"Elefantengeist" von Lukas Bärfuss am Nationaltheater Mannheim Helmut Kohl als Theater-Mumie

"Elefantengeist" von Lukas Bärfuss am Nationaltheater Mannheim Helmut Kohl als Theater-Mumie

Szene aus "Elefantengeist" (Foto: Nationaltheater Mannheim - Copyright: Christian Kleiner)
Von Daniel StenderHelmut Kohl - so hieß es - habe ein Elefantengedächtnis, er vergesse wenig bis gar nichts. Aber wie konnte er dann ausgerechnet die Namen der Spender vergessen, die seiner CDU einst Geld gaben? Diese und andere Rätsel um den Altkanzler greift der Schweizer Lukas Bärfuss in seiner Auftragsarbeit „Elefantengeist“ für das Nationaltheater Mannheim auf.Sein Stück beginnt mit einem bekannten Motiv aus Hoch- und Trashkultur: Ähnlich wie einst die Grabkammern des Tutenchachmun entdecken Forscher aus der Zukunft die Ruinen einer lang versunkenen, primitiven Zeit. Konkret: sie entdecken den Kanzlerbungalow im Regierungsviertel der ehemaligen Hauptstadt Bonn. Nationaltheater Mannheim - Copyright: Christian Kleiner
Natürlich verändert dieser Ort die Forscher. Man könnte auch sagen, der böse Geist des Kanzlers ergreift sie. Helmut Kohl, natürlich. Auch wenn weder Kohls Name noch irgendein anderer historischer Name genannt wird – Bärfuss‘ Stück funktioniert wie ein Kreuzworträtsel, bei dem das Publikum die passenden Wörter einsetzen muss. Gesucht wird: Sechster Kanzler der Bundesrepublik, vier Buchstaben. Aus diesem Spiel mit dem kollektiven Wissen der Zuschauer zieht die Inszenierung von Sandra Strunz ihre Kraft, aus allen jemals erzählten Kohl-Witzen. Nationaltheater Mannheim - Copyright: Christian Kleiner
Das Stück entwirft die Tragik der Familie Kohl. Zum Beispiel, wenn die Figur der lichtallergischen Hannelore Kohl, grandios gespielt von Johanna Eiworth (Mitte) – immer näher an einen Scheinwerfer tritt und mehr schlecht als recht die Fassade der öffentlichen Figur zu wahren versucht. Wie Eiworth die First Lady als einfach gestrickt und gebrochen, impulsiv und verklemmt zugleich spielt, ist berührend und vor allem – lustig. Nationaltheater Mannheim - Copyright: Christian Kleiner
Überhaupt kann man in dieser Inszenierung viel lachen, etwa wenn Matthias Breitenbach tatsächlich so spricht wie Helmut Kohl. Und dennoch ist der „Elefantengeist“ keine inszenierte Biografie. Maike Kohl-Richter, die zweite Ehefrau Kohls tritt nicht auf, auch die Söhne winken nur einmal kurz traurig durch das Panzerglas im Bungalow – auch diese enttäuschte Erwartung ist eine Stärke des Stücks. Was ist jetzt dieses Ehrenwort? Ein mündlicher Vertrag, an den man sich unbedingt halten musste. Wer sein Ehrenwort brach, der verlor seine Ehre. Nationaltheater Mannheim - Copyright: Christian Kleiner
Seltsam blass hingegen bleiben die vermeintlich umstrittenen Passagen, von denen es vor der Premiere hieß, sie seien möglicherweise justiziabel. Lukas Bärfuss erzählt aus veröffentlichten Quellen, sagt er – mehr gibt es hier nicht zu sehen: Flick gab Kohl das Geld der ermordeten Juden, und dieses Geld verhalf ihm zur Macht. Das ist jetzt schon eine Räuberpistole. Der Spendenskandal, die Förderung durch einen Nazi-Unternehmer wie Flick werden lediglich von einer Figur referiert, sie erscheinen nicht zentral. Dies ist eben keine schonungslose Abrechnung mit Helmut Kohl. Vielleicht ist es der Beginn einer gesellschaftlichen Aufarbeitung der alten Bundesrepublik. Nationaltheater Mannheim - Copyright: Christian Kleiner
Stark, schnell, unterhaltsam ist diese Inszenierung im Spiel mit der Nostalgie der Zuschauer – 1:0 für die 80er Jahre, könnte man sagen. Auch weil „Elefantengeist“ eine Konfrontation mit der Gegenwart ist. Schließlich kommen die Forscher aus einer konsensorientierten, vegetarischen, abstinenten und umweltfreundlichen Zukunft. Die Vitalität eines fleischfressenden Riesenkanzlers erscheint ihnen aufregend. Das erinnert an die orientierungslose Situation der CDU von heute, die gern wieder Kohl wäre, aber nur Merkel ist. Am Ende gibt es Jubel, aber auch Buhrufe, als Lukas Bärfuss die Bühne betritt. Vielleicht sind die Ruinen der Bonner Republik für einige Besucher noch gar nicht versunken. Vielleicht ist es aber auch der Elefantengeist des sechsten Kanzlers, der in Mannheim und Ludwigshafen noch für Unruhe sorgt. Nationaltheater Mannheim - Copyright: Christian Kleiner
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