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SWR2 Wissen. Von Christine Werner

Mit dem Abzug der US-Streitkräfte wurden in Heidelberg riesige Flächen frei. Eine Jahrhundertchance für die Stadt, heißt es. Auf den Arealen soll neben bezahlbarem Wohnraum für Familien auch ein Industriepark entstehen sowie Platz für Kultur und Wissenschaft. Denn Heidelberg will sich fit machen für die Zukunft. Begleitet wird die Stadtentwicklung von einer umfangreichen Bürgerbeteiligung mit Bürgerforen, Entwicklungsbeirat und einer Koordinierungsstelle. Wie kann Stadtentwicklung gelingen? Welche Chancen und Risiken bestehen?

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Jahrzehntelang war das Kasernen-Gelände in der Heidelberger Südstadt durch Mauern und Nato-Draht gesichert. Wer nichts mit dem US-Militär zu tun hatte, durfte es nicht betreten. Beim Bürgerfest stehen nun erstmals einzelne Gebäude offen.

In den Campbell Barracks war das Europa-Hauptquartier der US-Streitkräfte stationiert. Im Büro des Generals marschierten in Planspielen West gegen Ost und im Lagezentrum wurden Kriegsstrategien besprochen.

Hier sollen Wohnungen für Heidelbergerinnen und Heidelberger entstehen, vor allem in einem bezahlbaren Segment, die dann zu über 70 Prozent zu einem Preissegment von 5,50 Euro und acht Euro vermietet werden, also ein sehr günstiges Preisniveau – laut Oberbürgermeister Eckart Würzner.

Doppelt so groß wie Altstadt

Als die letzte Einheit 2014 abgezogen war, hinterließ das US-Militär fünf Gebiete, die zusammen doppelt so groß sind wie die Heidelberger Altstadt. Das in der Südstadt ging als erstes in den Besitz der Stadt über.

Ein US-Soldat bewacht seine Kaserne, die Campbell Barracks, in Heidelberg (Archivfoto vom 2002) - Baden-Württemberg war für Jahrzehnte ein wichtiger militärischer Standort für die Amerikaner (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ein US-Soldat bewacht seine Kaserne, die Campbell Barracks, in Heidelberg (Archivfoto von 2002) - Baden-Württemberg war für Jahrzehnte ein wichtiger militärischer Standort für die Amerikaner picture-alliance / dpa -

Ein Gebiet nach dem anderen will die Stadt dem Bund abkaufen, der nach dem Abzug der Amerikaner erst einmal der Eigentümer ist. Möglichst schnell sollen dann auch Häuser auf den Flächen stehen. Für jedes Areal hat der Gemeinderat Nutzungskonzepte erarbeitet, für die er dann Käufer oder Investoren sucht, die diese umsetzen.

Auf der Fläche "Patton Barracks" waren Fahrzeughallen und Werkstätten des US-Militärs, diese werden zu "Innovation Hubs" und "Start up Barracks", der Innovationspark Heidelberg soll hier entstehen. Für die Campbell Barracks laufen Verhandlungen mit Wirtschaftsunternehmen, Gewerbe und soziale Einrichtungen, die "Kreativwirtschaft" ist hier aber auch willkommen.

Diese Durchmischung ist gewollt

Klar ist: Ein Gebäude geht an die Polizei, eines an eine private Hochschule, das Kulturhaus Karlstorbahnhof zieht in die ehemaligen Stallungen – und im Mark-Twain-Village, kurz MTV – wird es vor allem bezahlbaren Wohnraum geben und Wohnprojekte.

hk (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ein Warnschild steht in Heidelberg vor einer Einfahrt der bereits geräumten US-amerikanischen Kaserne "Mark Twain Village" picture-alliance / dpa -

Läuft alles nach Plan, können im Sommer die ersten Mieter einziehen. Aus den fast 700 Wohnungen der US-Soldaten werden 1.400. Einige werden saniert, ganze Wohnblocks aber auch abgerissen und komplett neu gebaut. 70 Prozent der Wohnungen haben eine Preisbindung.

Für eine Stadt, die Verwaltung und die Bewohner ist der Umbau eine riesige Aufgabe. Viertel wandeln sich, die Stadt verändert ihr Gesicht. Das Bild Heidelbergs ist bisher geprägt durch die Universität und die Studenten – das Universitätsklinikum ist der größte Arbeitgeber.

Millionen Touristen

Und dann sind da natürlich die Altstadt und das Schloss, die jährlich fast 12 Millionen Besucher in die Stadt locken. Tag für Tag schieben sich internationale Reisegruppen mit gezückten Fotoapparaten durch die Gassen. Mit den neuen Quartieren soll Heidelberg auch ein modernes, familienfreundliches Image verpasst bekommen: als europäische Stadt des Wissens und der Bildung.

Durch den Abzug der rund 8.000 Angehörigen der US-Armee bis zum Jahr 2015 wurden in Heidelberg fast 200 Hektar Fläche frei (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Durch den Abzug der rund 8.000 Angehörigen der US-Armee bis zum Jahr 2015 wurden in Heidelberg fast 200 Hektar Fläche frei picture-alliance / dpa -

Damit das alles gelingt, müssen die unterschiedlichsten Akteure einbezogen werden. Bei der Stadtentwicklung reden viele mit, erklärt Professor Klaus Selle. Er lehrt an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen Planungstheorie und Stadtentwicklung. In seinem Büro kommt er mit einem dicken, roten Wälzer an den Tisch.

Die Konversion, die Umwandlung ehemaliger Militärgebiete, ist ein komplexer Prozess, betont Selle. Es geht damit los, dass die Flächen nicht in das bisherige urbane Leben eingebunden sind, es gibt keine organischen Übergänge.

Fünf Konversionsgebiete

Politik und Stadtverwaltung lassen in Heidelberg keine Möglichkeit aus, über den Stand der Dinge zu informieren. In Heidelberg wird die Konversion mit einem umfangreichen Beteiligungsprozess begleitet. Je nach Planungsstand gibt es Gespräche, Begehungen, Werkstätten, Bürgerforen. Auf jedem Stadtteilfest werden die Pläne an Stellwänden gepinnt – für jedes Areal, für jede Entwicklungsphase.

Über die weitere Nutzung der Anlagen und Flächen wird im Rahmen eines sogenannten Konversionsprozesses diskutiert (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Über die weitere Nutzung der Anlagen und Flächen wird im Rahmen eines sogenannten Konversionsprozesses diskutiert picture-alliance / dpa -

Fünf Konversionsgebiete – jedes in einer anderen Lage, in einer anderen Phase, mit unterschiedlichen Nachbarn und für jedes gibt es ein eigenes Konzept. Bürger steigen da auch schon mal aus: zu viel, zu verwirrend das Ganze. Die Stadt versucht alle irgendwie mitzunehmen.

Bürgerbeteiligung ist bei Bauvorhaben gesetzlich vorgeschrieben. Will eine Stadt einen Bebauungsplan erstellen, muss die Öffentlichkeit frühzeitig eingebunden werden. So schreibt es § 3 des Baugesetzbuches vor. Dass Heidelberg in der Stadtentwicklung so darauf setzt, hängt aber auch mit einer krachenden Niederlage für Eckart Würzner zusammen.

Mitgestaltende Bürgerbeteiligung

2010 wollte der Gemeinderat die historische Stadthalle zu einem Kongresszentrum erweitern. Im Rathaus wurden Pläne erarbeitet und diese dann den Bürgern präsentiert. Die waren aber wenig begeistert davon. Protest formierte sich, es gab einen Bürgerentscheid. Am Ende wurden die Pläne mit einer klaren Mehrheit abgeschmettert.

Wohngebäude und ein Spielplatz in Heidelberg auf dem Gelände der geräumten US-amerikanischen Kaserne "Mark Twain Village" (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Wohngebäude und ein Spielplatz in Heidelberg auf dem Gelände der geräumten US-amerikanischen Kaserne "Mark Twain Village" picture-alliance / dpa -

Damals hat der Oberbürgermeister noch die Wut zu spüren bekommen, er zog seine Lehren daraus. Seitdem gibt es drei Planstellen für den Bereich Bürgerbeteiligung, der Rat informiert mit einer Liste über Bauvorhaben und ein Arbeitskreis hat Leitlinien erarbeitet – für "mitgestaltende Bürgerbeteiligung".

Im Mark-Twain-Village wird es in sechs Gebäuden auch alternative Wohnformen geben. Bürger haben sich zusammengetan, sie haben ihren Gruppen lustige Namen gegeben, wie "Konvisionär" und "HageButze", und haben jahrelang Geld eingesammelt um ihren Traum zu verwirklichen.

Verrechnet beim Vorzeigemodell

Konvisionär und HageButze kaufen zusammen drei Häuserblocks, um mit jungen und alten Menschen gemeinschaftlich darin zu leben. Die Wohnungen sollen preisgünstig vermietet werden.

Flüchtlingen auf dem Gelände der Patton Barracks in einer Notunterkunft (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Flüchtlinge auf dem Gelände der Patton Barracks in einer Notunterkunft picture-alliance / dpa -

Bei der Bahnstadt hat sich die Stadtverwaltung Heidelbergs verrechnet. Auf einem ehemaligen Güterbahnhof und Militärgelände wächst gerade ein moderner Stadtteil für Unternehmen, Forschungseinrichtungen und zahlungskräftige Mieter.

Ein Vorzeigeprojekt soll es sein, alle Gebäude sind im Passivhausstandard gebaut. Nach Prognosen rechnet die Verwaltung bis zum Entwicklungsabschluss 2022 mit einem Defizit von 41 Millionen Euro. In der Südstadt soll es anders laufen.

Stadt der Zukunft

Das Patrick-Henry-Village – das sei der ganz große Wurf. Mit knapp 100 Hektar, rund 1.500 Wohneinheiten, Schulen, Sportanlagen ist es die größte Konversionsfläche – und sie liegt fünf Kilometer außerhalb des Stadtzentrums zwischen zwei Autobahnen.

Bürger, Stadtplaner, Verwaltung, Politik und Wirtschaftsvertreter sollen an einen Tisch gebracht werden und ihre Ideen für das "Patrick Henry Village" in Heidelberg vorlegen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Bürger, Stadtplaner, Verwaltung, Politik und Wirtschaftsvertreter sollen an einen Tisch gebracht werden und ihre Ideen für das "Patrick Henry Village" in Heidelberg vorlegen picture-alliance / dpa -

PHV, wie es in Heidelberg genannt wird, ist die größte Herausforderung für die Stadt, findet auch Hans-Jürgen Heiß. Der Bürgermeister für Finanzen und Konversion hat sein Büro im historischen Rathaus. Mitten in der Heidelberger Altstadt macht er sich Gedanken über die "Stadt der Zukunft".

Im Moment wird das Patrick-Henry-Village anders genutzt. Das Land Baden-Württemberg hat hier eine Unterkunft und das zentrale Registrierzentrum für Flüchtlinge eingerichtet. Parallel dazu läuft in diesem Jahr die so genannte "Planungsphase Null" an, der erste Meinungsbildungsprozess beginnt.

Das wird auch aus Sicht der Bürgerbeteiligung spannend, denn es gibt hier keine Nachbarn, die sich mit dem Gebiet identifizieren und ihre Interessen einbringen. In dieser ersten Phase sollen Bürger, Stadtplaner, Verwaltung, Politik und Wirtschaftsvertreter an einen Tisch gebracht werden und ihre Ideen vorlegen.

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