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Familienbande Die Rolle der Vorfahren in der Psychotherapie

SWR2 Wissen. Von Silvia Plahl

Wieso bin ich so, wie ich bin? Manche Menschen sind sich selbst fremd oder fühlen eine unerklärliche Last. Sie können an den Folgen der Schicksale innerhalb ihrer Familie leiden.

Dauer

Familie – ein Hort der Geborgenheit, ein Hort der Konflikte. Ein Konglomerat lebenslanger Verbindungen und Verflechtungen. Zugrunde liegt die Weitergabe genetischen Materials von Generation zu Generation. Das Erbe der Vorfahren steckt jedoch nicht nur im äußeren Erscheinungsbild.

Auch Verhaltensmuster, Lebenseinstellungen, Erfahrungen und Beziehungsdynamiken prägen die Mitglieder einer Familie auf ganz eigene Weise. Oft bleibt dies unausgesprochen und unbewusst. Erwartungen, Tabus, Geheimnisse und Legenden, aber auch Familienregeln oder die familiäre Kommunikationsfähigkeit bestimmen das „emotionale und soziale Vermächtnis“ der Ahnen.

Eltern halten ihr Kind an den Händen und lassen es durch die Luft fliegen (Foto: SWR, SWR -)
Wie prägt uns die Familie? SWR -

Diese komplexen Konstrukte sind zunehmend Thema in der Psychotherapie. Es geht darum, Verstrickungen zu erkennen und zu verstehen. Denn nicht selten haben sie zu belastenden und lange nicht erklärbaren Gefühlen wie etwa Scham oder Schmerzen geführt.

Das soziale Erbe von Scheidungskindern

Eigentlich keine neue Erkenntnis, sagt der Psychologieprofessor Peter Kaiser von der Universität Vechta. Seit den 1960er Jahren gibt es dazu nationale und internationale Forschung. Erst jetzt aber treffen die Erkenntnisse daraus in der Öffentlichkeit und in der Praxis der Psychotherapie auf ein breiteres Interesse.

Langzeitstudien haben gezeigt, dass Scheidungskinder in ihren Paarbeziehungen ein bis zu dreimal höheres Scheidungsrisiko haben. Sie sind in einer Familie groß geworden, in der eine Trennung als Mittel der Problemlösung üblich war. Oft meiden die Kinder dann verbindliche Bindungen.

Oder sie schließen einen Kinderwunsch für sich selbst kategorisch aus, um nicht eigenen Töchtern und Söhnen eine Trennung zuzumuten. Der Psychologe Kaiser fordert von seinen Kolleginnen und Kollegen, dass sie helfen, diese so genannte soziale Vererbung zu entschlüsseln.

Die Faust von einer Frau und einem Mann liegen auf dem Tisch. Daneben zwei Eheringe. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Scheidungskinder haben es schwieriger eine Bindung fürs Leben aufzubauen. Thinkstock -

Versteckte Fragen

Das Phänomen der Trennung mag noch offensichtlich sein, ihre Auswirkungen sind es oftmals nicht. Es gibt Verdecktes und Verstecktes. Unerledigtes. Bedrückendes.

Jährlich im April treffen sich bei den Lindauer Psychotherapiewochen bis zu 4.000 Fachleute aus Medizin, Psychologie und Kinder- und Jugendtherapie zu zwei Wochen Weiterbildung bei Vorträgen, Seminaren und Workshops am Bodensee.

Eine der weltweit größten regelmäßigen Fachtagungen zu den verschiedenen Psychotherapiemethoden. Verhaltenstherapie, analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Gesprächspsychotherapie und systemische Therapie sind die fünf bisher wissenschaftlich anerkannten Verfahren.

Verstrickungen über lange Zeit

Schulen übergreifend diskutieren die Fachleute bewährtes Wissen aus Theorie und Praxis und neue Behandlungstechniken. Eine Teilnehmerin berichtet am Rande eines Plenums, sie sei in ihrer Arbeit sehr konfrontiert mit kranken Menschen, die in der Tat genau genommen ein ganzes Familiensystem mitbringen.

Untersuchungen zeigen, dass solche Verstrickungen unter den Generationen oft psychische Störungen verursachen. Peter Kaiser geht nach aktueller Studienlage davon aus, dass bis heute ein Drittel der deutschen Gesamtbevölkerung so stark von einer derart komplexen familiären Gemengelage betroffen ist, dass diese Millionen von Personen professionelle Hilfe benötigen.

Einerseits können Familienmuster das Verhalten prägen, andererseits zeigen auch die Forschungsergebnisse der so genannten Epigenetik den Einfluss der Vorfahren auf die Nachkommen: Vermehrt gibt es Hinweise, dass sich auch Erfahrungen, Erlebnisse und Emotionen auf unser Erbgut auswirken und dieses so nachhaltig verändern, dass die Veränderung auch an nachfolgende Generationen weiter vererbt werden kann.

Drei Generationen (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Man erbt mehr von seinen Vorfahren, als einem meist bewusst ist. Foto: Colourbox.de -

Vererbtes Trauma

Dazu können nicht nur Beziehungsdynamiken gehören, auch Stress, Angst, traumatische Erfahrungen wie Arbeitslosigkeit, ein Bankrott, Unfälle oder schwere Erkrankungen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie sehr und auf welche Weise diese Dinge sie belasten können. Trotzdem fühlen sie sich mit einem unsichtbaren Gewicht beladen oder spüren eine Unstimmigkeit.

In Deutschland hat der Blick auf die Rolle der Vorfahren in den vergangenen Jahren vor allem das Erbe der Herkunftsfamilien aus dem Dritten Reich erhellt – wir alle sind in der zweiten, dritten und vierten Generation Angehörige von Verfolgten, Vertriebenen oder Tätern.
Hier verbergen sich oft ein verschwiegener Schmerz und Trauer, auch verleugnete oder versteckte Schuldgefühle. In vielen Familien hat dies Spuren hinterlassen, und ihre Auswirkungen auf die Kriegs- und Nachkriegskinder und -enkel werden erst seit einigen Jahren öffentlich thematisiert.

Traumatisierte Flüchtlingskinder im Ersten Weltkrieg (Foto: picture-alliance / dpa, National Archives and Records Administration (NARA)/Wikimedia commons/dpa -)
Traumatisierte Flüchtlingskinder im Ersten Weltkrieg National Archives and Records Administration (NARA)/Wikimedia commons/dpa -

Systemische Therapie als Möglichkeit

Familiäre, soziale Verflechtungen und eine psychologische Perspektive über mehrere Generationen stehen daneben in der so genannten Systemischen Therapie immer wieder im Zentrum der Arbeit. Systemische Therapie gilt als Weiterentwicklung der frühen Familientherapie in den USA der 1950er und 1960er Jahre.

Im Familienverbund liege auch das Potential, ein Problem zu lösen, eine Krankheit gemeinsam zu tragen oder zu bewältigen, so die Experten. Tatsächlich hat der wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie bestätigt: Eine systemische Therapie kann Erwachsene etwa bei Depressionen oder bei der Behandlung einer Schizophrenie erfolgreich unterstützen.

Gespräch während einer Therapiesitzung: Eine verzweifelte Frau sitzt ihrem Therapeuten gegenüber. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Therapie gegen Depressionen Thinkstock -

Bei chronischen körperlichen Erkrankungen kann die Methode ebenfalls ergänzend hilfreich sein – dies ergab die erneute Auswertung der Studien, welche die Wirksamkeit systemischer Arbeit bereits festgestellt hatten. Bindet man eine Familie, Angehörige, enge Bezugspersonen mit ein, erweitert dies die Sicht auf ein Problem – mehr Perspektiven eröffnen auch mehr Möglichkeiten, es konstruktiv zu überwinden.

Verborgene Chancen

Familie kann eine beharrliche Quelle für Belastungen sein, sie kann aber auch dabei helfen, ebensolche loszuwerden. Sei es im Konsens oder aber in der Abwehr, im Loslassen familiärer Verstrickungen. Ein Balanceakt, der womöglich zeitlebens nie abgeschlossen sein wird.

Mann und Frau küssen Kind auf  Wange (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Die Familie kann auch eine Chance sein, schwierige Situationen durchzustehen. © JupiterImages Corporation -

Jede Familie definiert sich auf ihre eigene Weise als Familie – und der Familienalltag hat sich insgesamt gewandelt, durch mehr Mobilität, mehr Berufstätigkeit der Frauen, durch neue Geschlechterkonstellationen. Soziologen sprechen heutzutage von einem "doing family", von der ständig neuen Herstellung der Kernaufgabe der Familie: der Fürsorge der Generationen füreinander.

Das Erkennen des emotionalen Familienerbes kann eine Möglichkeit sein, sich vielleicht aus unangenehmer Verstrickung zu befreien – aber auch eine Chance, womöglich eine neue Verbindung zu den Vorfahren herzustellen. Familienahnen können genauso gut Stärken weitergeben – sei es offen oder unverhofft verborgen.

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