Wasser frisst Zuhause Die Philippinen und der Klimawandel

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SWR2 Wissen. Von Thomas Kruchem

Immer mehr Menschen auf den Philippinen verlieren ihr Zuhause - wegen Überschwemmungen und Stürmen infolge des Klimawandels. "Klimasichere" Siedlungen gibt es nur für die Reichen.

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Glitschig moosige Felsen und halb verfaulte Holzpfähle ragen aus sumpfigem Watt. Auf Stelzen stehend reiht sich darauf Hütte an Hütte aus Bambus und rostigem Wellblech. Ein Gewirr von Stromkabeln und Wäscheleinen. Auf schwankenden Bambuspfaden spielen Hunde und kleine Kinder – keine zwei Meter über im Schlick verrottendem Müll, in dem Ratten umher huschen.

Tagbilaran, eine Stadt von 100.000 Einwohnern auf der philippinischen Insel Bohol, die Gegend am Hafen, der unmittelbar an die Innenstadt grenzt. Die Menschen, die hier leben, seien sogenannte informelle Siedler, sagt Renato Constantino, Leiter des ICSC – eines Instituts, das soziale Folgen des Klimawandels erforscht. Informelle Siedler seien Menschen, die auf dem Land kein Auskommen mehr gefunden haben und deshalb in die Stadt gezogen sind.

Die Behausungen der informellen Siedler bestehen zumeist aus Wellblech und Bambus. Sie investieren nicht viel in die Baracken - es ist unklar, wie lange sie bleiben können. (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Die Behausungen der informellen Siedler bestehen zumeist aus Wellblech und Bambus. Sie investieren nicht viel in die Baracken - es ist unklar, wie lange sie bleiben können. SWR - Thomas Kruchem

Dort sind die Chancen, Arbeit zu finden, zwar besser, die Mieten und Grundstückspreise sind aber unerschwinglich für die Ärmsten. Und so siedeln die Landflüchtlinge – meist ohne Erlaubnis – dort, wo noch Platz ist, den niemand beansprucht: vor der Meeresküste, an Flussufern, Steilhängen und Müllkippen. Hier gibt es keine Infrastruktur wie Straßen, Strom, Wasser- und Abwasserleitungen oder Müllabfuhr und die Siedler investieren nur das Nötigste in den Wohnraum, aus dem sie jederzeit vertrieben werden können.

Es entstehen Slums, die den Unbilden der Natur fast ungeschützt ausgesetzt sind. Die Ärmsten werden als Erste Opfer des Klimawandels, der die Philippinen besonders stark trifft – meint Renato Constantino. „Ein Anstieg des Meeresspiegels um zehn Zentimeter ist gleichbedeutend mit einem Zurückweichen der Küstenlinie um zehn Meter. Und tragischer Weise sind die meisten Menschen, die an der Küste leben, arm.“

Bei den Katastrophen durch den Klimawandel trifft es die Ärmsten am stärksten. (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Bei den Katastrophen durch den Klimawandel trifft es die Ärmsten am stärksten. SWR - Thomas Kruchem

13 Millionen, zumeist bitterarme, Klimaflüchtlinge sagt Constantino bis zum Jahr 2050 für die Philippinen voraus. Das werden mehr als zehn Prozent der Einwohner des Landes sein – und zwar überwiegend informelle Siedler, die ohnehin nur mit viel Mühe ihren Alltag bewältigen. Jeder dritte Stadtbewohner in armen Ländern wie den Philippinen ist informeller Siedler. Drei Millionen leben schon heute im Großraum Metro-Manila, einem Moloch mit insgesamt elf Millionen Einwohnern, der an Verkehr und Müll erstickt.

Die Hütten könnten jederzeit weggespült werden

In Tagbilaran auf Bohol ist Stella Margate, die städtische Beauftragte für Stadtentwicklung, konfrontiert mit den Problemen der informellen Siedler: „Sie leben in einer Gefahrenzone. Jederzeit können ihre Hütten fortgespült werden – durch einen Tsunami oder Taifun, bei schweren Regenfällen oder einem Erdbeben.“

Es gibt auch noch andere Gründe, warum die informellen Siedler der Stadtverwaltung ein Dorn im Auge sind. Am Hafen wolle die Stadt einen Boulevard mit Einkaufsparadies bauen, sagt Margate. Etwas abseits soll eine Kläranlage entstehen, die die bis heute ungefiltert ins Meer fließenden Abwässer der Stadt reinigen soll. Vier, fünf Jahre dauere die Planung wohl noch, dann müssten die rund tausend informellen Siedler am Hafen weichen. Nur wohin?

Im Großraum Metro-Manila leben schon heute etwa drei Millionen informelle Siedler, einer Großstadt mit insgesamt elf Millionen Einwohnern, die an Verkehr und Müll erstickt. (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Im Großraum Metro-Manila leben schon heute etwa drei Millionen informelle Siedler, einer Großstadt mit insgesamt elf Millionen Einwohnern, die an Verkehr und Müll erstickt. SWR - Thomas Kruchem

Klimawandel wird bisher von der Regierung kaum zur Kenntnis genommen

In Manila geißelt Klimaforscher Renato Constantino die Eliten der Philippinen, für die informelle Siedler bis heute nichts seien als lästige Squatter, also Landbesetzer, die mit ihren Behausungen und ihrem Müll Flussläufe verstopften und so Überflutungen verursachten. Den Klimawandel und seine sozialen Folgen hätten sowohl die Eliten als auch die Regierung allzu lange kaum zur Kenntnis genommen.

Die häufigen Überschwemmungen in Manila seien Folge von Klimawandel, unzureichender Stadtplanung und Umweltfreveln, erklärt Joop Stoutjesdijk, Leiter eines Programms der Weltbank, das den Großraum Manila an den Klimawandel anpassen soll. Metro-Manila liegt eingezwängt zwischen dem Indischen Ozean und dem Laguna de Bay, dem größten See der Philippinen. Er wird gespeist von 21 Flüssen, die in den Bergen der Insel Luzon entspringen. Weil die Berge aber weitgehend abgeholzt sind, tragen die Flüsse bei starkem Regen in kürzester Zeit viel Wasser und Sedimente in den See. Der ist deshalb inzwischen vielerorts nur noch zwei Meter tief. All diese Wasserläufe treten immer wieder über die Ufer und legen das Leben in der Stadt lahm.

Die häufigen Überschwemmungen in Manila sind Folgen von Klimawandel, unzureichender Stadtplanung und Sturmfluten. (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Die häufigen Überschwemmungen in Manila sind Folgen von Klimawandel, unzureichender Stadtplanung und Sturmfluten. SWR - Thomas Kruchem

Eine weitere Ursache für Überschwemmungen in Manila sind Sturmfluten, oft im Gefolge von Taifunen. Immerhin hat die Verwaltung Manilas das Überflutungsproblem in den letzten Jahrzehnten mildern können. Der vor 30 Jahren gebaute und 47 Kilometer lange Manggahan-Kanal entlastet bei Bedarf die Flüsse. Und aus sämtlichen Wasserläufen Manilas wurde und wird viel Sand und Müll gebaggert, so dass das Wasser jetzt schneller abfließt. Das allerdings reiche nicht, meint Joop Stoutjesdijk: „Schon wenn das Wasser nur einen halben Meter hoch steht, hindert das hunderttausende Menschen daran, ihrer Arbeit nachzugehen. Tausende Geschäfte müssen schließen und in der Folge greift Armut weiter um sich.“

Siedlungen werden zwangsweise geräumt

Informelle Siedler an Manilas Flussläufen stünden doppelt unter Druck, erklärt der Weltbank-Ingenieur. Sie seien bedroht von den Fluten und von behördlichen Maßnahmen gegen die Fluten. Siedlungen auf Stelzen verstopften nämlich tatsächlich die Wasserläufe und verschärften so Überflutungen. In den letzten Jahren machte die Stadtverwaltung Manilas oft kurzen Prozess: Sie räumte Siedlungen zwangsweise, wenn die Bewohner nicht freiwillig gingen.

Zum Beispiel am Manggahan-Kanal, wo bis 2011 mehrere Tausende lebten. Aus Sicht der Verwaltung stellte sich damals die Frage: Wohin mit den Zwangsgeräumten? Unterkünfte in Manila galten als zu teuer. Und so machten die Behörden den Vertriebenen das Angebot, sie umzusiedeln – vom Manggahan-Kanal in die Stadt Montalban, gelegen 30 Kilometer östlich von Manila, am Fuße der Sierra Madre. Tausend Familien, die keine Alternative sahen, nahmen das Angebot an.

Fünf Jahre später wirkt Montalbans Stadtteil Southville, wo die Umgesiedelten ihre Häuschen bekamen, wie eine Idylle: solide gebaute Häuschen reihen sich entlang einer frisch geteerten Straße, es gibt kleine Läden, in der Vorschule tummeln sich rot-weiß uniformierte Kleinkinder. Die Idylle jedoch täusche, sagt Carmelita Arlos, eine Mutter von drei Kindern, bitter lächelnd: „Hier in Montalban haben wir zwar ein schönes Haus, aber sonst nichts. Nahrungsmittel sind sehr teuer, und Arbeit gibt es hier überhaupt nicht.“

Neue Siedlung an Manilas Manggahan-Kanal (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Neue Siedlung an Manilas Manggahan-Kanal - Hoffnung für die nächste Generation? SWR - Thomas Kruchem

Leni Robredo ist seit 2016 Vizepräsidentin der Philippinen. Eine Zeit lang war Robredo Chefin des Koordinationsrates für Wohnungsbau und damit quasi Wohnungsbauministerin. Sie hält wenig davon, Menschen, die seit Jahrzehnten in Manila leben, umzusiedeln in die Provinz. Man müsse Wege finden, informelle Siedler legal in der Stadt unterzubringen, fordert Robredo.

Wohnbauprojekte können zu einem menschenwürdigen Leben verhelfen

Ein Projekt, das diesen Missstand zu bekämpfen versucht, ist eine gerade entstehende Siedlung für knapp 200 Familien am Estero San Miguel. An diesem ziemlich verschmutzten Fluss leben bis heute 170 Familien in Hütten auf Stelzen. Drei Meter entfernt vom Estero stehen seit kurzem aber auch fünf schmucke, dreistöckige Gebäude und etliche weitere sind im Bau.

Die ersten fünf Gebäude mit je 21 Wohneinheiten sind ein Modellprojekt der „Urban Poor Associated“, kurz UPA, eine philippinische Hilfsorganisation, die für das Menschenrecht auf Wohnung kämpft. Die Bewohner müssten für Grundstück und Gebäude nichts bezahlen, sie müssten nur 25 Jahre lang die Ufer des Estero pflegen, erklärt UPA-Mitarbeiterin Princess Esponilla. 172 weitere Familien sollen 2017 in ähnliche Häuser einziehen.

Der Bedarf an Wohnraum sei unendlich groß in Manila, sagt Weltbank-Experte Joop Stoutjesdijk. Und das Glück der 200 Familien am Estero San Miguel sei kaum zu überschätzen: Sie seien jetzt geschützt vor Vertreibung und auch vor extremem Wetter als Folge des Klimawandels. Sie hätten jetzt ein echtes Zuhause, wie es sich Millionen in den Städten der Philippinen ersehnen.

Gut geplante Wohnbauprojekte könnten, allein in Manila, Millionen informeller Siedler zu einem menschenwürdigen Leben verhelfen. Die Hoffnungen dieser Menschen richten sich jetzt auf Präsident Rodrigo Duterte. Der ist umstritten wegen seiner gewalttätigen Drogenpolitik. Zugleich aber zeigen sich Duterte und sein Kabinett bereit, dem Klimawandel und dessen sozialen Folgen ins Auge zu sehen. Was die Regierung tatsächlich tut, wird sich zeigen.

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