SWR Interview der Woche Luisa Neubauer, deutsche Klimaschutz-Aktivistin

im Gespräch mit Christopher Jähnert

Klima-Aktivistin Luisa Neubauer: Hass „fühlt sich natürlich nicht gut an“

Dauer

Beim Klimaschutz „eine beeindruckende Untätigkeit“

Die Klima-Proteste der Schüler sieht Neubauer noch lange nicht am Ende: „Wir sehen gerade eine beeindruckende Untätigkeit der Menschen, die für unsere Zukunft Verantwortung tragen. Und solange wir da keine Änderung sehen, werden wir auch nicht aufhören.“

Voraussetzung dafür, dass die Proteste aufhören könnten, seien Pläne und Gesetze, die konkret genug seien, dass es keinen Weg mehr daran vorbei gebe. Das sei aber in den letzten 20 Jahren nicht erkennbar gewesen. Da hätte man gesehen, „dass da ganz viel Wille da ist, den roten Teppich vor Industrievertreterinnen und -vertretern auszurollen. Da ist anscheinend eine große Feigheit im Raum, sich den echten großen Fragen zu stellen mit allen Konsequenzen.“

„Ich denke auch, dass wir in die Schule gehen sollen“

Die Aufforderung mehrerer Politiker, die Schulpflicht einzuhalten statt freitags zu streiken, kontert die 22-Jährige so: "Ich denke auch, dass wir freitags in die Schule gehen sollen oder in meinem Fall meine Bachelor-Arbeit schreiben sollten. Ich denke aber auch, dass die Regierung sich um unsere Zukunft kümmern soll."

In diesem Kontext kündigt Neubauer einen weiteren großen Protest für den 24. Mai an, „wenn wir die Europawahl zur Klimawahl machen werden und massivst auf die Straßen gehen in ganz Europa, um direkt vor den Wahlen allen Parteien richtig Angst zu machen.“

Luisa Neubauer im SWR-Studio (Foto: SWR, SWR - Redaktion)
Luisa Neubauer im Interview mit Christopher Jähnert SWR - Redaktion

Kritik: Generationengerechtigkeit mangelhaft

Ein weiterer Vorwurf an die Politik lautet, die Generationengerechtigkeit zu missachten. „Grundsätzlich sollte das ja so funktionieren, dass Menschen, die in Verantwortungspositionen stehen, junge Generationen mitdenken. Und was passiert, ist, dass diese Stimmen und Bedürfnisse der jungen Generation massiv überschattet werden von Wirtschafts- und Lobbyinteressen.“ Sie bezieht das auch auf allgemeine Fragen ihrer Generation.

Angesprochen darauf, was ihr durch den Kopf gehe, wenn sie an ihre Rente denke: „Ehrlich gesagt ist die Rente beeindruckend weit entfernt. Was muss denn passieren, damit ich überhaupt irgendwann mal hier alt werden kann? Und da müssen wir uns ja wieder mit den ökologischen Fragen beschäftigen. Und auch mit den Fragen überhaupt, ob es noch verantwortungsvoll ist zum Beispiel für meine Generation Kinder zu bekommen. Das ist ein ganz gruseliges Gedankenspiel.“

Altmaier: Gefährlich, was er tut

Neubauer kritisiert in diesem Zusammenhang Äußerungen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: „Wir tun so, als wäre es gerade ein Trade-off, ob man die Zukunft der Jungen erhält oder die Rente der Alten oder den Wohlstand, wie das Herr Altmaier so formuliert. Und das ist ganz gefährlich. Da mache ich vielen Menschen, auch unter anderem Herrn Altmaier, große Vorwürfe, dass er emotional beladene Worte nimmt und so tut, als müsste man sich entscheiden, wem man einen Gefallen tun kann.“

Keine Zeit für Christian Lindner

Die Kritik von FDP-Chef Christian Lindner, Klimaschutz sei etwas für Profis, kontert Neubauer so: "Ich nehme mir für viele Dinge und Meinungen gerne Zeit aber nicht für Christian Lindner.“ Interessant sei das Statement vor allem im Kontext von „Scientists for future“, in dessen Rahmen sich mittlerweile rund 23.000 Wissenschaftler (Stand. 15.3.19) hinter die protestierenden Schüler gestellt haben. Das habe Lindner im Zweifel sehr lächerlich gemacht, meint Neubauer. Aber auch unterstrichen, „dass er keinen blassen Schimmer hat, was gerade passiert und sehr fraglich ist, warum man in einer relevanten Position ist mit so einer ignoranten Einstellung.“

Hass „fühlt sich natürlich nicht gut an“

Seit Beginn der Proteste steht Neubauer immer wieder im Zentrum von Kritik und Beleidigungen. Das fühle sich natürlich nicht gut an, meint sie: „Gleichzeitig ist es ja paradoxerweise angenehm digital. Also wenn ich keine Zeit damit verbringen möchte, mir Hate-Kommentare durchzulesen, da kann ich es einfach bleiben lassen. Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, die mich kategorisch blöd finden - egal, was ich tue oder lasse. Und mit der Feststellung lässt es sich deutlich leichter leben.“

„Natürlich bin ich schon mal geflogen“

Auch Kritik von Publizisten und der AfD, sie sei ein schlechtes Vorbild, weil sie bislang viel mit dem Flugzeug unterwegs gewesen sei, kontert Neubauer: „Natürlich bin ich schon mal geflogen. Das ist auch gar nichts, was ich verheimlichen möchte. Und gleichzeitig wird da ja eine Liste an Flugzielen aufgelistet, zu denen ich überhaupt nie geflogen bin. (…) Natürlich mittlerweile habe ich dazu gelernt und fliege deutlich weniger oder fast nie, ernähre mich vegan, um meinen persönlichen CO2-Fußabdruck zu minimieren und kompensiere, was ich kompensieren kann.“

Gleichzeitig kritisiert Neubauer beispielsweise den Spiegel-Kolumnisten Jan Fleischhauer: „Ein Leben lang wird jungen Frauen gesagt, achtet bei Instagram darauf, das ist nicht die Wirklichkeit und das ist alles geschniegelt. Und jetzt sind die ganzen alten Herren, die sich darüber echauffieren dieser Tage genau darauf reingefallen ein Stück weit.“

AfD kann gerne recherchieren

Auch die AfD, deren Politiker Dirk Spaniel gegenüber dem SWR angab, seine Partei recherchiere über sie, wird angesprochen: „Wenn die damit ihre Zeit verbringen wollen, vielleicht lesen sie dann ja auch mal zwei Zeilen weiter und befassen sich ein bisschen mit der Materie. (…) Ich persönlich bin in der privilegierten Situation, mit einem beeindruckend starken Team um mich herum zu arbeiten, (…) die uns auch (…) in juristischen Fällen helfen können. Das heißt, sollte die AfD doch nochmal weiter vorgehen wollen, denke ich, sind wir da gut gewappnet.“

„Vergleich mit Greta hinkt“

Luisa Neubauer wird oft als deutsche Greta Thunberg bezeichnet - die schwedische Schülerin hatte die Schülerstreiks fürs Klima initiiert. Der Vergleich nervt Neubauer nicht, sie findet ihn aber unpassend: „Was Greta macht, ist großartig, aber halt auch einzigartig. Und was wir hier, nicht nur ich alleine, sondern viele, viele Menschen in Deutschland, gemeinsam auf die Beine stellen, ist relativ weit entfernt von dem, was Greta macht tatsächlich.“

„Das ist kein normales Leben“

Der Trubel um sie sei eine Ausnamesituation, so die 22-Jährige. "Natürlich hat sich ganz viel für mich verändert in den letzten Monaten und ich bin immer öfter tatsächlich irgendwie mit irgendwelchen Kamerateams unterwegs. Das ist, glaube ich aber kein normales Leben jetzt." Zum SWR Interview der Woche erschien Neubauer mit zwei Kamerateams, eines davon vom australischen Fernsehen.

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