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Menzius lebte von 372 bis 290 vor Chr. in China in Zeiten großer politischer Unruhen. Die Sprache des Herzens stand für ihn dennoch über allen Regeln. Damit war er für Albert Schweitzer "unter allen Denkern des Altertums der neuzeitlichste".

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Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
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SWR2

Menzius wird um das Jahr 370 vor Chr. in Zoucheng geboren, nahe dem Geburtsort des 100 Jahre zuvor gestorbenen Konfuzius in der Provinz Shandong. Sein chinesischer Name ist MongDse, den lateinischen Namen "Menzius" verdankt er Jesuiten, die 2000 Jahre später versuchen, in China zu missionieren: Sie waren von Menzius‘ Philosophie sehr beeindruckt und haben als erste seine Schriften übersetzt.

Menzius studiert Konfuzius

Über Menzius Kinder- und Jugendjahre ist wenig bekannt. Den Vater verliert er früh, die einst wohlhabende Familie verarmt. Menzius studiert die Lehren des Konfuzius, der sehr viel Wert auf die Einhaltung der Tradition legt. Im Gefolge der konfuzianischen Schule blühten Besserwisserei und eine ziemliche Pedanterie, was die Einhaltung von Regeln betraf. Menzius sieht diese engstirnigen Aspekte mit kritischen Augen.

Doch Regeln einzuhalten ist für Menzius nicht so wichtig wie die Herzensbildung – ähnliches ist von Jesus und den Pharisäern überliefert. Ein Beispiel: im damaligen China durften sich ein Mann und eine Frau nicht mit den Händen berühren. Menzius fordert Ausnahmen der Regel.

"Wer seine Schwägerin, die am Ertrinken ist, nicht rettet, der ist ein Wolf. Dass ein Mann und eine Frau sich nicht berühren, ist die Regel; dass einer seine Schwägerin, die am Ertrinken ist, an der Hand herauszieht, das ist die Ausnahme."

Eine Konfuzius-Statue in Shanghai (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Menzius studierte die Lehren des Konfuzius, der sehr viel Wert auf die Einhaltung der Tradition legte picture-alliance / dpa -

Gebot der Menschlichkeit

In diesem Fall ist es klar, dass für Menzius das Gebot der Menschlichkeit, der Mitleidsimpuls, also der Rettungsimpuls, das Gebot der Sitte aushebelt. Das Gute im Menschen, so glaubt er, sei wie eine Quelle, die sprudeln will, wenn nur die äußeren Bedingungen stimmen. Vier Tugenden seien jedem angeboren: die Menschlichkeit, die Gerechtigkeit, die Sittlichkeit und das moralische Wissen.

Die Gesellschaft, die Menzius prägte, war eine feudale Gesellschaft, mit Feudalherren, Fürsten, die relativ kleine Fürstentümer oder Ländereien beherrscht haben. In der Zeit der streitenden Reiche herrschte über 200 Jahre lang Krieg verschiedener Länder gegeneinander um die Vorherrschaft.

Krieg war für Menzius an der Tagesordnung, und zudem ein großer Werteverfall von gesellschaftlichen Ordnungen.

Der chinesische Philosoph Menzius (Foto: SWR, SWR - Quelle: Wikimedia Commons, Bearbeitung. SWR)
Menzius stellte sich die Frage: Was braucht es, damit ein Staat oder auch die ganze Welt in Frieden leben kann? SWR - Quelle: Wikimedia Commons, Bearbeitung. SWR

Der König mit den falschen Fragen

König Hue von Liang bat im Jahr 322 vor Chr. Weise aus allen Ländern, an seinen Hof zu kommen. Menzius folgte dem Aufruf als knapp 50Jähriger. Als der König ihn um einen Rat bat, der seinem Königreich nützen würde, wehrte er allerdings ab.

"Warum wollt Ihr vom Nutzen reden, oh König? … Wenn der König spricht: Was dient meinem Reiche zum Nutzen? So sprechen die Adelsgeschlechter: Was dient unserem Haus zum Nutzen? Und Ritter und Leute des Volkes sprechen: Was dient unserer Person zum Nutzen? Hoch und Niedrig sucht sich gegenseitig den Nutzen zu entwinden und das Ergebnis ist, dass das Reich in Gefahr kommt."

Menzius sieht das Reich gefährdet, in dem Nützlichkeitsdenken im Vordergrund steht. Denn ein König, der sein Denken an seinem eigenen Nutzen ausrichtet, hat sein Herz verloren. Er schaut nicht auf das Wohl seines Volkes, auf das Wohl der Allgemeinheit.

Wiege der chinesischen Zivilisation

Und er ist nicht besonders daran interessiert, sein Mitgefühl weiter zu entwickeln. Das aber ist Menzius Anliegen. Die Fürsten sollen erkennen, wie sehr ihr Volk unter den ständigen Fehden leidet.

Ein Offizier vor einem Portrait von Mao Tse-tung, dem führenden Politiker Chinas im 20. Jahrhundert (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Konfuzius und Menzius werden bis heute verehrt, daran konnte auch das diktatorische Regime Mao Tse Tungs nichts ändern, obwohl Mao die Verehrung verboten hatte picture-alliance / dpa -

Die Wirklichkeit in China war damals weit von Menzius‘ Vorstellungen entfernt. Keiner der damaligen Fürsten hat sich Menzius‘ Ethik zu eigen gemacht. Eine neue Ordnung sollte noch lange auf sich warten lassen.

Konfuzius und Menzius, die beiden Moralphilosophen, aber werden bis heute verehrt, ihre Werke sind Klassiker des chinesischen Bildungskanons. Die Provinz Shandong, in der beide zur Welt kamen, gilt als Wiege der chinesischen Zivilisation. Daran konnte auch das diktatorische Regime Mao Tse Tungs nichts ändern, obwohl Mao die Verehrung verboten hatte.

Suche nach Antworten

Von Menzius sind sieben Bücher erhalten. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm übersetzte sie aus dem Chinesischen und veröffentlichte das Werk im Jahr 1916, während des Ersten Weltkriegs, auf 184 Seiten mit zahlreichen Fußnoten im Eugen Diederichs Verlag in Jena.

Jiading, der Konfuzius Tempel mit Museum (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Nach dem ersten Weltkrieg blickten viele westliche Vordenker Richtung Osten und suchten in östlichen Philosophien nach Antworten picture-alliance / dpa -

Die ersten drei Bücher umfassen die Reden und Gespräche, die Menzius mit verschiedenen Herrschern geführt hat, die restlichen vier Bücher enthalten Aphorismen über verschiedene Bereiche des Lebens.

Nach dem Desaster des ersten Weltkriegs blickten viele westliche Vordenker Richtung Osten und suchten in östlichen Philosophien nach Antworten. Auch der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer schrieb zwischen 1937 und 1940 eine "Geschichte des chinesischen Denkens".

Portrait  Albert Schweitzer (Foto: SWR, SWR -)
Für Schweitzer war Menzius einer der größten Entdecker auf dem Gebiet der Ethik und "unter allen Denkern des Altertums der neuzeitlichste" SWR -

Erst 2002 wurde sie posthum veröffentlicht. Schweitzer dachte an eine Gesellschaft, in der nicht jeder darum kreist, was ihm selbst von Nutzen ist, an eine Gesellschaft, die in alltäglichen und ökonomischen Belangen ein Umweltbewusstsein entwickelt, und an eine Gesellschaft, deren Mitglieder ihr Herz nicht verloren haben, sondern danach trachten, ihr Mitgefühl weiter zu entwickeln.

Diese Art von Gesellschaft ist in den östlichen und den westlichen Zivilisationen weiterhin eine Utopie. Aber Menzius lehrt, dass man die Hoffnung nie aufgeben soll.

"Der Fehler der Menschen ist, dass sie ihre eigenen Felder liegen lassen und auf anderer Leute Felder Unkraut jäten, dass sie Schweres von anderen verlangen und sich selbst nur Geringes zumuten. Woran der Edle sich hält, das ist die Veredelung seines eigenen Lebens; dadurch kommt die ganze Welt zum Frieden."

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