Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen Birgit Jürgenssen - „Ich bin“

Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen Birgit Jürgenssen - „Ich bin“

Pressebilder zur Ausstellung Birgit Jürgenssen. Ich bin (Foto: SWR, Kunsthalle Tübingen, Pressestelle -)
Von Christian GampertDie österreichische Künstlerin Birgit Jürgenssen sei das „Missing Link“ zwischen den großen Avantgardistinnen der 70er Jahre, Valie Export und Maria Lassnig, so ZKM-Direktor Peter Weibel. Die 2003 im Alter von nur 54 Jahren verstorbene Künstlerin knüpfte an surrealistische Traditionen an und entwickelte in relativer Zurückgezogenheit ein völlig eigenständiges Œuvre. Es umfasst neben einer großen Zahl von Zeichnungen auch Skulpturen, experimentelle Objekte, Videos und vor allem Fotografie.Im Bild: Birgit Jürgenssen - Beide Bilder aus dem unveröffentlichten Privatarchiv der Künstlerin - Bildrecht Wien, 2018 Kunsthalle Tübingen, Pressestelle -
Ausgangspunkt in Jürgenssens Werk ist immer der Körper, Gegenstand ihrer Zeichnungen und Erfahrungs-Instanz. In der ersten umfassenden Retrospektive unter dem Titel „Ich bin/I am“ geht es in der Kunsthalle Tübingen nicht nur um Sexualität, Geschlechterverhältnisse und Schönheitsvorstellungen, sondern auch um Humor und Ironie. Über 200 Werke zeigen, wie Jürgenssen auf die Symbole der Kulturgeschichte zurückgreift.Im Bild: Bodenschrubben - 1975 - Bleistift, Farbstift auf Büttenkarton - 43,5 x 62,5 cm - SAMMLUNG VERBUND, Wien Kunsthalle Tübingen, Pressestelle - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Schon im Alter von acht Jahren hat Birgit Jürgenssen ernsthaft zu zeichnen begonnen. Durch die Kunstbände ihrer Eltern wurde sie mit Picasso vertraut, dessen Stil sie zu kopieren versuchte – und aus ihrem Spitznamen Bi, Birgit, formte sie das Pseudonym „Bicasso“. Die enorme zeichnerische Begabung ist in vielen Werken sichtbar – obwohl die Künstlerin später vermehrt mit Fotografie arbeitete. Ein Paris-Aufenthalt in den 1970er Jahren brachte sie dem Surrealismus näher. Im Bild: Das Match das trag ich mit mir selber aus - 1973 - Bleistift, Farbstift auf Schoellershammer Büttenkarton - 62,2 x 45 cm Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Paradigmatisch ist eine virtuose Farbstift-Zeichnung ohne Titel von 1978, ein pelziger Rattenkopf, der das Selbstporträt der Künstlerin quasi verdoppelt und sie als gefährliche Verführerin zeigt. Meret Oppenheims Pelztasse ist nicht fern. Dieses Werk hängt quasi als Entrée in der großen Halle.Im Bild: Ohne Titel - 1977/1978 - Farbstift, Bleistift auf Papier - 87 x 65,5 cm Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Nach ihrer Rückkehr nach Wien hat sie konsequent mit surrealen Situationen, verformten Figuren und Körperfragmenten gearbeitet. Besonders ihre hybriden Gestalten, Mensch-Tier-Wesen, stellen Fragen nach dem Kreatürlichen im Menschen, aber auch nach dem Schützenswerten im Tier.Im Bild links: Ohne Titel, 1976 - S/W Fotogafie - 12,6 x 9,1 cm - Privatsammlung, Wien; rechts: Ohne Titel (Selbst mit Fellchen) -1974/77 - Farbfotografie - 18 x 13 cm Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Estate Birgit Jürgenssen. Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Im Zentrum der Ausstellung sind dann Jürgenssens berühmte Schuh-Skulpturen platziert: ironisch verbogene High-Heels, die zu rostigen Rüstungen oder Raubvogel-artigen, federbesetzten Schuh-Imitaten werden können. Jürgenssen verfremdet und veralbert also den Fetisch-Charakter dieser weiblichen Dekorationsstücke.Netter Raubvogelschuh - 1974/1975 - Metall, Federn, Hühnerkralle - 30 x 23 x 13 cm Kunsthalle Tübingen, Pressestelle - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Gleichwohl gefiel Birgit Jürgenssen das erotische Spiel, wie manche performative Aktfotos zeigen. Im Bild: Nest - 1979 - S/W Fotografie - 16,3 x 24 cm Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Schon 1975 hatte Birgit Jürgenssen ein skulpturales Statement zum (für sie) unerwünschten Hausfrauen-Dasein abgegeben - in der Ofenklappe eines heimischen Herds, der aus einer Küchenschürze herauswächst, liegt – wie ein Kind - ein Brotlaib. Eine knallharte, verbiesterte Feministin war sie nicht, eher zurückhaltend und mit Humor gesegnet.Im Bild: Hausfrauen - Küchenschürze, 1975 - S/W Fotogafie - jedes 39,3 x 27,5 cm - SAMMLUNG VERBUND, Wien Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Christian Schindler Copyright: Pixelstorm"Vienna"
Die Tübinger Schau bildet aus dem verworrenen Gesamtwerk (das über 4000 Titel umfasst) inhaltlich geordnete Kapitel, die sich zum Teil nach den von Jürgenssen selber organisierten Ausstellungen richten. Die Künstlerin zeigt etwa das Naturhafte im Menschen in surrealen „Rayogrammen“, Objektschattierungen auf lichtempfindlichem Papier (in der Nachfolge von Man Ray), auf denen das Körperinnere als Lindenblatt erscheint.Im Bild: Ohne Titel (Naturgeschichte) - 1975 - Rayogram - 38,5 x 29,5 cm Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Die unglaubliche Vielfalt von Jürgenssens Themen und Techniken hatte natürlich den Nachteil, dass sie sich auf dem Kunstmarkt nie richtig durchsetzen konnte. Wo heute jeder Künstler mit einem signethaften Werk, einem einzigen Stil Corporate Identity erzeugt, probierte Jürgenssen immer etwas Neues aus.Im Bild: Schuhroulade -1977 - S/W Fotografie - 23,9 x 30,2 cm - Privatsammlung, Wien Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Die weiblichen Rollenkonflikte spielte Jürgenssen immer mit dem eigenen Körper durch, meist in der Fotografie: adrett angezogen presst sie Gesicht und Hände an eine Glasscheibe – auf der steht: ich möchte hier raus.Im Bild: Ich möchte hier raus! -1976 - S/W Fotogafie - 40 x 30 cm Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
Großformatige, expressiv-dunkle Papierarbeiten ihrer Spätphase spielen in der Unterwelt der griechischen Mythologie und können (vielleicht) als Antwort auf ihre Krebserkrankung gelesen werden, an der sie 2003 starb. Immerhin hat die zurückgezogene Künstlerin durch ihre Arbeit ein gewisses Selbstbewusstsein erlangt: „Ich bin“, steht auf der Schultafel einer kleinen Material-Collage von 1995. Neben der Tafel hängt ein Schwamm. Das, was man ist und werden könnte, kann schnell ausgewischt und ausgelöscht werden.Im Bild: Schwangerer Schuh - 1976 - Leder, Holz, Tüll, Spitze - 25 x 10 x 18 cm Pressestelle Kunsthalle Tübingen - Estate Birgit Jürgenssen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Wien Bildrecht Wien, 2018
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