Das Nibelungenlied am Theater Freiburg Vier Stunden Nibelungenkitsch

Das Nibelungenlied am Theater Freiburg Vier Stunden Nibelungenkitsch

Das Nibelungenlied, Theater Freiburg (Foto: Theater Freiburg - Marc Doradzillo)
Von Christian GampertGenerationen von Germanisten, Richard Wagner, Friedrich Hebbel, zuletzt Moritz Rinke und Albert Ostermaier haben sich am Nibelungenstoff abgearbeitet. Jetzt hat auch das Freiburger Theater das Nibelungenlied für sich entdeckt. Der slowenische Regisseur Jernej Lorenci soll das germanische Epos quasi aus einer Außenperspektive betrachten. Lorenci hat bereits die Ilias, die Bibel und das Gilgamesch-Epos auf die Bühne gebracht.Auf dem Bild: Martin Hohner und Tim Al-Windawe Theater Freiburg - Marc Doradzillo
Der Regisseur Jernej Lorenci scheint dem Freiburger Publikum nicht allzu viel zuzutrauen. Seine Inszenierung des Nibelungenlieds behelligt die Zuschauer jedenfalls geschlagene vier Stunden lang mit einer Readers-Digest-Version des Stoffs, in der die wichtigsten Szenen auf höchst einfältige Weise lediglich nacherzählt werden.Auf dem Bild: Lukas Hupfeld, Janna Horstmann und Holger Kunkel. Theater Freiburg - Foto: Marc Doradzillo / 2018
Das Bühnenpersonal hat über weite Strecken des Abends ein enervierendes Dauergrinsen im Gesicht und sitzt in Workshop-Manier im Halbkreis. Nachdem eine moderierende Papa-Figur uns in die einzelnen „Aventiuren“, Abenteuer des Epos eingeführt hat, erhebt sich jeweils ein Schauspieler, um eine Episode anzuspielen. Manchmal geht das in kleine Dialoge und Szenen über, aber das Prinzip ist: aufsagen und ein bisschen spielen, sich körperlich aufplustern, Emotionen zur Schau stellen. Immer nach dem Motto: nun, liebe Kinder, gebt fein acht, ich hab euch etwas mitgebracht.Auf dem Bild: Laura Angelina Palacios, Lukas Hupfeld, Tim Al-Windawe, Martin Hohner und Michael Witte. Theater Freiburg - Foto: Marc Doradzillo / 2018
Der Regisseur möchte mit einer einzigen dramaturgischen Idee durch den Abend kommen: er lässt die Schauspieler Teile des Texts in ihren eigenen, also sehr heutigen Worten darstellen, er lässt sie übersetzen. Das Ergebnis ist eine politisch korrekte Banalisierung des Nibelungenstoffs, in der blutrünstige, kriegslüsterne, dabei aber schwache Männer sich über intelligente, aber unterdrückte Frauen hermachen.Auf dem Bild: Michael Witte, Martin Hohner, Janna Horstmann und Lukas Hupfeld. Theater Freiburg - Foto: Marc Doradzillo / 2018
Gunter, Gernot und Giselher sind smarte Anzugträger, der rüde Hagen ist ein älterer Herr aus dem akademischen Mittelbau, der dann urplötzlich ganz böse werden kann, Etzel ist eine Art pensionierter Barpianist. Und der blonde Siegfried sitzt lange nur da und guckt glückselig vor sich hin, wie ein Model vor dem Shooting.Victor Calero, Michael Witte, Lukas Hupfeld, Janna Horstmann, Holger Kunkel und Tim Al-Windawe (Pressestelle) - Foto: Marc Doradzillo / 2018
Es nützt nicht viel, den fernen, fremden Stoff in den heutigen Jargon herunterzubrechen (meist anzügliches oder obszönes Männergeschwätz) und als Familienaufstellung zu choreographieren. Es nützt auch nichts, jeden kleinen Einfall dreimal zu denken, wie Kriemhild, die Siegfrieds verwundbare Stelle auf dem Gewand mit Kreuzstichen markiert. Einzig Laura Palacios als Brünhild kann in einer starken Szene die Tragik der starken, betrogenen Frau zeigen, die von Siegfried vergewaltigt wird.Auf dem Bild: Laura Angelina Palacios und Janna Hortsmann Theater Freiburg - Foto: Marc Doradzillo / 2018
Insgesamt aber ist das alles auf quälende Weise altes, belehrendes, altbackenes Theater, eine Kinderfunk-Version, das Hörstück zum Buch. Das Nibelungenlied dient hier nur zu Demonstrationszwecken: Jernej Lorenci will zeigen, dass es eine Kontinuität gibt - von der Grausamkeit der Burgunder zu aktuellen Kriegen und Geschlechterkämpfen. Ein schmaler Gedanke, der auf der Bühne durch das Zermantschen von Melonen beglaubigt werden soll. Da läuft dann der rote Saft – aber entsaftet wird hier nur der Nibelungenstoff.Auf dem Bild: Martin Hohner Theater Freiburg - Foto: Marc Doradzillo
Denn: Siegfried ist, soll er für uns interessant sein, keineswegs ein Blödmann und Haudrauf, sondern vielleicht eine viel ambivalentere, gutwillige Gestalt. Eine lange Rezeptionsgeschichte hat die Figuren des Stücks überformt, und man müsste sich davon freimachen. Jernej Lorenci aber zelebriert vier Stunden lang düsteren, sakralen Betroffenheitskitsch. Nibelungentreu ist hier nur das Theater zu seinem Regisseur. Schauspieler-Übungen fürs nächste Vorsprechen aber gehören nicht auf die große Bühne.Auf dem Bild: Lukas Hupfeld, Janna Horstmann, Martin Hohner, Tim Al-Windawe und Victor Calero"Das Nibelungenlied" in der Regie von Jernej Lorenci am Theater Freiburg. Die nächsten Aufführungen am 2.11. und 4.11. Theater Freiburg - Foto: Marc Doradzillo / 2018
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