STAND
AUTOR/IN

SWR2 Wissen. Von Nicole Dantrimont

Während viele Mädchen brav auf ihren Stühlen sitzen und eifrig Buchstaben malen, hibbeln nicht wenige Jungs auf ihren Stühlen herum und freuen sich auf die nächste Sportstunde. Und das macht sich auch im Zeugnis bemerkbar: Schülerinnen schneiden besser ab. Eltern von Jungen machen sich deswegen Sorgen. So landen manche Schüler dort, wo sie gar nicht hingehören: Im Wartezimmer des Kinderpsychiaters.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Die Zahlen sprechen für sich: Jungs sind rund viermal häufiger von ADHS betroffen als Mädchen. Bei Störungen der zentral-auditiven Verarbeitung etwa doppelt so häufig. Sind Jungs wirklich häufiger von Störungen betroffen? Oder verhalten sie sich auffälliger, weil sie mit den gegebenen Umständen nicht zurecht kommen?

Marcel Helbig ist Professor für Bildung und soziale Ungleichheit an der Universität Erfurt und zugleich wissenschaftlicher Mitarbeiter am renommierten Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. In einer umfangreichen Publikation hat er den Wandel geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs untersucht. Dass es eine Bildungsungerechtigkeit zwischen Jungen und Mädchen gibt, hat auch schon der erste nationale Bildungsbericht aus dem Jahre 2006 belegt. Und dieses Fazit untermauert Helbigs Studie. Sein Fazit: Es gibt kleine Unterschiede im Lernerfolg von Mädchen und Jungs.

Die Geschlechter sind nach seiner Untersuchung zwar gleich intelligent, doch es fällt auf, dass rund drei Fünftel der Kinder, die ein Jahr später eingeschult werden, Jungs sind. 11 von 100 Mädchen werden vorzeitig eingeschult, aber nur 7 von 100 Jungs. Auch bei den Kindern, die eine Klasse wiederholen, ist die Quote an Jungs bereits in der Grundschule höher.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Mehr Schüler als Schülerinnen werden nicht versetzt. picture-alliance / dpa -

Artgerechte Schule

Jungs sind inzwischen im Bildungssystem tatsächlich benachteiligt sagt Birgit Gegier Steiner, die Rektorin der Scheffelschule Rielasingen. 165 Schüler besuchen die Scheffelschule, eine ganz „normale“ Grundschule mit sport- und bewegungsorientiertem Profil und mit einer Ganztagesschule in Wahlform.

Ausgerechnet die Schulleiterin dieser Grundschule einer beschaulichen Gemeinde nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, sorgt seit einiger Zeit für Diskussionen in der Bildungslandschaft. Mit ihrem Buch "Artgerechte Haltung – Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung" nimmt das Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Schule wieder an Fahrt auf.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Muss sich der Unterricht ändern? picture-alliance / dpa -

Bis in die 60er Jahre wurden Jungen und Mädchen vielerorts getrennt unterrichtet. Mit der sogenannten Koedukationsdebatte wurde in den 70ern der gemeinsame Unterricht flächendeckend durchgesetzt. In den 90er Jahren schließlich kam der Begriff der „reflexiven Koedukation“ auf. Hierbei geht es nicht mehr darum, Jungen und Mädchen im Unterricht generell zu trennen.

Bewegung und Konzentration

Es geht darum, sich an den jeweiligen Besonderheiten und Lernerfordernissen der beiden Geschlechter zu orientieren und den Unterricht dem entsprechend geschlechtergerecht durchzuführen – ohne dabei Jungen und Mädchen explizit zu trennen.

Den Mädchen als Gruppe hat die Koedukation genutzt, bekamen sie doch endlich dieselben Chancen wie ihre männlichen Mitschüler. Die Jungs dagegen haben sich im Zuge der Koedukation zum förderbedürftigen Geschlecht entwickelt.

Möglicherweise ist gerade die Notengebung ein Grund, warum viele Eltern zu freieren Schulkonzepten tendieren. Doch Noten können auch motivieren, wenn sie zum Beispiel den Ehrgeiz entfachen, beim nächsten Mal besser sein zu wollen.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Reagieren Mädchen und Jungs unterschiedlich auf schlechte Noten? picture-alliance / dpa -

Polarisierende Thesen

Birgit Gegier Steiner sieht noch einen weiteren Aspekt, worin sich Jungs und Mädchen im Lern- und Arbeitsverhalten unterscheiden: Die meisten Mädchen sind in ihren Augen stark auf Erwachsene fixiert. Sie wollen gefallen, so die These der Pädagogin. Deshalb lernten sie also grundsätzlich in die Breite und seien dabei fleißiger als Jungs.

Zugegeben: Die Pädagogin Birgit Gegier Steiner polarisiert mit ihren Thesen. Die Gefahr dabei ist die, dass sehr schnell das Klischee von "dem Jungen" und "dem Mädchen" verbreitet wird. Natürlich gibt es auch Jungen, die ohne jegliche Probleme durch die Schule kommen. Sowie Mädchen, die mit viel Temperament und Bewegungsdrang gesegnet sind. – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Im Grunde aber decken sich die Überlegungen Steiners mit den Ergebnissen pädagogischer Forschungsstudien, wie sie auch Marcel Helbig durchgeführt hat. Der Wille auf ein Ziel hinzuarbeiten, sich anzustrengen und damit bereit zu sein, Leistung zu bringen – sind das die Eigenschaften, an denen es gerade den meisten Jungs mangelt? Sind das die Hürden, an denen sie bereits in den ersten vier Schuljahren scheitern?

Mehr Bewegung für alle

Mit Sitzbällen und Fußwippen hat Birgit Gegier Steiner eine eigene Unterrichtsumgebung geschaffen. Fensterbänke hat sie zu Stehpulten umfunktioniert. Und die Bewegung wird an der Scheffelschule Rielasingen konsequent in den Unterricht integriert. Und umgekehrt: Mathe im Sportunterricht.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Mehr Bewegung im Unterricht. picture-alliance / dpa -

Multisensorisch. Mit allen Sinnen. Besonders für Jungs sei dies wichtig, weil diese über eine ausgeprägte taktile Neugierde verfügten. Jungs nehmen Dinge von Natur aus in die Hand, meint die Pädagogin. Aus ihren Beobachtungen und Erfahrungen kreierte Birgit Gegier Steiner schließlich ihr jungengerechtes Erziehungsprinzip. Initialzünder dazu war der Fußball.

Es war 2013, als der FC Bayern München gegen Borussia Dortmund das Finale der Champions League gewann. Birgit Gegier Steiner schaute sich wie viele Menschen dieses Spiel an. Für sie war aber nicht das Ergebnis interessant, sondern das, was auf dem Spielfeld geschah: Auf der einen Seite die Gewährung von Freiheiten, auf der anderen Seite aber auch ganz klare Grenzen, mit Regeln und Ritualen, die es einzuhalten gibt.

Freiheit und Grenzen

Nach diesen Prinzipien unterrichtet Birgit Gegier Steiner. Bei den Jungs käme das gut an, sagt sie. Und zählt viele weitere Beispiele aus ihrem Schulalltag auf, die das deutlich machen. Doch genau genommen nutzt dieses Erziehungsprinzip allen Schülern – Bewegung im Unterricht tut auch den Mädchen gut.

Die Kinder seien im Allgemeinen ausgeglichener und lernbereiter, ergänzt die Pädagogin. Dennoch müsse man speziell auf die Jungs eingehen, sie annehmen, ihnen thematisch entgegenkommen. So könne man beispielsweise auch deren Lesekompetenz steigern.

Sowohl Wissenschaftler als auch Lehrer und Eltern sind sich einig, dass sich etwas ändern muss im Schulsystem, damit am Ende alle gewinnen – Jungs wie Mädchen.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Von einer durchdachten Schulreform könnten alle profitieren. picture-alliance / dpa -

Hauptproblem sind Geschlechterrollen

Ideen gibt es durchaus: Zwei Grundschuljahre mehr, wie es in manchen Bundesländern bereits üblich ist, könnten den Jungs mehr Zeit verschaffen, sich im Schulsystem zu etablieren. Mehr Experimentier- und Forschergeist, mehr naturwissenschaftliche Themen und Denkansätze in der Grundschule - auch das wäre vielleicht ein Weg, um die Jungs besser zu motivieren.

Die Koedukation, die gemeinsame Beschulung wieder abzuschaffen, wäre überhaupt keine Lösung. Da sind sich alle einig. Auch wenn zeitweilige getrennte Unterrichtsmodelle vielen Mädchen zur Anerkennung in den Naturwissenschaften und Mathematik verholfen haben.

Motivation und Anstrengung, Anpassung und soziale Struktur – alle diese Begriffe spielen eine Rolle, wenn man über Bildungsgerechtigkeit in der Schule nachdenkt. Das Hauptproblem ist aber nach wie vor das Verhalten der Jungen, dass sie sich nicht anstrengen sollen, um erfolgreich zu sein. Ihre Peergroup sagt: Du sollst dich nicht anstrengen, denn du bist ohnehin das begabtere Geschlecht.

Jungs in der Schule (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Der Lehrer sind wichtige Beziehungspersonen. picture-alliance / dpa -

Doch auch die Lehrperson ist in vielen Fällen ausschlaggebend für die Bildungsbiografie eines Schülers oder einer Schülerin. Spätestens seit der Studie des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie ist dies auch wissenschaftlich belegt.

Der Lehrer ist die zentrale Figur, wenn es um guten Unterricht geht. Im übertragenen Sinne heißt das: Stimmt die Chemie zwischen Schüler und Lehrperson, so sollte auch die entsprechende Motivation vorhanden sein. Für die Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, dass sie sich verstanden fühlen. Und das gilt genauso für Mädchen wie für Jungen.

STAND
AUTOR/IN