STAND
AUTOR/IN

SWR2 Wissen: Aula. Von Andreas Eckert

Einer der Gründe, warum Andreas Eckert in den 1980er-Jahren Afrika ins Zentrum seines Studiums stellte, waren die Entwicklungen in Südafrika: Der Kampf der schwarzen Bevölkerung gegen die Apartheid interessierte ihn und er wollte mehr über die Zusammenhänge erfahren.

Audio herunterladen (25,9 MB | MP3)

Motivation

In den letzten Jahren hat sich Afrika zunehmend von einem Kontinent des Hungers und der Armut zu einem Kontinent entwickelt, der auch politisch und nicht zuletzt ökonomisch von immer größerem Interesse wird.

Die modernen Afrikawissenschaften beziehen die Erkenntnis ein, dass Afrikaner überall auf der Welt leben, nicht nur in Afrika. Sie beschäftigen sich mit der Tatsache, dass es ein intensives Hin und Her zwischen Afrika und anderen Orten der Welt gibt – von Menschen und von Handelsgütern.

Diese Wissenschaftsdisziplin geht sehr dezidiert gegen verbreitete Stereotype und Vorurteile an. Das Fach versucht, Differenz und Anderssein nicht zu exotisieren oder zu verdammen, sondern ernst zu nehmen und zu analysieren. Die sogenannte "Flüchtlingsproblematik" ist ein gutes Beispiel dafür, dass man viele Räume in den Blick nehmen muss.

Afrika ist auch drin, wo nicht Afrika draufsteht

Es gibt viele Studiengänge und Studienfächer, auf denen nicht "Afrika" steht, die aber mehr oder weniger große inhaltliche Schwerpunkte auf diese Region legen. Dies gilt besonders für das Fach Ethnologie. Sie wird oft als die "Wissenschaft von den anderen" bezeichnet. Sie befasst sich mit der Vielfalt menschlicher Lebensweisen und beschreibt ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede. Die Ethnologie begreift die von ihr untersuchten Gesellschaften, sozialen Gruppen und Alltagswelten aber nicht als isolierte oder gar exotische Phänomene. Sie stellt die Gesellschaften in den Zusammenhang politischer, wirtschaftlicher und kultureller Strukturen und Netzwerke, die auch durch globale Prozesse geprägt werden.

Die Ethnologie, auch jene mit Schwerpunkt Afrika, untersucht keineswegs nur ländliche, schriftlose oder nicht-industrielle Gesellschaften, sondern afrikanische Geschäftsleute, Arbeitsmigranten und global vernetzte städtische Eliten. Diese Gruppen stellen zunehmend wichtige Untersuchungsgegenstände der Afrikawissenschaften dar.

Werbeplakat der staatlichen chinesischen Ölgesellschaft CNPC in der sudanesischen Hauptstadt Khartum (2007) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Werbeplakat der staatlichen chinesischen Ölgesellschaft CNPC in der sudanesischen Hauptstadt Khartum (2007). China verdrängt die USA zunehmend als wichtigsten Wirtschaftspartner. picture-alliance / dpa -

Die Afrikawissenschaften sind ein relativ kleines Fach, das im Gegensatz zur Ethnologie nur an einigen deutschsprachigen Universitäten studiert werden kann. Manchmal heißt das Fach auch Afrikanistik oder Afrika-Studien. Es gibt auch kombinierte Studiengänge, etwa afrikanische Sprachen, Kulturen und Archäologie. Die Bezeichnung Afrikanistik steht für den älteren Ansatz, sehr stark mit philologischen, sprachwissenschaftlichen Methoden und Perspektiven auf Afrika zu schauen.

Afrikawissenschaften oder auch Afrika-Studien sind breiter und interdisziplinärer angelegt. Sie schließen neben sprachlichen auch historische, soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Dynamiken Afrikas ein. Und sie analysieren diese Dynamiken nicht isoliert, sondern immer auch in ihren regionalen und globalen Verflechtungen.

Area Studies

Das Fach gehört zu den Regionalwissenschaften oder sogenannten "Area Studies". Drei Hauptrichtungen im Überlick:

  1. Klassische Ausrichtung, hervorgegangen aus philologischen Ansätzen. Sie befasst sich vorwiegend mit der Sprache, aber auch der Literatur und teilweise der Geschichte der jeweiligen Region.
  2. Sozialwissenschaftlicher Schwerpunkt. Analysiert werden nahezu ausschließlich gegenwartsbezogene gesellschaftliche und politische Zusammenhänge.
  3. Kulturwissenschaftlicher Schwerpunkt. Diese Richtung koordiniert interdisziplinäre Ansätze und fragt nach Wahrnehmungen und Repräsentationen.
Wolken aus Staub und Rauch, die über den eingestürzten Türmen des World Trade Centers und über Manhattan stehen, kurz nach dem Terroranschlag vom 11.09.2001 in New York (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Manhattan kurz nach dem Terroranschlag vom 11.09.2001 in New York durch Al-Kaida. Die westliche Welt wollte damals die Ursachen und Zusammenhänge begreifen. Doch viele Islamwissenschaftler konnten zu den aktuellen Problemen wenig sagen, da sie vor picture-alliance / dpa -

Historisch betrachtet sind die Area Studies Kinder des Kalten Krieges, auch wenn es Vorläufer gab. Im Kalten Krieg wurde es zunehmend wichtig, auch etwas von den anderen zu wissen. In den USA wurden die Area Studies seit den späten 1940er-Jahren erstmals institutionalisiert. Dahinter stand das Interesse, potentielle Verbündete in der damals sogenannten Dritten Welt gegen die Sowjetunion und gegen die kommunistische Hegemonie für sich zu vereinnahmen. Aber natürlich wollte man auch besser verstehen, wie diese Gesellschaften vermeintlich ticken, um die eigene Politik entsprechend ausrichten zu können.

Sprechkenntnisse und wissenschaftliche Methoden

Um eine Region verstehen zu können, bedarf es fundierter Kenntnisse. Für die Afrikawissenschaften gilt:

  • Solide Sprachkenntnisse in Englisch und Französisch
  • Beherrschen mindestens einer afrikanischen Sprache; es existieren rund 2.000. Wichtig sind die großen Verkehrssprachen Swahili und Hausa, aber auch Bambara und Arabisch sind von Bedeutung
  • Auseinandersetzung und Beherrschung vielfältigster wissenschaftlicher Methoden

Persönliche Voraussetzungen und Fähigkeiten

  • Ausgeprägtes Interesse an kulturell unterschiedlichen Lebenswelten
  • Bereitschaft, die eigenen kulturell geprägten Annahmen zu erkennen und kritisch zu hinterfragen
  • Lust am Lesen, insbesondere fremdsprachliche Texte
  • Bereitschaft, bereits im Bachelor-Studiengang mindestens ein Semester an einer afrikanischen Universität zu studieren und/oder ein Praktikum in Afrika zu machen

Employability

Der Begriff meint die Beschäftigungs- bzw. Arbeitsmarktfähigkeit. Im Fach Afrikawissenschaften gibt es keine klare Berufsorientierung, auf die man studiert. Erhebungen zeigen aber, dass die Absolventen in einer Reihe von Berufen unterkommen, da sie nach einem ernsthaft betriebenen Studium viele Qualifikationen mitbringen: Fremdsprachenkenntnisse, Auslandserfahrung und die Fähigkeit, in einem komplexen Umfeld zurechtzukommen.

Da Afrika von zunehmender politischer und wirtschaftlicher Bedeutung ist, suchen mittlerweile viele Unternehmen und politische Stiftungen Leute mit Kenntnissen und Erfahrungen den afrikanischen Kontinent.

Für eine akademische Karriere gilt wie in den meisten Fächern, dass es neben sehr viel Können noch mehr Glück braucht. Gerade in den Afrikawissenschaften ist die Stellensituation nicht gut, obwohl das Interesse an der Region wächst. Interessenten müssen darauf vorbereitet sein, dass selten Afrikawissenschaftler gesucht werden, die Geschichte und Politik können, sondern vielmehr Historiker und Politikwissenschaftler, die auch Afrika können. 

* * * * *

Andreas Eckert, geb. 1964, Studium der Geschichte, Journalistik und Romanistik; 1995 Promotion im Fach Mittlere und Neuere Geschichte der Universität Hamburg. Von 2002 bis 2007 war Andreas Eckert Professor für Neuere Geschichte, Schwerpunkt Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg. 2005 hatte er eine Gastprofessur an der Indiana University, Bloomington. Im Jahre 2006 war er "Directeur d'Etudes" an der Maison des Sciences de l'Homme, Paris, 2007 Gastprofessor im Department of History, Harvard University. Seit 1.4. 2007: Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt Universität zu Berlin, 2008 - 2009 Geschäftsführender Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften, seit 1.10.2009 Leiter des Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kollegs „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive (finanziert durch das BMBF).

Bücher (Auswahl):
- Kolonialismus. Fischer Taschenbuch. 2015.
- Hg. zusammen mit Ingeborg Grau & Arno Sonderegger: Afrika 1500-1900: Geschichte und Gesellschaft. Promedia. 2010.

STAND
AUTOR/IN