SWR2 Lesenswert Kritik Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats

Von Angela Gutzeit

Mit spitzer Feder und viel Witz schreibt Margarete Stokowski gegen Sexismus. Ihre feministischen Zeitungskolumnen bringen nicht nur regelmäßig Leser, sondern auch Kollegen auf die Palme. In ihrem neuen Buch "Die letzten Tage des Patriarchats" hat sie ihre besten Texte versammelt.

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Seit rund sieben Jahren nimmt die engagierte Feministin Margarete Stokowski in ihren Essays und Kolumnen mit Witz, Verve und geschliffen scharfen Formulierungen Sexismus, Frauenverachtung und rechtsextremen Ungeist aufs Korn. Zuerst bei der TAZ, seit drei Jahren bei Spiegel Online.

Haufenweise Hasskommentare

Eine spitze Feder zu führen, gefährdet in Deutschland bislang nicht Leib und Leben. Aber es ist besorgniserregend, dass Stokowski als Reaktion auf ihre Beiträge nicht nur haufenweise beleidigende Zuschriften, sondern auch Gewalt- und Mordandrohungen erhält.

Zynischerweise, so schreibt sie im Vorwort ihres Buches „Die letzten Tage des Patriarchats“, würden die meisten Gewaltandrohungen nach Texten über sexualisierte Gewalt gegen Frauen kommen, dicht gefolgt von Migrationsthemen. Stokowski nimmt es gelassen.

Eine Auswahl ihrer Kolumnen und Essays hat Margarete Stokowski für dieses Buch überarbeitet. Aus dem reichen Fundus aufgebrachter Leserkommentare – die meisten kommen von Männern – hat sie einige ausgewählt und ihren Texten angehängt.

Konfrontation mit Kollegen

Stokowski liebt das offene Wort und die konfrontative Auseinandersetzung, die ihr manchmal vielleicht etwas zu krawallig gerät. Aber in der Regel glänzt sie mit argumentativ klugen Schachzügen.

Dabei scheut die 32-jährige nicht den Zusammenprall mit gestandenen Journalisten-Kollegen. So attackierte sie in Spiegel Online im April 2018 den ZEIT-Redakteur Jens Jessen scharf. „Der Reichsbürger der #Metoo-Bewegung“ - so der Titel ihrer Replik auf Jessens Artikel „Der bedrohte Mann“.

Was sie auf die Palme brachte, war Jessens Satz: „Das System der feministischen Rhetorik folgt dem Schema des bolschewistischen Schauprozesses, nur dass die Klassenzugehörigkeit durch die Geschlechterzugehörigkeit ersetzt ist.“

Stokowski kontert: „…so wie die ‚Reichsbürger‘ in einem Phantasiestaat leben, in dem die Gesetze der Bundesrepublik nicht gelten, sieht sich Jessen offenbar einem System ausgesetzt, in dem der ‚allgemeine Geschlechterkampf‘ tobt (…) Da muss man ganz unten ansetzen.“

Erfrischend facettenreich

Stokowski bewegt sich in ihrer Textsammlung überwiegend auf dem Feld des Feminismus und der Geschlechterdebatte. Langweilig, weil vielleicht zu einseitig, wird die Lektüre dabei aber nicht.

Die Autorin Margarete Stokowski auf der Frankfurter Buchmesse 2018 (Foto: dpa/picture alliance -)
Die Autorin Margarete Stokowski auf der Frankfurter Buchmesse 2018 dpa/picture alliance -

Stokowskis Perspektive ist erfrischend facettenreich. Sie beschäftigt sich mit Ehegatten-Splitting, mit feministischen Sprüchen auf den Billig-T-Shirts von H&M, mit Frauenzeitschriften und mit Körperkult.

Wenn Frauen anderen Frauen ans Bein pinkeln

Sie schont auch keineswegs die eigenen Geschlechtsgenossinnen, wenn sie sich beispielsweise über Frauen beschwert, die in Talkshows weibliche Benachteiligungen oder sexistische Übergriffe kleinreden. „Sie pinkeln im Scheinwerferlicht einer riesigen Menge von Frauen ans Bein“, so ihr trockener Kommentar.

Margarete Stokowski provoziert. Aber schließlich gehöre es zum Wesen des Feminismus, zu weit zu gehen, schreibt sie. Wie man auch immer zu Stokowskis Texten steht, sie sind auf jeden Fall diskussionswürdig und darüber hinaus sehr unterhaltsam.

„Die letzten Tage des Patriarchats“ von Margarete Stochowski erschien bei Rowohlt. Es hat 319 Seiten und kostet 20 Euro.

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