STAND
AUTOR/IN

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind im Kreis Cloppenburg die Mandeln herausgenommen bekommt, ist achtmal höher als im Kreis Rosenheim. Ähnlich sieht es bei Blinddarm- oder Prostata-Operationen aus. Allein mit medizinischer Notwendigkeit lassen sich die krassen Unterschiede nicht erklären. Wahrscheinlicher ist: Ärzte setzen manche medizinische Therapien zu oft ein, während sie andere vernachlässigen. Die Arbeitsgemeinschaft Medizinischer Fachgesellschaften will diesem Missstand ein Ende bereiten.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Beispiel Hüftgelenkersatz: Nach einer OECD-Statistik von 2014 pflanzen deutsche Ärzte unter allen 34 Mitgliedsländern die meisten Prothesen pro Jahr ein – 287 je 100.000 Einwohner. Bei künstlichen Kniegelenken liegt Deutschland an zweiter Stelle hinter Österreich: mit 206 Prothesen je 100.000 Einwohner.

Die Zahl der Wirbelsäulenoperationen ist zwischen 2005 und 2011 von 97.000 auf 229.000 gestiegen – um 136 Prozent. Zudem lassen sich die Deutschen doppelt so oft in den Magnetresonanztomografen schieben wie die übrigen Europäer: 95-mal gegenüber 47-mal pro 1.000 Einwohner.

Allein mit medizinischer Notwendigkeit lässt sich das nicht erklären. Denn bei der Vielzahl an Therapiemöglichkeiten, die die moderne Medizin bereit hält, brauchen Ärzte und Patienten Orientierung. Wie kommt man weg von Unnötigem – hin zum Sinnvollen? Schweden könnte möglicherweise ein Vorbild für Deutschland sein.

Mehr vom Wichtigen

Medizin in Schweden funktioniert nach der Devise: Mehr vom Wichtigen – weniger vom Unwichtigen. Nationale Priorisierungsleitlinien helfen den Ärzten bei der Orientierung. 15 dieser Regelwerke gibt es bislang, erstellt von der obersten Gesundheitsbehörde im Auftrag der Regierung.

Checklisten für die Einstellung von Ärzten, Informationen über vorzulegende Unterlagen und eine Mustererklärung für berufsrelevante Strafverfahren sollen Kliniken helfen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Jede Maßnahme bekommt einen Rang zwischen eins und zehn, eins bedeutet "sehr wichtig": Das kann jedoch zum Beispiel auch ein schlichtes Gespräch sein. Thinkstock -

Die Priorisierungs-Leitlinien werden von unabhängigen Experten erstellt. Jede Maßnahme bekommt einen Rang zwischen eins und zehn. Eins bedeutet "sehr wichtig". Das kann zum Beispiel auch ein schlichtes Gespräch sein – etwa eine kurze Raucherberatung mit Hinweis auf Nikotinersatz, die Herzerkrankungen vorbeugen soll.

Rang zehn bedeutet "kaum wichtig und weniger gut begründet". Und dann gibt es noch die Kategorie "icke göra": nicht tun. Das sind Maßnahmen, die Ärzte besser unterlassen sollten, weil sie nichts bringen oder sogar schaden.

Nur nach Wirkung

Das schwedische Ranking unterscheidet sich klar von den klinischen Leitlinien, die es in Deutschland gibt. Diese bewerten, ob Therapien nachweislich wirken und medizinisch begründet sind. Diese Kriterien zählen zwar auch in Schweden, doch ebenso wichtig sind Bedarf und Solidarität.

Hand zeigt auf eine Stelle in einem Röntgenbild (Foto: picture-alliance / ZB -)
In Schweden entscheidet die Schwere der Erkrankung und die Dringlichkeit der Behandlung - die Ökonomie spielt dabei eine untergeordnete Rolle picture-alliance / ZB -

Wie schwer ist eine Erkrankung und wie dringlich die Behandlung? Erst dann wird berücksichtigt, ob eine Maßnahme sich rechnet. Die Ökonomie ist ein untergeordnetes Prinzip, denn die schwedische Gesellschaft findet durchaus, dass man Schwerstkranken oder Menschen mit einem seltenen Leiden einen Bonus zubilligen sollte, auch wenn deren Behandlung extrem teuer sein sollte.

Mit jährlich 885.000 Linksherzkatheter-Untersuchungen nimmt Deutschland europaweit einen Spitzenplatz ein. Generell liegt in Deutschland die Schwelle für kardiologische Maßnahmen viel niedriger als in Schweden. Ob Ballonerweiterung, Schrittmacher- oder Defibrillator-Einbau – nahezu jede Diagnostik oder Therapie wird hierzulande doppelt so oft praktiziert.

Schweden gehen seltener zum Arzt

Dennoch oder gerade deshalb sind die Ergebnisse in Deutschland nicht besser. Schwedische Patienten über 45, die einen Herzinfarkt erleiden, haben größere Überlebenschancen als deutsche. Und generell leben die Schweden im Schnitt etwas länger, obwohl sie viel seltener zum Arzt gehen.

Krankenhaus-Personal in einer Klinik (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
In Schweden gehören die meisten Kliniken dem Staat und müssen keinen Gewinn abwerfen Thinkstock -

Dabei lassen die schwedischen Leitlinien den Ärzten durchaus Spielraum. Nicht immer halten sich die Ärzte bei der stabilen Angina pectoris streng an das empfohlene Ranking.

Auch Choosing wisely, eine Kampagne aus den USA, will keine dogmatischen Regeln. Welche Behandlung letztlich durchgeführt wird, muss sich aus dem Gespräch zwischen Arzt und Patient ergeben. Der deutsche Ableger von Choosing wisely hält diesen Aspekt für so wichtig, dass er ihn in seiner Übersetzung betont: Gemeinsam klug entscheiden. Von überragender Bedeutung ist die Kommunikation zwischen Arzt und Patient.

Kliniken ohne Gewinnerwartung

In Deutschland bestimmt mitunter die Ökonomie, wie in Kliniken behandelt wird. Gerade technische Leistungen werden oft gut honoriert. Eine Herzkatheter-Untersuchung beispielsweise ist planbar, und das Verfahren ist standardisiert; mit unliebsamen Überraschungen ist kaum zu rechnen. Mit solchen Maßnahmen lässt sich kalkulieren und Geld verdienen. In Schweden gehören die meisten Kliniken dem Staat und müssen keinen Gewinn abwerfen.

Notaufnahmeschild im Rems-Murr-Klinikum in Winnenden (Foto: SWR, SWR - Knut Bauer)
Wer in Schweden nicht lebensbedrohlich erkrankt ist, wartet lange auf einen Arzttermin, Patienten in Deutschland bekommen rascher einen Termin, wenn ein verdächtiger Befund abgeklärt werden muss SWR - Knut Bauer

In einem Punkt brächte das schwedische Modell für deutsche Patienten Einschränkungen mit sich. Angeblich vielversprechende Innovationen würden ihnen zunächst vorenthalten. Beispiel renale Denervation, ein Verfahren gegen schwer behandelbaren Bluthochdruck, bei dem Nervenfasern in den Nierenarterien verödet werden.

Zeitweise boten in Deutschland 160 Zentren die Behandlung an. Die Krankenkassen zahlten ein Sonderentgelt von bis zu 5.000 Euro pro Patient. Dabei war noch nicht erwiesen, ob die Methode tatsächlich hilft. Eine große, mit Spannung erwartete Studie sollte 2014 Gewissheit bringen. Ergebnis: Die renale Denervation schnitt nicht besser ab als eine Scheinbehandlung. Seither praktizieren in Deutschland nur noch ausgewählte Zentren das Verfahren.

Lange Wartezeiten

Doch eines nervt: Wer in Schweden nicht lebensbedrohlich erkrankt ist, wartet lange auf einen Arzttermin. Patienten in Deutschland bekommen rascher einen Termin, wenn ein verdächtiger Befund abgeklärt werden muss. Doch werden sie deswegen generell besser versorgt? Eine Studie der Bertelsmann Stiftung stimmt skeptisch.

Zwei Männer und ein CT-Gerät (Foto: SWR, SWR -)
Statt einen Patienten bei akutem Kreuzschmerz gleich in den Magnetresonanztomografen zu stecken, könnte man ihm raten, maßvoll in Bewegung zu bleiben und bei Bedarf kurzfristig ein Schmerzmittel zu nehmen SWR -

Die Forscher untersuchten in sämtlichen Kreisen und kreisfreien Städten, wie häufig bestimmte Operationen vorgenommen werden. Ergebnis: Viele deutsche Patienten landen offenbar auch dann auf dem OP-Tisch, wenn es nicht nötig ist.

So wird in manchen Kreisen achtmal so vielen Patienten der Blinddarm entfernt wie in anderen. Ähnlich groß sind die Unterschiede bei Prostata- oder Mandeloperationen. Vielleicht wären die lokalen Unterschiede weniger groß, wenn Deutschland sich dazu entschlösse, aus den Erfahrungen der Schweden zu lernen.

Über- und Unterversorgung

Die AWMF, das Netzwerk von 173 Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland, hat die Führung bei Gemeinsam klug entscheiden übernommen. Die Kampagne emanzipiert sich noch in einem anderen Punkt von ihrem amerikanischen Vorbild. Sie will nicht nur medizinische Maßnahmen benennen, die weniger oft eingesetzt werden sollten, sondern auch solche, die viel öfter angezeigt wären.

Auf einer Zunge liegt ein Pille (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Welche Bereiche betrifft Unter- und Überversorgung genau? Thinkstock -

Statt einen Patienten bei akutem Kreuzschmerz gleich in den Magnetresonanztomografen zu stecken, könnte man ihm raten, maßvoll in Bewegung zu bleiben und bei Bedarf kurzfristig ein Schmerzmittel zu nehmen. Bleibt die Frage, wie man die Empfehlungen von Gemeinsam klug entscheiden in der Praxis verankern kann.

Hilft vielleicht mehr Öffentlichkeit und Transparenz? In Schweden erfahren die Bürger einmal im Jahr beim großen Vergleich, wie gut ihre Kliniken Medizin betreiben. Daten aus amtlichen Registern werden dann in einem voluminösen Bericht über die Gesundheitsversorgung in den 21 Provinzen veröffentlicht. Für die betroffenen Ärzte ist das nicht immer nur angenehm.

STAND
AUTOR/IN