Ayurvedische Heilpflanzen zur Behandlung von Augenkrankheiten in Sri Lanka (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Mehr als Stirngüsse und Massagen Ayurveda

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Von Peggy Fuhrmann

Ayurveda heißt: "Das Wissen vom Leben". Diese traditionelle indische Medizin wird auch von der WHO anerkannt. In Südasien wird Ayurveda seit 3000 Jahren eingesetzt.

Dauer

Ayurveda - die traditionelle indische Heilkunde findet in Deutschland immer mehr Anhänger. Viele reisen eigens für eine Behandlung nach Indien.
Wissenschaftliche Studien belegen ihre Wirkung: Ayurveda kann vor allem bei chronischen Krankheiten der Muskeln und Gelenke helfen - wie Rheuma oder Arthrose. Ebenso bei entzündlichen Darmerkrankungen und bei Leiden, die durch einen ungesunden Lebensstil mit verursacht werden - von Diabetes bis zu Erschöpfung.

Ayurveda an der Uniklinik Essen

Der indische Arzt Dr. Syal Kumar hat in seiner Heimat acht Jahre Schulmedizin und ayurvedische Medizin studiert, einige Jahre dort als Ayurveda-Arzt gearbeitet und kam dann nach Deutschland. Nun leitet er die Ayurveda-Abteilung in der Essener Klinik. Die typische Therapie sieht so aus:

  • Zu Beginn der Therapie erhält jeder Patient auf seinen individuellen Fall abgestimmte pflanzliche Medikamente sowie Empfehlungen für die Ernährung und für regelmäßige Aktivitäten wie Yoga, Tai Chi oder einen Ausdauersport.
  • Zwei bis vier Wochen nach Beginn dieser Therapie untersucht Syal Kumar den Patienten erneut. Bis dahin wurde erst mal der Stoffwechsel behandelt. Diese ambulante Therapie dauert meist einen Monat.
  • Danach folgt die intensive drei- bis vierwöchige Panchakarma-Kur – stationär oder in der Tagesklinik. In dieser Zeit nimmt der Patient weiterhin seine pflanzlichen Medikamente und erhält zusätzlich äußerliche Behandlungen. Das können je nach Diagnose verschiedene Arten von Massagen mit Heilkräuter-Ölen, Ölgüssen, Packungen oder Schwitzkuren sein.
Zwei Personen mit Einkaufskörben voller Gemüse und anderer vegetarischer Produkte. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Eine ayurvedische Behandlung beginnt mit der Umstellung der Ernährung Thinkstock -

Aktivierung der Selbstheilungskräfte

Diese Behandlungen lindern die Beschwerden und aktivieren die Selbstheilungskräfte. Sie dienen aber auch dazu, den Körper von toxischen Substanzen zu befreien die als Nebenprodukte ständiger Stoffwechselprozesse entstehen. Zwar scheidet der Organismus die meisten schädlichen Substanzen auf natürliche Weise aus, doch einige lagern sich im Körpergewebe ab und können Krankheiten begünstigen.

Die innerlich und äußerlich angewandten Arznei-Kräuter sollen solche schädlichen Substanzen aus den Geweben lösen und sie über den Verdauungstrakt aber auch über die Nase ausleiten. Dabei helfen pflanzliche Präparate zum Abführen, Einläufe und Nasenspülungen.

3000 verschiedene Heilpflanzen

Syal Kumar öffnet einen der Metallschränke, die in dem kleinen klimatisierten Raum stehen. In den Schrankfächern liegen Plastik-Päckchen mit unterschiedlichen Kräutermischungen. Syal Kumar zeigt auf die Inhaltsangabe eines der Päckchen: Eine lange Liste von Kräutern.

Ayurveda-Ärzte verwenden insgesamt etwa 3000 Heilpflanzen. Bis zu 80 verschiedene Kräuter nutzen sie für eine Behandlung. Neben den Kräuterpackungen stehen kleine Flaschen mit Öl in bräunlichen Tönen.

Auch hier steht auf dem Etikett eine lange Liste von Kräutern. Die Öle sind standardisiert. Jedes Öl enthält ganz bestimmte Arzneipflanzen und wirkt bei bestimmten Symptomen.

Ein Foto von einem Mann dessen Kopf aufgeschnitten ist und eine junge Frau auf dem Kopf Fitness Übungen macht. (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Wenn die Beschwerden nicht schon seit vielen Jahren bestehen, können bereits Lebensstilveränderungen, Heilpflanzen-Arzneien sowie einige äußerliche Anwendungen helfen Model Foto: Colourbox.de -

Vorsicht beim Einkauf von Ayurveda-Kräutern

Die Fettsäuren der Öle dienen als Transportvehikel, um die Kräuterwirkstoffe durch die Haut ins Körperinnere zu schleusen. Bei Stirnölgüssen oder Ölmassagen, die in Wellness-Hotels angeboten werden, verwenden die Masseure dagegen oft einfache Speiseöle wie Sesam- oder Sonnenblumenöl. Das sei keine ayurvedische Behandlung und könne sogar schaden, weil manche Menschen diese Öle nicht vertragen, warnt Syal Kumar.

Ärzte warnen davor, ayurvedische Arzneikräuter oder Kräuter-Öl-Mischungen bei irgendwelchen Anbietern im Internet zu kaufen. Denn Untersuchungen von Forschern der Universität Boston vor einigen Jahren haben gezeigt, dass solche Produkte teilweise hohe Rückstände von Pestiziden oder Schwermetallen enthielten.

Vor allem für chronische Erkrankungen

Die Abteilung für Ayurveda gehört zum Zentrum für Naturheilkunde des Essener Klinikums. Dessen Leiter Dr. Thomas Rampp und seine Kollegen arbeiten seit mehr als 15 Jahren mit europäischen Naturheilkunde-Methoden und chinesischer Medizin.

Auf die Idee, sich auch mit Ayurveda zu befassen, kam Thomas Rampp durch Reisen in Indien. Er besuchte Ayurveda-Kliniken und war beeindruckt von den Behandlungserfolgen. Schließlich probiert er es selbst aus und ist begeistert.

Thomas Rampp beschloss, Ayurveda auch in seiner Naturheilkunde-Klinik anzubieten. Vor allem chronisch kranke Menschen suchen hier Hilfe, denen die Schulmedizin kaum oder nur mit starken Medikamenten helfen kann.

Ayurveda-Massage in Bade Krozingen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ayurveda-Massage picture-alliance / dpa -

Mehr Lebensqualität

Naturheilmittel, die generell die Selbstheilungskräfte mobilisieren, wirken oft besser. Aber auch jedes Naturheilverfahren hat seine Grenzen. Ayurveda scheint eine Möglichkeit zu sein, dieses Wirkungsspektrum zu erweitern.

Besonders schwere Erkrankungen wie Parkinson und Multiple Sklerose – die bis heute als nicht heilbar gelten - lassen sich mit Ayurveda nicht heilen. Aber Ayurveda führt häufig bei den Patienten zu einer Besserung der Symptome und dadurch zu mehr Lebensqualität.

Selbst bei chronischen Rückenschmerzen, Darmerkrankungen und Migräne hilft Ayurveda oft gut, so die Erfahrung der Ärzte.

Nicht jeder Patient benötigt eine komplette Panchakarma-Kur. Wenn die Beschwerden nicht schon seit vielen Jahren bestehen oder weniger gravierend sind, können bereits Lebensstilveränderungen, Heilpflanzen-Arzneien sowie einige äußerliche Anwendungen helfen.

Ambulantes Ayurveda in Berlin

Auf solche ambulanten Ayurveda-Therapien haben sich die Mediziner des Naturheilkundezentrums am Berliner Immanuel-Krankenhaus spezialisiert. Andreas Michalsen, Professor für klinische Naturheilkunde an der Charité und Leiter der Naturheilkunde-Klinik, etablierte die Ayurveda-Abteilung in Berlin.

Ayurveda weckte auch seine wissenschaftliche Neugier. Die Ayurveda-Abteilungen in Berlin und Essen sind in Deutschland die einzigen, die zu Universitätskliniken gehören und in denen die Ärzte Ayurveda nicht nur anwenden, sondern auch erforschen. Denn Ayurveda beruht auf Jahrtausende langer Erfahrung, wurde aber bis vor kurzem kaum wissenschaftlich untersucht.

ältere Frau zieht die Beine bei einer Yoga-Übung an (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Jeder Mensch verfügt über eine individuelle Zusammensetzung der drei Doshas, wobei oft ein oder zwei Doshas vorherrschen Model Foto: Colourbox.de -

Ayurveda bedeutet übersetzt "Das Wissen vom Leben" und basiert auf einer differenzierten Theorie. Sie unterscheidet drei biologische Funktionsprinzipien des menschlichen Organismus, die "Doshas": Vata, Pitta und Kapha. Je nach Konstitutionstyp richten Ayurveda-Ärzte die jeweilige Therapie aus.

Ausführliche Anamnese

  • Vata steuert das Nervensystem, die Atmung und sämtliche Bewegungsabläufe im Körper.
  • Pitta regelt Stoffwechsel und Verdauung.
  • Kapha steht für Ruhe, Ausdauer und Immunkraft. Jeder Mensch verfügt über eine individuelle Zusammensetzung der drei Doshas, wobei oft ein oder zwei Doshas vorherrschen.

Gerät diese individuelle Dosha-Kombination aus der Balance, entwickeln sich Befindlichkeitsstörungen und Krankheiten. Welche das sind, hängt davon ab, welches Dosha gestört ist. Ayurveda-Ärzte erfassen diese Zusammenhänge mit einer ausführlichen Anamnese. Insofern handelt es sich um eine individualisierte Therapie.

Ein kostbares Fläschchen Argan-Öl, mit Argannüssen und einem schönen besticktem Tuch im Hintergrund (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die Fettsäuren der Öle dienen als Transportvehikel, um die Kräuterwirkstoffe durch die Haut ins Körperinnere zu schleusen Thinkstock -

Wirkung von Ayurveda belegt

Einige wissenschaftliche Untersuchungen belegen inzwischen die Wirkung von Ayurveda. In bestimmten Fällen lassen sich mit Küchenkräutern und Gewürzen ähnliche Effekte erzielen wie mit einer schulmedizinischen medikamentösen Therapie.

Auch die Mediziner am Berliner Immanuel-Krankenhaus erforschen Ayurveda. Gerade haben sie eine Studie mit Patienten beendet, die unter Kniearthrose leiden. Ergebnis: Ayurveda wirkte effektiver als die westliche Medizin. Die therapeutischen Effekte auf andere Krankheiten lasse sich noch nicht eindeutig beurteilen, schränkt Andreas Michalsen ein, weil die bisher untersuchten Patientengruppen zu klein sind.

Arthrose - Röntgenbilder vom Knie (Foto: © Colourbox.com -)
In einer Berliner Studie mit Knie-Arthrose-Patienten wirkte Ayurveda effektiver als die westliche Medizin © Colourbox.com -

Keine Übernahme durch Krankenkasse

Dennoch bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine dieser Behandlungen: Die Effekte seien noch nicht ausreichend erforscht.

Doch wegen des steigenden Interesses wächst auch der Bedarf an Therapeuten. Entsprechende Fortbildungsangebote für Ärzte gibt es inzwischen in Indien und auch in Deutschland – Syal Kumar leitet beispielsweise eine solche Zusatzausbildung in Essen. Doch leider hat längst nicht jeder, der sich Ayurveda-Therapeut nennt, eine seriöse Ausbildung absolviert.

Ayurveda hilft nicht nur Kranken. Auch wer seine Gesundheit bewahren will, kann von Ayurveda profitieren. Wichtig sind dafür regelmäßiger Stressabbau – etwa mit Hilfe von Yoga oder Achtsamkeitsübungen - und die Ernährung.

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