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„Mit großem oder kleinem N?“ – Ein Dauerbrenner unter den Fragen an die Musik des 20./21. Jahrhunderts, moderne, zeitgenössische Musik, Musik unserer/der Zeit, Musik der Gegenwart, JetztMusik, aktuelle oder akute Musik, Musik der Avantgarde oder wie auch immer man die innovativ-artifiziellen Kompositionen seit etwa 1910 nennen möchte. Übers klein-große N ist schon so manche Debatte entbrannt, mancher Stab gebrochen worden, mancher Redakteur und Leser verzweifelt. Beide Schreibweisen sind nahezu gleich häufig verteilt. Ob dabei immer eine spezielle ästhetische Richtung, ein Abgrenzungskonzept von dem jeweils anders geschriebenen impliziert und auch tatsächlich vorhanden ist, sei dahingestellt. Es müsste jeder Einzelfall gesondert bestimmt werden. Die Genauigkeit eines wissenschaftlichen Terminus besitzt der Begriff Neue bzw. neue Musik jedenfalls nicht.

1919 prägte der Musikwissenschaftler Paul Bekker den Begriff Neue Musik, mit dem er die „Erneuerung des verbrauchten musikalischen Materials und der Musikempfindung“ kennzeichnete, die ihm in damals aktuellen Werken von u. a. Arnold Schönberg begegnet waren. 1922 gründeten europäische Komponisten in Salzburg die „Internationale Gesellschaft für Neue Musik“ ; im Englischen heißt sie „International Society of Contemporary Music“ und im Französischen „Société Internationale pour la Musique Contemporaine“ – alle drei Sprachen sind die offiziellen der Gesellschaft. Also gab es schon seinerzeit zwar eine sprachliche, aber offensichtlich keine inhaltliche Differenz; das belegen auch andere Übersetzungsvergleiche. Zeitgenössische Musik oder moderne Musik oder Neue Musik oder neue Musik sind keine stabilen, konturenscharfen Begriffe. Sie und ihre Synonyma benennen vielmehr eine bemerkenswert vielfältige Kunstklangproduktion in den letzten hundert
Jahren, die sich vornehmlich aus dem Geist und der Tradition der Ernsten Musik speist – bislang jedenfalls. Denn die Übergänge zu arrivierten Formen der populären Musik – und umgekehrt von dieser zu denen der N/neuen Musik – sind zunehmend fließender
geworden. Und die Phänomene sind, wie so oft, den Begriffen weit voraus.

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