Hermann der Lahme auf einer Kachel der Schatzkammer des Münsters in Reichenau-Mittelzell. (Foto: Wikimedia Commons - Th. Fink Veringen)

SWR2 Wissen Ein schwäbisches Genie

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Hermann der Lahme

Er kam 1013 in Oberschwaben zur Welt: Hermann der Lahme. Obwohl er gelähmt war, nicht schreiben und nur eingeschränkt sprechen konnte, brachte er es zu einem der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters. Er machte seine Karriere als Mönch auf der Bodenseeinsel Reichenau. Im Unterschied zu hochspezialisierten Wissenschaftlern unserer Tage war Hermann in vielen Disziplinen beschlagen, von der Astronomie bis zur Musik. Nun wird er gefeiert wie ein Superstar. Aber was wissen wir tatsächlich von ihm und seiner Zeit? (Produktion 2013)

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Einige Medizinhistoriker behaupten, Hermann hätte seit seiner Geburt an Muskelschwund gelitten, weshalb er – wie sein Schüler Berthold schildert – niemals gehen gelernt hat. Er sei sein ganzes Leben lang an einen Tragstuhl gebunden gewesen und habe nur schwer verständlich sprechen können. Dennoch ist es nach wie vor strittig, um welche Art von Lähmung es sich bei Hermann handelte und wie sehr sie ihn beeinträchtigte.

1540. Schicksalsjahr. Das Kloster wird dem  Hochstift Konstanz einverleibt. (Foto: SWR, SWR/Telepool -)
Das Reichenauer Kloster SWR/Telepool -

Eigentlich hat es überraschend lange gedauert, bis die Klosterinsel Reichenau in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen wurde. Im Mittelpunkt dieser Auszeichnung stehen die drei ehemaligen Klosterkirchen, die zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert entstanden und bis heute erhalten geblieben sind. Die größte von ihnen ist das Münster im Zentrum der einstigen Klosterstadt der Benediktinermönche auf der Reichenau.

Ein Schaf macht vier Buchseiten

Mehrmals am Tag versammelten sich die Mönche in ihrer Kirche zum Gebet. So verlangte es die Regel der Benediktiner. Später wurde sie auf den kurzen Nenner gebracht: bete und arbeite, ora et labora. Körperlich anstrengend war selbst die Herstellung der Bücher, die dem Reichenauer Kloster Ruhm und Reichtum und eine große Bibliothek bescherten.

Eine spätmittelalterliche Wandmalerei in einer der Insel-Kirchen illustriert das Sprichwort "Das geht auf keine Kuhhaut". Aber nicht nur Kuhhäute mussten als Schriftträger herhalten, auch Schafe und Ziegen. Ein Schaf ergab circa vier Blätter an Tierhaut. Für ein kleines Messbuch brauchte man darum eine Herde von 80 bis 100 Schafen.
Außerdem waren Bücher zu Zeiten Hermanns des Lahmen ein bedeutendes Handelsgut. Klöster waren außerdem wichtige Bildungseinrichtungen, zwischen denen viel hin und her gereist wurde. So konnten die Mönche wichtiges Wissen voneinander abschreiben und weiterverbreiten.

Abschreiben für den Erfolg

So kann man sich auch die Verbreitung eines der wichtigsten Werke Hermanns vorstellen, seiner Weltchronik. Sie schreiben zu können, setzt ein genaues Studium überlieferter Texte voraus. "Mit mühevollem Fleiß" habe Hermann Informationen aus vielen Quellen gesammelt, bemerkt sein Schüler und Vertrauter Berthold. Hermann hat also abgeschrieben, beziehungsweise er ließ abschreiben.

Man häufte Wissen auf, aber nicht um der reinen Erkenntnis, sondern um des Glaubens willen. Die Ordensregel der Benediktiner, denen sich Hermann angeschlossen hatte, mag dieser Haltung entgegengekommen sein. Ursprünglich war sie weiter gefasst als der bekannte Merksatz "ora et labora". Sie lautete "ora et labora et lege": bete und arbeite und lies. Sie appellierte an den gläubigen Mönch: Erforsche die Welt, um mehr über Gott zu erfahren.

Hermann beabsichtigte, eine schlüssige und in sich stimmige Weltchronik zu verfassen. Sie basierte auf einer möglichst exakt berechneten Zeitachse. Einer ihrer Dreh- und Angelpunkte ist aus seiner gläubigen Sicht die Bestimmung des genauen Datums der Osterfeste. Hermann fertigte umfängliche Tabellen an und gliederte die Zeit in Monate. Ein Monat dauerte bei ihm 29 Tage, 12 Stunden, und, wie er formulierte, 29 Momente und 64 Atome. Trotzdem war sich Hermann bewusst, dass er selbst mit dieser feinen Unterteilung die Zeit nicht exakt genug erfassen konnte. Er war also selbstkritisch, eine Einstellung, aus der sich viel später wissenschaftliches Denken entwickelte.

Ein Moment hat circa zwei Atome

Klosterinsel Reichenau (Foto: SWR, Jochen Schmid -)
Klosterinsel Reichenau Jochen Schmid -

Offenbar zieht sich Hermann nicht auf Glaubenslehren zurück, um den Plan Gottes mit der Schöpfung zu ergründen. Eines der Instrumente, derer er sich bedient, ist Mathematik, Mathematik als Methode. Wer sich im Mittelalter mit Zahl, Maß und Gewicht beschäftigt habe, sei überzeugt gewesen, auf den Spuren des Planes Gottes zu sein. Allerdings war zu Zeiten Hermanns des Lahmen das mathematische Rüstzeug noch immer unpräzise. Denn die Null war noch nicht da.

In der Herstellung von Uhren, Musikinstrumenten und mechanischen Geräten kam ihm keiner gleich. Mit diesen Arbeiten und vielen anderen dieser Art, die man in Kürze gar nicht alle nennen kann, war er ständig und völlig beschäftigt, soweit es ihm seine Schwäche erlaubte.

Ein Gebiet, auf dem Hermann der Lahme für seine Zeit des 11. Jahrhunderts Maßstäbe setzte, war die Musiktheorie. Sie legte er den rund 100 Kompositionen zugrunde, die ihm heute zugeschrieben werden.

"Salve regina" - komponiert vor rund 1.000 Jahren - von Hermann dem  Lahmen. Zeitgenossen nannten ihn "das Mirakel des Jahrhunderts". (Foto: SWR, SWR/Telepool -)
"Salve regina" - komponiert vor rund 1.000 Jahren - von Hermann dem Lahmen SWR/Telepool -

Schon griechische Gelehrte hatten den Zusammenhang zwischen Musik und Mathematik ins Spiel gebracht und führten die Harmonien auf ein ideales Zahlenverhältnis zwischen den Tonhöhen zurück. Tatsächlich klingen Hermanns Kompositionen allesamt fast lieblich. Es handelt sich nicht um weltliche Gesänge, sondern sie waren alle für den Gottesdienst und das Chorgebet der Mönche bestimmt. Auch auswärtige Auftraggeber bestellten geistliche Musik bei Hermann. Sein Biograph und Schüler lobte den "wunderbaren Wohlklang und die Eleganz der Kompositionen".

Die Null kam später

Der Tübinger Musikwissenschaftler Stefan Morent berichtet von einer eigenen Notenschrift, die sich Hermann der Lahme ausgedacht habe. Auf diesem Gebiet musste etwas passieren, denn die überlieferte Art, Musik in schriftlicher Form festzuhalten, hatte erhebliche Mängel. Während anderswo die Grundlagen des bis heute gebräuchlichen, auf Notenlinien beruhenden Systems erfunden wurden, entschied sich Hermann auf der Reichenau für einen anderen Weg. Bei Hermanns Konkurrenz legte die Position jeder Note im System der Notenlinien die Höhe der Töne eindeutig fest. Nicht so bei Hermann. Er gab jeweils die Intervallschritte zwischen den Tönen an. Das war kompliziert und tückisch für die Sänger und Musikanten. Hermanns Notenschrift war jedoch nicht praktikabel und konnte sich nicht durchsetzen.

Luftaufnahme der Insel Reichenau (Foto: Tourimsus Baden-Württemberg -)
Die Anmut der Insel Reichenau Tourimsus Baden-Württemberg -

Mittlerweile kursieren Schriften, in denen Hermann dem Lahmen die Rolle eines Schutzpatrons für Behinderte beigemessen wird. Sie fügen sich nahtlos ein in eine fromme Hermann-Überlieferung. Zum Beispiel in Veringenstadt, einem Ort in der Nähe von Sigmaringen. Über dem winzigen Städtchen – eigentlich mehr Dorf als Stadt – die noch immer beeindruckende Ruine der Grafen von Veringen. Sie sind die Nachfolger jenes Adelsgeschlechts, dem Hermann entstammte. Besonders während des 19. Jahrhunderts blühte in der Gegend die Hermann-Verehrung auf. Irrtümlicherweise wurde er sogar Hermann von Veringen genannt. Dabei lagen mehrere Generationen zwischen ihm und der Zeit, als sich die Grafen auf ihrer neuen Burg etabliert hatten. Es bürgerte sich ein, Hermann als Heiligen zu verehren, obwohl er nie heilig gesprochen wurde.

Hermann, der fast-Heilige

Hermann der Lahme, geboren 1013. Vor tausend Jahren. Eine Geistesgröße des 11. Jahrhunderts, berühmt schon zu seiner Zeit. Als er 1054 gestorben war, wurde er nicht wie ein "normaler" Mitbruder in seinem Kloster beigesetzt, sondern am Sitz seiner Familie im oberschwäbischen Altshausen. In einer Kapelle des Schlosses ist eine Reliquie mit sterblichen Überresten Hermanns aufbewahrt, eine Ehre, die sonst nur Heiligen zuteilwird.

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