Gene oder Bildung Was bestimmt den Lebensweg?

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SWR2 Wissen. Von Martin Hubert

Sozialer Status, Armut und Reichtum entscheiden ähnlich stark wie die Gene über die Lebenschancen. Kann man mit Lernhilfen und viel Empathie soziale Ungleichheit verhindern?

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In einer Gemeinschaftsgrundschule sitzen Schüler der 3. und 4. Klasse in ihrem Klassenzimmer zum Morgenkreis zusammen. Manche im Kreis sitzen aufmerksam und still da, andere sind unruhig, schaben mit den Füßen auf dem Boden oder springen immer wieder mal auf. Richtig ruhig ist es eigentlich nie.

Jeden Tag erleben die Lehrer, wie unterschiedlich ihre Schüler sind. Nicht nur in Bezug auf ihre Herkunft, sondern auch im Bereich des Bildungsstandes, der Konzentrationsfähigkeit, bei der Bewegung, Koordination und Motorik und im sozialen Status.

Schüler in einer Grundschulklasse (Foto: picture-alliance / dpa -)
Durch Verbesserung der sozialen Umwelt kann leistungsschwachen Schülern geholfen werden. picture-alliance / dpa -

Es stellt sich die Frage: Worauf lassen sich diese Unterschiede zurückführen? Forscher diskutieren seit Jahren, ob die schulischen Erfolge eines Menschen durch die Gene oder durch die Bildung bedingt sind. Doch dieser langjährige Streit scheint nun eine neue Richtung einzuschlagen. Der Soziologe Martin Diewald und der Psychologe Rainer Riemann erforschen am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung die Beziehung zwischen Genen und Umwelt. Dabei haben sie herausgefunden, dass Kinder und Jugendliche zu etwa 40 Prozent  genetisch beeinflusst werden, im Erwachsenenalter sin es etwa 60 Prozent. Das bedeutet, alles, was wir an Menschen beobachten ist sowohl  genetisch und  biologisch als auch von der Umwelt beeinflusst, keiner der beiden Faktoren wird durch den anderen ausgeschlossen.

Ist die Intelligenz genetisch bedingt?

Ein Faktor, der für die schulische Laufbahn relevant ist, ist die Intelligenz. Warum sind Kinder unterschiedlich weit mit der Entwicklung bzw. ist ihre Intelligenz unterschiedlich ausgeprägt? Genetiker haben lange versucht, diese Unterschiede mit der Erblichkeit von Intelligenz zu erklären, sind dabei aber an ihre Grenzen gestoßen. Es wird dann problematisch, wenn die Forscher versuchen, die Intelligenz an den Genen festzumachen.

Ein zur Zeit oft diskutiertes Thema ist das Problem der fehlenden Erblichkeit der Intelligenz. Eric Turkheimer, ein renommierter Verhaltensgenetiker von der Universität Virginia in den USA versucht anhand von Zwillingsstudien und ähnliche Tests herauszufinden, ob die Intelligenz zu einem Teil erblich bedingt ist. Dabei konnte er feststellen, dass in Zwillingsstudien, bei denen die Betroffenen die gleichen Gene haben und sich in ihrer Leistung mehr oder weniger stark ähneln, die Intelligenz im Schnitt zu ungefähr 50 Prozent erblich bedingt ist. Die Bereiche, die auf der DNA des Menschen bisher zugeordnet werden können, erklären gerade mal drei Prozent der Intelligenzleistung. Diese Lücke zwischen den 50 und den drei Prozent bezeichnen die Forscher als das Problem der fehlenden Erblichkeit. Zusammengefasst: Die Genetiker finden weder genug Gene für „allgemeine Intelligenz“ noch für andere Intelligenzleistungen und persönliche Eigenschaften. Und statistisch gesehen ist die Erblichkeit für „Bildungserfolg“ geringer als für Intelligenz.

Das unterstreicht für Rainer Riemann noch einmal, dass man Gene und Umwelt nicht gegeneinander ausspielen darf, sondern dass man je nach Fragestellung und Situation untersuchen muss, wie sie sich gegenseitig beeinflussen.

Ein Hand hat eine Glühlampe mit Kreide an eine Tafel gezeichnet (Foto: © Colourbox.com -)
Sowohl die Gene als auch die Umwelt bedingen die Intelligenz. © Colourbox.com -

Die soziale Umwelt beeinflusst den IQ

Für den Einfluss der Gene auf den „Bildungserfolg“ spielen noch weitere Faktoren eine Rolle, wie z. B. soziale Einflüsse, das Bildungssystem, Entscheidungen der Eltern und Lehrer und der soziale Status. Wie stark wirkt die soziale Umwelt tatsächlich darauf, wie sich die genetischen Anlagen für Intelligenz entfalten können?

Der Genetiker Eric Turkheimer entdeckte in den Zwillingsstudien, dass sich der genetische Anteil des Intelligenzquotienten abhängig von der Umwelt verändert, in der ein Kind aufwächst. Laut Turkheimer verschwand der genetische Einfluss bei Kindern, die unter Armutsbedingen aufwuchsen, fast komplett. Alle Unterschiede zwischen ihnen schienen allein der Umwelt zurechenbar zu sein.

Offenbar wurde bei den Kindern aus armen Familien das genetische Potenzial fast völlig unterdrückt. Da sie nicht ausreichend gefördert wurden, konnten sie ihre Anlagen auch nicht entfalten. Die schlechte Umwelt bestimmte also fast ausschließlich, wie gut sie sich entwickelten. Die gut situierten Kinder dagegen wurden in ihren Familien offenbar durchweg so gut gefördert, dass ihr genetisches Potenzial völlig zum Durchbruch kam und ihre Testleistungen beherrschte. Die Umwelt, in der die gut situierten Kinder hineinwuchsen, stellte den genetischen Anlagen keine Barrieren entgegen, sondern verstärkte nur ihren Effekt.

Hand hält Bleistift über IQ-Test (Foto: SWR, SWR -)
Aufgabe eines IQ-Tests SWR -

Armut unterdrückt die Entwicklung

Wie stark Armut die Entwicklung der Kinder beeinflussen kann, konnte auch der Geograph Thomas Groos vom Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung der Universität Bochum zeigen. „Wir haben feststellen können, dass jemand seinen IQ insgesamt um 10 bis 15 Prozent verbessern oder verschlechtern kann, je nachdem, wie stark er gefördert wird bzw. sich selbst anstrengt“ erklärt Thomas Groos. Er fand auch heraus, dass es schlecht für die für Entwicklung der Kinder ist, wenn der Armutsanteil beispielsweise in ihrer Kita insgesamt besonders hoch ist. Bildung kann also nachweislich beeinflussen, wie gut jemand sein genetisches Potenzial ausschöpft.

Für Martin Diewald heißt das: Bildungsgleichheit hat nur auf dem Boden einer guten Sozialpolitik eine Chance. „Kinder aus unteren sozialen Schichten müssen mehr Leistung erbringen, müssen intelligenter sein, um den Sprung in eine höhere Schule zu schaffen als Kinder aus oberen sozialen Schichten. Das hat etwas damit zu tun, dass Eltern alle Hebel in Bewegung setzen, um zu verhindern, dass ihre Kinder einen niedrigeren Bildungs- und Sozialstatus erreichen als sie selbst.“

Unterschiede in der sozialen Kompetenz

An vielen Schulen gibt es Probleme mit aggressiven Schülern und solchen, die schlecht mit Provokationen oder körperlichen Angriffen umgehen können. Auch für Aggression lassen sich genetische Anteile berechnen. Aber das soziale Verhalten von Kindern lässt sich durch Umweltmaßnahmen nachhaltig beeinflussen, wenn man nur ernst genug daran arbeitet.

Ein Schüler drückt  einen anderen zu Boden (gestelltes Illustrationsfoto) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Agressionen können durch aktive Arbeit mit den Schülern ausgeglichen werden. picture-alliance / dpa -

Das zeigt eine Studie des Neuroökonomen Armin Falk von der Universität Bonn bei der Kinder mit unterschiedlicher sozialer Einstellung und sozioökonomischem Status von Mentoren betreut wurden, die auf deren individuelle Bedürfnisse eingehen sollten. Falk erklärt: „Die Chancen, die einem mitgegeben werden, dadurch dass man in besseren oder weniger guten Verhältnissen groß wird, haben schon bei Kindern im Alter von acht Jahren nachweisbare Effekte. Aber man kann dagegen steuern, indem man die Umgebung dieser Kinder positiv beeinflusst.“

Für den Erfolg von Armin Falks Studie spricht, dass der Effekt des Mentorprogramms anhaltend war. Zwei Jahre nach dessen Beendigung waren die Wirkungen immer noch nachweisbar. Die Mentoren wurden als soziales Vorbild wahrgenommen, denn die Kinder wussten, dass diese sich freiwillig gemeldet hatten, um für sie da zu sein.

Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung

„Die biologische Ausstattung spielt eine Rolle. Unsere Studie zeigt, dass eine zufällig erzeugte Variation in der sozialen Umgebung, die wenn alles genetisch bestimmt wäre, genau keinen Effekt haben dürfte, hier ziemlich große Effekte sogar hat“, betont Falk. Unterschiede im sozialen Verhalten lassen sich also ausgleichen, wenn Menschen aktiv werden, die soziales Verhalten als Wert für sich betrachten und das authentisch verkörpern. Armin Falk  zieht daraus den Schluss, dass eine gesellschaftliche Verantwortung gerade da besteht, wo aufgrund der Verhältnisse, in die jemand geboren wurde, Hilfe nötig ist. Für Falk ist es ich ist es „absolut politisch wünschenswert, viel mehr in die Verbesserung genau dieser sozialen Umgebung von solchen Kindern zu investieren.“

Ein Schüler meldet sich während einer Unterrichtsstunde (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Gute Umweltbedingungen sind wichtig für den Lernerfolg Thinkstock -

Wege zur Chancengleichheit

Auch die Mühlheimer Schulleiterin Simone Dausel versucht innerhalb des Schulbereichs mit verschiedenen Mitteln, das Sozialverhalten der Schüler zu analysieren und zu verbessern. „Das sind ganz kleine Sachen, Zeit geben teilweise, es gibt Kinder, die verpassen das freundliche Gesicht der Lehrerin, weil sie so schnell weggucken oder weil sie zu spät gucken, das kann schon eine Sache sein, die dem Kind weiterhilft.“

Es gibt viele Möglichkeiten, Kinder im weitesten Sinne zu bilden, sodass sie sich gut entwickeln können. Die Gene sind nicht zu vernachlässigen, niemand wird allein durch Bildung zum Genie. Aber für Rainer Riemann kommt es vor allem darauf an, für den Menschen und seine Gene gute Umweltbedingungen zu schaffen. Für Rieman gilt gerade für die Schule, dass die Möglichkeit bestehen sollte, auch später noch beispielsweise ein Abitur zu erwerben und zu studieren. „Was mir immer ganz wichtig ist in diesem Kontext ist, dass wir darauf achten, immer viele Wege zum Ziel offen zu halten.“

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