Ausstellung im Musée de l’Oeuvre Notre-Dame Das Tanzfieber von Straßburg

Ausstellung im Musée de l’Oeuvre Notre-Dame Das Tanzfieber von Straßburg

Tanzperformance Straßburg (Foto: SWR, SWR - Philine Sauvageot)
Von Philine SauvageotDer Münsterplatz in Straßburg, die Sonne steht tief, Menschen tanzen wie im Wahn. Sie schwingen die Arme, der Kopf kreist, die Beine zucken, der Blick gedankenverloren. Sie wirken kraftlos, aber sie hören nicht auf. Kein Tanzen, eher ein Sich-in-die-Bewegung-fallen-lassen. SWR - Philine Sauvageot
Die Männer und Frauen, mit roten Tüchern um den Körper, tanzen nach, was hier 1518 geschehen sein soll. Zwei Monate lang tanzten die Straßburger Tag und Nacht, und es wurden immer mehr. Waren sie krank? Standen die Sterne schlecht? Oder war das der erste Rave? SWR - Philine Sauvageot
Was trieb die Tanzenden an? Zu erklären versucht das, wenige Meter von der Performance entfernt, eine Ausstellung im Musée de l’Oeuvre Notre-Dame.Der Tanz sei unwiderstehlich gewesen, die Menschen gaben sich ihm völlig hin, erzählt Kuratorin Cécile Dupeux. Sie steht zwischen den Vitrinen, die Originaldokumente ausstellen. Musées de Strasbourg - M. Bertola
Zu den Beschreibungen von 1518 gehört die eines Tagelöhners. Er erzählt, dass seine Frau in der Stube tanzte, als er heimkam. Er beruhigte sie. Aber als ein Dudelsack erklang, stand sie auf und folgte den Musikern. Musées de Strasbourg - M. Bertola
Vor allem Knechte, Tagelöhner, Bettler und Gesellen ließen sich mitreißen. 15 Menschen am Tag, berichtet eine Quelle. Es beginnt am 15. Juli 1518, dem Tag der heiligen Margareta. An Feiertagen wird häufig getanzt, aber so lange am Stück? Das ist neu. Musées de Strasbourg - M. Bertola
Innerhalb von zwei Monaten tanzten wohl 200 bis 400 Personen, so Kuratorin Cécile Dupeux. Also nicht zeitgleich mehrere hundert, wie es teilweise beschrieben wurde. Musees Ville de Strasbourg - M.Bertola
Draußen fällt hin und wieder jemand zu Boden. Der Sommer 1518 - er zeigt auch, dass Geschichte durch Übertreibung zur Legende wird. Denn kein Dokument belegt, dass Straßburger vor Erschöpfung gestorben sind. Und doch hält sich das Gerücht bis heute. SWR - Philine Sauvageot
Die Stadt reagiert damals schnell: Aus Angst vor Ansteckung verbietet sieöffentliches Tanzen und das Spielen von Flöten und Trommeln. Den Zünften befiehlt sie, ihre Mitglieder in den Stuben festzuhalten, sollte sie die Tanzwut packen. Die Befürchtung:Was, wenn bald alle tanzen? Copyright: Musees Ville de Strasbourg - M.Bertola
Den Straßburgern ist auch die Tanzepidemie bekannt, die 1347 in Aachen und Köln ausgebrochen war. Damals kam es zu Hunderten „illegitimen“ Geburten, also nicht standesgemäßen. Copyright: Musees de la Ville de Strasbourg - Foto: Mathieu Bertola
Das ist wie beim Karneval, erläutert Cécile Dupeux: Sie tanzen, Sie lachen, die sozialen Gruppen mischen sich. Das mag man überhaupt nicht, wenn man eine Stadt kontrolliert. Der Kontrollverlust, eine Gefahr für dieöffentliche Ordnung. Vielleicht war das Sich-Aufbäumen auch eine Revolte? SWR - Philine Sauvageot
Für die Ärzte aber ist die Tanzwut von Anfang an eine Krankheit. Schuld sei die Stellung der Sterne oder auch die Hitzewelle. Andere erklären sich den Tanzrausch mit der Hungersnot nach dem langen Winter. Doch es sieht so aus, als sei es in Straßburg nicht so dramatisch gewesen, und sicher nicht schlimmer als in Basel, Freiburg, Karlsruhe oder Colmar zur selben Zeit.Urs Graf (vers 1485-1527), Couple de paysans dansant, Paris, école nationale supérieure des Beaux-Arts (ENSBA) Musees de la Ville de Strasbourg - © Beaux-Arts de Paris, Dist. RMN-Grand Palais / image Beaux-arts de Paris
Schließlich geht es Straßburg wirtschaftlich gut. Im Umland kam es nach den Missernten der letzten Jahre zu Unruhen, bald wird es zum Bauernkrieg kommen. Aber die Stadt Straßburg hat Getreidevorräte gehortet, die sie jetzt verteilt. Keine schwere Hungersnot also. Musees de la Ville de Strasbourg - Mathieu Bertola
Die Menschen sind gläubig, Krankheiten gelten als göttliche Strafe. Die Kirchen bringen die Tanzwütigen 40 Kilometer entfernt in eine Kapelle. Hier werden die meisten geheilt, heißt es in den Quellen. Die „Epidemie“ klingt ab. Copyright: Musees de la Ville de Strasbourg - Mathieu Bertola
Die Ausstellung ist gut gemacht, auch dieÜbersetzung ins Deutsche. Aber zufriedenstellende Antworten gibt sie nicht. Das Tanzfieber bleibt ein Rätsel. Warum beschränken sich die Fälle auf die Gebiete rund um den Rhein? Keine Erklärung. War es eine Krankheit oder eine harmlose Lust am Tanzen? Es gibt keine einheitliche Forschungsmeinung. SWR - Philine Sauvageot
Draußen vor dem Museum tanzen jetzt auch die Zuschauer mit. War die Angst damals berechtigt? Keine Todesfälle, keine Krankheit wurden je nachgewiesen. SWR - Philine Sauvageot
Vielleicht hatten die Menschen einfach Lust auf ein kleines bisschen Ekstase?Ausstellung "1518, La Fièvre de la Danse" im Musée de l'Oeuvre Notre-Dame, 20. Oktober 2018 bis 24. Februar 2019. SWR - Philine Sauvageot
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