Radioakademie_Teilen2 (Foto: Colourbox.de -)

SWR2 Wissen: Radio Akademie Der teilende Mensch

AUTOR/IN

Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (2). Von Martin Hubert

Der Mensch ist von Natur aus kein purer Egoist. In vorzivilisatorischen Jäger-Sammler-Gesellschaften war es gang und gäbe zu Teilen. Heute dagegen, im Kapitalismus, dominiert ein individuelles Besitz- und Konkurrenzdenken. Wie viel von dem alten Erbe der Jäger-Sammler-Gesellschaften, von ihrem natürlichen Bedürfnis zu teilen, steckt noch im Homo sapiens, nachdem sein Ich und sein Eigentum immer wichtiger geworden sind? Wie lässt es sich reaktivieren? Zahlreiche Experimente suchen Antworten auf solche Fragen.

Dauer

Weltweit spielen in wissenschaftlichen Laboren zufällig zusammengewürfelte Versuchspersonen seit Jahren um Geld. Und seit es diese Experimente gibt, dringt aus den kühlen Laboren immer wieder dieselbe warme Botschaft: Es gibt eine große Mehrheit von Probandinnen und Probanden, die bereit sind zu teilen, auch wenn sie es nicht müssen.

Professor Matthias Sutter, Professor für experimentelle Ökonomie der Universität Köln, ist einer der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Lange Zeit verstanden die Wirtschaftswissenschaftler den Menschen als sogenannten "Homo oeconomicus", der immer danach strebe, seinen Nutzen und seinen Gewinn zu maximieren.

"Homo oeconomicus" (Foto: Colourbox.de -)
Was ist dran am "Homo oeconomicus"? Colourbox.de -

Bedürfnis zum Teilen?

Wenn Menschen aber auch dann mit anderen teilen, wenn sie es gar nicht müssen, sei diese Auffassung überholt, meint Sutter. So schön das klingt – lässt sich daraus schon folgern, dass der Mensch wirklich ein inneres Bedürfnis zum Teilen besitzt?

Im Jahr 2008 zeigte eine Studie an über 200 Kinder zwischen 3 und 8 Jahren, dass beim Spielen die Tendenz zum egalitären Teilen mit dem Alter extrem zunahm. Jüngere Kinder denken noch eher egoistisch, ältere teilen eher eins zu eins. Eine menschliche Disposition?

Denn hier sollte man noch nicht zu früh jubeln. Denn diejenigen, die dem andern Kind zwei Geschenke gaben und sich selbst eines, opferten nichts. Wie bei der Alternative „eins für mich und eins für dich„ erhielten sie bei „eins für mich und zwei für dich“ ein Bonbon. Allerdings sorgten sie dafür, dass der Kuchen, der insgesamt verteilt wurde, größer war.

Vergeude nichts

So viel wie möglich so effizient wie möglich verteilen, solange man selbst dabei nicht schlechter wegkommt. Ist das das Motiv, das westliche Jugendliche beim Teilen beeinflusst, je älter sie werden?

Ein Mix also zwischen altruistischem Denken, Wachstumsdenken und dem ethischen Prinzip „Vergeude nichts“? Eine interessante These, die aber durch zusätzliche Studien erst noch gestützt werden müsste.

Dass Menschen Mitglieder der eigenen Gruppe oder Ethnie besser behandeln als Fremde, ist altbekannt. Matthias Sutters Ergebnisse zeigen, dass sich dieser Trend vor allem im Teenager-Alter verstärkt.

Universelle Menschlichkeit?

Gelten diese Ergebnisse nur für die westliche Kultur oder sind sie universell? Eine Antwort auf diese Frage hat der Leipziger Erziehungswissenschaftler Daniel Haun wiederum im Ultimatum-Spiel gefunden.

Daniel Haun und Marie Schäfer spielten das Spiel zunächst mit Kindern aus zwei Jäger-Sammler-Gesellschaften, die eine egalitäre Kultur besitzen und ihre Ressourcen gemeinschaftlich nutzen. Unter ihnen waren auch die Hai//om aus Namibia.

Außerdem spielten sie es mit Kindern einer kenianischen Bauerngesellschaft, bei der die Menschen zwar auch stark auf die Gemeinschaft angewiesen sind, sich aber schon weitgehend selbstständig versorgen. Und sie spielten es mit Kindern einer Hirtengesellschaft in der Zentralafrikanische Republik, bei der die Größe einer Herde dem Besitzer einen höheren sozialen Status verleiht, wo also Standesunterschiede nach außen deutlich sichtbar sind.

Schon feine Unterschiede innerhalb nichtwestlicher Kulturen wirken sich auf das Verhalten beim Teilen aus.

Kultur und Teilen

Haun und Schäfer konnten den Einfluss der Kultur und sozialen Umwelt noch in einer weiteren Studie bestätigen. Sie untersuchten, wie Kinder die Leistung anderer Kinder berücksichtigen, wenn sie das Ergebnis ihrer Arbeit verteilen sollten.

Kinder bekommen eine Angel in die Hand gedrückt und sollen mit ihr Würfel aus einem Behälter herausfischen. Die Würfel werden auf einen Haufen geworfen und am Ende des Spiels gegen eine Belohnung ausgetauscht. Die müssen die Kinder dann unter sich aufteilen.

Auch hier zeigten sich Unterschiede zwischen den deutschen Kindern, den Kindern egalitärer Jäger-Sammler-Gesellschaften und den Kindern der kenianischen Samburu.

brüderliches Teilen angeboren (Foto: Colourbox.de -)
Ist brüderliches Teilen angeboren? Colourbox.de -

Normen des Teilens

Die Art, wie eine Gesellschaft strukturiert ist und mit Ressourcen umgeht, beeinflusst somit die Normen des Teilens schon bei Vierjährigen – und diese kulturellen Unterschiede wachsen mit dem Alter. Die Frage ist dann nur: Welche Kultur und welche soziale Umwelt kann das Teilverhalten des Menschen am stärksten prägen?

Wie einflussreich können kulturelle Normen aber in den kapitalistischen Gesellschaften sein, die ganz vom Leistungs-und Konkurrenzdenken, von Wachstum und Gewinnstreben durchdrungen sind? Einige Studien weisen darauf hin, dass die Logik des Marktes durchaus positive Effekte haben kann.

Denn ohne ein Mindestmaß an Kooperation und Fairness kann ein Markt gar nicht funktionieren. Anderseits zeigen die Spielexperimente der Ökonomen auch, dass Konkurrenz negative Folgen hervorruft.

Ein gewagtes Verkaufsexperiment in Bonn

Eine Gruppe von Versuchspersonen bekommt 20 Euro in die Hand, eine zweite die Verantwortung für das Leben einer Maus. Die Geldbesitzer sollen versuchen, den Mausverantwortlichen die Maus zu einem möglichst geringen Betrag abzukaufen.

Lassen diese sich darauf ein, muss ihre Maus sterben – und zwar tatsächlich. Das Ergebnis dieser Studie war niederschmetternd. Der Fokus der Versuchspersonen verschob sich weg von der Moral und der Tierliebe – und hin zum Gewinnstreben.

Weitere Tests zeigen: Außenstehende Menschen, die in Fairness-Kategorien denken und in Prozesse zumindest eingreifen könnten, fördern also die Kooperation. Für Matthias Sutter repräsentieren die Beobachter in seiner Studie die sozialen Normen einer Gesellschaft. Und die Studienergebnisse untermauern deren Wert und Kraft.

Maus oder Geld? (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de - Collage: SWR)
Ist das Leben einer Maus zwanzig Euro wert? Foto: Colourbox.de - Collage: SWR

Kooperation gegenüber Fremden

Menschen, die sich für soziale Normen und faires Teilen einsetzen, besitzen häufig ein starkes Wertebewusstsein, das sich auch von der harten Realität nicht entmutigen lässt. Allerdings wirken die altruistischen Personen umso stärker, je näher sie der Gruppe sind, die sie beeinflussen.

Dies weist wieder auf das alte Problem hin, dass die Kooperationsbereitschaft gegenüber Fremden geringer ausgeprägt ist. Man sollte also nicht der Illusion erliegen, dass der Mensch von Natur aus grundsätzlich teilungsbereit ist.

Andererseits: Menschen verhalten sich dann tendenziell fair, wenn die Gesellschaft klare soziale Normen vorlebt, Fehlverhalten reguliert – und wenn es Menschen gibt, die sich für die Einhaltung der Normen engagieren.

AUTOR/IN
STAND