"Unheimliches Tal" von Stefan Kaegi und Thomas Melle in München Theaterstück für Avatar

"Unheimliches Tal" von Stefan Kaegi und Thomas Melle in München Theaterstück für Avatar

Roboterkopf und Hand in Kiste (Foto: Münchner Kammerspiele - © Dorothea Tuch)
Von Christoph LeiboldIn „Unheimliches Tal/Uncanny Valley“ stellt Stefan Kaegi einen Avatar mit 32 Motoren auf die Bühne. Der gleicht bis aufs Haar dem Schriftsteller Thomas Melle. Dabei fragt Kaegi nicht nur nach der Menschlichkeit, die noch bleibt, wenn uns makellose Maschinen immer ähnlicher werden. Es geht auch um die gesellschaftlichen Mechanismen, von denen wir uns steuern lassen, als wären wir Roboter. So entsteht ein unheimlicher und unheimlich guter Theaterabend. Münchner Kammerspiele - © Dorothea Tuch
Er verspricht sich auch schon mal, dieser Thomas-Melle-Avatar auf der Bühne, wie man das von einem Menschen, aber doch eigentlich nicht von einer Maschine erwartet. Aber klar, auch wenn es erstmal paradox klingt: das Unperfekte gehört ja unbedingt dazu, soll die Simulation menschlichen Lebens perfekt sein. Münchner Kammerspiele - © Stefan Kaegi
„Uncanny Valley“, zu Deutsch übersetzt als „Unheimliches Tal“ oder auch Gruselgraben, ist ein Begriff aus der Robotik. Er bezeichnet eine Akzeptanz-Lücke: Je ähnlicher ein Roboter den Menschen wird, desto größer, so zeigt die Erfahrung, ist die Ablehnung, auf die er stößt. Eine Lücke, die sich erst dann wieder schließt, wenn sich Mensch und Maschine rein gar nicht mehr voneinander unterscheiden lassen. Münchner Kammerspiele - © Dorothea Tuch
Für „Uncanny Valley“ wurde eine lebensechte Kopie des Schriftstellers Thomas Melle gebaut. Sein Gesicht: ein Silikonabguss, die Frisur buchstäblich haargenau vom Perückenmacher gefertigt. Im Innern steuern 32 Motoren Gestik und Minenspiel. Videoaufnahmen vom Herstellungsprozesses werden im Laufe des Theaterabends auf einer Leinwand gezeigt. Daneben sitzt auf einem Sessel der Roboter, reglos anfangs im Halbdunkel. Als er mit dem Scheinwerferlicht zum Leben erwacht, langsam dem Kopf hebt, die Augen öffnet und erste Laute von sich gibt – das ist tatsächlich unheimlich. Münchner Kammerspiele - © Gabriela Neeb
Doch dieser Gruseleffekt verliert sich rasch. Man hört die Motoren surren, und die Bewegungen des Avatars sind zu eckig, als dass seine Menschenähnlichkeit wirklich bedrohlich werden könnte. Doch das ist auch keineswegs das Entscheidende an diesem überaus klugen Theaterabend. Der Melle-Maschine fehlt ohnehin die Schädeldecke am Hinterkopf, so dass das Publikum ihr in den Drahtverhau des Computerhirns blicken kann. Münchner Kammerspiele - © Gabriela Neeb
Erst Fehler machen den Menschen echt. Die Frage nach der Authentizität ist eine, die Stefan Kaegi, Mastermind hinter diesem Abend, schon lange umtreibt. Als Mitglied des Regie-Kollektivs Rimini Protokoll hat er regelmäßig vermeintlich authentische Laien auf die Bühne gestellt. Also keine Schauspieler, die so tun als ob. Sondern so genannte Experten des Alltags, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse auf der Bühne mit dem Publikum teilen. Und doch spielten stets auch diese Menschen – keine klassischen Rollen, aber: Versionen ihrer selbst. imago -
Der Schriftsteller Thomas Melle wiederum hat in seinem Roman „Die Welt im Rücken“ über die eigene bipolare Störung geschrieben und dabei ebenfalls ein fiktionales Ich geschaffen. Der Melle im Roman ist eine Kopie des Autors, nicht das Original. In Interviews über das Buch hat er festgestellt, wie er immer öfter gleiche Antworten gab. So wurde er zum Abziehbild seiner selbst, vergleichbar mit seinem Avatar auf der Bühne, der nun von all dem erzählt. Münchner Kammerspiele - © Dorothea Tuch
Welche Mechanismen, welche Konventionen steuern uns? Welche Rollen spielen wir auf Grund gesellschaftlicher und kultureller Prägungen mit nahezu roboterhafter Zuverlässigkeit? „Uncanny Valley“ wirft ein paar unbequeme Fragen auf und setzt ein dickes Fragezeichen hinter das, was wir für unsere Individualität halten. Münchner Kammerspiele - © Stefan Kaegi
Das ist in der Tat unheimlich. Und macht diese Aufführung: unheimlich gut. Weshalb wir am Ende kräftig klatschen. Natürlich. Als Theaterzuschauer sind wir so programmiert."Unheimliches Tal/Uncanny Valley". Von Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) und Thomas Melle an den Münchner Kammerspielen. Münchner Kammerspiele - © Dorothea Tuch
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