Luthers Lieder im Interview 3 Christ lag in Todesbanden

Die Reformation hat Geburtstag: 2017 jährt sich der berühmte Thesenanschlag Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg zum 500. Mal. SWR2 Cluster nimmt dies zum Anlass, die musikalischen Folgen der Reformation anzuschauen. Denn bekannt ist ja: Martin Luther soll nicht nur einen guten Tenor abgegeben und die Laute eifrig gezupft haben, sondern er hat auch zahlreiche Lieder geschrieben. Viele davon sind heute aus dem Gottesdienst nicht mehr wegzudenken, andere fristen auch mal ein Dasein im Schatten ihrer berühmten Kollegen.

Einmal im Monat stellt SWR2 Cluster ein Luther-Lied vor - im Interview! Im Dritten Interview trifft Cluster Luthers Osterlied "Christ lag in Todesbanden".

SWR2 Cluster: Christ lag in Todesbanden - schön, dass sie die Zeit gefunden haben, zu uns ins Studio zu kommen.
Lied Christ lag in Todesbanden: Ja, gerne. Ich freue mich auch!

Wir nähern uns ja dem Osterfest mit großen Schritten - ist diese Zeit nicht für sie besonders stressig?
Oh ja, die Protestanten singen mich demnächst wieder sehr oft - viele Termine...

Was macht sie denn für den Ostergottesdienst so attraktiv?
Tja ... (lacht) Sagen wir mal so: mein Text enthält eigentlich die ganze Essenz der Osterbotschaft.

Und die wäre?
Naja sie wissen schon: Christus stirbt für unsere Sünden am Kreuz und steht wieder auf. Damit lässt er das irdische Leben hinter sich und herrscht für Ewigkeit als lebendiger König

Wie verpackt denn Luther nun diese Botschaft in ihrem Text?
Vor allem in starken Bildern. Nehmen wir zum Beispiel mal meine vierte Strophe: da spricht er ganz plastisch von einem Krieg zwischen irdischem Tod und ewigem Leben. Das Leben verschlingt dort sogar den Tod.

Gerade hatten wir das Bild vom Krieg zwischen Tod und Leben - im zweiten Teil ihres Textes wird dann Luthers Bildersprache etwas weniger drastisch. Vom "süßen Brot" und dem "alten Sauerteig" ist ja dann in ihrer letzten Strophe die Rede. Warum diese Wendung ins Kulinarische?
Naja, Ostereier und andere Leckereien sind da sicherlich nicht gemeint. Das "süße Brot" ist vielmehr Christus selbst und vor allem dessen Wort. Der Sauerteig dagegen steht für das Leben ohne Christus. Also nochmal die zentrale Osterbotschaft - diesmal in einem etwas netteren Bild.

Was war denn eigentlich der genaue Anlass für Luther sie zu schreiben?
Wahrscheinlich das Osterfest im Jahr 1524. Aber sie wollen wahrscheinlich auf meine Vorlage hinaus ...

Ja, genau.
... also: Dahinter steckt eine Oster-Sequenz aus dem 11. Jahrhundert. Geschrieben hat sie ein gewisser Wipo von Burgund. "Victimae Paschali Laudes" - so lautet der lateinische Titel.

Und was hat Luther damit gemacht?
Er hat ihn nicht einfach nur übersetzt, sondern er hat den Text ausgedeutet und illustriert. Und das natürlich in der Volkssprache Deutsch. Das war ja sein reformatorisches Ideal, dass alle Christen solche wichtigen Botschaften auch verstehen.

Wo hat er die Melodie her?
Die hat Luther selbst erfunden. Wobei er sich recht stark an ein schon vorhandenes Osterlied angelehnt hat: "Christ ist erstanden" heißt das. Eine sehr nette, aber auch schon etwas ältere Kollegin von mir.

Hat das eigentlich einen besonderen Grund, dass ihr Text ausgerechnet sieben Strophen lang sind?
Ja natürlich. Die Sieben ist schließlich die Zahl der göttlichen Vollkommenheit! Die drei als Symbol der Dreifaltigkeit plus die vier Elemente gleich sieben, also völlige Harmonie zwischen der Seele und der Welt. Und wenn sie einmal genau nachzählen, dann hat jede meiner Strophe auch noch sieben Zeilen und fast immer sieben Betonungen pro Zeile.

Das ist ja wirklich faszinierend. Da waren sie als Lied doch sicher ein gefundenes Fressen für Zahlensymbolik-Fans wie etwa Johann Sebastian Bach?
Allerdings! Eine seiner frühesten Choralkantaten basiert sogar auf meiner Melodie. Und natürlich auch gleich mehrere Choralvorspiele. Deshalb hat mich z.B. auch so ein Bach-Verehrer wie Max Reger für das moderne Klavier bearbeitet. Der Witz ist nur: er dachte er bearbeitet Bach, aber in Wirklichkeit war die Vorlage von Johann Pachelbel. Hätte Reger mich damals selbst gefragt, dann wäre das sicher nicht passiert. Aber mir gefällt diese Fassung trotzdem!

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