Eltern und Schüler sitzen in einem Klassenraum im Kreis. (Foto: dpa -)

SWR2 Wissen Albtraum Elternabend

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Klischee oder Realität?

Wenn Eltern und Lehrer aufeinandertreffen, fliegen oft die Fetzen. Dieses Szenario ist Stoff für Filme und Bücher. Dabei gibt es viele Beispiele, wie der Elternabend gelingt.

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Die publizistischen Kommentare zum Thema Elternabend kommen aktuell aufgerüstet daher: Klassenzimmer mutieren zu Schlachtfeldern, in Schulen werden angeblich Klassenkämpfe ausgetragen, für die Kontrahenten werden hilfsweise Grundkurse in Taktik und Waffenkunde angeboten, gern aber auch ein Survivaltraining für überforderte Eltern.

Survivaltraining fürs Schlachtfeld?

Wie in jedem Krieg gehe es auch auf dem ‚Schlachtfeld Elternabend‘ darum, neue Gebiete zu erobern und die Macht auszudehnen. Insbesondere, was die Gestaltung und Vermittlung des Unterrichts angeht, mit dem die Eltern eigentlich immer unzufrieden seien. Beide Parteien – Lehrer und sowie Eltern – sind offenbar davon überzeugt, dass sie für die richtige Ideologie einstehen. Weshalb auch für jede noch so kleine Winzigkeit bis zum bitteren Ende gekämpft wird, nur damit klar ist, wer der Profi ist, wenn es um die Aufzucht und Pflege der Kleinen geht. - Aber spiegelt dieses Szenario aus der aktuellen Literatur wirklich die Realität in deutschen Schulen?

Eltern bei einem Schulkonzert des Eduard-Spranger-Gymnasiums in Filderstadt. (Foto: Eduard-Spranger-Gymnasium -)
Am Erduard-Spranger-Gymnasium in Filderstadt bringen sich die Eltern oft konfliktfrei und konstruktiv ein - auch abseits des Elternabends. Eduard-Spranger-Gymnasium -

Am Eduard-Spranger-Gymnasium in Filderstadt und an der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule in Berlin-Moabit treffen die aktuell in den Medien auffindbaren Klischees nicht zu: Die Elternabende verlaufen vorwiegend friedlich. Die Eltern nehmen geduldig die ihnen vonseiten der Lehrer gelieferten Informationen auf. Selten sehen sie diskussionspotenzial. Und insgesamt finden auch nur wenige Eltern die Zeit, sich umfangreich in der Schule zu engagieren. Sie tun das dann durchaus konstruktiv. In beiden Schulen lassen sich die Eltern durch Lehrer und Elternvertretung gut mobilisieren und bringen sich, je nach von der Schule gewünschtem Maß, in das Schulleben ein. Die Lehrer haben die Erfahrung gemacht, aufkommende Meinungsverschiedenheiten und Konflikte in den meisten Fälle im Dialog auf Augenhöhe mit den Eltern lösen zu können.

Wertschätzung statt Militarisierung

Karin Jaeger, Klassenlehrerin an der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule, macht sich demnach auch vorrangig Sorgen um die Militarisierung der Debatte in den Medien, da ihre eigenen Erfahrungen dem zuwiderlaufen. Sie sieht keine gravierenden Probleme und hat Verständnis dafür, dass zwischen Eltern und Lehrern nicht immer alles harmonisch abläuft: Bei manchen Eltern muss man sich klar machen, deren eigene Schulzeit war nicht angenehm und es kommt mir manchmal so vor, als wenn die jetzt so ihre Revanche nehmen wollen und sich sowieso immer in der Defensive fühlen. Sie findet es essentiell, den Eltern mit Wertschätzung entgegenzutreten, um eine konstruktive Ebene zu finden.

Coaching für Eltern

Doch eines ist belegt und richtig, beschäftigen wir uns mit der Elternschaft heute: Postmoderne Eltern stehen unter extremem Stress, was Bildung und Ausbildung ihrer Kinder betrifft. Nicht wenige sind deshalb hoch-, manche sogar übermotiviert, auf die Erziehung und Bildung ihrer Kinder in der Schule Einfluss zu nehmen – sie wollen stets alles richtig machen.

Kind spielt Lernspiel auf Tablet. (Foto: dpa -)
Elternkurse, Kinderlernspiele - parallele Lern- und Informationsangebote außerhalb der Schule sind nicht immer sinnvoll. dpa -

Daher greifen sie zuweilen auch gerne auf Fortbildungsangebote für Eltern ebenso wie auf zusätzliche, wenn auch oft spielerische Lernangebote für ihre Kinder zurück. Und es lässt sich durchaus diskutieren, ob und in welchem Maß diese Angebote einen Mehrwert bringen.

Konstruktiver Umgang mit Konflikten

Der Filderstädter Klassenlehrer Stephan Mayer betrachtet beispielsweise Angebote privater Firmen zum Coaching von Eltern für das Schulleben mit Skepsis. Die Eltern müssten sich nicht in solchen Angeboten auf Elternabende vorbereiten, es reiche völlig aus, die Tagesordnung zu lesen. Er führt aus: Ich finde, das geht auch so ein bisschen gegen das Miteinander. Also wir arbeiten auf dem Elternabend nicht gegeneinander, sondern beide Seiten haben eigentlich das Wohl der Kinder im Kopf.

Eine Gruppe Schulkinder schart sich um ein SWR-Mikrofon. Ein Mädchen spricht grinsend ins Mikro. (Foto: Detlef Berentzen -)
Kinder brauchen vor allem eins: entspannte Eltern, die sie interessiert begleiten! Detlef Berentzen -

Elke Gryglewski, selbst Mutter von drei Kindern und langjährige Elternvertreterin, betont zu Recht die Wichtigkeit von Partizipation und Zusammenarbeit in der Schule. Für sie ist das System Schule vor allen Dingen in Deutschland dazu da, Defizite zu erkennen oder zu entlarven und zwar Defizite nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern, sondern auch Defizite bei den Lehrkräften und auch Defizite bei den Eltern. Und ich glaube, sich das zu vergegenwärtigen ist total wichtig, um zu sehen, wie kann man konstruktiv mit Konflikten umgehen, wie kann man konstruktiv mit gemeinsamen Herausforderungen umgehen? Es geht hier also um Prozesse des gemeinsamen Lernens und des demokratischen Austausches, für den alle Parteien gebraucht werden - groß und klein.

Die aktuelle, mediale Rezeption des Schullebens sollten Eltern also gelassen hinnehmen. In der schulischen Zusammenarbeit gilt vor allem eins: Ruhe bewahren!

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