STAND
AUTOR/IN

Abschied von Klischees über Burgen

Die Zinnen auf den Burgmauern dienten zum Schutz der Verteidiger, der Bergfried als ihre letzte Zuflucht? Die neue Burgenforschung sieht Burgen als multifunktionale Bauten, die nicht allein der Verteidigung dienten, sondern auch zur Administration von Herrschaftsgebieten und besonders zur Repräsentation des Adels.

Audio herunterladen (25,6 MB | MP3)

Trotz langjähriger Burgenforschung ist die romantisierende Sicht des 19. Jahrhunderts, dass Burgen trutzige Wehrbauten seien, in denen stolze Ritter in schimmernder Rüstung zuhause waren, noch weit verbreitet. Heute halten Forscher die symbolische Funktion von Burgen für ebenso wichtig. So wurden sie seit dem 11. Jahrhundert oft auf Bergkuppen errichtet – dort waren sie besser zu verteidigen, aber zugleich auch weithin sichtbar. Sie bildeten ein eindeutiges Zeichen, wer die Region beherrschte.

Viele architektonische Details von Burgen demonstrierten neben ihrer Wehrhaftigkeit vor allem den Wohlstand und den sozialen Stand der Bewohner. Ein prominentes Beispiel bilden die Zinnen auf Burgmauern: als Bauelement waren sie dem Adel vorbehalten und dienten repräsentativen Zwecken. Aus diesem Grund finden sich Zinnen auch auf mittelalterlichen Wohnbauten adliger Familien.

Vier verwirtterte Burgzinnen vor blauem Himmel. (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Burgzinnen - ein Verweis auf den Adelsstand der Burgbewohner. Foto: Colourbox.de -

Aktuelle Burgenforschung in Deutschland

Burgen werden in Deutschland vor allem von freiberuflichen Bauforschern und Hobby-Historikern untersucht, an Universitäten wird Burgenforschung selten betrieben. Eine Ausnahme bildet der Lehrstuhl von Professor Peter Ettel in Jena. Der Archäologe, der in der Nähe von Querfurt eine untergegangene Burg ausgräbt, geht das Thema aus einem neuen Blickwinkel an:

Wie steht die Burg im Kontext? Das ist jetzt die Frage […]. Manche interessiert tatsächlich nur die Burg, kunstgeschichtlich und dergleichen, während wir Archäologen eher die Fragestellung im Kopf haben, wie steht eine Burg im Siedlungszusammenhang.

Ettel erforscht ein Netzwerk von 18 Burgen rund um die im 9. Jahrhundert gebaute Kuckenburg im Saalekreis. Das zusammenhängende Netzwerk von Burgen, die dem Kloster Hersfeld in Hessen unterstanden, diente nicht nur militärischen, sondern auch administrativen Zwecken.

Heute wissen die Burgenforscher, dass es in Deutschland viel mehr Burgen gab, als man bisher dachte. Anfangs war dem König das Recht des Burgenbaus vorbehalten, doch im 9. und 10. Jahrhundert begannen Adlige damit, sich selbständig Burgen zu errichten. Sie entwickelten in dieser Zeit ein besonderes Verständnis für den Raum, den sie beherrschten, und begannen, ihre Territorien durch Burgen zu strukturieren.

Die Erforschung von Burgen bringt so auch neue Erkenntnisse über die Entwicklung des mittelalterlichen Adels mit sich. Professorin Sigrid Hirbodian, Historikerin an der Universität Tübingen und Leiterin des Promotionsverbundes „Burg und Adel“, nähert sich den Burgen interdisziplinär:

Was uns wirklich interessiert, ist, so eine „Burgenlandschaft“ zusammenhängend zu verstehen und von allen Disziplinen in den Kontext zu stellen. Dass man am Ende sagen kann: Wie entwickelt sich im Hochmittelalter so eine Landschaft, wie entwickeln sich Herrschaftsstrukturen, wo sind die Zentren, von wo aus wird es beherrscht, in welcher Form wird es beherrscht, gibt es auch wirtschaftliche Strukturen, die man überhaupt erst in dieser Kooperation erkennen kann?

Neben interdisziplinäre Fragestellungen treten neue Forschungsmethoden

Die Burgenforschung an den Universitäten bedient sich zur Forschung auch neuer Methoden, wie der des LIDAR-Scans, der aus der Bauforschung stammt. Unter Leitung von Professor Jörn Staecker arbeiten beispielsweise Forscher an der Universität Tübingen daran, Wirtschafts- und Kommunikationsstrukturen rund um Burgen herauszuarbeiten. Der LIDAR-Scan ermöglicht dabei Einblicke unter die Erdoberfläche, ohne kostspielige Grabungen. 

Flugzeug in der Luft (Foto: SWR, SWR - Jochen Sülberg)
Fliegen statt graben: Die Arbeit des Archäologen verändert sich. SWR - Jochen Sülberg

LIDAR-Scans, Grabungen und Studien schriftlicher Quellen helfen in der Gesamtschau, das Leben rund um Burgen aus verschiedenen Perspektiven in den Blick zu nehmen. Dies bildet die Basis für einen neuen Blick auf Burgen und seine Bewohner. Die Burgenforschung hat damit eine Fülle von neuen Einsichten erlangt, die alte Klischees widerlegen: Burgen waren multifunktionale Einheiten. Sie dienten der Verteidigung von Herrschaft, der Administration von Herrschaftsgebieten und der Selbstdarstellung von Adligen im Mittelalter.

STAND
AUTOR/IN