SWR2 Wissen Kükentötung und die schwierige Suche nach Alternativen

Von Miriam Freudig und Marion Meyer-Radtke

Jedes Jahr werden in deutschen Legehennen-Brütereien 45 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet - weil sich niemand ihre Aufzucht leisten kann bzw. will. Nicht nur Verbraucher finden das empörend, auch in der Geflügelbranche wachsen die Skrupel. Seit Jahren forschen Experten an Alternativen wie dem sogenannten Zweinutzungshuhn, der Aufzucht der Legehennen-Brüder oder der Geschlechtsbestimmung noch im Ei. Doch eine einfache Lösung gibt es nicht, erst recht keine preiswerte.

Dauer

Hofgut Brachenreuthe, am Rand von Überlingen, später Nachmittag. Draußen beginnt es zu dämmern, im Hühnermobil von Landwirt Thomas Müller legen sich 1200 braun befiederte Legehennen langsam schlafen –besser: setzen sich schlafen, sie verteilen sich auf die Stangen. Manche haben ihren Platz schon gefunden, andere flattern noch zwischen den Stangen hin und her.

Brüder der Hennen

Thomas Müller liebt seine Tiere, er ist überzeugter Demeter-Landwirt. Legehennen zu halten kam für ihn nur unter einer Bedingung in Frage: Auch die Brüder seiner Hennen sollen ein Leben haben. Selbst bei Biobetrieben ist das sonst nicht üblich.

Landwirt Thomas Müller (Foto: SWR, SWR - Miriam Freudig)
Landwirt Thomas Müller hält auf dem Hofgut Brachenreuthe in Überlingen am Bodensee in zwei mobilen Hühnerställen 2400 Legehennen. SWR - Miriam Freudig

Glückliche Hühner haben ihren Preis. 55 Cent kostet ein Ei vom Hofgut Brachenreuthe im Handel. Das ist auch für ein Bio-Ei viel Geld. Zum einen stellt der Demeter-Verband noch höhere Anforderungen an Haltung und Futter als andere Bio-Siegel, zum anderen aber hat sich Thomas Müller der "Bruderhahn Initiative" angeschlossen.

Bruderhahn Initiative

Der Preis der Eier ist so kalkuliert, dass damit das Leben der männlichen Küken mitfinanziert wird. Jedes Ei des Hofguts kostet 4 Cent mehr. 3 Cent fließen in die Aufzucht der Bruderhähne auf einem Partnerhof in der Nähe von Nürnberg, ein Cent geht ins Marketing. Die Brüder der Legehennen werden mit Hilfe dieser Gelder einige Wochen lang aufgezogen und dann zu Sülze, Frikassee, Suppe oder Fond verarbeitet.

Mann im weißen Hygiene-Schutzanzug inmitten eines Stall voller gelber Küken (Foto: SWR, SWR -)
Gut behütet: Hygiene ist bei der Geflügelaufzucht obersten Gebot. SWR -

Es ist ein idealistisches Projekt. Mit dem straff durchrationalisierten System der Hähnchenfleischproduktion kann die Bruderhahn Initiative im Grunde nicht mithalten. Zum Vergleich: Ein Masthuhn ist nach 6-9 Wochen schlachtreif. Der Bruder einer Legehenne hat dagegen eine Mastdauer von 22 Wochen.

Legeleistung

Nicht nur in der Geflügelbranche schraubte die Landwirtschaft ihre Produktivität in den vergangenen sechs Jahrzehnten in erstaunliche Höhe. Im Jahr 1950 konnte ein Landwirt in Deutschland mit seinen Erträgen 10 Menschen ernähren. Heute sind es 144. Der Preis für diese Effizienz sind Umweltschäden, ein sich verschärfender Wettbewerb, dem vor allem kleine Bauern zum Opfer fallen, und nicht zuletzt schwere Versäumnisse im Tierschutz. Was aber lange kein Thema war.

Ein Ei mit einem aufgemalten Gesicht schaut traurig drein. (Foto: © Colourbox.com -)
Männliches Küken oder weibliches - das kann man mittlerweile auch schon im Ei erkennen. © Colourbox.com -

Und manchmal lässt sich das Rad der industrialisierten Tierhaltung nur schwer zurückdrehen. Am deutlichsten zeigt sich das in den Brütereien. Ob es tatsächlich für alle Brütereien zutrifft, dass die Küken nicht, wie es bis vor wenigen Jahren noch gängig war, zerhäckselt, sondern als Ganzes verkauft werden, lässt sich schwer überprüfen.

Häckseln oder einschläfern

Zur Tötungsform und Verwendung der toten Küken gibt es keine Zahlen, nur Vermutungen und allerlei Spekulationen, mit denen gerne auch Politik gemacht wird. Der Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft will oder kann unsere Fragen nach der Tötungsart der Küken und deren Verwendung nicht beantworten.

Hühner in Massentierhaltung (Foto: SWR, SWR -)
Hühner in Bodenhaltung SWR -

Dass Hühnchenfleisch und Eier mittlerweile so billig sind, liegt unter anderem daran, dass für beide Zwecke jeweils geeignete Rassen hochgezüchtet wurden Genetisch schließen sich die Zuchtziele gegenseitig aus. Hühnerrassen, die viele Eier legen können, bleiben mager, und Hühnerrassen, die als Masthähnchen taugen, legen kaum Eier.

Eier oder Fleisch

Geflügelzüchtern und Landwirten kam diese genetische Trennung sehr gelegen, weil sie die Rassen über Jahrzehnte auseinander züchten und so auf absolute Extremleistung trimmen konnten: In den 1950er Jahren legte eine Henne im Durchschnitt im Jahr 196 Eier. Heute sind es 287.

Hähnchenmaststall (Foto: SWR, dpa, picture alliance -)
dpa, picture alliance -

Masthähnchen sind heute innerhalb von nur sechs Wochen schlachtreif und bringen dann oft rund 2,8 Kilogramm auf die Waage. Der Versuch, in dieses Hochleistungssystem die männlichen Küken der Legehennen zu integrieren, scheitert an den genetischen Voraussetzungen – und am Geld.

Eier nach Geschlecht sortieren

Deshalb setzt die Geflügelwirtschaft große Hoffnungen in eine neue Methode: die Geschlechtsbestimmung im Ei. Ziel ist, die männlichen Küken der Legehennen nicht erst nach dem Schlüpfen zu töten, sondern das Geschlecht des Embryos bereits im Ei zu erkennen und danach die befruchteten Eier auszusortieren.

In der Brüterei von Werner Hockenberger (Foto: SWR, SWR - Miriam Freudig)
In der Brüterei von Werner Hockenberger sortieren zwei Mitarbeiterinnen die Küken nach Geschlecht, die Weibchen sind heller, die Männchen dunkler. SWR - Miriam Freudig

Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns ist Direktorin der Klinik für Vögel und Reptilien an der Universität Leipzig. Sie leitet das Verbundprojekt mit der Universität und dem Fraunhofer Institut in Dresden, bei dem die Wissenschaftler an der Geschlechtsbestimmung im Ei forschen. Prototypen für die entsprechenden Maschinen gibt es bereits.

Gefahr für Embryos

Dabei wird mit einem Laser ein Loch in die Kalkschale gemacht, das später wieder verschlossen wird. Jeder Eingriff gefährdet aber den Embryo. Je früher er erfolgt, desto größer ist die Gefahr, dass der Embryo dabei versehentlich getötet wird. Ein Dilemma, das auch nach zehn Jahren Forschung noch nicht gelöst ist.

Doch egal, welche der Methoden, an denen die Wissenschaftler forschen, am Ende zum Einsatz kommt – ob spektroskopisch ab dem 3.Tag oder mittels Hormonbestimmung ab dem 9.Tag – auch die Geschlechtsbestimmung im Ei ändert nichts an der Grundproblematik, dass die männlichen Küken der Legehennen überflüssig sind und Leben vernichtet wird.

Nur Bestätigung des momentanen Systems

Gerade Biobetriebe sehen die Geschlechtsbestimmung im Ei deshalb äußerst kritisch. Das bestehende System, in dem Hühner entweder auf Eier- oder auf Fleischproduktion gezüchtet werden, wird damit eher noch zementiert. Außerdem bleibt die Abhängigkeit der Landwirte von großen Zuchtunternehmen wie auch von Futtermittelherstellern oder Stallbauern bestehen.

Landwirtin Inga Günther und ihre Zweinutzungshühner (Foto: SWR, SWR - Miriam Freudig)
Landwirtin Inga Günther kniet zwischen 7 Wochen alten Hähnen. SWR - Miriam Freudig

Einen ganz anderen Weg geht Inga Günther auf dem Hofgut Rengoldshausen, in der Nähe von Überlingen, rund zehn Autominuten von Thomas Müller entfernt. Ein Hofgut wie im Bilderbuch, seit 80 Jahren Demeter-Betrieb, im Zentrum ein Platz mit einem Brunnen, drum herum Fachwerkhäuser, ein Hofladen. Inga Günther züchtet Bresse-Gauloise-Hühner, eine alte französische Zweinutzungsrasse.

Zucht von Hand

Diese Hühner können von Natur aus, was dem Lohmann Dual mühsam wieder angezüchtet wird – nämlich sowohl Eier legen als auch Fleisch ansetzen. Allerdings sind auch ihre Leistungen im Vergleich zu den hochspezialisierten Hühner nicht konkurrenzfähig, und die Produkte haben ihren Preis.

Was bei anderer Tierzucht im industriellen Maßstab passiert, macht Inga Günther mit enormem zeitlichen Aufwand und ganz einfachen Mitteln: einer Haushaltswaage, einer Tabelle und einem geschulten Blick. Über einen Zeitraum von 4 Monaten schaut sie sich die Hennen und ihre Eier an, bevor sie entscheidet, welche Tiere vermehrt werden. Nest für Nest geht sie durch, tagtäglich, alle zwei Stunden. Zucht ist eine zeitintensive und aufwendige Arbeit, die erst nach sehr vielen Jahren und Hühnergenerationen zu einem befriedigenden Ergebnis führt.

15 Jahre Zeit

Landwirtin Inga Günther und ihre Zweinutzungshühner (Foto: SWR, SWR - Miriam Freudig)
Landwirtin Inga Günther hat ein Huhn aus dem Fallnest geholt und schaut nach dem Chip. SWR - Miriam Freudig

Mit ihren Fleischhähnchen ist Inga Günther schon ganz zufrieden: Nach 17 Wochen können sie geschlachtet werden; im Hofladen werden sie für 18,50 Euro pro Kilogramm verkauft. Die Legeleistung der Hennen muss sich aber noch stark verbessern. Im vergangenen Jahr legten die 90 Hennen im Schnitt 180 Eier. Auf 220 sollen sie kommen. Inga Günther schätzt, dass es noch rund 15 Jahre dauern wird, bis sie das schaffen.

Vermutlich werden Inga Günthers prächtige Bresse-Gauloise-Hühner und deren Fleisch und Eier immer ein Nischenprodukt bleiben, das weiß die optimistische junge Frau auch. Doch ihr geht es darum, zu zeigen, dass es Alternativen gibt zur herkömmlichen Geflügelzucht und -haltung, und dass nicht zwangsläufig das gesamte genetische Material in der Hand einiger weniger Konzerne liegen muss.

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