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Kulturgespräch 29.5.2012 Wie „totalitär“ ist die Documenta?

Andreas Mertin zum Streit der Documenta mit der katholischen und der evangelischen Kirche.

Ein hölzerner Mann steht auf einem Kirchturm in Kassel und breitet die Arme aus. Die Skulptur ist von Bildhauer Stephan Balkenhol, und die katholische Kirche freut sich über die gelungene Kunstaktion. Doch Documenta-Leiterin, Carolyn Christov-Bakargiev verlangte, dass sie als unzulässige Documenta-Konkurrenz entfernt werden sollte. Die katholische Kirche blieb standhaft. Einschüchtern ließen sich dagegen die Protestanten, die ihr begleitendes Projekt abgesagt haben.

An begleitenden Kunstaktionen im öffentlichen Raum, wie sie mittlerweile überall üblich sind, ist man in Kassel anscheinend nicht interessiert. Totalitär findet das Andreas Mertin, Kunstexperte der evangelischen Kirche, der für die vergangenen drei Documentas begleitende Ausstellungen organisiert hat.

Herr Mertin, vielleicht erst mal einen Blick zurück, ohne Zorn, seit wann machen den die Kirchen solche Ausstellungen begleitend zur Documenta und warum?

Sie machen seit 30 Jahren diese Ausstellungen, also seit 1982 zum ersten Mal und sind damit die älteste Tradition im Kasseler Raum, die solche Begleitveranstaltungen macht. Und am Anfang war es einfach die Frage: spielt das, was Kirchen bewegt, was Religion bewegt, eigentlich in der zeitgenössischen Kunst überhaupt noch eine Rolle? Also kommen wir vor, in der Kunst?

Das waren die ersten drei Ausstellungen, die fragten dann: kommt das Abendmahl in der Kunst vor, kommt das Christusbild in der Kunst vor, kommt so etwas wie Paradiesgeschichte in der Kunst vor? Und dazu hat man zeitgenössische Künstler eingeladen: fällt euch was dazu ein oder nicht? Das waren zum Teil sehr aufregende Sachen, auch damals. Aber weniger aufregend in der Auseinandersetzung mit der Documenta als vielmehr für die Christen, die fanden das gar nicht lustig.

Sie haben, Herr Mertin, im Verlauf der aktuellen Debatte, die diesjährige Documenta-Chefin, Carolyn Christov-Bakargiev, scharf angegriffen, ihr totalitäres Verhalten attestiert. Frau Christov-Bakargiev wiederum hat sich dahingehend geäußert, dass sie sich von dem Balkenhol-Mann auf der katholischen Kirche bedroht fühle. Was glauben Sie was hinter ihrer ablehnenden Haltung steckt? Geht’s um Macht oder geht’s um Religion?

Ich glaube man muss zwei Dinge unterscheiden. Ich verstehe sehr gut den Ärger der Documenta-Leitung. Kassel wird von der Documenta-Leitung immer in bestimmte Orte unterteilt, und an der Hauptachse zwischen Fridericianum und Neuer Galerie sollten sich nun zwei Veranstalter reindrängen. Das ist natürlich ärgerlich. Man hat sich was ausgedacht, und plötzlich passiert was anderes.

Aber den Weg, den sie jetzt einschlagen, statt zu sagen: „Lass uns noch mal darüber reden. Wie können wir das denn kenntlich machen, das eine ist Documenta, das andere ist nicht Documenta“, statt dessen sagen sie: "Nein, ihr müsst damit aufhören." ,der Weg geht natürlich gar nicht, das ist ein Weg, den man im 19. Jahrhundert oder im 18. Jahrhundert eingeschlagen hätte, als der König zu sagen hatte was passiert. Aber man kann heute über Kunst nicht mehr so dekretieren: „Ihr dürft das nicht“.

Aber Sie glauben nicht, dass die Leiterin ein Problem mit der Religion an sich hat?

Doch, das glaube ich schon auch. Aber da muss sie eigentlich, als Leiterin eines der größten Kunstereignisse der Welt, drüberstehen.

Wir hatten ja auch schon mal Documenta-Leiter, die laizistisch geprägt waren und gesagt haben: „Das interessiert mich eigentlich nicht, was mit der Religion da ist. Lass die ihr Ding machen. Aber ich kümmere mich nicht darum.“ Frau David war so jemand.

Die Documenta Kassel findet im Fünfjahresabstand statt. Sie haben da die drei letzten mit Kunstprojekten für die evangelische Kirche begleitet. Wo Sie schon die ehemaligen Leiter ansprechen, wie war das denn mit den früheren, hatten die auch so dezidierte Aversionen gegen Ihre Aktionen?

Nein, ganz im Gegenteil. Also die Documenta, bevor ich angefangen habe, mit Jahn Hoet war sicherlich eine der offensten Documenta überhaupt, was Religion angeht, Jahn Hoet hat viel auch mit religiösen Trägern zusammengearbeitet.

Bei der Documenta mit Enwezor, das ist die vorletzte Documenta, da war Enwezor auf meiner Ausstellung da, hat die Künstler begrüßt, ist zu allen Kunstwerken hingegangen, es gab ein intensives Vorgespräch.

Und auch bei der letzten Documenta war natürlich vorab ein Gespräch mit den Kuratoren da. Wir haben uns gegenseitig informiert, was passiert dort und da war ein sehr großer Respekt zwischen Documenta-Leitung und der evangelischen Kirche, für die ich hier jetzt auch sprechen kann.

Wie verhält sich eigentlich die Stadt Kassel in dem Streit?

Das ist ein bisschen merkwürdig. Also einerseits macht sie Werbung und sagt: „Wir haben hier Kassel Kultur 2012, wir haben ganz viel Angebote“, auf der anderen Seite achtet sie sehr streng darauf, dass nichts ihrer Marke „Documenta“ in die Wege kommt.

Gregor Schneider, der abgesägte Künstler, der die evangelische Kirche in Kassel hätte ausstatten sollen, hat gesagt: „Wenn die Documenta-Chefin die umgebende Stadt wirklich von aller anderen Kunst bereinigen wolle, dann könne man ja die Documenta eigentlich nur noch in chinesischen Kleinstädten abhalten.“ Wieso sieht man das in Kassel so?

Ich glaube das hat was mit der Kleinheit der Stadt zu tun. Man hat das Gefühl, man ist bedeutsam nur alle fünf Jahre mit der Documenta, und da soll nichts stören. Die Marke soll nicht verletzt werden.

Aber eigentlich, wenn man sich Kunst vorstellt und Umgang mit Kunst, ist genau das Gegenteil wahr. Also, je reicher das Ganze ist, je mehr unterschiedliche Ansätze auch zur Geltung kommen und diskutiert werden können, desto mehr interessiert es auch die Besucher.

Die katholische Kirche hat sich in Sachen Balkenhol nicht einschüchtern lassen. Die evangelische Seite dagegen hat also ihre geplante Kunstaktion abgesagt.

Sie sind, Herr Mertin, für die evangelische Kirche unterwegs. Wie finden Sie das denn, dass man bei den Protestanten so schnell eingeknickt ist? Oder, um mal die offizielle Formulierung zu benutzen, den Konflikt begradigt hat?

Das finde ich den eigentlichen Skandal, weil eigentlich dadurch ja deutlich wird, dass der evangelischen Kirche gar nicht so sehr an der Kunst wirklich gelegen war.

Also, wenn Kunst für mich was ganz Wichtiges ist, eine Wahrheit ist, ein Überlebensmittel ist, und es gibt ein bisschen Ärger, dann würde man sie ja nicht aufgeben. Die evangelische Kirche müsste jetzt eigentlich sagen was ihr die Kunst wert ist. Und vor dieser Herausforderung steht sie jetzt.

Das SWR2 Kulturgespräch mit Andreas Mertin, Kunstexperte für die evangelische Kirche führte Katharina Eickhoff am 29.5.2012 um 7.45 Uhr.

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