese Erfahrungen werden dann in neuen Nervenverbindungen verankert. Das Gehirn scheint damit überhaupt erst die Voraussetzung für das zu schaffen, was die Psychologie als Hauptzweck der Pubertät definiert: Löse dich von der Welt deiner Eltern und schaffe dir einen eigenen Kosmos.

Autonomie: Die Fähigkeit, sich vom Druck der Umgebung befreien und den Widerspruch zwischen Normen und Realität aushalten zu können. Erst das macht Menschen zu einer wirklich reflektierten moralischen Person. Erst das führt dazu, dass Moral nicht erstarrt und die Grenzen des Erlaubten den Menschen nicht erdrücken. Die Pubertät ist ein wichtiger Baustein, um diese moralische Autonomie zu erlangen.

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