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SWR2 Kulturgespräch 8.8.2012 Wendekinder und die dritte Generation OST

Johannes Staemmler vom Netzwerk „3te Generation Ost“ über diese von „Wendekindern“ gegründete Initiative

"Wir haben Krisenerfahrungskompetenz",“ die „Dritte Generation Ost“, heißt ein Buch, das in diesen Tagen erscheint und in dem sich die Jahrgänge 1975 bis 1985 zu Wort melden. Leute, die meist im Osten Deutschlands geboren sind, die die Wende als Kinder oder Jugendliche erlebt haben und die sich jetzt, 23 Jahre später, zu einem Netzwerk zusammengeschlossen haben.

„Dritte Generation Ost“ Ein Netzwerk, das die herrschenden Deutungshoheiten in Ost und West anzweifelt und das eine Bestandsaufnahme versucht darüber, ob es ostdeutsch heute eigentlich noch gibt, geben darf, geben sollte.

Johannes Stemmler, geboren 1982 in Dresden, ist Mitbegründer der „Dritten Generation Ost“, wie kam es denn zur Gründung Ihrer Initiative?

Unsere Initiative ist 2010 entstanden, als im Reigen der vielen Erinnerungen an Mauerbau, Mauerfall, Wiedervereinigung wir das Gefühl hatten, dass immer die gleichen Leute im Fernsehen und im Radio darüber sprechen und auch immer auf die gleiche Weise, nämlich eine Art, die junge Leute in Ost und West eigentlich nicht mehr betrifft, beziehungsweise die unser Gefühl von: ja, da ist etwas, was mit uns was zu tun hat; aber wozu wir eigentlich relativ wenig konkrete Verbindungen noch haben, nicht so richtig erreicht.

Es war also das Problem, dass die Alten den Jungen vorgeschrieben haben, wie sie die deutsche Geschichte zu sehen haben.

Ja, es gibt im Grunde drei landläufige Interpretationen, die immer wieder auftauchen.

Das eine ist: Ja, wir sprechen über die Vergangenheit. Und unsere Vergangenheit wäre dann die DDR-Vergangenheit als ein schlimmer Unrechtsstaat. Daran gibt’s nichts zu rütteln.

Dann gibt’s die Gegenposition, die sagen: Ja, aber es war ja nicht alles schlecht. Und finden dann die schönen Geschichten einer heilen Welt.

Und dann gibt’s die dritte Position, die sagt: Ach, können wir das nicht alles auf sich beruhen lassen und in die Zukunft schauen?

Und dazwischen gibt es nicht viel. Und da versuchen wir uns jetzt breit zu machen.

Sie und Ihre Freunde, mit den zusammen Sie jetzt auch das Buch herausgegeben haben, Sie sagen ja: „Wir haben zwei Sozialisationen“. Was heißt das?

Ja, man könnte diese zwei Sozialisationen um das Jahr ’89 herum stricken. Das eine sind direkte aber auch mittelbare Erfahrungen, die noch von der Zeit von vorher stammen. Also wirklich aus einer Welt, die ein klein bisschen anders funktioniert hat.

Und die zweite Sozialisation ist die des heutigen, des wiedervereinigten Deutschlands.

Aber 1989 ist die historische Marke, aber das Nachwirken der DDR, also auch das Nachwirken der DDR Sozialisation über unsere Eltern, über Lehrer, über, tja, das Umfeld, was versucht hat sich einen Reim auf die Wiedervereinigung zu machen, das läuft in unseren Biografien irgendwie zusammen.

Sprechen denn junge Ostdeutsche überhaupt noch mit ihren Eltern über die Vergangenheit?

Ja, das ist einer der Punkte auf die wir gekommen sind, der besonders schwierig ist.

Das Sprechen über die Vergangenheit scheint in vielen Familien ein selektives Erinnern mehr oder weniger positiver Momente zu sein. Und da fällt viel hinten runter. Da ist viel von Interesse, was nicht besprochen wird, und was aber aus Vorsicht, vielleicht auch aus Gewöhnung, nicht angesprochen wird.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel wird die Schwierigkeit des Aufwachsens unserer Eltern in einem Staat, in dem nicht alles möglich war, und dann die Frage: Ja, wie kann man das aushalten? Wie entscheidet man sich da? Wie wird man glücklich? Wie fühlt sich das an, wenn man im Dilemma steckt? Oder auch: Wie fühlt es sich an, wenn man eine Karriere in einem Staat geplant hat und die erfolgreich begonnen hat, die auf einmal vorüber ist? Wie lebt man damit als Mensch?

Wir als Kinder haben das natürlich häufig beobachten können, in den 90ern, aber so richtig das Besprechen fällt sehr schwer.

Kommen wir wieder zur jüngeren Generation zurück. Was sind denn die spezifischen Probleme, wenn jüngere Ostdeutsche sich kritisch mit ihrem Selbstgefühl auseinandersetzen und auch mit ihrem Gefühl für ihr Land?

Sie haben in dem Zusammenhang ja mal von „der stummen Generation“ gesprochen. Wie ist das gemeint?

Ja „die stumme Generation“ habe ich beschrieben zum einen, aus dieser Position heraus, dass wir also relativ wenig fragen und nach vorne schauen. Wir reisen durch die Welt, wir bilden uns aus, wir gründen Familien und finden Lebenspartner hier und in anderen Ländern. Aber es ist eben auch, wie ich finde, ein stückweit nicht auf die eigene Geschichte schauen wollen und nicht schauen können. Und besonders, wenn man aus Ostdeutschland raus fährt, ja. Besonders, wenn man Menschen aus anderen Ländern, aber auch aus anderen Bundesländern trifft und dann über die kleinen, feinen Unterschiede anfängt zu sprechen. Dann merkt man: ah, da ist irgendwas, was noch besser verstanden werden will, was aber so schwierig ist zu artikulieren.

Es ist ja auch so, dass da wirklich ein Land sozusagen weggebrochen ist. Jana Hänsel hat das ja in ihrem Roman „Zonenkinder“ ganz eindrücklich beschrieben, dieses Wegbrechen der gesamten Kindheit. Das seien heute alles übermalte Orte, hat sie geschrieben, sodass man gar nicht mehr wisse woher man kommt, sondern sich fühlt wie ein Tourist im eigenen Leben.

Wie gehen die jüngeren Ostdeutschen denn heute um damit, dass ihre Kindheit in diesem verschwundenen Land steckt und man oft gar nicht mehr erreichbar ist?

Ich glaube, dass wir bei den ganz jungen Ostdeutschen inzwischen ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein finden. Da gibt’s zum Beispiel die Band „Kraftclub“ aus Chemnitz, die überhaupt kein Problem hat das zu besingen und damit ja ganze Konzerthallen, in ganz Deutschland übrigens, füllt.

Diejenigen, die so alt sind wie wir, also zwischen 25 und 35, sind da etwas verhaltener und bauen aber, glaube ich, ein größeres Selbstbewusstsein auf, Fragen zu stellen, die bisher einfach schwierig zu fragen waren. Und auch, wenn es darum geht in die eigenen Herkunftsorte zurückzufahren und anzuerkennen: Hier bin ich geboren. Hier werde ich vielleicht nie wieder leben, und auch einige Orte, an denen ich großgeworden bin, wie die Schule oder der Kindergarten. Die sind einfach abgerissen worden.

Das muss man dann zur Kenntnis nehmen. Das macht man aber besser bewusst, als ein Leben lang eine Art Phantomschmerz mit sich rumzutragen.

Das  SWR2 Kulturgespräch mit Johannes Stemmler, Mitbegründer der Initiative „Dritte Generation Ost“ führte Katharina Eickhoff am 8.8.2012 um 7.45 Uhr.

Das Buch zur Initiative mit Diskussionsbeiträgen von über 30 Autorinnen und Autoren heißt „Dritte Generation Ost – Wer wir sind, was wir wollen“ und ist erschienen im Links Verlag.

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