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Von Thomas Kruchem

In Afrika gibt es immer mehr private Schulen für Arme. Auch dank Sponsoren wie Bill Gates und Mark Zuckerberg. Selbst die Ärmsten zahlen gern für ihre Bildung - da die staatlichen Schulen oft nicht funktionieren.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Unterricht mit Tablet

Beispiel Kenia: In mehr als 500 kargen Schulgebäuden stehen Lehrer mit einem Tablet und vermitteln den Kindern exakt vorgeschriebene Inhalte - überwacht per Internet. Die Schulen gehören zur Kette Bridge International Academies. Zu ihren Sponsoren gehören auch Bill Gates und Mark Zuckerberg. In Kenia ist sie Marktführer.

Lehrergewerkschaften und viele lokale Bildungsaktivisten laufen Sturm gegen die angebliche Geschäftemacherei auf dem Rücken der Ärmsten. Doch die kommerziellen Schulen setzen sich zusehends durch. Ihre Schüler schneiden bei Prüfungen weit besser ab als Schüler öffentlicher Schulen. Verkörpern Privatschulen für die Armen also ein Zukunftsmodell für Afrika?

Bildung in Afrika - wo die staatlichen Schulen versagen

80.000 Lehrer fehlen an Kenias öffentlichen Schulen, sagen Experten. Das Wissen der vorhandenen Lehrer sei so gering, dass die Hälfte einen Test für Schüler der achten Klasse nicht besteht. Und zwischen 30 und 50 Prozent der Lehrer erscheinen gar nicht erst zum Unterricht.

Die Klassen der staatlichen Riruta-Grundschule sind hoffnungslos überfüllt. Einige Kinder müssen, mangels Bänken, knien. Der Unterricht ist mehr als mühsam. (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Die Klassen der staatlichen Riruta-Grundschule sind hoffnungslos überfüllt. Einige Kinder müssen, mangels Bänken, knien. Der Unterricht ist mehr als mühsam. SWR - Thomas Kruchem

Nur ein Teil des Lehrplans wird deshalb durchgenommen; jeder dritte Schüler muss die Klasse wiederholen. Warum kommen so viele Lehrer nicht zur Arbeit? Hesbon Otieto, stellvertretender Generalsekretär der nationalen Lehrergewerkschaft KNUT, zuckt mit den Schultern.

Die Abwesenheit eines Lehrers hat meist wirtschaftliche Gründe: Er kann von seinem Gehalt eine Familie nicht ernähren, ist gleichwohl aber verantwortlich für diese Familie.

Marode Schulen

An der staatlichen Riruta-Schule in Kawangare läutet die Glocke zur Zehn-Uhr-Pause. Tausend Kinder toben zwischen Plumpsklos auf dem kleinen Schulhof. Schulleiterin Pauline Muna rauft sich die Haare. Viele Kinder kämen ohne Frühstück zur Schule, berichtet sie.

Noch könne Sie mithilfe des Welternährungsprogramms ein Mittagessen bereitstellen. Das entsprechende Programm jedoch laufe aus. Und ob der Staat einspringe, sei ungewiss. Die Schulbauten seien völlig marode, klagt Muna dann und deutet auf einen Pavillon, in dem meterlange Risse klaffen.

Im Lehrerzimmer tropft es durch die Decke, die Lehrer sitzen auf kaputten Plastikstühlen. Abends korrigieren sie Arbeiten im Licht von Taschenlampen, weil es keinen Strom gibt. Pauline Muna tut alles, um ihre wenigen Lehrer bei der Stange zu halten. Ab und zu schlachtet sie eine Ziege mit ihnen. Deshalb fällt an der Riruta-Schule weniger Unterricht aus als an anderen öffentlichen Schulen. Das ändert nichts an der Misere der staatlichen Grundschulen insgesamt.

An der Bridge-Schule in Ichuga wird, mithilfe der Eltern, täglich ein Mittagessen bereitgestellt. (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
An der Bridge-Schule in Ichuga wird, mithilfe der Eltern, täglich ein Mittagessen bereitgestellt. SWR - Thomas Kruchem

Privatschulen als Ausweg für verzweifelte Eltern

Hunderttausende arme Eltern, denen die Zukunft ihrer Kinder alles bedeutet, setzen ihre Hoffnung auf die neuen Privatschulen – eröffnet in den letzten Jahren von Kirchen, NGOs und Geschäftsleuten. Die Qualität ist sehr unterschiedlich.

60 Prozent der Slumbewohner Nairobis schicken ihre Kinder inzwischen dorthin. Die besten betreibt die katholische Kirche: solide Gebäude, die den offiziellen Standards der Regierung entsprechen; ordentliches Essen; ordentlich qualifizierte und bezahlte Lehrer – finanziert mit Spenden aus dem Ausland und relativ hohen Gebühren.

Schulen von Kirchen und Konzernen

Die katholischen Schulen geben besonders bedürftigen und begabten Kindern Stipendien. Doch die Kapazitäten sind begrenzt. Die Bridge International Academies, der Marktführer in Kenia, bieten alles mögliche an, von Kindergarten bis achtjähriger Grundschule – und Kombinationen aus beidem. In Nairobi wie auf dem Land.

Gegründet wurden die Bridge International Academies von der Amerikanerin Shannon May und ihrem Mann Jay Kimmelman. 2007 eröffneten die beiden in Kenia ihre erste Privatschule für Arme – finanziert anfangs aus eigenen Ersparnissen. Ihre Schulen, sagt Shannon May, sollen gute Unterrichtsqualität zu einem erschwinglichen Preis bieten.

In bestimmten Unterrichtsphasen an den Bridge Schulen erarbeiten die Kinder selbstständig Stoff, unterstützt von der Lehrerin, die durch die Reihen geht. (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
In bestimmten Unterrichtsphasen an den Bridge Schulen erarbeiten die Kinder selbstständig Stoff, unterstützt von der Lehrerin, die durch die Reihen geht. SWR - Thomas Kruchem

Das Konzept der Bridge International Academies:

  • Abkehr vom traditionellen Frontalunterricht, stattdessen aktiver Austausch zwischen Lehrpersonal und Schülern nach neuesten pädagogischen Erkenntnissen – bei zugleich optimaler Nutzung der Unterrichtszeit.
  • Strikte Standardisierung der Lehrmethoden und engmaschige Kontrolle: Schüler, Lehrer, Schulmanager, Eltern und die Bridge-Zentrale sollen einander rechenschaftspflichtig sein
  • Möglichst geringe Kosten sollen die Gebühren niedrig halten.

Bridge sei zuallererst den Eltern verantwortlich, erklärt Gründerin Shannon May. Deshalb habe sie Bridge nicht als NGO, sondern als Sozialunternehmen gegründet – als ein sozialen Zwecken verpflichtetes Unternehmen also, das Gewinne komplett reinvestiere und vor allem seinen Kunden, also den Eltern, Rechenschaft schulde.

Die Investoren

Um im großen Stil neue Grundschulen zu gründen, suchte sich Bridge so genannte Impact-Investoren: philanthropisch motivierte Investoren, die keinen finanziellen Gewinn für sich, sondern maximale soziale Wirkung erzielen wollen.

Einer der ersten Investoren bei Bridge war Ebay-Gründer Pierre Omidyar; später folgten Bill Gates, Mark Zuckerberg, die Weltbank sowie die Regierungen der USA und Großbritanniens. Langfristig will Bridge Gewinn erzielen, der dann in den Aufbau neuer Schulen fließt.

Die Schulgebühren: Ein Viertel eines Einkommens

Vorläufig will man zumindest nachhaltig arbeiten, also die laufenden Kosten selbst erwirtschaften – durch Schulgebühren, die die Eltern zahlen. 60 bis 80 Euro plus Uniform macht das pro Kind und Jahr. Für Janet Ngoge mit ihren drei Kindern ist das ein Viertel ihres Einkommens. Die müde wirkende Frau hat einen Stand in unmittelbarer Nachbarschaft der Bridge-Schule in Kingston. Auf einem offenen Feuer backt sie Chapati, Fladenbrot, das sie an Passanten verkauft. Die Schulgebühren überweist sie, wie alle Eltern, bargeldlos per Telefon. Die Ausgaben sind schmerzhaft, aber ihre Kinder sollten einmal die Chance haben, Pilot oder Ingenieur zu werden.

Die meisten Eltern von Bridge-Schülern sind Kleinstunternehmer oder Gelegenheitsarbeiter – ohne voraussehbares Einkommen. Ein krankes Kind, eine Preiserhöhung für Mais oder ein Unwetter können ihre Familie in eine wirtschaftliche Krise stürzen. Deshalb räumt Bridge Ratenzahlung ein; deshalb bezahlt die amerikanische NGO United we Reach etwa tausend Schülern landesweit die Gebühren und das tägliche Mittagessen.

Auch soziale und ethische Prinzipien werden an den Bridge-Schulen großgeschrieben. (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Auch soziale und ethische Prinzipien werden an den Bridge-Schulen großgeschrieben. SWR - Thomas Kruchem

Verstoß gegen Menschenrechte?

Wenn niemand die Gebühren bezahlt, muss das Kind jedoch die Schule verlassen. – Letztlich verletzten Gebühren für den Besuch der Grundschule das Menschenrecht auf Bildung armer Kinder, meint denn auch im deutschen Aachen Barbara Schirmel vom katholischen Hilfswerk Misereor, wo man auch die happigen Gebühren an kirchlichen Schulen für Arme mit Sorge betrachtet. Andererseits: Offiziell gibt es ja staatliche Schulen - nur wollen da immer weniger Eltern ihre Kinder hinschicken.

Es ginge anders, wenn Kenias Regierung die Privatschulen, die ja das staatliche Schulwesen entlasten, dafür bezahlen würde – ähnlich wie in Deutschland, wo private Schulen pro Schüler eine Pauschale vom Staat erhalten. Die privaten Schulen hätten dann geringere Eigenkosten und könnten den Unterricht günstiger oder gar kostenfrei anbieten.

Trotz der Widerstände expandiert Bridge weiter in Afrika: 63 Schulen betreibt das Unternehmen inzwischen in Uganda, 23 in Nigeria. Und im westafrikanischen Liberia hat Bridge, im Wettbewerb mit anderen Unternehmen, 70 staatliche Schulen übernommen. Die Gebühren zahlt Liberias Regierung.

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