Luthers Lieder im Interview 9 Nun freut euch, liebe Christen g'mein

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Einmal im Monat stellen wir ihnen in diesem Jahr jeweils ein Luther-Lied vor. Und das machen wir, indem wir das Lied einfach ins Studio eingeladen haben. Heute geht es um Luthers "Nun freut euch, liebe Christen g'mein"

Luthers Vorstellungen von einer reformierten Kirche finden sich natürlich auch jenseits von Eingangstüren, nämlich in zahlreichen seiner Lieder wieder. Und bei manchen davon wird man das Gefühl nicht los, dass sie sogar ein paar autobiografische Züge tragen. Ich begrüße ganz herzlich im SWR2-Studio das Lied "Nun freut euch, lieben Christen g'mein". Und ihrem Strahlen im Gesicht entnehme ich, dass sie doch sicher ein fröhliches Lied sind, oder?
Lied ""Nun freut euch, liebe Christen g'mein": Na sicher! Sieht man mir das wirklich an?


Ja, doch.
Ach, schön!

Freude, Lust und Liebe, süße Wundertat - das sind alles Begriffe aus ihrer ersten Strophe. Warum dieser verbale Blumenstrauß gleich zu Beginn?
Mein Dichter Martin Luther freut sich eben darüber, dass Gott uns in Form von Jesus Christus erlöst hat. Darum geht es in meiner ersten Strophe. Schließlich sollte das größte Ereignis der Heils- und Weltgeschichte ja auch angemessen bejubelt werden!

Beim Jubeln bleibt es allerdings nicht: schon in Strophe zwei verdüstert sich der Himmel: "Dem Teufel ich gefangen lag" heißt es da unter anderem und dann folgen Hölle, Tod und Sünde. Spricht da nicht der Reformator Martin Luther selbst aus seiner eigenen Erfahrung? Ihm soll ja schließlich auf der Wartburg der Teufel erschienen sein...
Ach, da schneiden sie ein Thema an...Sie wollen bestimmt, dass ich Ihnen verrate, ob in meinen lyrisches tatsächlich Luther selbst zu Ihnen spricht. Das bleibt aber mein Geheimnis. Vielleicht ist es Luther selbst- aber es kann natürlich auch jeder Christ sein, der erst einmal durch Schattenseiten des Lebens zu Gott und seiner Barmherzigkeit finden muss. Denn erst dann kann man sich ja so richtig über die Erlösung freuen. Und wer von uns ist schon gänzlich frei von Sünden?

Der, der den richtigen Zettel in der Hand hat ...
Ja, genau diesen Ablasshandel von damals wollte Luther ja abschaffen! Die Sünde vergibt nämlich nicht die Kirche nach Zahlung einer entsprechenden Gebühr, sondern nur Gott allein! Das war ja eine der Kernforderungen Luthers für eine Reform der Kirche. Das war ja den Kirchenoberen so gar nicht recht: da hätten sie schließlich auf ihre goldenen Badewannen verzichten müssen!

Ich glaube ich weiß, an wen sie gerade denken. Wir sind ja jetzt schon mitten drin in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit. Luther hat ihren Text ja sechs Jahre nach dem berühmten Thesenanschlag gedichtet. Liegt es da nicht nahe, dass er auch mal über sein eigenes Tun und Handeln, vielleicht auch kritisch, nachdenkt?
Das wird er sicherlich getan haben. Aber vor allem wollte er seine Botschaft verkündet wissen. Die Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg waren ja auch schnell wieder entfernt, aber solche Lieder wie z.B. meine Wenigkeit…Wir prägen uns ein!
Die evangelischen Christen können uns ja noch heute auswendig singen - oder zumindest manche können das. Ich bin also quasi das Medium der elementaren, protestantisch-christlichen Botschaft: ich zeige den wahren Weg zur Erlösung auf...

Da sind wir ja schon bei ihren letzten Strophen: Himmel, Geist, Vater, Weisheit, Reich Gottes, Lob und Ehre - das sind ein paar Stichworte daraus. Worum geht es da?
Na, da war ich doch gerade stehen geblieben, bevor sie mich unterbrochen haben: durch Jesus Christus wird der Mensch von der Sünde befreit und gelangt in das Reich Gottes. Und die Christen sollen Gott dafür loben, dass er seinen Sohn auf die Erde geschickt hat.

Wo stammt denn eigentlich ihre Melodie her. Oder müsste ich nicht korrekterweise sagen: ihre Melodien?
Ja, ich habe zwei. Beide sind im so genannten Achtliederbuch von 1524 abgedruckt. Die erste stammt von Johann Walter und passt ganz wunderbar zu einem echten reformatorischen Tanz- und Erzähllied. Die zweite steht gleich dahinter: Luther selbst hat sie erfunden und sie wird auch heute noch im Gottesdienst gesungen.

Zwei Melodien wohnen, ach! in meiner Brust. Wie gehen sie als Lied damit um?
*g* Mir gefallen die eigentlich beide sehr gut. Walters Version ist eben mehr für die Straße, die Wirtshäuser geeignet. Die kann man sich sehr leicht merken und sogar darauf tanzen! Und Luthers Variante ist vielleicht die etwas edlere, so im typischen Choralstil geschrieben. Beide Melodien sind aber schließlich nur Mittel zum Zweck: sie dienen Luther ja allein dafür, seine Botschaft nicht nur über den Kopf, sondern auch das Gefühl zu vermitteln.

Fühlen sie sich denn dann mehr als Kirchenlied oder als Volkslied?
Hmmmm.... Also eigentlich bin ich beides: vielleicht von der Form her eher Volkslied, aber vom Inhalt her eindeutig ein flammendes Plädoyer für die Grundwerte der Reformation. Und damit gehöre ich natürlich nicht nur auf die Straße, sondern auch genauso gut in den Gottesdienst.

Dann möchte ich sie aber noch fragen: in welcher Form, in welcher Version oder welchem Arrangement fühlen sie sich denn am wohlsten?
Uff, sie stellen ja schwierige Fragen ... Sagen wir mal so: ich fühle mich überall dort wohl, wo man mich mit wahrer Begeisterung singt. Und in welcher Form ist mir dabei eigentlich ziemlich egal.

Ok, vielen Dank schon einmal. Dann möchte ich sie in einer wirklich tanzbaren Version anspielen. Wir hören das Ensemble The Playfords mit ihrer Version von "Nun freut euch, lieben Christen g'mein". Und die Musiker stützen sich dabei natürlich Johann Walters Melodie.

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