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Von Martin Hubert

Was treibt Wähler dazu, an die Urnen zu gehen und eine bestimmte Partei zu wählen? Fällt die Entscheidung lange vorher, weil man einfach seiner alten Partei treu bleibt? Ist sie das Resultat rationaler Abwägungen und sachkundiger Information? Bestimmen Persönlichkeitseigenschaften darüber, ob man eher rechts oder links wählt? Oder sorgen Wahlspots und attraktive Kandidaten dafür, dass Gefühle und unbewusste Faktoren die entscheidende Rolle spielen?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Wenn Wahltermine näher rücken, bekommen wir es nicht nur mit Wahlwerbung und einer verschärften Tonlage zwischen den Parteien zu tun. Dann nimmt auch das Interesse an Wahlprognosen zu. Die Medien registrieren genau, welche Partei in den aktuellen Umfragen gerade vorn liegt oder zurückfällt.

Offenbar denken die Parteien nur daran, wie sie Wähler kurzfristig mobilisieren können und sind nicht weiter daran interessiert, was dabei prinzipiell im Kopf eines Wählers vor sich geht. Forscher wie Rüdiger Schmitt-Beck von der Uni Mannheim dagegen möchten die Wählerpsyche genauer verstehen und mit Hilfe ihrer Ergebnisse dem Bürger ein Bewusstsein darüber ermöglichen, wie die eigene Entscheidung eigentlich zustande kommt.

Freunde, Kollegen oder die Eltern

Schmitt-Beck ist einer der beiden Projektleiter der deutschen nationalen Wahlstudie. In solchen Studien, die in verschiedenen Ländern existieren, werden repräsentativ ausgewählte Bürger über mehrere Jahre hinweg ausgiebig über ihre Wahlentscheidungen und Motive befragt. Parallel dazu setzen die Forscher den Wandel ihrer Wahlentscheidungen mit Veränderungen in Politik und Gesellschaft in Beziehung.

Wahllokal (Foto: U18-Netzwerk / www.u18.org -)
Meist ist die Parteienbindung ziemlich früh im Leben entstanden U18-Netzwerk / www.u18.org -

Das Gehirn von Gerhard M. läuft weiter auf Hochtouren. Sein episodisches Gedächtnis spult jetzt Szenen aus früheren Jahren ab. Meist, erinnert er sich, hat er sich da ja doch immer für dieselbe Partei entschieden. Und diese Entscheidung wurde von Menschen in seinem Umfeld beeinflusst.

Es waren vor allem Freunde und Kollegen, die ihn beeinflusst haben. Die Wahlentscheidung seiner Eltern spielte für Gerhard M. keine große Rolle. Seine Partnerin, Christl K., findet das merkwürdig. Auch sie erinnert sich, dass sie oft dieselbe Partei gewählt hat. Aber bei ihr ging es da ganz klar um Abgrenzung gegen die Eltern und gegen das, was die gewählt haben.

In Stein gemeißelt

Könnte es sein, dass die meisten Wahlentscheidungen schon feststehen, bevor man eigentlich über sie nachdenkt? Weil man sich ein Leben lang aus irgendwelchen nicht bewussten Gründen mit einer Partei identifiziert?

Menschenmenge (Foto: picture alliance / dpa - Federico Gambarini)
Die emotionalen Areale des Gehirns beeinflussen maßgeblich, was man wie wahrnimmt und beurteilt picture alliance / dpa - Federico Gambarini

Es ist fast so wie bei der Liebe zu einer Fußballmannschaft. Die emotionalen Areale des Gehirns, die im limbischen System verortet werden können, beeinflussen maßgeblich, was man wie wahrnimmt und beurteilt. Meist ist die Parteienbindung ziemlich früh im Leben entstanden und zwar über den Einfluss durch die Eltern.

Papa und Mama sprachen positiv über eine Partei, gingen mit ihren Kindern womöglich auf Parteiveranstaltungen und gewöhnten die Kinder so daran, positive Dinge mit dieser zu verbinden: "Das ist unsere Partei, die ist gut für unsere soziale Gruppe oder unser Milieu, sei es das der Arbeiterschaft, der Mittelschicht, der Protestanten oder Katholiken."

Meine Partei

Nur eine Minderheit der parteigebundenen Wähler hat ihre Partei gefunden indem sie sich emotional von ihren Eltern abgrenzte oder weil sie später im Leben von Freunden oder Partnern beeinflusst wurde. Beide Gruppen eint, dass sie "ihre" Partei regelrecht in das eigene Selbstbild integriert haben, erklärt Harald Schön. Die Partei gehört also zur eigenen Identität.

Wahlzettel wird in eine Wahlurne gesteckt (Foto: SWR, SWR -)
Uns bleibt psychologisch betrachtet gar nichts anderes übrig, als unsere Partei positiv zu sehen SWR -

Schön ist Professor für Politische Psychologie an der Universität Mannheim und ebenfalls an der deutschen nationalen Wahlstudie beteiligt. Und erklärt: Uns bleibt psychologisch betrachtet gar nichts anderes übrig, als unsere Partei positiv zu sehen, weil man von sich selbst ein positives Selbstbild haben möchte.

Gesellschaft und Politik sind komplex und die Informationsverarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns ist begrenzt. Also verwenden Wähler so genannte Heuristiken. Das sind Muster oder gedankliche Kniffe, die einem helfen, die unübersichtliche Welt zu ordnen und zu Entscheidungen zu kommen. Die wichtigste Heuristik im Bezug auf die Politik ist - die Partei-Identifikation.

So wie ich

Es ist das Prinzip von Nähe und Vertrauen. Jemand hat mein Geschlecht, teilt meine Lebenswelt, meinen Status - also steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn wähle. Allerdings lässt sich nur schlecht prognostizieren, wer letztlich welche Heuristik benutzt. Die Hauptaussage zum nicht parteigebunden Wähler lautet: Er wählt aus sehr individuellen Motiven.

Im Hintergrund sieht man mehrere Wahlplakate für die Kommunalwahl verschiedener Parteien. Im Vordergrund ist ein Tortendiagramm, welches denn Anteil an männlichen und weiblichen Kandidaten aufzeigt. (Foto: picture-alliance / dpa / Colourbox.de - Montage: SWR)
Jemand teilt meine Lebenswelt - also steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn wähle picture-alliance / dpa / Colourbox.de - Montage: SWR

Wobei auch ganz pragmatische Überlegungen ein Rolle spielen können. Jemand der sich zum Beispiel aus ideologischen Gründen eher dem linken oder dem konservativen Lager zurechnet, wählt mal die eine oder die andere Partei aus diesem Lager, um diesem insgesamt die Macht zu sichern. Dahinter verbirgt sich oft der viel beschworene "Wechselwähler", der meist nicht völlig frei, sondern nach bestimmten Prinzipien wechselt.

Manche Menschen wählen aus Protest gegen das, was gerade politisch geschieht oder gehen gar nicht zur Wahl, um "denen da oben" einen Denkzettel zu verpassen. Hat das vor allem mit dem sozialen Status oder der sozialen Situation dieser Wähler zu tun?

Protestwahl aus Not?

Einzelne Befragungen stellen tatsächlich immer wieder mal fest, dass Wähler extremer Parteien oft arbeitslos sind oder sich um ihren Arbeitsplatz sorgen.
Rüdiger Schmitt-Becks Fazit lauter hierzu auch: Egal ob Nichtwahl, Protestwahl, parteigebundene oder individuelle Wahl - der Einfluss der sozialen Umwelt ist generell nicht zu unterschätzen.

Wahlplakate in Berlin (Foto: dpa / picture alliance - dpa / picture alliance)
Einige Studien belegen tatsächlich, dass Persönlichkeitseigenschaften mit beeinflussen, zu welcher Partei man tendiert dpa / picture alliance - dpa / picture alliance

Der eine Mensch ist eher offen für Neues, der andere hält eher an Bewährtem fest. Der eine möchte alles bewusst kontrollieren, der andere ist empfänglich für unbewusste Antriebe. Spielen solche Persönlichkeitseigenschaften oder unbewusstem Impulse auch eine Rolle, wenn man an die Wahlurne tritt? Einige Studien belegen tatsächlich, dass Persönlichkeitseigenschaften mit beeinflussen, zu welcher Partei man tendiert.

Energischer Blick, reifer Gesichtsausdruck, selbstbewusstes Lächeln. Ein Kandidat, der es auf diese Weise schafft, Kompetenz auszustrahlen, scheint damit punkten zu können. Allerdings kommen andere Studien zum Ergebnis, dass bei schnellen und halbbewussten Wahlentscheidungen die Attraktivität und nicht so sehr die Kompetenz eine Rolle spielt.

Eigene Kriterien

Das unbewusste Bauchgefühl kann also eine Rolle spielen, ist aber nach bisherigem Forschungsstand generell nicht dominant. Das stimmt mit Erkenntnissen zur Wahlwerbung überein, bei der man ja unterstellt, dass sie vor allem die unbewussten Gefühle der Wähler beeinflusst. Das funktioniert aber nur sehr bedingt. Nach Rüdiger Schmitt-Beck besteht der Haupteffekt des Wahlkampfs vor allem darin, das Bewusstsein der Wähler zu stimulieren.

Wer wählen geht, sollte also durchaus eine bewusste Entscheidung anstreben und sich fragen: Warum muss es eigentlich immer die gleiche Partei sein? Orientiere ich mich zu stark an meinem Umfeld? Welche Emotionen leiten mich? Sind meine Entscheidungskriterien wirklich gut? Und was will ich wirklich - ich selbst?

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