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SWR2 Kulturgespräch 3.9.2012 Kultureller Aufbruch von unten

Gabriela Keller, Mitautorin "Der lange Weg in die Freiheit", über kulturellen Wandel in Syrien

„Die Konfliktparteien selbst sind es, die Syrien aus der Krise führen müssen“ hat der neue internationale Syrienvermittler Brahimi am Wochenende betont, und dämpfte damit zunächst mal die Erwartung an ihn. Gleichzeitig sind an diesem Wochenende auch die Kämpfe in Syrien weitergegangen. Bei einem Bombenanschlag in einem Vorort von Damaskus kamen, nach Angaben der Staatsmedien, in der Nacht zum Sonntag erneut mindestens 15 Menschen ums Leben. Aber trotz tausender Toter und hunderttausender Verwunderter gibt es immer noch viele mutige Menschen in Syrien, die nicht vor Militär, Sicherheitskräften und Schlägertrupps zurückweichen und Widerstand leisten.   Heute erscheint im Dietz Verlag das Buch „Der schwierige Weg in die Freiheit“, in dem es um diese Menschen geht und welche Rolle in diesem Zusammenhang Künstler und Intellektuellen spielen.

Frau Keller, „Unsere Musik gegen ihre Schüsse – Eine neue Kreativität erwacht“  heißt das von Ihnen verfasstes Kapitel. Was meinen Sie genau mit dieser neuen Kreativität?  

Wer sich die Proteste genau anschaut sieht, dass die Menschen sehr intensiv nach Wegen suchen ihren Widerstand kreativ zum Ausdruck zu bringen. Das heißt, sie singen, sie tanzen, haben Protest-Lieder komponiert, es werden kleine Theaterstücke aufgeführt und auch Graffiti spielt eine sehr große Rolle. Das Ganze hängt natürlich immer davon ab wie viel Gewalt in der jeweiligen Stadt, in dem jeweiligen Viertel, gerade herrscht. Aber wenn die Umstände günstig sind, kann man Proteste erleben, die wirklich an kleine Happenings erinnern, wo ganznormale Leute nun einfach diese Proteste als Plattformen benutzen, die ihnen vorher überhaupt nicht zur Verfügung stand.

Sie haben eben gesagt „ganz normale Leute“, was sind denn das für Leute?

Das ist ein Querschnitt durch die Bevölkerung. Also generell kann man sagen, dass der Protest eher in den ärmlichen Vierteln, in den kleinen Dörfern angesiedelt ist. Das heißt, das sind Leute, die gar nichtunbedingt Künstler sind. Es sind Handwerker, es sind Arbeiter, es sind Lehrer, Ingenieure, junge Leute, Studenten. Aus dieser neu geschaffenen Protest- Freiheitentwickelt sich der kreative Widerstand immer weiter.

Und so hat sich praktisch so eine Art Kreislauf entwickelt, wo Kunst, Widerstand, Protest sich gegenseitig befeuern.

Können Sie noch mal ein paar konkrete Beispiel geben was da genau entsteht, also sei es im Bereich Theater oder sei es im Bereich Musik?

Also ganz berühmt geworden ist ein Lied, das sozusagen die inoffizielle Protesthymne ist, sie heißt: „Jalla, Baschar, Hau ab“ und wird landauf, landab gesungen. Wo immer sich ein paar Demonstranten versammeln, wird dieses Lied geschmettert. Dann wird es auf YouTube mitgeschnitten und im Internet verbreitet und so hat es praktisch die letzten Ecken Syriens erreicht und lässt sich überhaupt nicht mehraufhalten. Außerdem entwickeln Theaterregisseure kleine Theaterstücke mit den Demonstranten vor Ort. Es gibt Graffitikünstler, die die Wände besprühen und sichteilweise auch sehr ironische und sehr lustige Sprüche ausgedacht haben. Ein Dorf in Syrien hat zum Beispiel Berühmtheit erreicht, da es jede Woche die kreativsten und lustigsten und teilweise sehr anarchischen Sprüche neu auf ihren Bannern schreibt. Und ganz Syrien ist mittlerweile gespannt darauf:  was gibt es diese Woche für neue Sprüche?

Und wie fügen sich die etablierten Künstler in diese neue Szene ein? Die haben ja lange genug unter Assad’s Repressionen leiden müssen. Gerade Ibrahim Al Kaschusch, der die Hymne geschrieben hat und auch als Nachtigall der Revolution bekannt war, dem ist ja der Kehlkopf herausgerissen worden.

Also aufseiten der etablierten Künstler muss es ja enorm viel Wut geben. Sind die dabei?

Eher Weniger. Es gibt einen sehr starken Bruch zwischen den häufig älteren etablierteren Künstlern und Intellektuellen und dem, was nun an junger Opposition auf der Straße geschieht. Ein Beispiel ist der syrische Dichter Adonis, der sehr starkkritisiert worden ist, weil er es einfach nicht geschafft hat klare Worte zu finden, was diesen Aufstand und diese sehr brutale Reaktion des Regimes angeht. Das kann man auch mit der Herkunft der Künstlererklären. Sie sind in den60ern und 70ern groß geworden und alle sehr stark durch ein linkes panarabisches säkulares Gedankengut geprägt. Und darin vielleicht auch im Laufe der Jahrzehnte etwas erstarrt. Und mit dieser sehr jungen Bewegung, die jetzt auf der Straße ist, die überhaupt keine Ideologie festhält, können sie sehr wenig anfangen.

Es gibt natürlich auch sehr große Angst vor chaotischen Volksmassen, die keine Strukturen, keine Führerhaben. Und es gibt auch Sorge davor, dass die islamistischen Kräfte da an Einfluss gewinnen können, was sich derzeit auch tatsächlich abzeichnet. Das sorgt da also auch zusätzlich für Zurückhaltung. Es gibt allerdings einige sehr bekannte Künstler, die sichtrotz alledem der Protestbewegung angeschlossen haben und teilweise auch mit sehr harten Konsequenzen dafür zu kämpfen hatten.

Also der bekannte Regisseur Orvanni Dabia ist in der vergangenen Woche gerade verhaftet worden.

Sie haben eben das Stichwort „Angst“ genannt. Haben denn diejenigen, die diese neuen Kreativen sind, keine Angst vor dem Regime?

Die haben natürlich Todesangst, was ganz normal ist, weil es inzwischen bis zu 20.000 Tote gibt. Aber es geht bei dieser Revolution auch sehr stark darum: wie überwinden wir unsere Angst?

Und das, was ich von meinen Quellen vor Ort immer wiedergehört habe, seit den ersten Tagen, ist: die Mauer der Angst ist durchbrochen. Und auch dabei spielt, gerade die kreativen Formen, eine große Rolle, weil mir die Leute auch ganz oft gesagt haben:„Wenn wir singen, wenn wir tanzen, wenn wir uns alle an den Händen halten, dann wird die Angst kleiner. Dann haben wir ein ganz anderes Selbstbewusstsein.“

Also es ist so eine Art Kraft, die dadurch auch generiert wird, die auch sehr stark in der Satire liegt. Jetzt können sie den Präsidenten durch den Kakao ziehen und sich darüber lustig machen. Was vorher überhaupt nicht ging.

Sie schreiben, Syrien habe sich von einem Land in politischer Todesstarre zu einem Land in Aufruhr entwickelt.  Wohin wird das, Ihrer Meinung nach, führen, dieses „kulturell politische Experiment“, wie Sie es nennen?

Die Gewalt hat sehr starkzugenommen. Also die Zeichen mehren sich, dass die bewaffnete Opposition immer stärker an Bedeutung gewinnt. Das Ganze wird inzwischen offiziell als Bürgerkrieg eingestuft. Es ist nicht mehr wie am Anfang, wie es monatelang lang war, dass die friedliche Protestbewegung das Bild prägte. Im Großen und Ganzen hat es natürlich diese blühende Kreativität sehr, sehr schwer in einem Land was einfach im Krieg ist.

Das SWR2 Kulturgespräch mit der Autorin Gabriele Keller führte Doris Maull am 03.09.2012 um 7.45 Uhr.  


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