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SWR2 Wissen. Von Thomas Kruchem

Verschimmelnde Ernten und Vorräte sind eines der größten Gesundheitsprobleme in Entwicklungsländern – Kenia bekämpft die Schimmelgifte jetzt mit kreativen Ideen.

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Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Aflatoxine, extrem krebserregende Gifte eines Schimmelpilzes, entstehen vor allem in feuchtwarmen Regionen armer Länder, wenn Feldfrüchte wie Mais und Erdnüsse falsch geerntet und gelagert werden. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO ist ein Viertel der Nahrungspflanzen weltweit mit Aflatoxinen belastet. Die Pilzgifte befallen bevorzugt Mais und Erdnüsse; aber auch Getreide wie Hirse und Sorghum sind betroffen – und dazu Milch, Eier und Fleisch von Tieren, die belastete Pflanzen fressen. Immer wieder kommt es zu akuten Massenvergiftungen mit bisweilen Hunderten von Toten.

In Kenia sind 40 Prozent der Maisernte kontaminiert, in Guatemala wohl noch mehr. Aflatoxine verursachen ein Drittel aller Leberkrebsfälle weltweit. Nach neuesten Forschungen schädigen sie Föten im Mutterleib, schwächen den Darm von Kleinkindern und führen so zu chronischer Mangelernährung.

Aflatoxine schädlich für Immunsystem

Weit häufiger jedoch ist die stille, chronische Aflatoxin-Vergiftung, die sich addiert. Die Gifte schwächen das Immunsystem und begünstigen so Infektionen mit HIV, Malaria und Durchfallerregern; sie verändern Körperzellen und das Erbgut; schädigen Nieren, Darm und vor allem die Leber. Für ein Drittel aller Leberkrebsfälle weltweit machen Experten Aflatoxine verantwortlich, in Afrika sogar für 40 Prozent.

Kampf gegen Schimmelpilzgifte (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Die Maya Westguatemalas bauen ihren Mais höchst mühsam an Steilhängen an SWR - Thomas Kruchem

In feucht-heißen Regionen der Industrieländer, zum Beispiel im Südosten der USA, hat man die Gifte einigermaßen unter Kontrolle; in Afrika, Asien und Teilen Mittelamerikas jedoch sind fast fünf Milliarden Menschen unkontrollierten Mengen von Aflatoxinen ausgesetzt. Bedroht von den Giften sind besonders auch Kinder – noch vor ihrer Geburt.

Ursache für chronische Mangelernährung

Um diese Hypothese wissenschaftlich sauber zu prüfen, führt das International Food Policy Research Institute seit 2012 eine aufwendige medizinische Studie in der Region um Meru, Kenia, durch: In Dörfern wie Mchaiga haben die Forscher alle Familien mit Kleinkindern sorgsam über Aflatoxine aufgeklärt und ihnen Mittel an die Hand gegeben, die Belastung zu reduzieren: Dreschmaschinen für den Mais; schwarze Planen, auf denen die Körner relativ schnell trocknen; luftdichte Säcke zum Aufbewahren des Getreides.

In Familien, denen die Wissenschaftler beim Umgang mit ihren Maisernten geholfen hatten, stellten sie deutlich verringerte Mangelernährung fest: Dort, wo man Familien besonders intensiv unterstützt hatte, ging das stunting sogar um über ein Drittel zurück. 2017 soll das Ergebnis des IFPRI-Forschungsprojekts veröffentlicht werden.

Kampf gegen Schimmelpilzgifte (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
In Kenia trocknen die Bauern Mais oft, indem sie die Kolben mit den Blättern aufhängen SWR - Thomas Kruchem

Zum ersten Mal weltweit wurde wissenschaftlich bewiesen, dass Aflatoxine tatsächlich eine Ursache für chronische Mangelernährung bei Kindern sind. Offen bleibt, wie genau Aflatoxine chronische Mangelernährung verursachen. Wahrscheinlich seien Schäden im Darm die Hauptursache, sagt die kenianische Agrar- und Ernährungsexpertin Sophie Walker in Nairobi. Denn die Oberfläche zum Absorbieren von Nährstoffen wird dort durch die Schädigung verkleinert.

Vergiftet zur Welt kommen

Ein Mechanismus, dem Kinder in aflatoxinbelasteten Regionen weltweit ausgeliefert sind. Sie kommen bereits vergiftet zur Welt und werden gestillt mit Muttermilch, die belastet ist mit M1-Aflatoxin, einer noch kaum erforschten Form der Gifte; später bekommen die Kinder belasteten Maisbrei und Milch von Kühen, die mit belastetem Maisstroh gefüttert werden.

Sophie Walker leitet das Projekt Aflastop der amerikanischen Hilfsorganisation ACDI-VOCA. Das Projekt will dem Schimmelpilz Aspergillus flavus, soweit möglich, die Lebensgrundlage entziehen – durch sachgerechtes Trocknen und Lagern von Mais. Traditionelle Maistrocknung sei eine Katastrophe im wechselhaften Klima Ostkenias, sagt Sophie Walker; auch Solartrockner funktionierten dort nicht.

Kampf gegen Schimmelpilzgifte (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Auch wenn im Nebelwald des westguatemaltekischen Hochlands der Mais, wie hier, auf Planen zum Trocknen ausgelegt wird, bleibt er recht feucht SWR - Thomas Kruchem

Als Lösung präsentiert ACDI-VOCA in Dörfern wie Mchaiga einen mobilen Flachbetttrockner. Der 120 Kilogramm schwere Trockner lässt sich auf zwei Boda-Bodas, Motorrädern, transportieren; er ist binnen 15 Minuten betriebsbereit. 700 Euro koste das Gerät, das eine halbe Tonne Mais in drei Stunden trockne, erklärt Walker; ideal für Kleinunternehmer, die zur Erntezeit über die Dörfer ziehen. – Um den Mais nach dem Trocknen zu lagern, empfiehlt ACDI-VOCA den Bauern mehrlagige, wasser- und luftdichte Säcke.

Teure Biotechnologie

Schließlich spricht Sophie Walker über eine Waffe gegen Aflatoxine, die bis heute vor allem in den USA eingesetzt wird: Biotechnologie. Aflasafe heißt das Granulat in Kenia. Es wurde zugeschnitten auf hier vorkommende Linien des Pilzes Aspergillus flavus. Das Biotech-Produkt reduziere die Belastung von Mais mit Aflatoxinen um über 90 Prozent, sagt Walker.

Und nach einer Pilotphase hat Kenias Regierung jetzt eine Aflasafe-Fabrik im Osten des Landes eröffnet. – Aflasafe könne, in der Tat, zu einer Schlüsseltechnologie gegen Aflatoxine avancieren, sagt Vivian Hoffmann in einem Skype-Interview. Die Aflatoxin-Expertin des International Food Policy Research Institute, in Washington D. C. ist oft in Afrika unterwegs.

Kampf gegen Schimmelpilzgifte (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Von jedem Lastwagen, der die Kabansora-Mühle erreicht, wird eine Probe entnommen, die im Labor auf Aflatoxine getestet wird SWR - Thomas Kruchem

Jede Technologie jedoch müsse man erst einmal unter die Leute bringen, sagt Hoffmann. Und die müssten bereit sein, dafür zu bezahlen. Kenias Bauern jedenfalls bekommen die Mittel gegen Aflatoxine nicht geschenkt. Die schnelle und komfortable Maistrocknung mit dem mobilen Trockner kostet acht Prozent des Verkaufserlöses, luftdichte Säcke kosten doppelt so viel wie einfache Nylonsäcke; und auch das Biotech-Granulat Aflasafe ist nicht billig.

Weitere akute Massenvergiftungen

Darum verbreitet sich die Anti-Aflatoxin-Technologie in Afrika nur sehr langsam: Gerade vier Prozent der kenianischen Maisbauern nutzen luftdichte Maissäcke, obwohl es die seit vielen Jahren gibt. Bisher zahlen nur wenige Mühlen und Händler in Kenia bessere Preise für aflatoxinfreien Mais. Die Nachfrage der Verbraucher wächst nur langsam.

Man könne die Technologie zur Eindämmung der Aflatoxine nicht nur verkaufen, meint Sophie Walker von der Hilfsorganisation ACDI-VOCA. Man müsse alternative Wege beschreiten, um sie unter die Bauern zu bringen. 2011 überhob sich Kenias Regierung ein weiteres Mal am Problem der Pilzgifte: Nach erneuten Fällen akuter Massenvergiftung ließ sie die Bevölkerung über Rundfunk und Presse warnen und kaufte belasteten Mais in großem Stil auf – zehntausende Tonnen zu hundert US-Dollar die Tonne.

Kampf gegen Schimmelpilzgifte (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Jede Lieferung wird vor der Weiterverarbeitung in der Mühle auf Schimmelpilze geprüft und gegebenenfalls abgewiesen SWR - Thomas Kruchem

Zwei Jahre brauchten die Behörden dann, um Sack für Sack zu verbrennen – als Sondermüll in Zementfabriken, was noch einmal 200 Dollar pro Tonne kostete. Immerhin gibt es seit 2011 die so genannte Partnerschaft für Aflatoxinkontrolle in Afrika, kurz PACA. Das von der Afrikanischen Union gegründete Netzwerk soll politische Entscheidungsträger beim Umgang mit Aflatoxinen unterstützen.

Agrarexporte Afrikas

Ein Ziel ist es, die dramatisch zurückgegangenen Agrarexporte Afrikas in die Europäische Union wiederzubeleben. Bis 1998 hatten die afrikanischen Staaten große Mengen Getreide, Erdnüsse und Trockenfrüchte in die EU exportiert. Dann verschärfte Brüssel die Grenzwerte für Aflatoxine drastisch. Nur noch vier Teile pro Milliarde erlaubt die EU für Getreide, Nüsse und Trockenobst – während die Weltgesundheitsorganisation WHO einen Grenzwert von 20 Teilen pro Milliarde empfiehlt.

Ein gewaltiger Unterschied, der auch die Unsicherheit in der Aflatoxin-Forschung spiegelt. Man wolle Europas Bürger vor möglichen Gefahren schützen, sagt die EU; Brüssel terrorisiere Afrika mit so genannten nichttarifären Handelshemmnissen, hält die Afrikanische Union dagegen. Tatsächlich, so hat die Weltbank berechnet, kostet das Aflatoxin-Problem Afrika bis zu 750 Millionen US-Dollar jährlich.

Kampf gegen Schimmelpilzgifte (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Alter Mann mit Maiskolben in Antigua/Guatemala: Die Ärmsten hier leben fast nur von Mais SWR - Thomas Kruchem

Die Kabansora-Mühle im Osten der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Hoch oben im achtstöckigen Mühlenturm verarbeitet ein weißmehlverstaubtes Gewirr aus Förderbändern, Rohren, Elektromotoren, Mahl- und Sortierwerken Milliarden Maiskörner. Unten im Turm füllen weiß verstaubte Frauen Zwei-Kilo-Beutel mit Mehl und stapeln verschweißte Pakete auf Paletten. Hundert Tonnen Maismehl verarbeitet die Mühle pro Tag.

Afrikanische Maismühlen als Prüfstellen

Sie gehört zur Cereal Millers Association, in der die 30 größten Mühlen Kenias organisiert sind. Sie mahlen etwa ein Drittel der 1,6 Millionen Tonnen Maismehl, die Kenia jährlich produziert; und sie alle haben sich verpflichtet, angelieferten Mais vor dem Entladen auf Aflatoxine zu prüfen. Immer mehr Supermärkte in Nairobi verlangten auf Aflatoxine geprüftes Mehl, sagt Anne Muiruri, Sprecherin von APTECA.

Das ist die Initiative einer texanischen Universität, die afrikanischen Maismühlen hilft, ihr Aflatoxin-Risiko zu reduzieren. Am Tor der Kabansora-Mühle nehmen Laboranten eine Probe aus jedem ankommenden Lastwagen, mahlen das Getreide und testen es im Labor. Etwa die Hälfte der Lastwagen wird zurückgewiesen – wegen zu hoher Aflatoxin-Belastung.

Expertin Sophie Walker begrüßt, dass die großen Mühlen Kenias ihren Mais neuerdings testen. Zugleich warnt sie vor Illusionen: Auch zurückgewiesener Mais lande letztlich im Magen von Menschen – im Magen von armen Menschen allerdings, die ihr Maismehl nicht im Supermarkt kauften.

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