Ein Flüchtling sitzt auf seinem Feldbett in einem Zelt der Erstaufnahmestelle (Foto: picture-alliance / dpa -)

Warum Migranten psychisch krank werden Stress in der Fremde

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Studien zeigen, dass Flüchtlinge ein doppelt bis sogar dreifach hohes Risiko tragen, an Depressionen oder Psychosen zu erkranken. Dabei spielen nicht nur die Erfahrungen auf der Flucht eine entscheidende Rolle, sondern auch, wie sich das Leben im Einwanderungsland gestaltet.

Dauer

Die Diskussion, ob Migranten überdurchschnittlich häufig psychisch erkranken, ist schon viele Jahre alt. Immer wieder schienen Studien das zu belegen - aber genau so oft meldeten sich Kritiker zu Wort: Das Bild sei zu uneinheitlich, man dürfe Entwicklungen in bestimmten Städten oder Regionen nicht vorschnell verallgemeinern.

Wo gehöre ich hin?

Ali Gün kennt diese Kritik. Er ist Integrationsbeauftragter seiner Klinik und berät den Landschaftsverband Rheinland in Fragen der Versorgung von Migrantinnen und Migranten. Wenn er die kritischen Einwände hört, erzählt er gerne von einem seiner vielen Fälle, bei dem ein Mann die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen wollte und seinen Vor- und Nachnamen komplett ändern, um nicht mehr an seine Herkunft erinnert zu sein.

Mutter und Sohn beim Frühstück (Foto: SWR, SWR - Jens Freitag)
Migration, der Sprung von einer Kultur und Gesellschaft in eine andere, begünstigt seelische Krisen und Krankheiten SWR - Jens Freitag

Der Mann war in eine tiefe Identitätskrise geraten. Wo gehöre ich hin? Die Namensänderung war der verzweifelte Versuch, seine Herkunft abzustreifen und endlich in der neuen Heimat Deutschland anzukommen. Migration, der Sprung von einer Kultur und Gesellschaft in eine andere, würde einfach Krisen begünstigen, meint Ali Gün.

Neue Studienergebnisse

Tatsächlich ergeben aktuelle Studien inzwischen ein relativ klares Bild. Das meint auch der Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg, der selbst auf diesem Gebiet forscht. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit besitzen Migranten demnach ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko, an Psychosen zu erkranken.

Bei der Depression hingegen müsse man je nach Herkunftsland differenzieren, insgesamt seien aber auch hier die Fälle von Depressionen und Angsterkrankungen wesentlich erhöht. Bei Depressionen spielt zum Beispiel eine Rolle, woher die Migranten kommen, wie ihre Biografie verlaufen ist, welches Schicksal sie erlitten haben.

Männer mit Handy (Foto: SWR, SWR - Jens Freitag)
Die Stresssituation "Migration" sensibilisiert das Gehirn für stressige Signale, sodass der Betroffene auf den nächsten sozialen Stressfaktor noch einmal sensibler reagiert SWR - Jens Freitag

Unsicherheit nach Ankunft

Vor allem von Kriegen Traumatisierte sind gefährdet. Sie kommen nach Deutschland, um an einen sicheren Ort zu gelangen, doch wenn es auch hier zu Existenzproblemen kommt, so führt das oft zu einer akuten Verunsicherung und Re-Traumatisierung.

Für andere psychiatrische Krankheiten gilt das nicht, betont Andreas Meyer-Lindenberg. Menschen, die unter Psychosen leiden, haben Denkblockaden, ihr Sprechen und Fühlen ist gestört, sie verlieren oft völlig den Bezug zur Realität und entwickeln Wahnvorstellungen.

Egal woher und warum

Obwohl es sich hiermit ebenso um schwere psychische Erkrankungen handelt, kann sie Migranten unabhängig davon treffen, wie schwer ihr bisheriges Schicksal war - seien es Vertriebene, traumatisierte Flüchtlinge oder Arbeitsemigranten. Es ist offenbar auch völlig gleich, aus welchem Land und aus welcher Bevölkerung sie kommen und in welche sie hineinwachsen.

Junge Frau probiert Mantel an in Kleiderkammer (Foto: SWR, SWR - Jens Freitag)
Vor allem von Kriegen Traumatisierte sind gefährdet, zu erkranken SWR - Jens Freitag

Lange hielt sich das Argument, Einwanderer würden nur deshalb häufiger psychisch krank werden, weil sie schon von Haus aus gesundheitlich beeinträchtigt seien. Das ist inzwischen eindeutig widerlegt, sagt Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit. Wichtig ist demnach das Leben in der Lebenswelt, die nicht die ist, in der man zuvor aufgewachsen ist.

Krank nach der Einwanderung

Nicht die Herkunft, nicht das bisherige Lebensschicksal, sondern die Situation und die Probleme in den Einwanderungsländern führen zum erhöhten psychischen Krankheitsrisiko von Migranten. Das gilt nach dem aktuellen Forschungsstand eindeutig für Entwicklung von Psychosen. Auch bei den Kindern der Migranten, also den Zweitgenerationsmigranten, ist das Risiko genauso stark erhöht, zu erkranken.

Womöglich reagieren Vertreterinnen und Vertreter der zweiten Generation noch sensibler auf Signale der Ausgrenzung und Diskriminierung als ihre Eltern.

Bild eines Gesichts mit deutschen Beschriftungen (Foto: SWR, SWR - Jens Freitag)
Plötzlich vor eine völlig neue Sprache und Lebenskultur gestellt zu sein, bringt große Belastungen für die eigene Identität mit sich SWR - Jens Freitag

Diskriminierung im Gehirn messen

Ein Team um die Neuropsychologin Heike Tost legte Deutsche und Migranten aus verschiedenen Herkunftsländern in die Röhre eines Magnetresonanztomographen, um mit bildgebenden Verfahren die Hirnaktivität zu beobachten. Alle Teilnehmer sollten schwere Mathematikaufgaben lösen, was sie schon ziemlich stresste.

Bei Migranten funktionierte die emotionale Stressbremse im limbischen System nicht so gut wie bei Nichtmigranten. Ihr Stressareal war hyperaktiv. Offenbar, so die These der Mannheimer Forscher, hatte der soziale Stress in der neuen Umwelt das Gehirn der Einwanderer insgesamt anfälliger gemacht. Die Betroffenen reagierten leichter auf Stress-Signale und ließen sich stärker emotional reizen.

Höhere Verletzlichkeit

Die Wissenschaftler sprechen auch von einer erhöhten Vulnerabilität, also einer Verletzlichkeit für psychische Erkrankungen. Diese kann bei Migranten genauso vorliegen wie bei Nicht-Migranten. Sie macht auch nicht automatisch krank. Wenn aber wie bei Migranten dauerhafter sozialer Stress hinzukommt, schlägt die Anfälligkeit leichter in eine psychische Krankheit um - und macht die Migranten zu einer Hochrisikogruppe. Neueste Untersuchungsergebnisse unterstützen diese Annahme.

Frau und Kinder beim Unterricht (Foto: SWR, SWR - Jens Freitag)
Auch bei den Kindern der Migranten, also den Zweitgenerationsmigranten, ist das Risiko genauso stark erhöht, zu erkranken. SWR - Jens Freitag

Ein Teufelskreis: Die Stresssituation "Migration" sensibilisiert das Gehirn für stressige Signale, sodass der Betroffene auf den nächsten sozialen Stressfaktor noch einmal sensibler reagiert. Und so weiter und so fort. Heike Tost konnte in den Mannheimer Experimenten nachweisen, dass sich solche Erfahrungen direkt im Gehirn niederschlagen.

Ethnische Diskriminierung mit den größten Folgen

Dabei war es weniger das Gefühl, als einzelne Person oder mit seiner Familie ausgegrenzt zu werden. Vielmehr belastete die Migranten vor allem die Erfahrung, als Mitglied einer Gruppe ethnisch diskriminiert zu werden. Ich bin als Türke, Polin oder Libanese diskriminiert, bin dem also als Individuum relativ ohnmächtig ausgeliefert. Je stärker die Betroffenen davon überzeugt waren, umso sensibler reagierten die Stressareale in ihrem Gehirn.

Was bedeutet es für Einwanderer aus der Türkei, Russland, Rumänien oder anderen Ländern, wenn sie mehr und mehr resignieren, weil sie nie wirklich sozial anerkannt worden sind? Was bedeutet es, wenn ihre Kinder dagegen ankämpfen wollen, aber vielleicht auch nicht viel weiter kommen?

Maschendrahtzaun mit einem ausgedruckten Schild, auf dem "Notunterkunft für Flüchtlinge" steht (Foto: SWR, SWR -)
Was bedeutet es für Einwanderer aus der Türkei, Russland, Rumänien oder anderen Ländern, wenn sie mehr und mehr resignieren, weil sie nie wirklich sozial anerkannt worden sind? SWR -

Vererbte Ohnmacht

Die Tatsache, dass das Risiko für Psychosen in der zweiten Generation von Migranten mindestens genauso hoch ist wie in der ersten, muss nachdenklich machen. Den Wissenschaftlern jedenfalls ist klar, dass noch viel Forschungsarbeit auf diesem Gebiet zu leisten ist. Ein Team um Heike Tost will zum Beispiel genauer untersuchen, wie Einwanderer in größeren Städten zurechtkommen. Es arbeitet an einer Stress-Stadtkarte von Mannheim.

Versuchspersonen sind mit Smartphones ausgestattet, die kontinuierlich dokumentieren, in welcher Gegend der Stadt sie sich aufhalten: Sind sie im Stadtzentrum mit Hochhäusern oder in einem Wohngebiet mit Vorgärten? Ist es ein armes oder ein reiches Viertel? Leben viele Migranten dort oder viele Deutsche?

Stress auf dem Dorf

Sobald die Versuchspersonen in andere Stadtregionen kommen, werden sie per Smartphone nach ihrem Befinden und ihren Gefühlen befragt. Regelmäßig untersuchen die Wissenschaftler im Hirnscanner die Stressempfindlichkeit ihrer Versuchspersonen und vergleichen die Ergebnisse mit den Stadtregionen, in denen sie sich häufig aufgehalten haben.

Ein Flüchtling aus Syrien (Foto: EinsPlus - EinsPlus)
Die Stadt bietet Migranten Schutz, weil dort Menschen verschiedener Kulturen leben EinsPlus - EinsPlus

Menschen mit Migrationshintergrund, die haben eher einen schützenden Effekt, wenn sie sich in urbanen, also hochstädtischen Lebensräumen aufhalten. Auf dem Land ist die soziale Kontrolle stärker als in der Stadt, man wird eher beobachtet. Wer dort als Migrant erst einmal nicht dazu gehört, hat es schwer. Die Stadt dagegen bietet Migranten Schutz, weil dort Menschen verschiedener Kulturen leben.

Die Arbeit an der Mannheimer Stress-Stadtkarte hat erst begonnen. Sie könnte aus psychologischer Perspektive neue Ideen und Argumente für ein Stadtleben liefern, das die Integration von Migranten unterstützt. Das wäre ein Baustein für einen wichtigen gesellschaftlichen Prozess - jetzt und für die Zukunft.

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