Kinder im Leistungssport Tränen im Training

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SWR2 Wissen. Von Mirko Smiljanic

Mit vier Jahren angehender Tennisstar, Achtjährige mit festem Blick auf die Bundesliga, Zwölfjährige Turner träumen von den Olympischen Sommerspielen 2024 - erfolgreicher Leistungssport beginnt immer früher. Wie erleben Kinder den enormen Druck und das mögliche Scheitern?

Dauer

Je höher das Bildungsniveau der Eltern, desto größer sind Wunsch und Bereitschaft, ihren Kindern eine möglichst umfassende und gute Bildung zu bieten – und dazu zählt auch Sport. Wobei schon die gewählten Sportarten Auskunft geben über soziale Zugehörigkeiten. Tennis, Rudern und Hockey sind fast durchgängig gehobenen Schichten vorbehalten; Leichtathletik, Handball und Kampfsportarten bevorzugen Mittel- und Unterschichtkinder.

Fußball ist gesellschaftübergreifend

Einzige Ausnahme ist Fußball als eine in gewisser Weise sozialschichtfreie Zone. Gleichgültig welchen Leistungssport Kinder und Jugendliche betreiben, zeitraubend ist er auf jeden Fall.

20 Stunden Training pro Woche sind keine Seltenheit, netto, An- und Abfahrten müssen hinzugerechnet werden. Was macht eine solche Belastung mit den Kindern?

Kinder in Trikots von Mainz 05 stehen um Kinderbetreuer des Vereins (Foto: SWR, SWR - Racocha, Joachim)
Die gewählten Sportarten von Kindern geben Auskunft über soziale Zugehörigkeiten der Eltern - jedoch ist Fußball gesellschaftsübergreifend bedeutsam SWR - Racocha, Joachim

Sie entwickeln sich besser, vermuten Sportpädagogen. Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist ein Resultat vieler Untersuchungen: Leistungssport treibende Kinder haben fast durchweg gute Schulnoten.

Neidvolle Eltern

Dies führt keineswegs zu einer sozialen Isolation, Kinder und Jugendliche suchen sich Freunde unter ihren Mitsportlern. Und dann gibt es ja noch Väter und Mütter als Bezugspunkt, die sich teilweise einen weit höheren Stress aufbürden als ihre Kinder. Warum tun sie das? Manche sind einfach ein wenig neidisch auf ihre Sprösslinge.

Tim Bindel, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal, erzählt, dass die Eltern müssen nicht nur sportbegeistert sein müssen, sie müssen auch immer wieder Druck aufbauen und die Jungen – und zunehmend auch Mädchen – zum Training treiben, weil die meisten zumindest älteren Kinder genau genommen gar keine Lust haben, sich über Jahre einer einzigen Sportart zu widmen.

Kind mit Startnummer (Foto: SWR -)
Eltern handeln selten selbstlos, wenn sie ihren Kindern den Einstieg in einen Spitzensport ermöglichen SWR -

Heimweh ist in Sportinternaten ein gängiges Problem, Tränen fließen, wenn es nichts mehr richtig klappt, überaus leistungsbewusste Eltern aber trotzdem hohen Druck aufbauen.

Gewinn für die Eltern

Eltern handeln selten selbstlos, wenn sie ihren Kindern den Einstieg in einen Spitzensport ermöglichen. Würden sie keinen Gewinn aus dem "Projekt" ziehen, wäre die Episode rasch Geschichte. Dabei geht es keineswegs nur um die Verwirklichung unerfüllter Träume, nicht unterschätzen dürfe man soziale Kontakte, so Tim Bindel.

Über eines müssen sich sportbegeisterte Eltern im Klaren sein: Während ihre Entwicklung ein stabiles Niveau erreicht hat, kann sie bei Kindern binnen weniger Monate rauf und runter gehen.

Mit Hilfe einer Stoppuhr wird die sportliche Leistung von einer Sportlehrerin während den Bundesjugendspielen gemessen. (Foto: imago/JOKER -)
Die Grenze ist nicht einfach zu ziehen, weil gleich zwei Faktoren die sportliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinflussen: ihre Psyche und ihr Körper imago/JOKER -

Bis wohin darf man trietzen? Die Grenze ist nicht einfach zu ziehen, weil gleich zwei Faktoren die sportliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinflussen: ihre Psyche und ihr Körper.

Mitten in den Wachstumsphasen

Vor allem der sich ständig verändernde Körper steht zunehmend im Mittelpunkt. Und damit mögliche Sportverletzungen.

Kinderchirurgen berichteten in diesem Zusammenhang von zwei auf den ersten Blick gegenläufige Entwicklungen: Einerseits steigt die Zahl übergewichtiger – ergo sportlich nur mäßig aktiver – Kinder und Jugendlicher; andererseits klettert aber auch die Zahl derer, die sehr viel Sport treiben, teilweise so viel, dass sie in die Rubrik des Hochleistungssports gehören.

Kinder an Hand eines Bundesliga-Profis (Foto: Imago, Imago -)
Wenn eine Verletzung alle Träume von EM, WM und Olympischen Spielen platzen lässt? Denn vom Sport leben - das schaffen nur die allerwenigsten Imago Imago -

Beide Gruppen – sagt Professor Peter Schmittenbecher, Direktor der Kinderchirurgischen Klinik am Klinikum Karlsruhe – erleiden beim Sport Verletzungen, allerdings ganz unterschiedliche.

Trainer ohne das nötige Wissen

Zehn bis fünfzehn Prozent aller sportlich aktiven Kinder erleiden mindestens eine Verletzung pro Jahr. Diese Zahl ist im Vergleich zu den Vorjahren übrigens auch deshalb leicht gestiegen, weil schon aus juristischen Gründen jedes Kind selbst mit Bagatellverletzungen in die Klinik geschickt wird.

Umgeknickte Fußgelenke mit Hausmittelchen wie essigsaurer Tonerde behandeln, darauf lässt sich keine Schule und kein Verein mehr ein. In krassem Widerspruch zu dieser ausgeprägten Vorsorge steht, dass manche Trainer und Sportlehrer nicht wissen, wie sie Hochleistungssport treibende Kinder und Jugendliche vor Überlastungsschäden schützen können.

Baby mit überraschtem Gesichtsausdruck klammert sich um einen Plüsch-Fußball  im Hintergrund liegen rote Profi-Fußballschuhe (Foto: Getty Images, Thinkstock - Montage: SWR)
Es sei nicht zwingend notwendig, in den Wachstumsphasen das Training komplett herunterzuschrauben, sondern über medizinische Untersuchungen die Kinder im Training zu begleiten Thinkstock - Montage: SWR

Kinder dürfen nicht jeden Tag trainieren, vor allem brauchen sie in den Wachstumsphasen längere Pausen. Sobald Eltern ihren Kindern ständig neue Hosen kaufen, müsse die Trainingsfrequenz heruntergeschraubt werden.

Alle, die es nicht schaffen

Kirsten Albracht ist Professorin für Neuromechanik an der Deutschen Sporthochschule Köln, die sich im Rahmen einer Studie genau diesem Problem widmet. Ziel der Untersuchung ist die Analyse der Sehnensteifigkeit bei jungen Leistungssportlern im Alter von elf bis zwölf.

Es sei nicht zwingend notwendig, in den Wachstumsphasen das Training komplett herunterzuschrauben, so Kirsten Albracht, sondern engmaschig zu monitoren, das heißt, über medizinische Untersuchungen die Jugendlichen im Training zu begleiten.

Schwarz-Weiß-Bild von einem Jugendfußballspiel 1969 - ein Junge (Jogi Löw) schießt gerade aufs Tor (Foto: Stadt Schönau - Gerhard Krumm)
Jungtalent Jogi – ein Super-8-Streifen von 1969 zeigt Löw mit einem herrlichen Heber, damals noch im Dress des TuS Schönau Stadt Schönau - Gerhard Krumm

Viel Zeit investieren Sportler, nur so können sie internationale Höchstleistungen erreichen! Was aber passiert, wenn sich nach zehn oder zwölf Jahren intensivem Training herausstellt, dass sie den hohen Erwartungen nicht gewachsen sind? Wenn eine Verletzung alle Träume von EM, WM und Olympischen Spielen platzen lässt?

Misserfolg ist Regelfall

"Deselektion" nennen Sportwissenschaftler diesen Vorgang, die Rückauswahl vom hoffnungsvollen Talent in die zweite oder dritte Reihe – klingt kalt und brutal, kann es auch sein. Dabei ist das der Regelfall.

Um "Deselektierte" – so Professor Werner Schmidt, Direktor des Instituts für Sport- und Bewegungswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen – kümmert sich kaum jemand.

Dabei brauchen gerade solche Sportler psychologische und praktische Hilfen. Zum Beispiel den Hinweis ihrer Trainer, man möge einen Plan B vorbereiten, das Abitur machen, ein Studium beginnen. Denn vom Sport leben? Das schaffen nur die allerwenigsten.

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