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Von Till van Treeck

In der SWR2 Aula geben Forscherinnen und Forscher angehenden Studenten Orientierungshilfe bei der Suche nach einem Studienfach. Sie zeigen, warum ihr Fach gesellschaftlich relevant ist, was man mitbringen muss, um es zu studieren, was man mit Master oder Bachelor anfangen kann. Professor Till van Treeck von der Universität Duisburg-Essen stellt sein Fach, die Wirtschaftswissenschaften, vor.

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Studieninhalte

Die Wirtschaftswissenschaft ist in den vergangenen Jahrzehnten zur einflussreichsten Sozialwissenschaft überhaupt geworden. Denn ökonomische Zusammenhänge sind für viele Lebensbereiche zentral:

  • Warum machen manche Unternehmen hohe Gewinne, während andere Bankrott gehen?
  • Wieso verdienen einige Manager jedes Jahr Millionenbeträge, während andere Arbeitnehmer von ihrem Lohn kaum leben können?
  • Warum sind manche Volkswirtschaften insgesamt wohlhabend, während andere seit Jahrzehnten in der Armutsfalle stecken?
  • Sollte der Staat die Steuern für Reiche und Unternehmen erhöhen und mehr Investitionen in Bildung und Infrastruktur tätigen?
  • Sollte ein Unternehmen seine Produktion ins Ausland verlagern, wenn die Steuern erhöht und staatliche Regulierungen wie Kündigungsschutz oder Mindestlöhne verschärft werden?

Mit diesen und vielen anderen Fragen beschäftigen sich die Wirtschaftswissenschaften.

8,84 Euro in Münzen liegen gestapelt auf einem Tisch (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Der gesetzliche Mindestlohn soll zum 1. Januar 2017 von brutto 8,50 Euro je Stunde auf 8,84 Euro steigen. Das legte die Mindestlohnkommission von Arbeitgebern und Arbeitnehmern am 28. Juni 2016 in Berlin fest. picture-alliance / dpa -

Wirtschaftswissenschaften in der Krise?

Obwohl die Finanzkrise die schwerste Erschütterung der Weltwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg mit sich brachte, war sie von kaum einem Ökonomen oder einer Ökonomin vorhergesehen worden. Viele Beobachter sprechen sogar von einer "Krise der Wirtschaftswissenschaften", weil diese bisher keine effektiven Konzepte zur Lösung einer Reihe von drängenden Problemen formulieren konnten. Hierzu gehören neben den sich häufenden Finanzkrisen auch die Zunahme der Einkommens- und Vermögensungleichheit in vielen Ländern und die ökologische Krise.

Ein Händler sitzt am 15. September 2008 in der Börse in New York (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ein Händler sitzt am 15. September 2008 in der Börse in New York. Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers am "schwarzen Montag", dem 15. September, erschütterte die Banken in den USA und Europa. Kaum ein Ökonom hatte sie vorausgesehen. picture-alliance / dpa -

Neue Denkansätze gesucht!

Allerdings sollte man aus dieser "Krise der Wirtschaftswissenschaften" nicht den Schluss ziehen, dass sich ein Studium er Ökonomie nicht lohnt. Im Gegenteil: Talentierte junge Menschen mit innovativen ökonomischen Denkansätzen werden dringend benötigt, um die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit in den Griff zu bekommen.

Betriebswirtschaftslehre (BWL) ...?

Abiturienten, die sich für die Ökonomie interessieren, sollten zunächst die beiden klassischen Studiengänge BWL und VWL in Betracht ziehen. Sie werden an den meisten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angeboten.

Betriebswirtschaftslehre heißt im Englischen auch "business administration", es geht also um die Gestaltung von Prozessen innerhalb von Unternehmen. Ein Studium der BWL bietet sich für alle an, die später in einem Unternehmen arbeiten oder sich selbstständig machen möchten. Im BWL-Studium geht es z.B. um die folgenden Fragen:

  • Wie kann ein Unternehmen seine Kosten und seine Preise so gestalten, dass es möglichst hohe Gewinne erzielt?
  • Welche Steuern muss ein Unternehmen zahlen?
  • Wie kann ein Unternehmen seine Investitionen über Kredite von Banken oder über andere Wege finanzieren?
  • Wie können die Produkte eines Unternehmens durch erfolgreiches Marketing beworben werden?
  • Wie kann das Management die Entscheidungsstrukturen innerhalb eines Unternehmens optimal gestalten?
  • Wie kann ein Unternehmen seiner sozialen Verantwortung für Mitarbeiter und Umwelt gerecht werden, bzw. wie können demokratische Strukturen in Unternehmen gestärkt werden?
Hochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Hochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Wird der deutsche Finanzplatz Frankfurt vom Brexit profitieren? picture-alliance / dpa -

... oder lieber Volkswirtschaftslehre (VWL)?

In der Volkswirtschaftslehre (Englisch: economics) geht es weniger um einzelne Unternehmen, sondern um die Wirtschaft als Ganzes. Es gilt, die Funktionsweise der Wirtschaft zu verstehen und Handlungsempfehlungen für die Wirtschaftspolitik zu formulieren:

  • Warum kommt es immer wieder zu Wirtschafts- und Finanzkrisen? Sollte die Europäische Zentralbank die Zinsen senken oder erhöhen?
  • Sollten die Staaten ihre Ausgaben senken mit dem Ziel, die Staatsverschuldung zu reduzieren? Oder sollten sie im Gegenteil mit höheren Ausgaben versuchen, die Arbeitslosigkeit zu senken?
  • Ist es gesamtgesellschaftlich sinnvoll, andere Staaten für die Bewahrung ihrer natürlichen Ressourcen (wie z.B. Urwälder) finanziell zu entschädigen?
  • Zerstört ein Mindestlohn Arbeitsplätze, weil die Unternehmen gering qualifizierte Arbeitnehmer entlassen werden, wenn sie durch den Mindestlohn zu teuer werden? Oder ist ein Mindestlohn hilfreich, um die Ungleichheit der Einkommen zu reduzieren und die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu stärken, was wiederum den Unternehmen zu Gute kommt, deren Produkte die Arbeitnehmer kaufen sollen?

Begabungen und Interessen

  • großes Interesse an Mathematik und Statistik
  • Interesse an weiteren Sozialwissenschaftlichen, aber auch philosophischen, historischen und naturwissenschaftlichen Fächern
Der Engländer John Maynard Keynes im Juli 1944 während der Tagung von Bretton Woods (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Der Engländer John Maynard Keynes im Juli 1944 während der Tagung von Bretton Woods. Er gilt als der größte Nationalökonom dieses Jahrhunderts. picture-alliance / dpa -

Der Ökonom John Maynard Keynes beschrieb den idealen Ökonomen so:

Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die Realität in vielen BWL- und VWL-Studiengängen heutzutage weniger vielseitig und ganzheitlich aussieht. Selbst in der Forschung sehen viele wirtschaftswissenschaftliche Arbeiten eher aus wie Beiträge zur angewandten Mathematik als zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung.

Wer aber die Augen offen hält, kann Studienangebote finden, in denen nicht nur gerechnet wird, sondern wirtschaftswissenschaftliche Inhalte mit anderen Fächern wie Soziologie und Politikwissenschaften, Philosophie und Geschichte, oder auch Psychologie und Biologie kombiniert werden. Denn auch außerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten beschäftigen sich viele Wissenschaftler auf sehr anregende Weise mit ökonomischen Fragestellungen.

Im Bereich der VWL gibt es mittlerweile an einigen Universitäten die Möglichkeit, volkswirtschaftliche Inhalte mit anderen sozial- oder geisteswissenschaftlichen Fächern wie Politikwissenschaften oder Philosophie zu kombinieren und dafür geringere BWL-Anteile als in einem klassischen VWL-Studium in Kauf zu nehmen. Solche Studiengänge heißen beispielsweise "Politik und Wirtschaft", "Wirtschaft und Philosophie", "Politische Ökonomik" oder "Sozialökonomie". An vielen Universitäten gibt es auch interdisziplinäre Studiengänge "Sozialwissenschaften", entweder als klassische Bachelor- und Master-Studiengänge oder als Teil von Lehramtsstudiengängen.

Es ist wichtig, sich vor der Entscheidung für einen Studiengang zu informieren, welche Schwerpunkte am jeweiligen Studienort angeboten werden.

Kritik am Fach und Reformbewegungen

Seit 2007 haben die internationalen Finanzkrisen in vielen Ländern dramatische gesellschaftliche Konsequenzen wie die Zunahme von Armut oder den wachsenden Zulauf für extremistische politische Parteien zur Folge. Und immer mehr Studierende kritisieren, dass sie im Studium der VWL zu wenig über die gesellschaftliche Relevanz von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen lernen.

Obdachlose haben in Berlin im Regierungsviertel ihre Zelte unter einer Brücke aufgestellt (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Immer mehr Menschen sind in Berlin ohne feste Bleibe picture-alliance / dpa -

Weiteren Anlass zur Kritik gibt, dass das wirtschaftswissenschaftliche Studium häufig weltanschaulich einseitig ausgerichtet ist und vor allem marktliberale Sichtweisen gelehrt werden.

Vor diesem Hintergrund hat sich in den letzten Jahren eine Bewegung etabliert, die sich für mehr Ideenvielfalt in den Wirtschaftswissenschaften und mehr Austausch mit anderen Sozialwissenschaften einsetzt. Nicht nur Studierende tragen diese Forderungen, sondern zunehmend auch Ökonomie-Nobelpreisträger und renommierte internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder das privat finanzierte Institute for New Economic Thinking (INET).

Weitere Informationen über die Studierendenbewegung in Deutschland gibt es auf der Webseite des Netzwerks Plurale Ökonomik.

Mehr zum Themenbereich "Neues ökonomisches Denken" erfährt man beim Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung.

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