Angst (Foto: picture-alliance / ZB  -)

Die perfide Macht der Ohnmacht Ich armes Opfer!

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SWR2 Wissen. Von Beate Krol

Vor ein paar Jahren kursierte auf Schulhöfen das Schimpfwort "Du Opfer!" Viele Erwachsene reagierten empört: Opfer brauchen Hilfe und Solidarität, nicht Häme und Verachtung. Diese Reaktion ist berechtigt, denn der Schutz von Schwachen macht die humane, zivilisierte Gesellschaft wesentlich aus. Doch immer wieder schlüpfen Menschen freiwillig in die Opfer-Rolle, denn sie hat auch Vorteile: Man ist schuldlos, darf sich im Recht wähnen und kann die Verantwortung für das Gelingen des eigenen Lebens abtreten. Psychologen deuten die freiwillige Opferhaltung auch als Ausdruck von übertriebenem Stolz - bis hin zu Überlegenheitsgefühlen den "Tätern" gegenüber.

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Am 12. April 2015 erscheint ein Interview, das Susanne Kippenberger zusammen ihrem Ressortleiter Norbert Tomma geführt hat. Die junge Frau darin spielt die Rolle des Krebsopfers so überzeugend, dass ihr alle glauben. Drei Monate nachdem das Interview erschienen ist, fliegt der Schwindel auf. Ein trauriger und verrückter Fall. Aber kein Einzelfall. Immer wieder inszenieren sich Menschen als Opfer, ohne es wirklich zu sein. Dabei ist natürlich nicht jeder Fall pathologisch überformt. Aber das Muster ist bei allen dasselbe: Selbstinszenierte Opfer richten sich in ihrem Leid ein und sorgen dafür, dass andere es zur Kenntnis nehmen.

Die Opferidentität wird deshalb auch in vielen radikalen Gruppen gepflegt und von ihren Führern – die sich oft nicht als Opfer sehen – bewusst bedient. Die Parolen sind immer dieselben: 'Euch wird etwas vorenthalten', 'Ihr werdet ausgenutzt', 'Ihr werdet manipuliert', 'Euch wird nicht die Wahrheit gesagt'.

Eine andere Parole von Führern radikaler Gruppen lautet: 'Wehrt euch!'. Paradoxerweise sind Menschen dazu besonders bereit, wenn sie sich als Opfer sehen. Das gilt umso mehr, wenn die Öffentlichkeit sie in ihrer Opferrolle anzweifelt. Die Münchner Psychologin und Autorin Bärbel Wardetzki spricht dabei von Kränkungswut. Und diese Kränkungswut sei unglaublich destruktiv, denn sie will wirklich Gewalt anwenden, um sich aus ihrer Position heraus zu rechtfertigen, auch gegen das Gute.

Bei einer Pegida-Demo in Dresden (Foto: SWR, SWR -)
Paradoxerweise sind Menschen besonders zu Gewalt bereit, wenn die Öffentlichkeit sie in ihrer Opferrolle anzweifelt SWR -

Blinde Gewalt aus Kränkungswut

Zu dieser Gewalt gehören Anschläge auf Asylbewerber-Heime und das Verprügeln von Journalisten. Eingebrannt hat sich auch das Fotos von einem selbstgezimmerten Galgen, den ein Pegida-Demonstrant in die Höhe reckte und an denen er Schilder befestigt hatte. 'Reserviert für Angela: Mutti Merkel' und 'Reserviert für Sigmar - das Pack - Gabriel'.

Hier zeigt sich noch ein typisches Verhalten von selbsternannten Opfern: Sie machen andere zu Tätern – unabhängig davon, ob diese ihnen tatsächlich etwas angetan haben. Diese Haltung macht den Umgang mit Menschen, die sich in der Opferrolle eingerichtet haben, anstrengend. Auch wenn man so jemanden in der Familie oder im Freundes- oder Kollegenkreis hat.

Mit Verweigerung sorgen Menschen in der Opferrolle dafür, dass sich die Menschen um sie herum an ihnen und ihren Bedürfnissen ausrichten. Dieser Einfluss macht die Opferrolle zusätzlich attraktiv. Auch die vermeintliche Krebspatientin aus Berlin hat die Menschen um sich herum gelenkt und gesteuert. Wie sehr, das erfuhren die Tagesspiegel-Journalisten, als sie den Fall in einer aufwändigen Recherche rekonstruierten, nachdem die Täuschung aufgeflogen war.

Galgen auf Pegida-Demo (Foto: picture alliance / dpa - picture alliance / dpa)
Hier zeigt sich noch ein typisches Verhalten von selbsternannten Opfern: Sie machen andere zu Tätern – unabhängig davon, ob diese ihnen tatsächlich etwas angetan haben picture alliance / dpa - picture alliance / dpa

Wenn Opferrollen gebraucht werden

Eine der Aktionen, die Susanne Kippenberger besonders im Gedächtnis geblieben sind: die vermeintlich Kranke ließ sich von ihrem Sterbebegleiter die Treppe hochtragen, weil sie angeblich zu kraftlos war. Ihre Sterbebegleiterin brachte sie dazu, mit ihr ein Buch zu schreiben. Dabei hatte die vermeintlich kranke Psychologin und Therapeutin ihre Rolle bis ins kleinste Detail durchdacht und perfekt inszeniert.

Die vermeintliche Krebspatientin hatte aber auch deshalb so großen Erfolg, weil sie sich ein Thema ausgesucht hatte, das gerade besonders durch die Medien ging und moralisch sehr aufgeladen war: der Umgang mit Tod und Sterben. Im Hospiz und auf ihren Vorträgen traf sie auf Menschen, die es besser machen wollten, als es bislang üblich war.

Sie wollten sich dem Tod und dem Sterben stellen und sich auf die Sterbenden und ihren Schmerz einlassen statt sie auszugrenzen. Die junge Psychologin, die dem Tod so tapfer ins Auge sah, bediente diese Wünsche und Vorstellungen und gab noch dazu ein perfektes Vorbild ab.

Verzweifelte Frau (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die vermeintliche Krebspatientin hatte aber auch deshalb so großen Erfolg, weil sie sich ein Thema ausgesucht hatte, das gerade besonders durch die Medien ging und moralisch sehr aufgeladen war Thinkstock -

Tränen und Klarinette

Auch der Wilkomirski-Fall, der Ende der 1990er Jahre weltweit Aufsehen erregte, spielte sich in einem moralisch hochbesetzten Feld ab. Hier gab sich der Schweizer Klarinettist Bruno Dössekker als jüdisches Kind aus, das den Holocaust überlebt hat. Unter dem Namen Binjamin Wilkomirski schrieb er das vermeintlich autobiografische Buch "Bruchstücke aus einer Lebensgeschichte".

Der vermeintliche Binjamin Wilkomirski bekam nicht nur Preise. Er sprach auf internationalen Kongressen, trat in Talkshows auf, besuchte Schulklassen und rührte die Menschen bei Lesungen zu Tränen. Dabei überließ er das Lesen seiner Psychologin und Freunden. Er selbst spielte bei den Lesungen Klarinette. Auch diese falsche Opferidentität blieb lange unentdeckt.

Bei Bruno Wilkomirski stellte sich im Nachhinein heraus, dass er einen Teil der Misshandlungen, die er in seinem Buch beschrieben hat, tatsächlich erlebt hat, nur eben nicht als polnischer Junge in einem KZ, sondern als Schweizer Junge in einer Adoptivfamilie. Er ist also in seinem Leben nicht nur ein falsches, sondern auch ein echtes Opfer gewesen. Ein Merkmal, das sich auch bei anderen Menschen findet, die sich ihrer Umgebung als Opfer präsentieren.

Ein Mann tröstet einen anderen Mann (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Der sogenannte Wilkomirski-Fall wirft nicht nur ein Licht auf die Menschen, die in die Opferrolle schlüpfen, sondern auch auf diejenigen, die sie in ihrer Rolle stützen Thinkstock -

An der Geschichte festhalten

Als die Wahrheit ans Licht kommt, ist die Bestürzung groß. Allerdings gibt es auch zahlreiche Menschen, die die Ergebnisse der Recherche öffentlich anzweifeln, und das, obwohl die Beweise – Auszüge aus Kirchen- und Gemeindebüchern und Zeugenaussagen – erdrückend sind. Schließlich sorgt ein Gentest für den letzten, unumstößlichen Beweis: Der vermeintliche Binjamin Wilkomirski ist der Musiker Bruno Dössekker.

Der sogenannte Wilkomirski-Fall wirft damit nicht nur ein Licht auf die Menschen, die in die Opferrolle schlüpfen, sondern auch auf diejenigen, die sie in ihrer Rolle stützen. Die Psychologin Bärbel Wardetzki nennt diese Gruppe "Helfer im Dramadreieck". Dieses Drama-Dreieck, ein Modell aus der Transaktionsanalyse, besteht aus den drei Polen Opfer, Täter, Helfer.

Helfer im Drama-Dreieck tuten ins Horn und gießen Öl ins Feuer. Wenn eine Freundin darüber klagt, was ihr Partner ihr schon wieder Schlimmes angetan hat, kommt vom Helfer im Drama-Dreieck ein Satz wie: 'Mein Gott, dir geht es doch schon so schlecht. Reicht ihm das denn immer noch nicht?'. Beschwert sich ein Kollege über die vielen Überstunden, die er macht, heißt es: 'Pass auf, demnächst stellt dir der Chef noch ein Bett ins Büro. Und wenn du dann im Burnout landest, kündigt er dir'.

Der Rest einer Pegida-Demonstration (Foto: dapd -)
Der Rest einer Pegida-Demonstration dapd -

Verstärkung der Opferhaltung

Das Problem: Damit entlasten die Helfer die Opfer zwar, aber sie verstärken die Opferhaltung auch. Besser wäre es, sie zu durchbrechen. Zum Beispiel indem man sagt: 'Du klagst so oft über deinen Mann, ich möchte das ehrlich gesagt nicht mehr hören'. Oder 'Ich finde auch, dass du viele Überstunden machst, aber ich bin nicht der Chef. Sprich mit dem, wenn es dich stört'.

Jemand, der in einer Drama-Dreieck-Familie aufgewachsen ist, hat die Rollen verinnerlicht und praktiziert sie weiter, weil er nicht weiß, wie es anders geht, sagt Bärbel Wardetzki. Aber auch an vielen anderen Orten findet man dieses Schema.

Doch: 'Hör auf, du nervst' – bei einem selbsternannten Opfer darf man das sagen. Auch wenn der Mensch, der in der Opferhaltung verharrt, genau das garantiert nicht hören will. Und was kann man machen, wenn man an sich selbst einen Hang zur Opferhaltung bemerkt? Wie kommt man raus aus dem lähmenden Selbstmitleid? Bärbel Wardetzki rät zum Mitgefühl mit sich selbst. Denn das ist etwas ganz anderes als Selbstmitleid.

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