Ein einzelner Teddy-Bär sitzt auf einer Fensterbank mit dem Gesicht zum Fenster. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

SWR2 Wissen Depressionen bei Kindern

Ursachen und Therapiemethoden

Langanhaltende Traurigkeit hat einen Namen: Depression. Immer öfter sprechen Erwachsene über ihren Schmerz und ihre Sorgen. Was aber, wenn schon Kinder ihre Lebenslust verlieren? (Produktion Februar 2016)

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Rund 300.000 Menschen melden sich jährlich aufgrund einer Depression arbeitsunfähig. Aber auch immer mehr Kinder sind betroffen: "Wenn ein Kind dauerhaft traurig ist und nicht spielt, sollte man genauer hinschauen", sagt Kai von Klitzing. Der Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie will die Früherkennung einer Krankheit etablieren, die soziale und ökonomische Folgen für unsere Gesellschaft hat.

Tim* ist seit drei Monaten auf der psychologischen Kinderstation des Leipziger Universitätsklinikums. Jeden Donnerstag besucht ihn seine Mutter. Jana Meier* fährt 60 Kilometer von einer kleinen 15.000-Einwohner-Stadt nach Leipzig. Dann hat sie Zeit, ihren 10jährigen Sohn zu sehen, mit ihm zu reden und zu spielen. Tim leidet an Depression. Für den kleinen Jungen mit den blonden Haaren ist es nicht der erste Klinikaufenthalt, Tim ist schon seit Jahren in Behandlung. Dass er depressiv ist, erkannten die Ärzte erst spät. 

Plötzlich ist alles anders

2009 wird bei Tim eine schwere Form von Diabetes diagnostiziert. Der Junge ist damals fünf Jahre alt, geht in den Kindergarten. Bis dahin sei bei ihrem Sohn alles normal gewesen, erzählt die Mutter. Dann reagierte er heftig auf die Krankheit. Tim erinnert sich daran, dass er in die Hosen machte, sich übergeben musste. "Einmal", sagt er, "konnte ich nicht mehr aufstehen und dann mussten wir ins Krankenhaus."

Der Diabetes engt Tims Leben stark ein. Während die anderen Kinder spielen, verbringt er viel Zeit in Wartezimmern von Ärzten. Mehrmals täglich muss er seinen Blutzuckerspiegel messen, Süßigkeiten werden rationiert, Sport und Bewegung sind nur noch unter Aufsicht möglich. Anfangs muss er sich das Insulin spritzen, später bekommt er eine Pumpe implantiert, die das Insulin automatisch in seinen Bauch injiziert. Tim versteht das alles nicht, er will wie die anderen Kinder sein, will tun, was sie tun. Weil das nicht geht, zieht er sich immer weiter zurück. Bis zu dem Punkt an dem er einfach nicht mehr will. Seine Mutter erinnert sich: "Er hat sich bloß hingesetzt und hat mit keinem mehr gespielt, eigentlich überhaupt gar nicht mehr. Er hat sich vollkommen zurückgezogen."

Tims Krankheit ist auch für die siebenköpfige Familie eine Herausforderung. Seine Mutter tut, was sie kann. Denn die 30-Jährige weiß, ihr Sohn hat in seinem kurzen Leben schon einiges durchgemacht. Tim kam drei Monate zu früh zur Welt, verweigerte anfangs die Nahrung. Später trennen sich die Eltern. Jana Meiers neuer Lebenspartner stirbt kurz darauf. Jedes biografische Puzzleteil gehört zu Tims Krankheit, für die Mutter ein schmerzhafter Prozess.

Vorurteil: "Kinder haben keine Depression"

"Da macht man sich natürlich Vorwürfe", erinnert sich Jana. Sie fragte sich ob sie als Mutter etwas falsch gemacht habe, suchte die Schuld bei sich. "Mit anderen Leuten oder Freunden, konnte man nicht reden, weil die gesagt haben: Rede dir so was nicht ein, Kinder haben keine Depression, das gibt es nicht."  In ihrer Not wandte sich die verzweifelte Mutter an das Leipziger Universitätsklinikum. Dort leitet der Kinderpsychiater Kai von Klitzing seit acht Jahren den Forschungsschwerpunkt "Depression bei Kindern". Er will die Früherkennung dieser Krankheit voranbringen. Erste Erkenntnisse legen nahe, dass Kinder depressiver Eltern ein erhöhtes Risiko haben, selbst zu erkranken. Ist ein Elternteil betroffen, liegt das Risiko bei 10 bis 15 Prozent. Betrifft es beide Elternteile, so schätzen Experten, steigt das Risiko auf 30 bis 40 Prozent. 

In Tims Familie spielte Depression bislang allerdings keine Rolle. Aber egal, ob selbst depressiv oder nicht, Eltern fühlen sich schuldig, wenn ihr Kind erkrankt. Kai von Klitzing versucht, ihnen dieses Gefühl zu nehmen: "Wir müssen von diesem Schuldgedanken wegkommen, auch in der Gesellschaft bis hin zu den Krankenkassen. Wenn ich ein kleines Kind behandle, dann schreibt mir die Krankenkasse: So ein kleines Kind kann doch noch nicht krank sein! Oder der Vater sagt: Alles Quatsch, Psychotherapie, so ein Blödsinn! Das ist ein Vorurteil! Die Schuldproblematik führt dahin, dass sie die Krankheit verleugnen oder gegen uns kämpfen. Ich muss die Eltern ins Boot holen und ich muss versuchen mit den Eltern an einen Punkt zu kommen, dass ich mit ihnen gemeinsam Sorge habe fürs Kind."

Verzweifelte Frau (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
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Schwere Diagnose

Eine Depression bei einem Kind zu erkennen, ist sehr schwierig. Doch egal, ob Kinder- oder Erwachsenendepression, die Krankheit ist dieselbe, betont Kai von Klitzing: "Es geht ja immer darum, dass der Bezug zum eigenen Selbst brüchig wird und dass sich Energie, auch manchmal Aggressionsenergie, gegen das Selbst richtet und dann das Selbst verarmt." Es entsteht ein dauerhafter psychischer Schmerz. 

Definiert wird eine Depression allgemein als psychische Störung, kategorisiert nach verschiedenen Episoden. Von leichter, nur partiell auftretender Niedergeschlagenheit bis hin zu schweren depressiven Phasen. Das Leben erscheint den Betroffenen als sinnlos, Gefühle können weder empfunden noch ausgedrückt werden, es fehlt jeglicher Antrieb. Häufig treten auch körperliche Symptome auf: Schlafstörungen, fehlender Appetit, Schmerzen. 

Viele Depressionen beginnen in der Kindheit

Kinder sind davon nicht ausgenommen, sagt Kai von Klitzing. Sie sollen jedoch durch die Diagnose nicht stigmatisiert oder mit unklaren Krankheitsbildern konfrontiert werden, erklärt der Leipziger Professor. Vielmehr weiß er aus Gesprächen mit Betroffenen, dass eine Behandlung in jungen Jahren die Heilchancen verbessern kann: "Wenn man mit Erwachsenen, depressiven Menschen spricht, dann hört man oft, dass das auch schon im Kindesalter angefangen hat. Noch nicht in der vollen Form einer schweren Depression, aber doch mit deutlichen Gefühlen von Traurigkeit, einer Gehemmtheit beim Spiel." Und da wollen die Psychiater ansetzen und Forschung betreiben, um herauszufinden, "wie solche Symptome sich zu Beginn des Schulalters entwickeln." Denn je eher eine Depression erkannt wird, umso besser entwickelt sich der Umgang damit: beim Betroffenen selbst, aber auch seiner Familie und dem näheren Umfeld. 

trauriges, verängstigtes Kind (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
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Andere Behandlung für kleine Patienten

Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen kleinen und großen Patienten: Erwachsene können sich anders ausdrücken. Sie sind in der Lage über ihren Schmerz und ihre Sorgen zu sprechen. Sie können hinterfragen, auch wenn sie häufig keine Antworten finden. Ein Kind kann das nur sehr eingeschränkt. Hinzu kommt, dass bei Kindern die Möglichkeit der medikamentösen Behandlung wegfällt. "Wir wissen nicht, was diese Substanzen auf das sich entwickelnde Gehirn für eine Auswirkung haben", warnt von Klitzing. Stattdessen müssen die Psychiater auf andere Methoden setzen: "Das Eine ist die soziale Unterstützung, also wenn zum Beispiel ein Kind in einer Familie lebt, die geprägt ist von schwierigen Lebenssituationen, beispielsweise Depression der Mutter oder auch des Vaters, dann ist es wichtig, an dieser sozialen Situation zu arbeiten. Und die zweite Domäne der frühen Behandlung von Kinderdepression und Angststörung ist die Psychotherapie." 

Psychotherapie mit Kindern ist eine Herausforderung, sagt von Klitzing, besonders wenn sie so jung sind wie Tim – denn dann sind sie gerade erst dabei, ihre Lebenswelt kennenzulernen. Außerdem müssen die Ärzte herausfiltern, ob die schlechte Laune nur eine Momentaufnahme ist oder Ausdruck einer tieferen, seelischen Belastung. Anzeichen kann es bereits in der frühesten Kindheit geben. 

Spielerisch Gefühle identifizieren

Deshalb ist das Spiel des Kindes ein wichtiges Indiz, in welcher seelischen Verfassung es sich befindet. Hat es überhaupt Lust zu spielen? Spielt es, wenn überhaupt, nur Szenarien durch, die schlecht ausgehen? Kai von Klitzing hat zusammen mit Kollegen eine psychoanalytische Kurzzeitbehandlung für Kinder von vier bis zehn Jahren entwickelt. In 25 Therapie-Sitzungen, von denen fünf mit und die restlichen 20 ohne Eltern stattfinden, werden in Gesprächen und vor allem im Spiel unverarbeitete Konflikte des Kindes herausgearbeitet. Als Therapeut muss von Klitzing sehr aktiv sein – manchen muss er dabei helfen das Spiel überhaupt aufzunehmen. "Und wenn das Kind dann spielt, schaue ich, ob es Gefühle identifizieren kann: Also wenn jetzt ein Kind spielt, die Kinder sind zu Hause und Eltern sind weggefahren und kommen nicht zurück; dann frage ich, wie könnte sich dieses Kind jetzt fühlen? Und im nächsten Schritt: kann es sein, dass es dir manchmal auch so geht?" 

Höhere Anforderungen führen zu Erschöpfungsdepressionen

Um eben jene Indikatoren herauszufiltern, die diese krankmachende Traurigkeit auslösen, hat sich die medizinische Forschung in den letzten Jahren intensiviert. Auch am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), beschäftigt man sich schon lange mit kindlichen Depressionen. Michael Schulte-Markwort, Klinikdirektor und Kinderpsychiater, will aber nichts überdramatisieren. Denn klassische Depressionen im Kindes- und Jugendalter treten heute nicht häufiger auf als vor 20 Jahren. Allerdings hätten sich gesellschaftliche Erwartungen stark verändert, so Schulte-Markwort: "Was zunimmt, sind Erschöpfungsdepressionen, da ist man in dem Bereich von Burnout. Erschöpfungsdepressionen haben etwas damit zu tun, dass sich die Anforderungen in den Schulen erheblich gesteigert haben. Es ist so, dass Jugendliche in der Oberstufe 36 bis 38 Wochenstunden Unterricht haben, plus Sport, plus ein Instrument. Da ist man schnell bei 50 Wochenstunden."   

Junge liegt schlafend auf seinem Schreibtisch, über seinen Hausaufgaben (Foto: skyfish.com -)
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Neben frühem Leistungsdruck gehören auch negative Lebenserfahrungen wie Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit oder das Zerbrechen von Familienstrukturen zu den Risikofaktoren. Deswegen betont Schulte-Markwort, wie wichtig es ist, die Familien- und Lebensgeschichte des Kindes kennenzulernen. "Und da heraus erarbeiten wir mit den Kinder und Jugendlichen und deren Familien zusammen ein gemeinsames Modell." Um die Kinder zu aktivieren und die akuten Symptome zu bewältigen spielt Sport eine wichtige Rollen: "Laufen wirkt anti-depressiv, andere Sportarten auch."  

Tim Meier war vor Ausbruch der Diabetes im Jahr 2009 ein begeisterter Fußballspieler, einer, der gern mit seinen Kumpels raufte - oder mit seinen Geschwistern. Doch der Diabetes verändert ihn: häufig durfte Tim nicht am Sportunterricht teilnehmen, nicht mit auf Klassenfahrten und auch in den Hort konnte er nur mit Begleiter. Alles wegen seines Diabetes. Sportvereine lehnten ihn ab: Niemand wollte Verantwortung für das kranke Kind übernehmen. Das war schwer für den mittlerweile 10jährigen. Die Ablehnung kratzte an seinem Selbstwertgefühl. Hinzu kamen Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Seine Therapeutin Jule Louw erklärt: "Da hat er immer größere Versagensängste aufgebaut. Sodass am Ende eigentlich gar nichts mehr ging und auch keine Lust mehr da war. Er hat sich abgewandt vom Unterricht und wurde in der Schule vermehrt geärgert wegen seines Diabetes." 

Ein Junge steht hinter einem Tor und beobachtet ein Fußballspiel. (Foto: © Colourbox.com -)
(Symbolbild) © Colourbox.com -

Einmal wird er traurig, dann wieder aggressiv und wütend. Häufig fühlte er sich provoziert, oft von seinem zwei Jahre jüngeren Bruder. Die Eltern suchen Rat, erst beim Kinderarzt, dann bei Psychologen. Im Sommer 2011 begann Tim seine erste Psychotherapie. Es folgen weitere, schließlich wurde er stationär aufgenommen.

In den ersten Wochen nach der Aufnahme in der UKE wird Tim analysiert. Die Ärzte sprechen mit dem Jungen, beobachten sein Verhalten und befragen die Eltern. Danach macht Tim eine Physiotherapie, er wird von einem Logopäden unterstützt, erhält Ergotherapie. Er beginnt wieder Fußball zu spielen, geht klettern und schwimmen. Bewegung für den Körper, Gespräche für den Geist. Das Konzept ist ganzheitlich. Tagsüber besucht Tim die klinikeigene Schule. Dort achtet man darauf, dass er sich eingliedert und mit den anderen austauscht. Die Eingewöhnung ging schneller als gedacht, erinnert sich seine Therapeutin. Und Tim fühlt sich inzwischen sehr wohl – auch, weil er hier kein Außenseiter ist: "Alle sind meine Freunde. Zucker haben sie nicht, aber sie rasten auch aus."

Anzeichen bei jedem zwanzigstem Kind

Tim ist keine Ausnahme. Das zumindest legt eine Untersuchung der Leipziger Universitätsklinik nahe. Gemeinsam mit seinem Team hat Kai von Klitzing Eltern eines gesamten Leipziger Kindergartenjahrgangs nach Angst- und Depressionsanzeichen befragt. Dabei wiesen über zehn Prozent von insgesamt 1700 Kindern erhöhte Ängstlichkeit oder depressive Verstimmtheit auf. Lagen Symptome wie Traurigkeit, Schlafstörungen, Gereiztheit oder Spielhemmung vor, wurden die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern zur genaueren Anamnese eingeladen. Parallel dazu wurde eine Kontrollgruppe gebildet – mit Kindern ohne Anzeichen. Erste Ergebnisse der Studie – die mittlerweile in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht wurden – belegen: Etwa die Hälfte dieser Kinder waren bereits in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Betroffen war also etwa jedes 20. Kind. Weder Eltern noch Erzieher hatten bis dahin auf Anzeichen reagiert. Professor von Klitzing ahnt, warum: "Erstens ist den meisten Menschen noch kein Konzept dafür vorhanden, dass so ein kleines Kind auch schon eine Depression haben kann." So kommt es, dass die zurückgezogenen, ängstlichen, schüchternen Kinder durchs Raster fallen.

Ein fünfjähriges Kind, das still und traurig in der Ecke sitzt, wird eher akzeptiert als ein lautes, schreiendes Kind. 

Trotzdem: Depression bei Kindern ist kein Massenphänomen, betont auch der Leipziger  Kinderpsychiater. Angst und Traurigkeit gehören zur natürlichen Entwicklung eines Kindes dazu. Es gehe darum, die zu identifizieren, die leiden – und denen gezielt zu helfen.   

* Name von der Redaktion geändert

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