Ein älteres Ehepaar beim surfen im Internet (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Chancen für Ältere 55 plus im Job

SWR2 Wissen. Von Silvia Plahl

Ältere Mitarbeiter warten nur noch sehnsüchtig auf die Rente – Das ist ein hartnäckiges Klischee. Denn viele wollen gerne länger arbeiten, wenn die Umstände stimmen.

Dauer

Viele Unternehmen werben gezielt Arbeitskräfte 55 plus an, und zwar nicht nur die fehlenden Ingenieure, sondern erfahrene motivierte Arbeitskräfte in verschiedenen Branchen, zum Beispiel auch im IT-Bereich. Wie sieht ein guter Arbeitsplatz aus, ein Arbeitsplatz, der ihnen einen stressfreien, selbstbewussten und selbstbestimmten Weg bis zum Rentenalter oder darüber hinaus ermöglicht?

Beruflich engagiert im Alter

Die Zahl der älteren Erwerbstätigen in Deutschland steigt. Im Jahrbuch 2016 des Statistischen Bundesamtes heißt es, dass 2005 rund 45 Prozent der 55- bis 65-Jährigen erwerbstätig waren, 2015 arbeiteten dagegen bereits rund 66 Prozent der Frauen und Männer dieser Altersgruppe. Und der Anteil der ‚älteren arbeitenden Bevölkerung‘ wird weiter wachsen.

Politik und Wirtschaft versuchen bereits, die Älteren möglichst lange im Berufsleben zu halten. Weil deren Arbeitskraft gebraucht wird und um das deutsche Rentensystem nicht zum Einsturz zu bringen. Wie aber wollen Ältere selbst ihre 'letzten Arbeitsjahre' verbringen? Je nach Gesundheitszustand rechtzeitig, vielleicht auch frühzeitig aussteigen, ohne in Altersarmut zu geraten. Oder einigermaßen fit noch weitermachen bis zum offiziellen Renteneintritt. Oder aber sich noch einmal weiter entwickeln, sich umorientieren oder gar neu starten und womöglich bis über das eigentliche Rentenalter hinaus beruflich engagiert sein.

älterer Mann am Rechner (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Politik und Wirtschaft versuchen, die Beschäftigten so lange wie möglich in den Betrieben zu halten. © JupiterImages Corporation -

Ein Leben in Arbeit

Der Arbeitswissenschaftler und Arbeitsmediziner Hans Martin Hasselhorn, Professor an der Universität Wuppertal erklärt: „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen nicht nur darüber nachdenken, wie lange sie arbeiten müssen, sondern dass sie sich fragen, wie lange sie arbeiten wollen. Das wird eine Schlüsselfrage sein für die Zukunft: Wie will ich arbeiten?“

Hans Martin Hasselhorn befragt als Leiter der Studie LidA „Leben in der Arbeit“ alle drei Jahre Erwerbstätige der Jahrgänge 1959 und 1965. Aus diesen Interviews filterten die Wuppertaler Wissenschaftler elf große Einflussfaktoren heraus, die das „Leben in der Arbeit“ prägen: Dazu gehören der Arbeitsmarkt und die Arbeit selbst, ihre Organisation und ihr Inhalt. Aber auch das private Umfeld, der soziale Status, der Lebensstil und die Gesundheit spielen eine Rolle. Hinzu kommen noch der persönliche Verdienst und die staatliche Gesetzgebung – und dieses Faktoren-Paket beeinflusst dann letztlich die Entscheidung, wann eine Person das Erwerbsleben verlässt. Hasselhorn nennt es das „Leben-in-der-Arbeit-Denkmodell“.

Die Arbeitskraft älterer Personen wird in vielen Sparten noch gebraucht (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Die Arbeitskraft älterer Personen wird in vielen Sparten noch gebraucht Foto: Colourbox.de -

Job-Rotationen können helfen, die Beschäftigten zu motivieren

Auch das Prinzip der Arbeits-Rotation, also der Wechsel von einzelnen Arbeitsinhalten, wird deutschlandweit in verschiedenen Unternehmen erprobt. Das kann innerhalb einer Schicht in einer Fabrik bedeuten: Die Belegschaft wechselt durch unterschiedliche Tätigkeiten die Bewegungen und wird damit nicht nur einseitig belastet. In Rotationen muss oft teuer investiert werden. Ihre Einführung ist langwierig und sie stößt auch vielerorts auf Widerstand.

Ein Nürnberger Institut definierte vor kurzem im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums die besonderen Herausforderungen einer Job-Rotation in der herstellenden Industrie: Insgesamt müssten körperliche und geistige Anforderungen laufend wechseln. Michael Falkenstein ist emeritierter Professor und gelernter Mediziner, Psychologe und Ingenieur. Er leitet das Bochumer „Institut für Arbeiten, Lernen und Altern“ und kümmert sich um die Gedächtnisleistung der Älteren. Er erklärt: „Das Rotieren hilft nicht nur dabei, gesund zu bleiben, es macht produktiver und unterstützt die Beschäftigten dabei, dazuzulernen.“

Ein Rentner trägt Zeitung aus (Foto: picture-alliance / dpa -)
Nur ein Job zum Geld verdienen? picture-alliance / dpa -

Zu viel Routine im Job

Für Michael Falkenstein sind kognitiv geforderte Menschen motivierter bei der Arbeit, und auch dies diene der Gesunderhaltung. Er schätzt aber, dass mehr als zwei Drittel der deutschen Berufstätigen in diesem Punkt durch zu viel Routine im Job benachteiligt sind. Das daraus folgende Pauschalurteil, dass Ältere oft das Interesse am Neuen verlieren, lässt der Biopsychologe so nicht stehen.

Zur Unterstützung der Lernmotivation und als 'Gegenmittel' zum monotonen Arbeiten entwickelte das Team um Michael Falkenstein das Gehirn-Training „Pfiff“. 120 Beschäftigte der Autofirma Opel trainierten zweimal die Woche mit Computerspielen für schnellere Informationsverarbeitung, mehr Aufmerksamkeit und besseres räumliches Denken. Michael Falkenstein berichtet: „Die Funktionen, die vorher tatsächlich schlechter waren werden wieder besser."

Die Hirnleistung muss trainiert werden, um geistig fit zu bleiben

Allerdings gilt für die Hirnleistung: Nur wer weiter sinnvoll trainiert, hält sich weiterhin fit. Kognitive Herausforderungen können dabei helfen, insgesamt geistig gesund zu bleiben. Das kann auch bedeuten, dass man im Beruf besser, leichter und stressfreier seine Aufgaben erledigt und in der Lage ist, auftretende Probleme zu bewältigen.

Wer in den eigenen Stärken gefördert wird, benötigt ein eigenes Weiterbildungsprofil. Oder die Chance, auch in höherem Alter noch den Beruf zu wechseln. Hierauf haben einige Arbeitgeber schon reagiert. Eine Bank bietet die „Ausbildung 50plus“ zu Bankassistenten an – eine Bäckerei die interne Qualifizierung zur Fachkraft für Backkultur. Manche Überfünfzig-Jährige starten noch ein Studium.

Doch eine Studie des Bundesarbeitsministerium von 2016 hat gezeigt, dass die Mehrheit der Arbeitenden das lebenslange Lernen auch als Druck empfinden. Die einen, weil sie denken, den künftigen Anforderungen nicht zu genügen. Die anderen, weil sie befürchten, dass Weiterbildung den Konkurrenzkampf erhöht. Es geht also darum, in der Arbeitswelt von morgen das persönliche Stresslevel auszubalancieren, bei allen Beteiligten in allen Branchen und in jeder Hinsicht.

Ein älterer Herr und ein Jugendlicher arbeiten gemeinsam in einer Werkstatt. (Foto: Robert Bosch Stiftung/ Traube 47 -)
Von der "Seniorenförderung" profitiert auch immer die jüngere Belegschaft. Robert Bosch Stiftung/ Traube 47 -

Davon profitieren alle. Überhaupt ist ein guter Arbeitsplatz für Ältere immer auch eine Investition in die Jüngeren der Belegschaft. Es solle nicht der Fehler gemacht werden, eine reine Seniorenpolitik zu betreiben, empfahl die Akademiegruppe „Altern in Deutschland“ bereits 2009 in ihrem Buch „Gewonnene Jahre“. Politik für Alte – Age Management – müsse sich immer auf den ganzen Lebenslauf richten. Die wichtigste Bindung an den Betrieb aber entsteht durch Wertschätzung und Anerkennung. Auch das ist schon länger bekannt.

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