SWR2 Wissen: Radio Akademie Die Kommerzialisierung des Teilens

AUTOR/IN

Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (4)

Mehr Gemeinsamkeit, weniger Ressourcen verschwenden - aus der Idee ist eine Branche geworden: die Share Economy. Der Wohlfühlbegriff verspricht eine Abkehr von den Prinzipien des Kapitalismus. Doch entstanden ist das Gegenteil. Bezahlbarer Wohnraum ist durch airbnb noch knapper geworden. Und unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Tauschwirtschaft werden Arbeits- und Sozialstandards unterlaufen. Das Teilen der Masse macht einige wenige Unternehmen steinreich.

Dauer

Teilen – sharing – ist heute angesagt wie nie. Das Internet macht’s möglich. Ein Prosument, das sei die Zukunft: Konsument und Produzent in einer Person. Der kapitalistische Markt bewege sich hin zu einem neuen System des Gemeinguts, der Zusammenarbeit. Die Ökonomie des Teilens werde alles grundsätzlich verändern, die Gesellschaft, die Wirtschaft, unser Denken und Handeln.

Besitz und Eigentum würden ersetzt durch Zugang zu all dem, was man wirklich brauche. Sharing Economy! Tauschen statt kaufen, leihen statt besitzen – teilen. Das ist das neue Motto vor allem in Ballungsräumen wie Berlin, Paris oder New York, wo man viele Nachbarn und wenig Platz hat.

Was immer ich will, ich kann es mir mit jemandem teilen: die berühmte Bohrmaschine, die man nur extrem selten braucht. Ein zehnteiliges Service, eine Damast-Tischdecke, den Koch gleich dazu. Ich muss nur auf die einschlägigen Websites gehen.

Neues Wirtschaftssystem

Jeremy Rifkin prophezeit den Siegeszug eines völlig neuen Wirtschaftssystems. Zugleich sei der langsame Niedergang des Kapitalismus unaufhaltsam. Bis auf Weiteres werde es deshalb beide Systeme nebeneinander geben.

San Francisco: Headquarter von airbnb. Ein helles Großraumbüro. Dutzende von lässig gekleideten hippen, jungen Menschen vor Apple-Computern. Sie sehen alle so aus, als könnten sie für airbnb modeln.

Nathan Blecharczyk, Brian Chesky und Joe Gebbia haben airbnb gründet. Vor fünfzehn Jahren waren sie mittellose Studenten. Heute, in ihren Dreißigern, sind sie mehrfache Milliardäre. Der viel beschworene amerikanische Traum.

Airbnb wertvoller als Hotelketten

Airbnb bringt Mieter oder Wohnungs-Besitzer zusammen mit jemandem, der vorübergehend eine Unterkunft sucht. Airbnb ist ausschließlich für die Abwicklung der Buchung verantwortlich. Eigenen Angaben nach wurden seit Gründung der Plattform in über 34.000 Städten weltweit 60 Millionen Gäste empfangen.

Der rasante Aufstieg gelang mit Investoren von der Wall Street, die laut Wall Street Journal 1,5 Milliarden Dollar in das Startup steckten. Die Geldgeber sind diverse Finanzinvestoren wie General Atlantic, ein weltweit führendes Investmenthaus, oder Kleiner Perkins Caufield & Byers, eine im Silicon Valley angesiedelte Venture-Capital-Gesellschaft.

Mehrere Investoren kommen aus China. Airbnb gilt mit geschätzten 25 Milliarden Dollar als wertvoller als die Marriot-Hotelkette.

Illusion des Teilens

Die Vorstellung, airbnb bringe Mieter, die gerade zufällig ein Zimmer freihaben, mit Menschen zusammen, die ein Zimmer suchen, ist eine Illusion. Der typische airbnb-Vermieter ist nicht die alte Dame in Harlem, für die die Wohnung zu groß ist und die man sogar unterstützt, indem man sich bei ihr einquartiert.

80 Prozent aller airbnb-Wohnungen in New York werden einzig und allein zu dem Zweck angemietet, Zimmer unterzuvermieten, so eine Studie des Soziologen Tom Slee. Die Vermieter wohnen längst nicht mehr dort. Airbnb arbeitet – zumindest in den Großstädten – längst wie eine Hotelkette, nur verdeckt.

Das Logo vom Onlineübernachtungsdienst Airbnb im Eingang Brunnenstraße 196 am Rosenthaler Platz, der Berliner Niederlassung von Airbnb (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Das Logo vom Onlineübernachtungsdienst Airbnb im Eingang Brunnenstraße 196 am Rosenthaler Platz, der Berliner Niederlassung von Airbnb picture-alliance / dpa -

Zudem ist es viel lukrativer, eine Wohnung kurzzeitig an Durchreisende zu vermieten, statt langzeitig an einen festen Mieter. Das wirkt sich in einer Stadt wie New York sofort auf den Mietspiegel aus. Die Mieten steigen noch schneller. So gibt es noch weniger Wohnraum für die, die sich diese horrenden Mieten nicht leisten können.

Gastfreundschaft als reines Geschäft

Hotels erfüllen Brandschutzauflagen, schließen Versicherungen ab, haben Sicherheitspersonal. Hoteliers zahlen Steuern. Auch die privaten Gastgeber sollten Steuern zahlen, dazu rät airbnb auf seiner Website. Doch in der Praxis, so Nathan Blecharczyk von airbnb, sähe das anders aus.

In New York ist Gastfreundschaft zu einem Geschäft geworden. Nicht nur, wenn es um Unterkünfte geht. Nachbarschaftshilfe jeglicher Art wird zur Dienstleistung. Hemden aus der Reinigung holen, auf den Wochenmarkt ein Bund Möhren kaufen, das alles gibt es jetzt gegen Bezahlung.

Interessante Unterkunft über Internetportale (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Mit etwas Glück: Ausgefallene private Locations picture-alliance / dpa -

Besonders nachgefragt: IKEA-Möbel zusammensetzen. Das bietet die Plattform Task Rabbit an. Wer den Hund kurz ausführt, wer Essen für eine kranke Mutter kocht, der ist ein Mikrounternehmer. Allerdings ohne Vertrag. Ohne Kranken- und Rentenversicherung. Und wer krank wird oder in Urlaub fahren will, muss sehen, wie er klarkommt.

Illusion von Freiheit

Das Private wird durchökonomisiert, sagt Trebor Scholz. Scholz lehrt an der renommierten New School, jener New Yorker Universität, die zwischen 1933 und 1945 für viele deutsche Wissenschaftler Zufluchtsort und Arbeitsstätte wurde.

Sein winziges Büro ist vollgestopft mit Büchern. Und dann steht da noch ein Fahrrad. Mit dem kommt der dunkelhaarige Mittvierziger jeden Tag aus Brooklyn. Scholz untersucht die Arbeit im digitalen Zeitalter.

Ein Beispiel: Uber wirbt mit der Freiheit: Die Fahrer können selbst bestimmen, wann sie fahren. Doch nur wenn sie Fahrgäste befördern, sind sie versichert, nicht wenn sie leer zu dem Ort fahren, zu dem sie gerufen werden, und auch nicht auf der Rückfahrt.

Kein Mindestlohn, kein Schutz

Wer für die normale Uber-Klasse "Uber X" fährt, braucht in vielen Städten keinen Personenbeförderungsschein, keinen Gesundheitstest, kein polizeiliches Führungszeugnis. Es gibt keinen Funk, kein Taxameter.

In New York immerhin, so wirbt Uber auf seiner Website, bekommen die Fahrer eine eintägige Schulung. Als die Nutzer kritisierten, dass hier jeder fahren darf, der einen Führerschein und ein Auto hat, reagierte Uber schnell und führte teurere Klassen ein, in denen man einen professionellen Fahrer mieten kann.

Die 13.000 gelben New Yorker Taxis hingegen werden von privaten Unternehmen betrieben und benötigen eine städtische Zulassung. Für diese Fahrer gelten die Fair-Labor-Standards von 1938, wie etwa Mindestlohn, Überstundenbezahlung oder Schutz vor Diskriminierung.

Unbekannte ohne Gewerkschaft

Uber behält mindestens 20 Prozent der Umsätze seiner Fahrer ein. Die Fahrer kennen einander nicht, ebenso wenig wie alle anderen Menschen, die über eine Plattform Dienstleistung anbieten.

Uber bestimmt, was ein Fahrer verdient. Und das kann sich schnell ändern. Als im Dezember 2014 in Australien Menschen aus Angst vor einem drohenden Terroranschlag in Uber-Taxis stiegen, wurden die Fahrer angewiesen, astronomische Summen zu verlangen.

Uber verteidigte sich: Ein Algorithmus gebe bei hoher Nachfrage automatisch höhere Preise vor. Das sei ein Hebel, an dem man auch juristisch eingreifen könne, so der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman: Wenn man einen Vorteil aus einer Notsituation zieht, ist das Wucherei.

Uber gegen New York

Einen direkten Angriff gegen Uber hat Bill de Blasio, Bürgermeister von New York, versucht und sich eine blutige Nase geholt. Ursprünglich wollte er Uber-Fahrzeuge ganz aus der Stadt heraushalten. Er fürchtete einen Verkehrskollaps.

Immerhin gibt es schon 63.000 Taxis und Leihwagen auf New Yorker Straßen. Und er fürchtete um das Einkommen von Tausenden von New Yorker Taxifahrern. Ein Jahr lang wollte er testen, ob mehr Taxen wirklich notwendig seien.

Uber schlug zurück und begann eine gigantische Kampagne mit dem aggressiven Slogan: de Blasio, verzieh’ Dich. Uber-Fahrgäste brachten Protestnote um Protestnote ein, bis de Blasio klein beigab.
Im Februar 2016 haben die Uber-Fahrer wieder protestiert.

Sammelklagen gegen Uber

Diesmal gegen Uber selbst. Denn so wie das Unternehmen die Tarife willkürlich anheben kann, so kann es sie auch senken. Und Uber hatte beschlossen, für Fahrten in New York 15 Prozent weniger zu verlangen.

In San Francisco wiederum läuft immer noch eine Sammelklage gegen Uber. Fahrer hatten geklagt, weil sie wie Selbstständige behandelt würden, aber letztlich keine seien.

Während die Fahrer bluten, boomen die Sharing-Plattformen. Allein in New York generiert airbnb eine Million Übernachtungen pro Jahr. Und das, ohne ein einziges Hotel gebaut zu haben, ohne eine einzige Rezeptionistin oder ein einziges Zimmermädchen eingestellt zu haben.

Weitergabe der Grenzkosten endet fatal

Die sogenannten Grenzkosten werden einfach weitergegeben an die Uber-Fahrer und die airbnb-Vermieter. Wenn sie nicht versichert sind oder keine Steuern zahlen, so ist das ihr Problem.

So kann man Dienstleistungen billiger anbieten und die Konkurrenz ausstechen. Ein Uber-Fahrer verdient, wenn man Benzin und Kosten für den Unterhalt des Autos dazu nimmt, noch nicht einmal den Mindestlohn.

Kurvenverlauf einer Statistik (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Damit Uber expandieren kann haben Investoren wie Google und Goldman Sachs kräftig Geld zugeschossen © JupiterImages Corporation -

Wer gibt den Plattformen das Geld, das sie für ihren Vormarsch brauchen? Damit Uber expandieren kann – von New York bis Peking, hat die Wall Street kräftig Geld zugeschossen. Allen voran Investoren wie Google und Goldman Sachs.

Wenn der Kapitalismus sich selbst frisst

Bis Ende 2015 sollen es 12 Milliarden Dollar gewesen sein. Auch die chinesischen Versicherer China Life Insurance und China Taiping Insurance haben laut Angaben von Uber in den vergangenen Jahren investiert.

Das gesamte Unternehmen werde dabei mit bis zu 62,5 Milliarden Dollar bewertet, schrieben die New York Times und der Finanzdienst Bloomberg. Airbnb soll schon über 25 Milliarden Dollar wert sein. Gleichzeitig leben 40 Prozent aller New Yorker am Existenzminimum.

Dabei gäbe es andere Möglichkeiten. Wie wäre es, fragt Trebor Scholz, wenn die Sharing-Ökonomie von Gewerkschaften betrieben würde? Von Städten oder Genossenschaften? Städte könnten sich auch zusammentun, um eine Software wie die von airbnb zu entwickeln.

AUTOR/IN
STAND